Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren (3)
 

Kloppismus als Führungsmodell: BVB forever?

18.05.2012, 13:08 Uhr  ·  Erfolg macht neugierig. Was genau kann man von Jürgen Klopp lernen, der immerhin Bayern München fünfmal hintereinander besiegt und gedemütigt hat. Was hat er, was andere nicht haben? Was genau ist „Kloppismus“? Fragen über Fragen, aber natürlich gibt es die Antwort mal wieder im Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“.

Von

Bild zu: Kloppismus als Führungsmodell: BVB forever?

Auch wenn jetzt viele über Bayern München und Chelsea reden, folgt der Reiseführer der guten Tradition, sich vor allem mit erfolgreich-charismatischen Trainern und Managern auseinanderzusetzen. Und da bietet sich trotz allem Jupp Heynckes nicht unbedingt an. Zur Zeit gibt es in diesem Zusammenhang nur eine einzige Person, nämlich Jürgen Klopp vom „Ballspiel-Verein Borussia 09 e. V. Dortmund“. Denn er hat immerhin fünfmal hintereinander Bayern München besiegt, etwas, das keiner anderen Mannschaft auch nur ansatzweise gelungen ist.

Der Reiseführer hat sich schon öfters mit Trainern und ihren Grundprinzipien beschäftigt: so mit Jürgen Klinsmann (vorher / nachher), mit Hans Meyer (vorher = nachher) und mit Heiner Brand (vorher / nachher). Jetzt wird die Tradition fortgesetzt.

Der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ definiert: „Kloppismus ist (1) eine Bezeichnung für einen etwas anderen Führungsstil, der sich (2) an dem Fußballtrainer Jürgen Klopp orientiert, dabei (3)  vor allem in München Angst und Schrecken verbreitet,  (4) sich aber zumindest in Deutschland als hoch erfolgreich erweist und (5) aus den fünf zentralen Bestandteilen „K.L.O.P.P.“ besteht, die aber (6) eigentlich geheim sind.

Obwohl das Erfolgsrezept von Jürgen Klopp streng geheim gehalten und von ihm auch noch nie im Detail beschrieben wird, so beschreibt der Reiseführer exklusiv die fünf Merkmale „K.L.O.P.P.“, auf die es beim Kloppismus ankommt.

Das erste Merkmal ist Kontinuität. Sie beginnt mit den Arbeitsverhältnissen von Jürgen Klopp: Er spielte von 1990 bis 2001 bei Mainz 05. Dann wurde er Trainer und blieb bis 2008. Von da an war er Trainer bei Borussia Dortmund, mit der er 2010/11 und 2011/12 Meister wurde. Wenn er genauso lange bei Dortmund wie bei Mainz bleiben wird, dann dürfte er bis 2026 in Dortmund bleiben und mit nur zwei Trainerstellen – aber einer Flut von nationalen und internationalen Titeln – alle Rekordbücher bereichern.

Kontinuität bezieht sich aber auch auf den Aufbau des eigenen Teams: Wo Uli Hoeneß und Chelseas Roman Abramovich sich ihre Teams weltweit aus den besten Spieler zusammenkaufen, entwickelt Jürgen Klopp neue und junge Spieler und führt sie an die Weltspitze heran. Kontinuität hat aber auch etwas zu tun mit Spielstil und Spielanlage: Hier hat Borussia Dortmund einen ganz speziellen Stil.

An dieser Stelle ein klärender Einschub für alle Puristen: Natürlich ist Jürgen Klopp ein Trainer und Uli Hoeneß etwas anderes. Nur setzt man Borussia Dortmund mit Jürgen Klopp gleich, Bayern mit Uli Hoeneß und Chelsea mit Roman Abramovich, was eigentlich verrückt ist und wert wäre, einen eigenen Eintrag in diesem Reiseführer durch die Arbeitswelt zu bekommen.

K wie Kontinuität im eigenen Verhalten: Kloppismus verlangt nach kontinuierlich fortschreitendem Lebenslauf, nach dauerhaften Führungsbeziehungen, nach einer langfristigen Strategie und nach solider Personalentwicklung.

