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Im Schlafzimmer – nichts ist wie es scheint

15.12.2010, 08:15 Uhr  ·  Auch in einem Orientierung gebenden Reiseführer wie dem Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt" gibt es fremdartig-kompliziert Verspiegeltes. Man nehme ein Schlafzimmer, ein Radio, ein Bett, mehrere Personalmanager und einen Spiegel. Frage: Was ergibt das? Antwort: Einen neuen Blick auf das Personalmanagement im Jahre 2010. Und noch? Einen irritierenden Blick auf die Arbeitswelt im Jahre 2011.

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Bild zu: Im Schlafzimmer – nichts ist wie es scheint

Zunächst ist alles noch recht einfach. Am Abend vor dem „Deutschen Human Resources-Summit” der FAZ treffen sich im Museum für Moderne Kunst rund 100 wichtige Personalmanager und Entscheidungsträger. Wir überspringen die sachlogisch in einem Venn-Diagramm darstellbare Schnittmenge zwischen beiden Gruppen ebenso wie die Beschreibung des opulenten Buffets.

Kurz darauf steht eine kleine Teilmenge dieser Gruppe – dazwischen als Manager (mit Krawatte) getarnt der Autor dieses „Reiseführers durch die Arbeitwelt” -   vor dem „Bedroom Ensemble – Replica I” von Claes Oldenburg. Wie der Name schon sagt: Ein Schlafzimmer. Ein Bett. Radio und Wecker. Lampe. Couch. Pelzmantel. Alles bunt. Auf den ersten Blick nichts Besonderes. „Wie von Ikea” murmelt ein saarländischer Unternehmensvertreter.

Der Anhalter durch die Arbeitswelt definiert: „Installation 1. Ordnung ist ein situationsgebundenes und situationsdefiniertes Erfahrungsobjekt, das im Regelfall größer als 4 qm ist und immer etwas darstellt, was es eigentlich doch nicht ist.”

Ja. Wir sind nicht bei Ikea, sondern im Museum für Moderne Kunst, und wir stehen vor der Installation von Claes Oldenburg. Irritierend. Wir sehen Dinge, die man zwar kennt, deren Funktion man kennt und die dann aber diese Funktion doch nicht haben:

- Das Bett: eher unsymmetrisch, aus Kunstleder und Latex bestehend.

- Das Radio: nur die äußere und weiße Form – aber nichts dahinter.

- Der Wecker: auch er kann nicht wecken. Man erkennt nur die Form, sieht die Farbe, über die Materialität erfährt man aber nichts.

- Der Mantel: kein Pelz, sondern kaltes Plastik.

- Dann der Spiegel: ein Zerrspiegel, der Objekte brutal verändert und keine klare Sicht auf die Dinge erlaubt.

Man sieht die Form, glaubt etwas zu sehen, sieht es, aber es ist etwas anderes.

Wie man auf dem Foto erkennt: Vor der Installation Dr. Jule Hillgärtner, Medienwissenschaftlerin und Performancekünstlerin. Geduldig und mit ausladender Gestik erklärt sie uns, die offenbar kein Auge für das haben, was sie sehen, in ihrer Funktion als Kunstvermittlerin alles das, was wir eigentlich sehen, aber nicht erkennen – oder erst mit Hilfestellung erkennen.

Selbst die Tür zum Ausgang ist paradox: Hier steht „privat”. Seltsam? Ist nicht eigentlich das Schlafzimmer privat? Bald erkennt man, dass alles nur eine Installation ist – und zwar als Installation auf der zweiten Ebene eine Installation, die genauso aussieht, wie sie zum ersten Mal in New York aufgestellt war. Selbst die Lichtschalter und die Jalousien sind jetzt in dieser Installation der damaligen nachempfunden. Wir sehen also nicht nur die ursprüngliche Installation, wir sehen auch, wie diese Installation ursprünglich dargestellt war: Die damals alltägliche Umgebung ist jetzt Teil des Kunstobjekts.

Der Anhalter durch die Arbeitswelt definiert: „Installation 2. Ordnung ist ein situationsgebundenes und situationsdefiniertes Erfahrungsobjekt, das im Regelfall größer als 8 qm ist und eine Installation 1. Ordnung in ihrem Kontext präsentiert.”

Das geschulte und für alle unnützen Details offene Auge des Autors des Reiseführers „Per Anhalter durch die Arbeitswelt” bemerkt aber noch mehr. Im Spiegel sehen sich die Personalmanager selber. Damit werden sie Teil des Erfahrungsobjektes, in dem Jule Hillgärnter als Kunstvermittlerin die Klammer zwischen den Objekten und den Betrachtern darstellt, welche selbst zur Installation werden.

