Per Anhalter durch die Arbeitswelt

Per Anhalter durch die Arbeitswelt

Wir sehen uns zunehmend einer neuen, unbekannten und durchaus rätselhaften Arbeitswelt gegenüber.

Überlebenswichtig: Wie man aus Pistazieneis Sonnenschein macht

| 8 Lesermeinungen

Ein richtiger Reiseführer durch die Arbeitswelt hilft nicht nur bei den großen wichtigen Dingen des Lebens. Er erklärt auch kleine alltägliche Phänomene. Eines davon wird aktuell im Rang einer Naturgesetzlichkeit propagiert: dass der Genuss von ganz viel Pistazieneis zwingend ganz viele Sonnenscheinstunden zur Folge hat.

Bild zu: Überlebenswichtig: Wie man aus Pistazieneis Sonnenschein macht

Der Berichterstatter genießt einen der typisch-schönen Nachmittage im Mai, an denen man den Sommer schon spürt, das Blau des Himmels als intergalaktische Innovation interpretiert und eigentlich nicht viel mehr machen möchte, als einfach und ohne Arbeit das Leben auszukosten. Allenfalls zufallsbedingtes Zeitungslesen und zielloses Surfen im Internet scheinen erlaubt.

Doch dann baut sich langsam ein seltsames Gefühl auf. Irgendetwas stimmt nicht. Egal, ob eine personalwirtschaftliche Fachzeitschrift <der Name spielt keine Rolle>, eine große Tageszeitung oder diverse Internetseiten: Überall der gleiche ….. Fehler! Und jetzt will auch noch ein Minister  in Berlin basierend auf diesem Denkfehler flächendeckend über entsprechende „Service-Center“ dafür sorgen, dass wir in Deutschland eine einheitliche Personalpolitik bekommen.

Doch erst zum Pistazieneis, das in der Überschrift angekündigt wurde  < zum Minister und seiner gefährlichen Idee kommen wir in einem späterem Reiseführereintrag > !

Misst man im Monat Juni jeden Tag den Eiskonsum eines Strandcafes in Sylt, so könnte sich beispielhaft folgender Verlauf ergeben:

500 – 700 – 1100 – 210 – 300 – 800 – 600 (Kugeln pro Tag) und so weiter, insgesamt 30 Werte.

Zählt man jetzt für die gleichen Tage die Anzahl der Sonnenstunden pro Tag, so kommt man zu einer Information, die etwa wie folgt aussieht:

3 – 5 – 13 – 4 – 0 – 6 – 4 (Stunden) und so weiter, wieder 30 Werte.

Man sieht also durchaus einen Zusammenhang. Der normale Mensch würde sagen: Je mehr, Sonne, umso mehr Eiskugeln. Das ist richtig, aber es gibt auch eine andere Argumentation:

Jetzt wird es richtig schwierig – aber bitte trotzdem weiterlesen.

Starker Konsum von Pistazieneis verursacht Sonnenschein!

41% der Varianz der Sonnenscheinstunden lassen sich durch den Genuss von Pistazieneis erklären.

Spätestens jetzt ist klar, was eigentlich von Anfang an klar sein sollte: Diese Schlussfolgerungen sind einfach falsch und völliger Quatsch.

Denn: Natürlich hängt Sonnenschein nicht vom Eiskonsum ab. Die Kausalität geht andersherum.

Nur ist die Fähigkeit, einen solchen Unsinn zu identifizieren, in der Arbeitswelt nicht so sehr verbreitet. So kursieren gegenwärtig durch Medien, Beraterfirmen und mindestens ein Bundesministerium in etwa folgende Sätze, die auf den ersten Blick wirklich schön klingen:

 Mitarbeiterfreundliche Personalarbeit verursacht Unternehmenserfolg.

41% des Unternehmenserfolges lassen sich durch mitarbeiterfreundliche Personalpolitik erklären.

Also: Je besser man die Mitarbeiter behandelt, umso besser geht es dem Unternehmen.

An diese Sätze möchte man sehr (!) gerne glauben und vielleicht stimmen sie ja auch. Und deshalb jubelt man, wenn einem der „wissenschaftliche Beweis“ versprochen wird.

Nur leider: Der wissenschaftliche Beweis ist nicht mehr als Pistazieneis-Logik, die nicht hinterfragt wird.

Der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ definiert dementsprechend: Pistazieneis-Logik‘ ist (1) der völlig falsche Rückschluss eines zeitgleichen Zusammentreffens von Ereignissen auf Kausalität, (2) ein cleverer Verkaufstrick von Beratern oder Bundesministerien und (3) etwas, woran man glaubt, weil man gerne daran glauben möchte.“

Natürlich beeinflusst Mitarbeiterorientierung den Unternehmenserfolg. Nur: Leider lässt sich das nicht in dem Umfang durch die Zahlen belegen, die gegenwärtig von einem „großartigen Arbeitsplatzforschungsinstitut mit psychologischer Basis“ immer wieder überall verkündet und abgedruckt werden.

