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Per Anhalter durch die Arbeitswelt

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Wir sehen uns zunehmend einer neuen, unbekannten und durchaus rätselhaften Arbeitswelt gegenüber.

Bewerber aufgepasst: Die absolute Relativität der ECTS-Note

| 25 Lesermeinungen

Auch wenn die Bologna-Vision mit ihrem wunderschönen Traum vom Europäischen Hochschulraum selbst von ihren Protagonisten als gescheitert angesehen wird, bleibt sie uns noch einige Zeit erhalten. Die Leidtragenden sind die Studenten, die ihre „relative ECTS-Note" bekommen. In diesem Detail verbirgt sich für die Betroffenen allerdings eine gefährliche arbeitsmarktrelevante Sprengladung.

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Trotz aller Kritik am Bologna-Prozess wird die Bologna-Reform „durchgezogen”, auch wenn vor allem die Umsetzung in Deutschland wenig mit den Bologna-Zielen zu tun hat und diese auch nicht erfüllt. Diese von HRK (Hochschulrektorenkonferenz), KMK (Kultusministerkonferenz), CHE (Centrum für Hochschulentwicklung) und Akkreditierungsrat forcierte Logik von „macht keinen Sinn, ist aber Vorschrift” betrifft auch die „relative ECTS-Note”.

Der Reiseführer definiert: „Die relative ECTS-Note ist (1) eine Muss-Vorschrift der deutschen Bologna-Interpretation, gibt (2) die Note als Position auf einer Verteilung an, führt (3) zu völlig kontraproduktiven Verhaltenseffekten, sollte (4) zumindest von 50% der Absolventen eher versteckt werden und spricht (5) Studierenden Lernfähigkeit sowie Dozenten Lehrbefähigung ab.”

Zur Förderung der Transparenz und der internationalen Vergleichbarkeit werden neben den lokalen Noten immer auch europäische ECTS-Noten nach einem relativen System ausgewiesen werden. Die ECTS-Noten geben Auskunft über die Position eines erfolgreichen Studenten innerhalb einer Bezugsgruppe (wie Jahrgang oder Studiengang und später vielleicht einmal Studienfach beziehungsweise Klausur). Danach gilt:

– A die besten 10%
– B folgende 25%
– C folgende 30%
– D folgende 25%
– E die letzten 10%
– FX nicht bestanden (mit Verbesserungsoption)
– F nicht bestanden

So weit – nur leider nicht so gut. Denn: Was hat das mit Transparenz und Vergleichbarkeit zu tun?

Das Groteske an diesem Vorgang wird deutlich, wenn man ihn mit dem Abitur vergleicht. Unterstellt man, dass im Bundesland X die Schüler beispielsweise wenig Mathematik lernen und wenig Mathematik können, bekommen dort ebenso 10% ein A wie im Bundesland Y, in dem Mathematik wirklich im Vordergrund steht. Noch schlimmer: Wenn im Bundesland X fast alle lediglich ein weißes Blatt Papier abgeben und „gerade mal” bestehen, so bekommen immer noch 35% die Top-Note A und B – und der Dozent kann nichts dagegen machen. Und am Schlimmsten: Das B im Bundesland X ist plötzlich besser als das C im Bundesland Y, das seinen Top-Standard nicht einmal mit Top-Noten dokumentieren kann.

Vor allem das Ziel „Vergleichbarkeit” ist verräterisch. Denn jetzt vergleicht man die Note im Land X mit der Note im Land Y. Und als nächstes vergleicht das computergestützte Personalinformationssystem automatisch: Wenn dann plötzlich SAP-HR mit der relativen ECTS-Note rechnet (was viel einfacher ist, als die lokalen Unterschiedlichkeiten zu berücksichtigen), dann ist die relative ECTS-Note absolute Gewissheit. Das Ersatzargument „zusätzlich kann es noch die alte Note geben” hilft nichts. Die relative ECTS-Note ist in der Bewertung einfach, in der Handhabung „transparent und vergleichbar”: Sie wird sich durchsetzen.

Einige Psychologen argumentieren, dass die relative ECTS-Note richtig sei, weil schließlich Begabung „normalverteilt” sei und an dieser Normalverteilung weder motivierte Studenten noch motivierende Dozenten etwas ändern könnten. Genau das ist das Traurige an diesem Ansatz: Wie beim gesamten Bologna-Prozess interessieren weniger Inhalte und Leistungen als vielmehr Stunden und Prozentzahlen.

Was aber ist die Folge? Um im Auswahlprozess der Zukunft zu bestehen, der sich primär an der relativen ECTS-Note orientiert, müssen sich Studierende möglichst dorthin begeben, wo überwiegend schlechte Studenten sind. Denn dort kommen sie leichter in die oberen 10%. Und wie sieht es aus mit gegenseitigem Helfen und gemeinsamem Lernen? Nach Bologna absolute Fehlanzeige! Denn das verringert die eigenen Chancen, in der relativen ECTS-Note oben zu landen.

