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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Klima-Experiment nicht gestoppt!

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Entwickelt sich die derzeitige Forschungsfahrt der „Polarstern" (siehe Blogbeitrag hier) in den Südlichen Ozean doch noch zur Spazierfahrt auf...

Entwickelt sich die derzeitige Forschungsfahrt der „Polarstern“ (siehe Blogbeitrag hier) in den Südlichen Ozean doch noch zur Spazierfahrt auf Kosten der Steuerzahler? Wenn das Bundesumweltministerium (hypothetisch) seinen Willen – und vor allem denjenigen einiger Umweltverbände – durchsetzt, könnte es ja wirklich so kommen, dass die 48 Wissenschaftler aus einem halben Dutzend Staaten unverrichteter Dinge das Ruder herumreißen und das Eisendüngungsprojekt „Lohafex“ gewissermaßen Augenblicke vor dem Start abblasen  – müssen. Nichts wäre passiert, außer dass die mutmaßliche Algenblüte, ausgelöst durch zwanzig Tonnen Eisensulfatdünger, vorerst ausfällt.

So weit ist es  allerdings noch lange nicht! Dass das Projekt und damit die geplante 45-tägige Eisendüngung von ministerieller Seite „gestoppt“ worden sein soll, wie jetzt gelegentlich zu lesen ist, streitet das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven glattweg ab. Und auch das Bundesumweltministerium (BMU) in Berlin weist darauf hin, dass es zwar eine Bitte von BMU-Staatssekretär Matthias Machnig an seine Kollegen im Berliner Forschungsministerium (BMBF) gegeben habe und eine entsprechende „Aufforderung“ des BMBF an das AWI, das „Experiment noch nicht durchzuführen“. Aber ganz offensichtlich geht es dem BMBF einzig darum, schnellstmöglich die Informationslage im Ministerium von Gabriel zu verbessern und ganz wie geplant mit dem Forschungsprojekt weiter zu verfahren. Wie Projektleiter Ulrich Bathmann vom AWI bestätigt hat, sind an Bord der Polarstern bisher keine Maßnahmen ergriffen worden, das Experiment zu stoppen.

Zurzeit ist man auf dem Weg ins Zielgebiet, misst Umweltparameter und hat einige Vorarbeiten zu leisten, die ohnehin vermutlich noch zwei Wochen dauern dürften. „Bis dahin soll dann auch eine unabhängige Umweltabschätzung vorliegen“, sagt Bathmann, ein Papier – eine „Unbedenklichkeitserklärung“, wie es im AWI auch heißt, die dann grünes Licht von beiden Ministerien für den Beginn der Düngung ermöglicht. Bathmann: „Bisher gibt es noch keinerlei Verzögerungen im Zeitplan.“

Die Risikoabschätzung von internationalen Fachleuten wird vom BMBF bestellt. Mit einem  negativen Votum und schließlich mit einem Abbruch rechnet Bathmann jedenfalls nicht: „In keinem einzigen der bisherigen Eisendüngungsversuche sind negative Auswirkungen auf die Umwelt festgestellt worden“, warum sollte man also jetzt damit rechnen? Die natürliche Düngung durch eisenhaltige Partikel und Nährstoffe, die beim Schmelzen des antarktischen Eises regelmäßig zu Algenblüten führen, sei deutlich größer. Auch BMBF-Staatssekretär Frieder Meyer-Krahmer ist deshalb optimistisch:

„Wir gehen weiter davon aus, dass die Unbedenklichkeit gegeben ist. Das AWI und das Indish Science Council haben sich ja bereits mit dieser Frage befasst. Im Übrigen hat sich das AWI frühzeitig auch mit dem Umweltbundesamt abgestimmt.“

 „Auf jeden Fall beginnen wir erst mit der Düngung, wenn wir das Ok haben“, stellt Bathmann  für die Projektleitung klar.

Im BMBF war Mittwochnachmittag zu hören, dass mindestens „zwei unabhängige, international anerkannte Gutachter“ eingeschaltet werden sollen, die ihre Einschätzung dann auch tatsächlich in den nächsten beiden Wochen abzugeben haben. Wer diese Gutachter sein werden, sollte bis Mittwochabend geklärt werden.

Bild zu: Klima-Experiment nicht gestoppt! Eine Senkstofffalle wird zu Wasser gelassen. Mit der Falle werden zum Meeresgrund absinkende Algen aufgefangen. Foto: Alfred-Wegener-Institut

 

Warum aber hat all das nicht vor der Fahrt geklärt und das Projekt so in Gefahr gebracht werden können?