Der Kongress jubelt doch der Kaiser ist nackt!

Noch schlimmer: Kann nicht die Wirkung genau andersherum sein, wonach nur besonders diejenigen Unternehmen, denen es besonders gut geht, ihre Mitarbeiter besonders gut behandeln??

Vielleicht sollte man einmal alle Journalisten und Praktiker mit einem Babelzahlenfisch ausstatten, damit sie mittels dieser Übersetzungshilfe diese scheinbar großartigen Arbeitswerte als das interpretieren können, was sie sind – nämlich zumindest in ihrer statistischen Implikation völlig wertlose Werbung für (teuere) Beratungsleistungen.

Der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ definiert dementsprechend: „Ein Babelzahlenfisch ist (1) ein unsichtbares Wissensmodul, das (2) – einmal im Kopf eingepflanzt – alle statistischen Aussagen auf ihre wirklich belegbare Aussage reduziert und dem (3) vor allem von einigen amtsbekannten Beratungsfirmen der Ausrottungskrieg angesagt ist“.

Früher schloss der Babelzahlenfisch seine Übersetzung ab mit dem für Nicht-Statistiker kryptischen Satz: „Korrelation bedeutet nicht Kausalität und ohne bewiesene Kausalität ist auch eine erklärte Varianz‘ aussagelos“. Obwohl natürlich weiterhin richtig, lassen neue Versionen des Babelzahlenfisches diesen Satz weg. Dies führt dazu, dass bei den wunderschönen Pistazieneis-Vorträgen der eloquenten Pistazieneis-Referenten ein mit einem Babelzahlenfisch ausgerüsteter Zuhörer überhaupt nichts mehr hören würde, weil letztlich auch nichts Übersetzungsfähiges gesagt wird.

Alles das ist traurig, ist gefährlich, ist teuer aber leider nicht zu ändern!

An dieser Stelle kommt die Quizfrage für die Leserinnen und Leser dieses Reiseführers. Was sagt uns der Babelzahlenfisch, wenn er folgenden Satz hört: „Tote Menschen im Sonntags-Tatort ziehen auf magische Weise Pistolenkugeln an, weil viele Leichen mit Kugeln im Körper gefunden werden“?

Unter den richtigen Einsendungen wird – das Klären der Transportfrage vorausgesetzt – mindestens eine Kugel Pistazieneis verlost. Gleiches gilt für diejenigen Journalisten und Bundesminister, die sich dazu bekennen, in dieser Hinsicht einem Irrtum erlegen zu sein – wahrscheinlich aber auch nur, weil sie nicht früher im Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ nachgeschaut und die Grundlagen zum Hinterfragen vermeintlicher Wahrheit gelesen haben.

Bild zu: Überlebenswichtig: Wie man aus Pistazieneis Sonnenschein macht
(Foto: cts)

P.S. Für alle, die sich noch einmal den originalen Ursprung des Babelfisches aus „Per Anhalter durch die Galaxis“ in Erinnerung rufen wollen, als kleine Serviceleistung das entsprechende Zitat des unübertrefflichen Douglas Adams: „Der Babelfisch ist klein, gelb und blutegelartig und wahrscheinlich das Eigentümlichste, was es im ganzen Universum gibt. Er lebt von Gehirnströmen, die er aber nicht seinem jeweiligen Wirt, sondern seiner Umgebung entzieht. Der Nutzeffekt der Sache ist, dass man mit einem Babelfisch im Ohr augenblicklich alles versteht, was einem in irgendeiner Sprache gesagt wird.“

www.per-anhalter-durch-die-arbeitswelt.de

 

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8 Lesermeinungen

  1. @friedrich_leipzig
    Wobei bei...

    @friedrich_leipzig
    Wobei bei näherer Betrachtung ihrer angegebenen Homepage auffällt, dass sie offenbar manchmal auch der Pistazieneis-Logik verfallen. „Atomkraft – Ja bitte!“ hört sich in meinen Ohren so an, als sagen sie damit indirekt, dass Menschen mit Krebs oder Schilddrüsenerkrankungen gerne in die Nähe von Atomkraftwerken ziehen. Ich denke mal nicht alle Schlussfolgerungen sind so eindeutig wie die Sache mit dem Pistazieneis falsch, wozu auch die CO2-Problematik zählt. Hier fehlt der Beweis, wer Sonne und wer Pistazieneis ist, und bevor der exisitiert sollte man gerade darauf verzichten, auf einen von den beiden zu wetten… auch wenn beider Lager dem Glauben erlegen sind, die „wissenschaftliche betrachtet“ auf der richtigen Seite zu stehen.
    Im übrigen hat sich aber gerade erst wieder in einer Umfrage bestätigt, worauf der Artikel aufgebaut hat: ALDI und Lidl sind wieder „top“ im Auge des Konsumenten, und das bei einer Personalarbeit, die fern von Mitarbeiterfreundlichkeit ist. Nicht einmal der Überwachungsskandal bei Lidl konnte langfrisitig deren Ergebnis beeinträchtigen. Wieviele Psychologen braucht man, um das festzustellen?