Kontinuität mag altmodisch und nicht mehr zeitgemäß erscheinen, ist aber eines der zentralen Erfolgsrezepte nicht nur für Sportvereine, aber auch für Unternehmen. Zudem mag Kontinuität langweilig wirken. Das „L“ im Kloppismus steht aber nicht für Langeweile, sondern für etwas völlig anderes, nämlich für Leidenschaft.

Kloppismus ist gleichzusetzen mit totaler Leidenschaft. Diese Leidenschaft sieht man im Spiel seiner Mannschaft, das Emotion, Erlebnisfußball und den tief verwurzelten Willen zum Sieg ausdrückt. Hunger auf Erfolg steht im Vordergrund. Das Ergebnis: „Geile“ Spiele (in der Sprache von Jürgen Klopp), ein „geiles Finale“ und „geile Siege“. Satte Selbstzufriedenheit passt nicht zur Leidenschaft. Vielmehr geht es um 90 Minuten (oder mehr) absolute Hingabe zum Spiel.

Jürgen Klopp verkörpert auch Leidenschaft in seinem Verhalten. Er kämpft an der Seitenlinie mit und er feiert mit seinen Spielern. Wo andere Trainer ein mehr oder weniger ausgeprägtes Maß an Anteilnahme oder eine mehr oder weniger glückliche Pendelbewegung zwischen Passivität und Cholerik präsentieren, ist Jürgen Klopp immer auf Hochspannung – auch wenn das die Gefahr eines Zuviels an Leidenschaft mit sich bringt.

L wie Leidenschaft im eigenen Verhalten und im Verhalten des Teams: Kloppismus bedeutet absolute Leidenschaft – wohin man auch schaut und ohne Ausnahme.  

Während sich andere Vereine oft darauf beschränken, den Ball im Zweifelsfall in der Rückwärtsbewegung zu kontrollieren, spielt Dortmund offensiv nach vorne. Deshalb ist das dritte Merkmal „O wie offensiv“ und jeder, der sich ein Spiel von Dortmund anschaut, versteht genau, was das bedeutet!

Gleichzeitig – und das macht es interessant – ist Jürgen Klopp keiner, der

„offensiv“ Ziele setzt und Erfolge ankündigt. Auch hier bietet sich der Vergleich zu Uli Hoeneß an, bei dem man zum Anfang der Saison den Eindruck hatte, dass eigentlich Meisterschaft, Vereinspokal, Champions League und Weltcup das Mindeste ist, was er für Bayern München aufgrund seines exklusiven Kaders (rund doppelt so teuer wie der von Dortmund) erwartet.

O wie offensiv bezieht sich auf die reale Aktion, aber nicht auf die verbale Ankündigung: Offensiv steht im Kloppismus deshalb auch nahe an „innovativ“, kreativ und überraschend.

In jedem Spiel gibt es Schlüsselszenen. Eine davon ist die Gestik, mit der Jürgen Klopp den jugendlichen und unerfahrenen Ersatztorwart Mitchell Langerak aufs Spielfeld schickte. Klopp strahlte und gab ihm das Gefühl, dass jetzt etwas Großartiges passiert und nicht das Geringste schief gehen kann.

Dabei war kurz zuvor Roman Weidenfeller unsanft mit dem Knie von FCB-Mittelstürmer Mario Gomez in Berührung gekommen, hatte – nicht mehr ganz im Besitz seiner Kräfte – Minuten danach einen fatalen Elfmeter an eben diesem Mario Gomez verursacht und musste sich schließlich auswechseln lassen. Statt mit der Stammformation 1:0 zu führen, stand es dann mit einem Torwart ohne jegliche Spielerfahrung 1:1. Eigentlich hätte man auf den Anfang vom Ende tippen müssen.

Nicht so Jürgen Klopp. Er war positiv eingestellt, wechselte mit diesem Gefühl Mitchell Langerak ein und ging wie seine gesamte Mannschaft weiterhin vom Sieg aus.

