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Bewerber aufgepasst: Die absolute Relativität der ECTS-Note

06.03.2009, 07:36 Uhr  ·  Auch wenn die Bologna-Vision mit ihrem wunderschönen Traum vom Europäischen Hochschulraum selbst von ihren Protagonisten als gescheitert angesehen wird, bleibt sie uns noch einige Zeit erhalten. Die Leidtragenden sind die Studenten, die ihre „relative ECTS-Note" bekommen. In diesem Detail verbirgt sich für die Betroffenen allerdings eine gefährliche arbeitsmarktrelevante Sprengladung.

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Auch wenn die Bologna-Vision mit ihrem wunderschönen Traum vom Europäischen Hochschulraum selbst von ihren Protagonisten als gescheitert angesehen wird, bleibt sie uns noch einige Zeit erhalten. Die Leidtragenden sind die Studenten, die ihre „relative ECTS-Note” bekommen. In diesem Detail verbirgt sich für die Betroffenen allerdings eine gefährliche arbeitsmarktrelevante Sprengladung.

Bild zu: Bewerber aufgepasst: Die absolute Relativität der ECTS-Note

Trotz aller Kritik am Bologna-Prozess wird die Bologna-Reform „durchgezogen”, auch wenn vor allem die Umsetzung in Deutschland wenig mit den Bologna-Zielen zu tun hat und diese auch nicht erfüllt. Diese von HRK (Hochschulrektorenkonferenz), KMK (Kultusministerkonferenz), CHE (Centrum für Hochschulentwicklung) und Akkreditierungsrat forcierte Logik von „macht keinen Sinn, ist aber Vorschrift” betrifft auch die „relative ECTS-Note”.

Der Reiseführer definiert: „Die relative ECTS-Note ist (1) eine Muss-Vorschrift der deutschen Bologna-Interpretation, gibt (2) die Note als Position auf einer Verteilung an, führt (3) zu völlig kontraproduktiven Verhaltenseffekten, sollte (4) zumindest von 50% der Absolventen eher versteckt werden und spricht (5) Studierenden Lernfähigkeit sowie Dozenten Lehrbefähigung ab.”

Zur Förderung der Transparenz und der internationalen Vergleichbarkeit werden neben den lokalen Noten immer auch europäische ECTS-Noten nach einem relativen System ausgewiesen werden. Die ECTS-Noten geben Auskunft über die Position eines erfolgreichen Studenten innerhalb einer Bezugsgruppe (wie Jahrgang oder Studiengang und später vielleicht einmal Studienfach beziehungsweise Klausur). Danach gilt:

- A die besten 10%
- B folgende 25%
- C folgende 30%
- D folgende 25%
- E die letzten 10%
- FX nicht bestanden (mit Verbesserungsoption)
- F nicht bestanden

So weit – nur leider nicht so gut. Denn: Was hat das mit Transparenz und Vergleichbarkeit zu tun?

Das Groteske an diesem Vorgang wird deutlich, wenn man ihn mit dem Abitur vergleicht. Unterstellt man, dass im Bundesland X die Schüler beispielsweise wenig Mathematik lernen und wenig Mathematik können, bekommen dort ebenso 10% ein A wie im Bundesland Y, in dem Mathematik wirklich im Vordergrund steht. Noch schlimmer: Wenn im Bundesland X fast alle lediglich ein weißes Blatt Papier abgeben und „gerade mal” bestehen, so bekommen immer noch 35% die Top-Note A und B – und der Dozent kann nichts dagegen machen. Und am Schlimmsten: Das B im Bundesland X ist plötzlich besser als das C im Bundesland Y, das seinen Top-Standard nicht einmal mit Top-Noten dokumentieren kann.

Vor allem das Ziel „Vergleichbarkeit” ist verräterisch. Denn jetzt vergleicht man die Note im Land X mit der Note im Land Y. Und als nächstes vergleicht das computergestützte Personalinformationssystem automatisch: Wenn dann plötzlich SAP-HR mit der relativen ECTS-Note rechnet (was viel einfacher ist, als die lokalen Unterschiedlichkeiten zu berücksichtigen), dann ist die relative ECTS-Note absolute Gewissheit. Das Ersatzargument „zusätzlich kann es noch die alte Note geben” hilft nichts. Die relative ECTS-Note ist in der Bewertung einfach, in der Handhabung „transparent und vergleichbar”: Sie wird sich durchsetzen.