Was sehen die Personalmanager im Spiegel? Sie sehen Dinge, die man zwar kennt, deren Funktion man kennt und die dann aber diese Funktion doch nicht haben.

Sie sehen sich als

- Business Partner,

- strategischen Lenker,

- Kompetenzträger in Sachen Bologna,

- anerkannten Experten,

- begabten Gedankenleser, der „Begabung und Talent” durch Handauflegen erkennt, und

- ganz vieles andere.

Jeder sieht sich und jeder gefällt sich.

Damit ist in diesem Moment etwas Neues entstanden: „Installation 3. Ordnung ist ein situationsgebundenes und situationsdefiniertes Erfahrungsobjekt, das im Regelfall größer als 8 qm ist, eine Installation 1. Ordnung in ihrem Kontext präsentiert und das die Betrachter selber zum Teil des Kunstwerks macht.”

Auch wenn der Autor dieses Beitrags zum intergalaktischen Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt” inzwischen intellektuell alle seine Leser (und vielleicht auch die Leserinnen) verloren hat: Jetzt wird es wirklich spannend. Denn folgt man der Logik unserer Installation, so hat das, was wir sehen, nicht die Funktionalität, die wir vermuten.

Der Reiseführer durch die Arbeitswelt schlägt vor: „Personalmanager, schaue in den Spiegel. Das was Du siehst, ist in Wirklichkeit nicht da!”

Und auch wenn an diesem Abend niemand der anwesenden Personalmanager den Eintrag in diesen Reiseführer gelesen hat, weil er noch gar nicht geschrieben war – der nächste Tag und damit der eigentliche Konferenztag wurde vielleicht im Unbewussten schon dieser Logik folgend skeptisch (siehe Bild) wahrgenommen.

So präsentierte Angelika Dammann (ja, sie, der von Thomas Sattelberger zum HR-Manager des Jahres gekürte Chief HR Officer) die stolze Liste der Attribute des Personalmanagers. Natürlich ist er Stratege, natürlich Business Partner, aber auch geprägt durch „Business Savvyness”, „Assertiveness” und „Versatility”, zudem aktiv als Coach für Manager, natürlich auch aktiv als Change Agent (ja, da gibt es einen Bezug zum letzten Blog und zur Mitarbeiterbefragung bei SAP). Ansonsten ist er der professionelle Experte im internen und externen Stakeholder Management. Und dann sagte uns Angelika Dammann, was man wirklich sieht: „Personalmanager als eierlegende Wollmilchsau!” Da es die bekanntlich nicht gibt, wird uns klar: Alle diese oben genannten Funktionen werden nicht wahrgenommen. Wir schauen zwar in den Spiegel, glauben auch etwas zu sehen, aber unsere erträumte Funktionalität ist in Wahrheit nicht vorhanden.

Ergebnis: Das Personalmanagement steckt gegenwärtig in einer Installation 3. Ordnung , in deren Illusion auch die Arbeitswelt 2011 hineingezogen wird.

Vielleicht als konkreten Vorschlag für den Veranstalter des nächsten HR-Summits: Warum nicht eine Installation 3. Ordnung „Personalmanager” aufstellen? Der Autor dieses Reiseführers und Jule Hillgärtner werden gerne behilflich sein.

Aber bevor es so weit ist: Vielleicht könnten gerade die Personalmanager, die immer so schön und eloquent auf „ihre” Funktionen hinweisen, jedes Mal, wenn sie irgendwo einen Spiegel sehen, an diese einmalige Installation 3. Ordnung denken, die am 26. Oktober 2010 um 21:38 Uhr im Museum für Moderne Kunst stattgefunden hat!

Bild zu: Im Schlafzimmer – nichts ist wie es scheint

PS: Übrigens, auch Douglas Adams ist – sofern man die entsprechende Passage in seinem Reiseführer „Per Anhalter durch die Galaxis” per Zufall findet – von dieser Idee der neuen Installation überaus euphorisch angetan und schrieb dazu: „Gut. Ich finde, das ganze läuft gut an. Du bringst den Aspekt Schlafzimmer hübsch zeitig herein. Wir könnten vielleicht noch ein paar nähere Hinweise auf das Bild brauchen”. Richtig. Aber darauf  wird man noch etwas warten müssen.

 

Veröffentlicht unter: Personalabteiliung

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geboren 1952, in Deutschland lebender Österreicher, von Beruf Professor für Organisation, Personal- und Medienmanagement. Vor- und Querdenker im Personalmanagement.