P wie positiv ist eine Grundeinstellung. Im Kloppismus dominiert die positive Haltung gegenüber der Zukunft und dem eigenen Team, also auch ein impliziter Optimismus.

Schließlich kommen wir zum P wie Professionalität. Ähnlich wie bei Jürgen Klinsmann – mit dem er aber vermutlich nicht verglichen werden will, seit Uli Hoeneß sich bei Bayern München für Klinsmann und gegen Klopp entschieden hat – sieht Jürgen Klopp Professionalität als eine ganzheitliche Facette von Führung. Jürgen Klopp hat Sportwissenschaft studiert, stützt sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse und auf professionelle Experten.

Anders als Jürgen Klinsmann, der mit seiner damals sehr offen zur Schau getragenen neuen Professionalität der Vereinsführung in Konflikt mit dem etwas anders gestrickten Uli Hoeneß kam, bleibt diese „Professionalität“ bei Jürgen Klopp eher im Verborgenen und ergänzt sinnvoll die Führungsriege des BVB mit Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc, die ähnlich ticken.

Dafür sieht man sie bei seinen Spielern umso deutlicher. Roman Weidenfeller hat sich austauschen lassen, als er verletzt war. Wir erinnern uns: Im Fußball-WM-Finale gegen Brasilien im Jahre 2002 war Oliver Kahn ebenfalls verletzt, konnte es aber nicht ertragen, sich durch seinen damaligen Erzfeind Jens Lehmann ersetzen zu lassen, spielte weiter und musste sich dann (vielleicht verletzungsbedingt) die Niederlage ankreiden lassen.

Professionalität hat viel zu tun mit „Verantwortung für alle“. Fußballer bekommen sehr viel Geld eigentlich nur dafür, das machen zu dürfen, was ihnen Spaß macht. Deswegen gehört es zu einer professionellen Einstellung, sich permanent einzubringen, eine flache Hierarchie zu leben: Danach haben alle Verantwortung, aber keiner ist übertrieben wichtig.

Professionalität äußert sich auch im Umgang mit Unausweichlichkeiten. Als sein japanischer Superstar Shinji Kagawa seinen Wunsch des Wechsels nach England in die Premier League verkündete, zeigte Jürgen Klopp Verständnis und begründete es damit, dass für Japaner eben die Begeisterung für die englische Liga angeboren und nicht als Kritik an Dortmund aufzufassen sei.

P wie Professionalität bei sich und bei jedem Teammitglied. Die eigentliche Basis im Kloppismus ist Professionalität als ein permanentes Streben nach Perfektion im Handeln, aber auch als ein Erkennen der individuellen Grenzen für das kollektive Ziel.

Sicherlich muss in diesem Reiseführer mit seinem professionellen Leserkreis nicht extra betont werden, dass sich jede Führungskraft am Kloppismus orientieren kann. Irgendwie fällt einem hierzu als erstes Angela Merkel ein… und dann als zweites natürlich Uli Hoeneß.

Eine letzte Anmerkung zur Vervollständigung dieses Eintrages:

Leider hat Jürgen Klopp bisher noch nicht offen zu seinem Erfolgsrezept und dem hier erstmalig wissenschaftlich untermauerten Kloppismus Stellung bezogen. Aber vielleicht tut er es ja noch. Oder irgendjemand kennt jemand, der jemanden kennt, über den der Autor dieses Reiseführers durch die Arbeitswelt mit Jürgen Klopp in Kontakt treten kann – am besten kurz vor dem Champions League Finale 2013 zwischen Borussia Dortmund und dem FC Barcelona.

Bild zu: Kloppismus als Führungsmodell: BVB forever?