Einige Psychologen argumentieren, dass die relative ECTS-Note richtig sei, weil schließlich Begabung „normalverteilt” sei und an dieser Normalverteilung weder motivierte Studenten noch motivierende Dozenten etwas ändern könnten. Genau das ist das Traurige an diesem Ansatz: Wie beim gesamten Bologna-Prozess interessieren weniger Inhalte und Leistungen als vielmehr Stunden und Prozentzahlen.

Was aber ist die Folge? Um im Auswahlprozess der Zukunft zu bestehen, der sich primär an der relativen ECTS-Note orientiert, müssen sich Studierende möglichst dorthin begeben, wo überwiegend schlechte Studenten sind. Denn dort kommen sie leichter in die oberen 10%. Und wie sieht es aus mit gegenseitigem Helfen und gemeinsamem Lernen? Nach Bologna absolute Fehlanzeige! Denn das verringert die eigenen Chancen, in der relativen ECTS-Note oben zu landen.

Der Reiseführer rät im Umgang mit relativen ECTS-Noten: Hochschulen sollten sich so weit wie möglich gegen sie wehren. Studenten sollten sie möglichst verstecken. Akkreditierungsagenturen sollten darauf verzichten, sie zu erzwingen. Medien sollten darüber berichten. Arbeitgeber beziehungsweise Computersysteme sollten sie ignorieren.

Und alle gemeinsam sollten darauf drängen, dass die relative ECTS-Note als absoluter Unsinn im neuen Regelungssystem „Bologna 2″ nicht mehr vorkommt.

Bild zu: Bewerber aufgepasst: Die absolute Relativität der ECTS-Note
(Foto: cts)

P.S.: Der Reiseführer „Per Anhalter durch die Galaxis” von Douglas Adams gibt im Übrigen zukunftsweisend keine relativen ECTS-Noten an. Vielmehr beschränkt er sich darauf, dass Arthur Dent „als abgehärteter Weltraumreisender mit guten Dreiernoten in Physik und Erdkunde” unterwegs ist.

 

http://www.per-anhalter-durch-die-arbeitswelt.de

 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (25)
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0 sowasauch 19.09.2011, 20:44 Uhr

Die "Noteninflation" ist...

Die "Noteninflation" ist leider Realität geworden. "Personaler" glauben schon lange nicht mehr an die Aussagekraft von Noten. Die Belohnung der Hochschule durch Ministerien, die möglichst viele Absolventen "produziert", trägt auch dazu bei. Es sollte daher die - zumindest vorübergehende - Anwendung des ECTS-Systems nicht gleich verdammt werden. Übrigens befinden die EU selbst und die HRK wohl auch das ECTS-System inzwischen als zu kompliziert in der Anwendung (es wurde ja auch praktisch kaum angewendet, obwohl dies einfach wäre!), sodass es, wie "Robert Hoffmann", s.o., einfach durch (eigentlich bisher unzulässige) Zuordnungstabellen ersetzt wird. Schade! Für Hochschullehrer dürfte das Ganze ohnehin als Katastrophe anzusehen sein, da ihre Fähigkeiten zur Leistungsbewertung durch Nichtfachleute ignoriert, abgesprochen und außer Kraft gesetzt werden. (Siehe auch Ausführungen in www.technikexpertise.de)

0 FAZBLOG-Scholz 26.01.2011, 21:57 Uhr

@ThinkVision Vollkommen...

@ThinkVision Vollkommen richtig. Das ist ein großes Problem und wird ein noch grösseres. Es ist erschreckend, mit welcher Naivität hier Hochschulplaner an dieses Thema gehen. Vor allem können sich die nicht vorstellen, wie das Schielen auf Noten (um einen Masterplatz zu bekommen) das Studienklima vergiftet und einen Wettbewerb zwischen den Studierenden schafft, der kontraproduktiv und ethisch nicht vertretbar ist. "Sich helfen" wird out sein, "Bücher verstecken" dagegen in. Und das ist nur die harmlose Lesart.

0 ThinkVision 17.01.2011, 15:37 Uhr

Die relative ECTS-Note bekommt...

