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Personalchef und Betriebsrat auf Firmenkosten im Stadion?

22.05.2013, 12:34 Uhr  ·  Die jüngsten „Enthüllungen“ zur Belegschaftsstruktur deutscher Unternehmen sollten eigentlich nicht überraschen. Sie sind Teil der Veränderung unserer Arbeitswelt, aber offenbar nicht hinreichend bekannt. Deshalb brauchen wir mehr Transparenz und als erstes ein bessere Personalberichterstattung, wie sie auch der HCR10 fordert.

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Der Personalchef und der Betriebsratsvorsitzende treffen sich wie jeden Dienstag zu einem ausgiebigen Frühstück in ihrem Lieblingscafé in Stuttgart. Heute aber macht ihnen die ganze kulinarische Fülle überhaupt keinen Spaß. Sie haben sich geärgert. Richtig geärgert.

Irgendwie kann das so nicht weitergehen. Immer wieder montags diese ärgerlichen Filme im Fernsehen, die angeblich die Arbeitswelt darstellen und doch überhaupt nichts mit der wirklichen Arbeitswelt zu tun haben, die Personalchef und Betriebsratsvorsitzender regelmäßig erleben, wenn sie durch das Werk schlendern und überall ihre rundherum zufriedenen Arbeitnehmer sehen.

Filme über Lidl, über DHL, über Amazon und jetzt auch noch über Daimler: „Was soll diese dämliche Diskussion über Leiharbeiter? Und über Personen, die angeblich von Leiharbeitsfirmen angestellt und dann über Werkverträge an uns vermietet werden?“ Diese Undercover-Berichte haben nun wirklich nichts mit der Realität zu tun. „Wir haben doch ein Betriebsklima, bei dem Vertrauen und Ehrlichkeit ganz oben stehen. Und natürlich stehen unsere Mitarbeiter im Mittelpunkt.“

An dieser Stelle bietet der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ wie üblich eine grundlegende Definition:

„Mitarbeiter ist (1) ein Ausdruck aus dem Römischen Reich für Sklaven jeglicher Art, der später (2) in der alten Arbeitswelt alle Personen umfasste, die innerhalb des Werksgeländes arbeitetn, und der (3) in der neuen Arbeitswelt auf Personen begrenzt wurde, die mit dem jeweiligen Unternehmen einen richtigen Arbeitsvertrag haben, was (4) alle Personen ohne Arbeitsvertrag frustriert, die ebenfalls dort arbeiten, manchmal die gleichen Arbeiten verrichten und nicht einmal die Rückenschule besuchen dürfen.“

„Wie kann da nur einfach ein Reporter sich ins Werk schmuggeln, ohne uns vorher zu fragen!“ Beide schütteln den Kopf. „Das entspricht nicht im Geringsten der bisher gepflegten guten Zusammenarbeit mit den Medien, die sich normalerweise wirklich brav verhalten.“ Dass an dieser Stelle der Personalchef in einem Magazin für Manager blättert und auf eine doppelseitige Hochglanzanzeige seines Unternehmens stößt, ist dabei sicherlich nur Zufall.

Dieser falschen Berichterstattung sollten wir etwas entgegensetzen.“ Nach und nach reift ein Plan, um ein für alle Mal die Öffentlichkeit von der moralisch einwandfreien Arbeitswelt zu überzeugen.

Alle 25.634 Personen, die in einem der Stuttgarter Werke arbeiten, werden ins lokale Stadion gerufen, wo schon alles für die als sicher eingestufte Feier zum Pokalsieg des VFB über den FCB vorbereitet ist. Zuerst nehmen alle auf den Rängen Platz, nachdem es ihnen nicht gelungen ist, in den VIP-Bereich vorzustoßen, wo Fernsehen, lokale Radiosender und die schreibende Zunft genüsslich „Häppchen“ und „Schlückchen“ genießen.