PS: Im Originaltext – also dem Reiseführer „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams – geht es auch teilweise um Kloppismus: „Die Party wogte und schlingerte und warf alle Leute über den Haufen, bis auf Thor und bis auf Arthur, der schwankend dem Donnergott in die schwarzen Augen starrte. Langsam, man glaubte es nicht, nahm Arthur etwas hoch, was offenbar seine winzig kleinen Fäuste waren.” Und dann kam der entscheidende Satz, von dem Uli Hoeneß trotz allem noch immer träumt und den Douglas Adams bereits zu Papier gebracht hat: „Willst du Kloppe beziehen? Ich sagte, ob du Kloppe beziehen willst?”

 
 

Richtlinien für Lesermeinungen

Die FAZ.NET-Redaktion bietet allen registrierten und eingeloggten Nutzern die Möglichkeit, sich mit den aktuellen Beiträgen auf FAZ.NET konstruktiv und kritisch auseinanderzusetzen und eigene Lesermeinungen zu veröffentlichen. Für jede Meinungsäußerung stehen 6000 Zeichen zur Verfügung. Voraussetzung für eine Veröffentlichung ist, dass die Verfasser und Verfasserinnen ihren wirklichen Namen nennen, d.h. in ihrer FAZ.NET-Registrierung den korrekten Vor- und Nachnamen eingetragen haben. Im Falle der Veröffentlichung der Lesermeinung weisen wir am Beitrag den Klarnamen des Lesers aus. Unter Pseudonym oder anonym verfasste Texte können nicht berücksichtigt werden.

Veröffentlicht werden nur Beiträge, die auf den jeweiligen Artikel und sein Thema seriös und sachbezogen eingehen. Links- und rechtsradikale, pornographische, rassistische, beleidigende, verleumderische sowie ruf- und geschäftsschädigende Inhalte können nicht berücksichtigt werden, ebenso wenig sachlich falsche oder in angemessener Zeit nicht nachprüfbare Behauptungen. Links sind in den Lesermeinungen von FAZ.NET nicht gestattet. Die Redaktion behält sich vor Lesermeinungen zu kürzen oder zu modifizieren. Jeder verfasste Beitrag wird von der Redaktion geprüft und schnellstmöglich veröffentlicht, sofern er diesen Richtlinien für Lesermeinungen nicht zuwiderläuft. Nutzern, die wiederholt versuchen, den Richtlinien nicht entsprechende Beiträge zu veröffentlichen, kann die Registrierung entzogen werden.

Für veröffentlichte Meinungsbeiträge gewähren Sie uns das unentgeltliche, zeitlich und örtlich unbegrenzte und nicht ausschließliche Recht, diese Aussagen ganz oder teilweise zu nutzen, zu vervielfältigen, zu modifizieren, anzupassen, zu veröffentlichen, zu übersetzen, zu bearbeiten, zu verbreiten, aufzuführen und darzustellen, Dritten einfache Nutzungsrechte an diesen Aussagen einzuräumen sowie die Aussagen in andere Werke und/oder Medien zu übernehmen.

Weitere Artikel

Datenschutzerklärung

Allgemeine Nutzungsbedingungen von FAZ.NET und seinen Teilbereichen

Wir möchten Sie ausdrücklich darauf hinweisen, dass der gesamte Auftritt von FAZ.NET von verschiedenen Suchmaschinen intensiv ausgewertet wird und die Inhalte dort auch gelistet werden. Das schließt die Lesermeinungen automatisch ein, so dass diese auch über FAZ.NET hinaus im Internet jederzeit recherchierbar sind.

Schließen

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden
Lesermeinungen zu diesem Artikel (3)
Sortieren nach
0 GK 20.07.2012, 13:30 Uhr

Transformationale Führung...

Transformationale Führung

0 KHH 02.06.2012, 16:44 Uhr

Hat hier Jemand seine...

Hat hier Jemand seine Doktor-Arbeit entworfen??

0 gisbert4 19.05.2012, 13:31 Uhr

Kloppo will nicht Kloppi sein....

Kloppo will nicht Kloppi sein. Fragt mal den Hans Meyer.

geboren 1952, in Deutschland lebender Österreicher, von Beruf Professor für Organisation, Personal- und Medienmanagement. Vor- und Querdenker im Personalmanagement.