  2. <p><b>@ Ole</b></p>
    <p>Sollte...

    @ Ole
    Sollte man meinen. Nur beschäftigt die in diesem Blog primär angesprochene Beraterfirma vermutlich durchaus Psychologen, was sie auch durch ihren Namen zum Ausdruck bringt. Ob in dem Ministerium, um das es hier geht, Psychologen beschäftigt sind, müsste dagegen ebenso noch geklärt werden wie die Frage, ob diejenigen Journalisten eine psychologische Ausbildung haben, die so heiß auf Pistazieneis sind …..

  3. <p><b>@...
    @ derherold
    Vielleicht wollen sich mache Berater diesem Wunsch auch nicht verschließen.
    Und die ganz schlauen Berater machen es dann so:
    (1) Sie schreiben „Mitarbeiterorientierung erklärt mehr als 30% der Unterschiede im Unternehmenserfolg.“
    (2) Der Saal und die Journalisten applaudieren, weil sie zu verstehen glauben „Jetzt ist es bewiesen: Mindestens 30% des Unternehmenserfolgs wird ausschließlich durch Mitarbeiterorientierung hervorgerufen.“
    (3) Der Berater widerspricht nicht und genießt das Klingeln in der Kasse.

  4. <p>Sehr geehrter Herr Prof....
    Sehr geehrter Herr Prof. Christian Scholz:
    ich denke Ueberlebenswichtig ist Men hat Glueck zu lernen Wissen und mit Wisdom zu genissen der Sonnenschein des Natureverleihnde Waermeart.

  5. Das ganze Problem würde einem...
    Das ganze Problem würde einem nicht passieren, wenn man einen Psychologen als Mitarbeiter hätte, der würde bei der Pistazienlogik rot anlaufen, das dampfen anfangen und explodieren.

  6. <p><b>@...
    @ friedrich_leipzig
    Von einem vormodernen Dinosaurier zum anderen: Richtig! Das Problem der Pistazieneis-Logik ist wirklich kaum zu kommunizieren und führt leider in einem sehr aktuell-traurigen Fall dazu, dass Millionen von Steuergeldern verschwendet und sehr (!) viele Firmen in die Irre geführt werden.
    Da bleibt uns nur noch, auf Ihre prognostizierte Strafabgabe für Schweizer Käse zu warten und uns über Ihr Zitat von Douglas Adams zu freuen.

  7. So wie man nicht nicht...
    So wie man nicht nicht kommunizieren kann, so kann man (ehem.) BWL-, VWL-, Wiwi-StudentInnen nicht als Nicht-Statistiker bezeichen … und somit dürften diese auch im Grundstudium von einem eifrigen AOR den Begriff „Unsinns-Korrelation“ gehört haben.
    Allerdings sollte man nicht so schnell den Stab über „die Arbeitswelt“ brechen, ist die Verwechslung von „Korrelation“ und „Kausalität“ doch die „Maschine, die die polit. Populär-Diskussion am Laufen hält“. Das gilt für „Kinder machen arm“ wie für die gesamte“Bildungs“-Diskussion. Auch hier gelten die Punkte (1), (2) und (3) der „Pistazieneis-Logik“. Oder – auch für Nicht-Statistiker: Man kann sich als „Berater“ nicht dem Wunsch der zu Beratenden entziehen, was zu glauben sei.
    Nicht die Illuminati, Bilderberger oder Freimaurer, nein, die Pistazieneis-Logiker haben sich verschworen ! ;-)

  8. Sehr geehrter Herr Prof....
    Sehr geehrter Herr Prof. Scholz,
    so sehr ich Ihre persönliche Distance zu kausalen Ableitungen in der Art »Pistazieneis schafft Sonnenschein« ja verstehe, muß ich doch anmerken, daß dies nur Rückzugsgefechte sind. Längst ist man ein vormoderner Dinosaurier, wenn man es ablehnt, solche Kausalitäten zu akzeptieren. Spätestens ist das so, seit das Construct »Kohlendioxidemission bewirkt Erderwärmung« seinen Siegeszug durch unsere Brieftaschen angetreten hat. Wissenschaftlich betrachtet entspricht es ziemlich exakt der These, daß Pistazieneiskonsum Sonnenschein fördere. Nur daß Pistazieneis wesentlich billiger ist als die Klimareligion.
    Insofern, da die Sache nun einmal in der Welt ist, wird sich auch jemand finden, der fordert, eine Strafabgabe auf Schweizer Käse zu erheben, mit der dann Pistazieneis subventioniert wird.
    »A common mistake that people make when trying to design something completely foolproof was to underestimate the ingenuity of complete fools.« [Douglas Adams]

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