Doch dann nimmt der Personalchef das Mikrofon in die Hand und ein Ereignis seinen Lauf, das es wert ist, im Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ unter dem Stichwort „Organisationsaufstellung zur Personalstrukturvisualisierung (Orzupev)“ verewigt zu werden:

Alle Mitarbeiter, die einen richtigen Arbeitsvertrag mit unserem Unternehmen haben, versammeln sich auf der Spielhälfte vor der Untertürkheimer Kurve, alle anderen gehen vor die Cannstatter Kurve.“ An dieser Stelle die erste Überraschung: Relativ viele gehen mit gesenktem Blick in die Cannstatter Kurve, wenige andere stolz geschwellter Brust in die Untertürkheimer Kurve.

Dann der große Auftritt des Betriebsratsvorsitzenden: „Alle Mitarbeiter aus der Untertürkheimer Kurve mit einem unbefristenden Vertrag sind jetzt <Mitarbeiter Klasse A>. Bitte alle zusammenstellen. Mitarbeiter mit befristeten Verträgen sind <Mitarbeiter Klasse B>. Praktikanten und andere ohne Einkünfte sind <Mitarbeiter Klasse C>. Mitarbeiter, denen im Zuge der Reorganisation bereits gekündigt wurde, sind <Mitarbeiter Klasse D>. Alle anderen sind <Mitarbeiter Klasse E> .“ Es kommt Bewegung auf den Rasen.

Doch was passiert mit den „Mitarbeitern“ vor der Cannstatter Kurve? Für sie gibt es nicht einmal eine Klassenbezeichnung. Personalchef und Betriebsratsvorsitzende schauen sich ratlos an: „Wo kommen die denn alle her? Wer sind diese viele Menschen? Warum schauen die so traurig? Und was haben die für komische Uniformen? Was soll das Ganze?“

Ratlosigkeit macht sich breit, weshalb sich für die Ratsuchenden wieder der entsprechende Eintrag aus dem Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ anbietet:

„Mitarbeiter, die arbeitsrechtlich keine eigenen Mitarbeiter sind, kann man formaljuristisch differenziert nach ihrer Leistungsart einteilen (1) in Werkvertragsarbeiter, die für das Abarbeiten eines Arbeitsvolumens eingekauft werden, und (2) Leiharbeiter, die für Arbeitszeit angefordert werden.“ Sowohl (1) und (2) können bei Fremdfirmen „bestellt“ werden und sind dort im Regelfall (sehr) befristet angestellt.

Lässt man jetzt Unternehmensberater ebenso aus wie Interimsmanager, so kann man als vereinfachte Faustformel für einfache Tätigkeiten sagen, dass ein Werkvertragsarbeiter pro Stunde rund 8 Euro bekommt, ein Leiharbeiter 16 Euro und ein Echtmitarbeiter 32 Euro. Diese Beträge werden wohlgemerkt für die im Wesentlichen gleiche Arbeit gezahlt – wobei der Betriebsratsvorsitzende als Gewerkschaftsmitglied sofort darauf hinweist, das „im Wesentlich gleich“ natürlich „im Detail doch irgendwie unterschiedlich“ bedeutet.

An dieser Stelle wendet sich der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ einem anderen und wirklich wichtigen Gesichtspunkt zu. Denn eigentlich gibt es so etwas wie einen Geschäftsbericht und in diesem Geschäftsbericht muss etwas zu Mitarbeitern stehen. Doch so richtig ernst nimmt niemand diese Aufforderung. So hat kürzlich eine Studie der Universität des Saarlandes gezeigt, dass die DAX30 Unternehmen in ihren Geschäftsberichten im Durchschnitt weniger als 25% der absoluten Mindestinformationen zu den Mitarbeitern geben.

