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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Die Hundemarke für Forscher im Internet

Kein Zweifel, mit Internet und „Open Access" ist auch die Publikationspraxis in den Wissenschaften  mächtig  in Bewegung geraten. Und zwar...

Kein Zweifel, mit Internet und „Open Access“ ist auch die Publikationspraxis in den Wissenschaften  mächtig  in Bewegung geraten. Und zwar schon lawinenartig, um eine beim Blick nach draußen momentan ganz gut passende meteorologische Katastrophenmetapher zu verwenden. Der Forscher an sich hat im Informatikzeitalter nicht nur mehr Mühe, den Überblick zu behalten (was für uns Wissenschaftsjournalisten mindestens genauso gilt), viele stecken schon in einer grandiosen Zeitmanagement-Krise.  Der Wissenschaftler kämpft an vielen Fronten, und oft genug weiß er nicht mal wofür.   

Aber muss man deshalb auch gleich die Degradierung des tüchtigen Wissenschaftlers zur blanken Leistungsziffer befürchten, wie das Philip E. Bourne, ein kalifornischer Pharmazeut und Angestellter der Public Library of Science, zusammen mit seinem Kollegen Lynn Fink  in einem diskussionswürdigen  „Perspective“ der „Plos Computational Biology“ skizziert hat?

 Die Idee dahinter ist nicht falsch: Ausgehend von dem Befund, dass derzeit „alle akademischen  Belohnungssysteme sowohl auf institutioneller wie auf individueller Ebene darauf ausgerichtet sind“, wie es der Freiburger Cochrane-Chef Gerd Antes in einem Artikel über den medizinischen „Wissensmarkt“ ausgedrückt hat, dass wissenschaftliche Ergebnisse bisher in Zeitschriften mit möglichst hohen Impact-Faktoren (Kennzahl für die Zitierungen in anderen Artikeln) publiziert werden, diese aber erstens begrenzte Kapazitäten haben und zweitens oft  nur einen Bruchteil der von jungen tüchtigen Forschern publizierten Veröffentlichungen und Arbeiten abbilden, plädieren Bourne und Fink für ein neues repräsentativeres Messverfahren. Eines, das im elektronischen Veröffentlichungsmarkt auch die Arbeiten für Datenbanken (z.B. in der Annotation von Genomdaten) und Software-Produktion und nicht zuletzt auch die Beiträge in Wissenschaftsblogs berücksichtigt. Der gewichtige H-Faktor, den sich ein Autor durch Zitierungen mit hohen Impact-Faktoren erwerben kann, solle durch den „Scholar Factor“ (ich übersetze ihn mal wörtlich „Gelehrtenfaktor“) ersetzt werden. In der Berechnungsformel dafür, die im Plos-Beitrag  nachzulesen ist, fließen zusätzlich zu dem  H-Faktor die unterschiedlichen Leistungsnachweise aus den diversen IT- und Internetbeiträgen ein – wenn auch  unterschiedlich gewichtet. Mit anderen Worten: Wer seinen „Web-Faktor“ täglich durch Bloggen ausbaut, kann seine Impact-Kennziffer aufpolieren.

  Bild zu: Die Hundemarke für Forscher im Internet

Einigermaßen überschaubar und zu beherrschen ist dieses System freilich nur, wenn jedem Wissenschaftler eine eigene elektronische  Kennung, eine jederzeit erkennbare und zu nutzende Identifikationsadresse zugewiesen wird. Jeder wird im Netz zur Nummer. Und diese Nummer müssen Verlage, Organisationen, soziale Netzwerke, Communities (z.B. Facebook) und all die anderen Spielwiesen gebildeter Leute nicht nur zugänglich gemacht werden. Alle müssen sie auch konsequent in ihr Veröffentlichungssystem einbauen, damit die akademischen „Klicks“ gestartet und registriert werden. Ein automatisches Referenzsystem, eine digitale Hundemarke für die akademische Existenz im weltweiten Netz. Ansätze in diese Richtung gibt es natürlich schon längst, „ResearcherID“ ist so eines oder auch „OpenID„, für das Bourne und Fink mächtig werben.   Aber wer kennt das schon?

Und ob die Initiative der beiden heute nicht überhaupt ins Leere läuft, weil sich zum Beispiel nicht jeder einfach überall mit seinen Daten und persönlichen Angaben digital ausspähen lassen will, das ist durchaus eine Überlegung wert. Man kann da durchaus berechtigte Zweifel haben. Zumal Philip Bourne in der Sache durchaus eigene kommerzielle Interessen vertritt (was er allerdings zugegebener Weise in dem Plos-Paper angibt). Vor ein paar Monaten nämlich hat er mit Leo Chalupa, einem anderen Kollegen an der University of California in San Diego ein Internet-Startup gegründet: SciVee Inc. Soll, wie es heißt, „Wissenschaftlern helfen, ihre Forschungen bekannter zu machen“. Die Geschäftsgrundlage sind eigen- oder fremdproduzierte Videos, die die eigenen Forschungsergebnisse visuell und akustisch konsumierbar machen – Youtoube für Wissenschaftsthemen. Einige stehen schon auf der digitalen Plattform, und in einem viereinhalbminütigen Selbstdarstellungsvideo erklärt Bourne, dass man sich genauso gut vor einem Kongressposter darstellen kann (und damit das übliche Tagungs-Postercasting nur wiederholt)  oder aufwändigere Filmchen und Shows präsentiert.

 

Dass sich Bourne solche optischen Forschungshappen auch  ganz sicher als integraler Bestandteil seines selbst kreierten „Scholar Factor“ vorstellen kann, ist keine allzu fernliegende Spekulation. Expressis verbis liest man es zwar  nicht, aber wir wollen ihm diesen Hintergedanken einfach mal unterstellen.

 

Wird damit der gesamte Vorschlag eines individuellen elektronischen Leistungsprofils ad absurdum geführt? Ich denke nicht. Der Vormarsch der elektronischen und offen zugänglichen Publikationsmittel ist sicher nicht mehr aufzuhalten. In den Proceedings einer Konferenz zum elektronischen Publizieren ist vor einem halben Jahr ein Beitrag finnischer Wissenschaftler erschienen, die den Anteil der kostenlos online verfügbaren wissenschaftlichen Publikationen an den geschätzten 1,35 Millionen peer-reviewed Aufsätzen auf  mehr als acht Prozent taxieren und weitere elf Prozent, die auf den Homepages der Wissenschaftler zugänglich gemacht werden.

Mit diesem zunehmenden Publikationsgewicht auf Seiten des Internets ist auch die Frage nach neuen repräsentativeren Leistungsnachweisen, die etwa den aktiven Beitrag des Einzelnen für mehr Transparenz in der Forschung würdigen, durchaus berechtigt.  Aber wer wollte da den Anwalt spielen? Zumal ja zu befürchten steht, dass unter dem digital verstärkten Leistungsdruck die eigentliche (oft Zeit und Ressourcen raubende) Forscherarbeit im Labor oder im Feld schnell leiden könnte.

Kreativität entsteht doch am liebsten im Stillen, und mit der Stille ist es in dem täglich lauter werdenden, bald schreienden Kommunikationsrummel um einen herum schon heute so eine Sache. Vielleicht sollte man ja solche Gedanken wie Bourne sie propagiert, gar nicht erst zulassen. Wie ist Ihre Meinung?

 

 

 

 

 

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