Die relative ECTS-Note bekommt gerade jetzt noch einmal besondere Bedeutung wenn es um die Vergabe der Masterplätze geht. Selbst die Abschluss-Note sagt da je nach Hochschule oder Hochschultyp nur bedingt etwas über die Qualität des Bewerbers aus. Trotzdem wird die Note wohl das Ausschlagkriterium für einen Masterplatz sein. Noch schlimmer wäre da die relative Note....

0 Robert Hoffmann 17.01.2011, 11:06 Uhr

Wohl alle Hochschulen habe...

Wohl alle Hochschulen habe fuer die Bewertung nach ECTS einen einfachen Weg gefunden: Die bisherigen Noten (1,0 1,3 1,7 ... 4,0) werden einfach gruppiert. Das sieht dann so aus: ECTS-Grades Deutsche Note ECTS-Definition Deutsche Übersetzung A 1,0 bis 1,5 Excellent Hervorragend B 1,6 bis 2,0 Very good Sehr gut C 2,1 bis 3,0 Good Gut D 3,1 bis 3,5 Satisfactory Befriedigend E 3,6 bis 4,0 Sufficient Ausreichend F 4,1 bis 5,0 Fail Nicht bestanden http://www.uni-goettingen.de/de/23215.html

0 aboe 14.04.2009, 17:43 Uhr

Ich bekomme seit über drei...

Ich bekomme seit über drei Jahren Credits und Noten im ECTS-System. Ich bilde immer noch Lerngruppen und freue mich, wenn Kommilitonen eine gute Note erreichen. Bin ich zu mitmenschlich für dieses System?

0 FAZBLOG-Scholz 30.03.2009, 17:32 Uhr

@ Steve Richtig: Genau deshalb...

@ Steve Richtig: Genau deshalb müssen wir sie auf die Fragwürdigkeit diverser Messzahlen hinweisen. Und: Diese „Low Performer Programme“ gibt es auch in Deutschland bei immer mehr Firmen. Hierbei unterstellt man, dass man vielleicht absolut durchaus falsch bewertet, aber irgendwie relativ die schlechtesten schon hinten runterfallen. Traurig, aber wahr!

0 FAZBLOG-Scholz 30.03.2009, 17:32 Uhr

@ J.Tanenbaum Das ist so...

@ J.Tanenbaum Das ist so (schön) böse formuliert, dass Douglas Adams daran seine Freude gehabt hätte! Falls es jemals eine Printausgabe dieses Reiseführers geben sollte, müsste man diese Formulierung aufnehmen!

0 FAZBLOG-Scholz 30.03.2009, 17:31 Uhr

@ Christian D. Leider ist ein...

@ Christian D. Leider ist ein gravierender Unterschied zwischen dem, was statistisch sinnvoll ist und dem, was in der Realität praktiziert wird. Mit dem Aspekt der Willkür haben Sie im Prinzip Recht: Nur würden wir Professoren doch nie willkürlich handeln. Oder?

0 FAZBLOG-Scholz 30.03.2009, 17:31 Uhr

@Julius Es wäre schön, wenn...

@Julius Es wäre schön, wenn Sie Recht behalten würden. Nur leider unterstellen Sie völlige Transparenz der Hochschullandschaft. Erfahrungsgemäß kennen Personalentscheider allenfalls zwei bis drei „Gute Hochschulen“ (darunter meist ihre eigene). Alles andere wird als gleich eingestuft, eine Gleichartigkeit, die laut „Bologna“ auch gewünscht ist.

0 FAZBLOG-Scholz 30.03.2009, 17:31 Uhr

@ Anne Deshalb haben die...

@ Anne Deshalb haben die Franzosen auch kein Problem mit der relativen ECTS-Note. Das ganze setzt aber – wie Sie ja auch beschrieben haben – eine ganz bestimmte Denkhaltung (um nicht zu sagen „Kultur“) voraus. Bei meinen Studenten schätze ich diese Kultur nicht – auch wenn ich Wettbewerb für gut halte. Nur letztlich gewinnt und verliert man als Team, und das ist ein Qualitätsmerkmal, das leider trotz der krampfhaften Zusatzkurse in „soft skills“ in den Hintergrund rücken wird.

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geboren 1952, in Deutschland lebender Österreicher, von Beruf Professor für Organisation, Personal- und Medienmanagement. Vor- und Querdenker im Personalmanagement.