Dazu eine Hintergrundinformation: „Der HCR10 ist (1) ein Mindeststandard für die Personalberichterstattung im Geschäftsbericht und im Personal-/Nachhaltigkeitsbericht, der (2) weitgehend von Unternehmen ignoriert und weder (3) von den Medien noch (4) von Aufsichtsräten oder (5) Wirtschaftsprüfern eingefordert wird.“

An dieser Stelle ein Befangenheitshinweis: Der HCR10 wurde von einer Arbeitsgruppe definiert, an der neben Thomas Sattelberger auch der Autor dieses Reiseführers teilnahm.

Trotzdem und damit wieder zurück zum Fall der Belegschaftsstruktur: Im Prinzip ist die Sache trivial. Unternehmen brauchen lediglich statt dem Personalaufwand ihre „Total Workforce Costs“ auszuweisen, wozu auch die Kosten „fremder“ Mitarbeitern gehören.

Zusätzlich: „Unternehmen sollen im Sinne einer transparenten und verantwortlichen Personalarbeit (1) ihre Beschäftigtenstruktur offenlegen und (2) im Geschäftsbericht die Kosten für externe Arbeitskräfte (External Workforce Costs) angeben, wozu der gesamten Aufwand von Leiharbeitern (einschließlich Unternehmensberatern) und Werkvertragsmitarbeitern gehört; sie sollen zudem (3) im Personalbericht diese External Workforce Costs nach Beschäftigtengruppen aufschlüsseln.“

Diese beiden kleinen Zahlen wurden zwar schon im HCR10 gefordert, aber vielleicht hat ja der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ mehr Leser und Leserinnen als ein Normungspapier.

Vielleicht gibt es ja auch Journalisten, die diese beiden Kennzahlen einfordern und sich nicht auf blumige Pressemeldungen oder glorifizierende Interviewaussagen reduzieren lassen wollen. Oder Gewerkschaften, die sich eigentlich nicht immer von diesem Thema überraschen lassen sollten. Oder Aufsichtsräte. Oder Aktionäre. Oder Politiker. Oder Mitarbeiter. Oder Wissenschaftler. Oder alle anderen. Denn die Arbeitswelt verändert sich und das mindeste, was wir tun können, ist, diese Veränderung in ihrem ganzen Ausmaß erkennen zu wollen.

Übrigens: Falls jemand ein Foto von dieser Organisationsaufstellung im Fußballstadion hat, sollte er es bitte an den Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ schicken. Denn darauf ist ein interessantes Detail zu sehen, das man erkennt, wenn man die <Mitarbeiter Klasse A> – also die festangestellten „richtigen“ Mitarbeiter – sucht: Man findet sie in der linken Hälfte im Anstoßkreis, der bei einem Gesamtradius von 9,15m genau 131,5m2 hat. Dort passen alle Mitarbeiter Klasse A einschließlich ihrer Liegestühle, dem Personalchef, dem Betriebsratsvorsitzenden und der mobilen Kantine bequem rein.

P.S.: Als unser Personalchef nach dem Experiment zu Hause ein Fläschchen Wein entkorkte, fand er unter den Prospekten für Urlaubsreisen das Buch „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams, das gewissermaßen Pate für den Reisef+hrer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ steht und das diese Anmerkung enthält: „Als Arthur noch ein Schuljunge war und lange bevor die Erde zerstört wurde, spielte er immer Fußball; er war nicht gut darin gewesen, aber seine besondere Spezialität war es, in wichtigen Spielen Eigentore zu fabrizieren.”

 

 
 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
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2 John Schäfer 24.05.2013, 11:03 Uhr

Erhellende Erkenntnis

Vielen Dank für die plastische Darstellung. Mir wird mal wieder klar, was Gewerkschaften eigentlich sind: Club der Arbeitsplatzbesitzer, allerdings auch nur noch für Klasse A...

geboren 1952, in Deutschland lebender Österreicher, von Beruf Professor für Organisation, Personal- und Medienmanagement. Vor- und Querdenker im Personalmanagement.