Der Reiseführer rät im Umgang mit relativen ECTS-Noten: Hochschulen sollten sich so weit wie möglich gegen sie wehren. Studenten sollten sie möglichst verstecken. Akkreditierungsagenturen sollten darauf verzichten, sie zu erzwingen. Medien sollten darüber berichten. Arbeitgeber beziehungsweise Computersysteme sollten sie ignorieren.

Und alle gemeinsam sollten darauf drängen, dass die relative ECTS-Note als absoluter Unsinn im neuen Regelungssystem „Bologna 2″ nicht mehr vorkommt.

Bild zu: Bewerber aufgepasst: Die absolute Relativität der ECTS-Note
(Foto: cts)

P.S.: Der Reiseführer „Per Anhalter durch die Galaxis” von Douglas Adams gibt im Übrigen zukunftsweisend keine relativen ECTS-Noten an. Vielmehr beschränkt er sich darauf, dass Arthur Dent „als abgehärteter Weltraumreisender mit guten Dreiernoten in Physik und Erdkunde” unterwegs ist.

http://www.per-anhalter-durch-die-arbeitswelt.de

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25 Lesermeinungen

  1. <p>Da wird einfach mal so...
    Da wird einfach mal so behauptet, die Relativität der ECTS-Note führe zu “völlig kontraproduktiven Verhaltenseffekten”. Einziges Argument: Konkurrenzdruck.
    Wer so pauschal daherkommt, hat es natürlich auch nötig, den angeblichen “kontraproduktiven Verhaltenseffekten” ein “völlig” voran zu stellen. Die Bekräftigung soll die Begründung ersetzen. Für mich kein FAZ-Niveau.

  2. Das erinnert mich an die...
    Das erinnert mich an die Personalpolitik, die Ford lange Zeit praktiziert hat: Die schlechtesten 10% der Verkäufer werden gefeuert. Sind wir schon so weit? Nein, ich finde man sollte es den Arbeitgebern nicht ersparen sich mit den individuellen Vorzügen und Nachteilen eines Bewerbers auseinanderzusetzen als ihnen diese fragwürdigen Maßzahlen auf dem Silbertablett zu servieren.

  3. <p>Wie man trotz Noten...
    Wie man trotz Noten à la Bolognese zu aussagekräftigen Noten gelangt, kann man von der APPD lernen: So wie diese sehr fortschrittliche Partei eine Zoneneinteilung für Deutschland vorschlägt (Arbeitsscheue, Arbeitswillige und Schwerverbrecher), sollte das auch an Unis eingeführt werden: Unis für Leute, die tatsächlich arbeiten und lernen wollen und Unis für Leute, die das eher nicht vorhaben. Am Ende kommen zwar alle mit den gleichen Noten raus. Dann nimmt man noch ein Uniranking dazu, das genau den Arbeitswutfaktor berücksichtigt. Und am Ende kommt man mit einer zweidimensionalen-Note heraus: AA heißt Topmann/frau von Topuni und das geht dann bis FF runter. Das ganze läßt sich bestimmt auf einem farbigen zweidimensionalen Diagramm auftragen, damit es schicker aussieht. Wie dann AF gegenüber BA zu bewerten ist, ist dann Aufgabe von SAP-HR.
    J.Tanenbaum.

  4. <p>Mit Verlaub gesagt Herr...
    Mit Verlaub gesagt Herr Scholz, Sie haben keine Ahnung worüber Sie sprechen.
    Die relative Notengebung ist statistisch ab Klassengrößen von rund 30-40 Studenten/Schülern sinnvoll.
    Eine absolute Notengebung stellt die Annahme, dass ein das Leistungsniveau über Jahrgänge hinweg durch immer gleich schwere Klausuren feststellbar ist. Dass diese Annahme falsch ist, weiß jeder Schüler/Student. Ich habe als Student an manchen Instituten eine absolute Notengebung erlebt. Es führt immer dazu, dass die Schwierigkeit der Klausur über meine Note entscheidet, in manchen Jahren gibt es keine A’s/1er, in anderen Jahren sind sie sehr häufig.
    Eine relative Notengebung geht von der Annahme aus, dass die Begabung/Motivation der Gruppe über Jahrgänge hinweg gleich ist. Sie haben richtig beschrieben, dass diese Annahme nicht gut wäre, wenn alle ein leeres Blatt abgeben. Die Erfahrung lehrt uns, dass das nicht der Fall ist, Kooperation sinkt mit der Größe der Gruppe. In der Realität führt eine relative Notengebung dazu, dass Studenten/Schüler nicht mehr von der Willkür einer schweren oder leicht Klausur Angst haben müssen, sondern sich auf ihre eigene Leistung konzentrieren können.
    Eine letzte Anmerkung: Leistungsmessung ist immer relativ, ein vierjähriges Wunderkind am Klavier spielt in der Regel schlechter als ein 21-jähriger Musikstudent. Wir sprechen bei Begabung aber immer von relativer Begabung, etwas anderes gibt es nicht.

  5. Ich kann dem Artikel ganz und...
    Ich kann dem Artikel ganz und gar nicht zustimmen. Wer die Auskunft fehlinterpretiert ist im Gegenteil selbst schuld. Die relative ECTS Note bietet nämlich eine gute Möglichkeit zu sehen, wie der Student im Vergleich zu seinen Komilitonen abgeschnitten hat, ganz unabhängig davon wie hoch letzten Endes das Niveau war.
    Es spielt schließlich immer eine Rolle, ob ich meinen Abschluss in Bugsdehude oder an einer Spitzenuniversität geleistet habe.
    Die Einzigen, die Angst vor der ECTS Note haben, sind diejenigen, die an einer “schlechteren” Uni zu den schlechteren Absoleventen gehören.
    Schlechte Leistungen werden eben nicht belohnt. Punkt.

  6. <p>in Frankreich gilt nicht...
    in Frankreich gilt nicht der Notendurchschnitt, sondern die Position (d.h. möglichste Bester) innerhalb eines Bezugssystems (Klasse, Jahrgang, Studiengang,…), was sich sehr schlecht auf die Teamfähigkeit auswirkt.
    Man bekommt von anderen Studenten selten Auskünfte (vor allem von den “Besten”), denn der andere könnte dadurch in der Klausur ja mehr Punkte erreichen.
    ich habe das während 2 Erasmus-Semestern erlebt.

  7. <p>Das schöne am freien...
    Das schöne am freien Schreiben ist, man muss nichts nachweisen. Welche Psychologen sind für ETCS im beschriebenen Sinne? Ah und die gleichen Psychologen meinen Begabung ist normalverteilt? Da verwechselt wohl jemand Intelligenz mit Begabung. Ist nur die Frage ob es die Psychologen oder der Autor ist, der den Psychologen da etwas in den Mund legt.
    Nicht immer sind die Psychologen an allem Schuld. Und mit Bologna haben sie weiß Gott nichts zu tun…

  8. <p>Es stimmt auf jeden Fall,...
    Es stimmt auf jeden Fall, dass diese ECTS-Noten, wie es so schön gesagt wurde, zu “3) zu völlig kontraproduktiven Verhaltenseffekten” führt.
    Im Klartext > Stärkers Konkurrenzverhalten im täglichen Studentenleben.
    Survival of the fittest und zwar nicht im ursprüngliche Sinne, der Fortpflanzungsfähigkeit sondern im Sinne der körperlichen/ geistigen Stärke und Durchsetzungsfähigkeit.
    Abgesehen davon, wurde früher schon und wird auch heute noch, in vielen Fächern eine Glockekurve über die Klausurergebnisse gelegt, so dass auch so ein gewisser Prozentsatz eine bestimmte Note bekommt.
    Aber die ECTS-Noten gehen da eben noch einen Schritt weiter……

  9. <p>Sehr geehrter Herr...
    Sehr geehrter Herr Scholz!
    Ihr Blog hat mir gut gefallen, denn das “Bologna-System” wird mich betreffen, und auch ich sehe die Entwicklung weg von Leistung zu Prozentsätzen und stur absolvierten Stunden als Schritt in die total falsche Richtung an. Mit Humboldts Vision einer Universität hat die Uni von heute nichts mehr zu tun.
    Was raten sie mir als kommenden Studenten an? Ausland? Oder in Deutschland bleiben?
    Beste Grüße
    Carl Schade

  10. <p>Ein Unternehmen orientiert...
    Ein Unternehmen orientiert sich bei der Personalauswahl an den relativen Noten? Schön. Soll es doch. Dann hat es auch verdient, die “relativ guten” Deppen einzustellen, die ihre Uni nach eben diesem Merkmal ausgewählt haben.
    Lieber Herr Scholz, ein wenig mehr Vertrauen in Marktmechanismen darf es schon sein. Ganz zu schweigen davon, dass Berufseinsteiger ohnehin zumeist Tests unterworfen werden.
    Es führt zu nichts, “Bologna” in Bausch und Bogen zu verdammen; der Grundgedanke entfaltet durchaus Wirkung – die Mobilität der Studierenden (nicht der Studenten :o) hat sich signifikant verbessert.

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