Immerhin steht nicht nur Stereuergeld, sondern auch der Ruf Deutschlands auf dem Spiel. Das internationale Forschungsprojekt war nämlich, nachdem die Planungen schon 2005 angelaufen waren, in einem von Bundeskanzlerin Merkel unterzeichneten Memorandum zwischen Deutschland und Indien im Jahr 2007 offiziell vereinbart worden. Dreißig indische Forscher sind jetzt an Bord der „Polarstern“, das wichtigste indische Institut, das National Institute of Oceanography, hat zusammen mit dem AWI die Projektleitung übernommen. Was für eine Schmach, wenn die große Polarforschungsnation Deutschland vor seinem Vertragspartner sich so demütigen lassen müsse und allein bürokratische Versäumnisse aus einer deutsch-indischen Expedition eine Kaffeefahrt machen würden.

 Um Versäumnisse geht es wohl nach Aktenlage tatsächlich. Obwohl wie gesagt die Bundesregierung auf höchster Ebene seit zwei Jahren eingeschaltet ist und, wie Bathmann betont, noch im Sommer vergangenen Jahres eine Delegation des AWI die Plane und Einzelheiten mit Fachleuten im Umweltbundesamt vorgestellt hat, gibt man sich jetzt in dem für das UBA verantwortliche Umweltministerium ahnungslos:  

 Zwar gibt man zu, deutlich vor dem Start von dem Projekt informiert worden zu sein und „aufgrund einer fachlichen Stellungnahme vom Umweltbundesamt vom 9.12.2008 in der Sache dem Auswärtigen Amt keine grundsätzlichen Bedenken geäußert“, allerdings hätten „noch Informationen, Risikoabschätzungen und Notfallmaßnahmen“ gefehlt, wie sie nach Überzeugung des BMU sowohl nach der Vertragsstaatenkonferenz zur Biodiversitätskonvention in Bonn im Juni 2008 und nach Vorgaben der Londoner Konvention „erforderlich gewesen wären“. Das sind Zitate aus einem internen BMU-Papier. Die frage ist natürlich, warum dies nicht früher, am besten gleich Anfang Dezember oder noch besser im Sommer auf dem Treffen im UBA moniert und eingefordert wurde. Bathmann wiederum besteht darauf, alle nach Stand der Bestimmungen der Londoner Konvention nötigen Unterlagen vorgelegt zu haben.

 „Die  Richtlinien für ein solches Umweltgutachten werden ja erst in diesem Jahr ausgearbeitet. Wir haben eine für uns richtige Risikoanalyse vorgenommen, aber wenn die nicht ausreichend sind, machen wir eben größere Abschätzungen.“

 Das BMU stützt sich in seiner aktuellen Einschätzung eher auf den Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, der „seit 2003 in seinen Gutachten mehrfach“ seine pauschale Ablehnung wegen „geringer Mengeneffekte“ für den Klimaschutz und „schwer abschätzbaren Risiken“ zum Ausdruck gebracht habe. So jedenfalls ist es in dem Schreiben des BMU-Staatssekretärs vom 9. Januar an seine beiden Amtskollegen Frieder Meyer-Krahmer und Cornelia Quennet-Thielen zu lesen.

 Negativ auf die Einschätzungen des BMU hat sich womöglich auch ausgewirkt, dass – wie es intern heißt – „der Gouverneur von Südgeorgien und die Regierung von Argentinien dem Forschungsschiff Polarstern untersagt“ habe, in deren Gewässern eine Ozeandüngung mit Eisensulfat durch zu führen. Tatsächlich war nach Auskunft Bathmanns weder geplant, in den Küstengewässern zu düngen, noch habe man derartiges angefragt. Man habe das Projekt lediglich angemeldet, dass man im Falle etwa von Notfällen oder bei Nachschublieferungen die entsprechenden Häfen anlaufen könne. Wissenschaftlich macht die Küste auch keinen Sinn, denn dort sind die Eisengehalte natürlicherweise schon so hoch, dass man dort den gewünschten Effekt vermutlich gar nicht beobachten könnte. In Wirklichkeit ist die Düngung für ein dreihundert Quadratkilometer großes Gebiet im Südmeer vorgesehen, das  rund tausend Kilometer von den Küsten Argentiniens und etwa 250 Kilometer von Südgeorgien entfernt ist. Das ist einerseits, wie ursprünglich schon in der Planung gewünscht, nicht mehr in absolut offener See wie in früheren Experimenten,  aber auch nah genug am Festland, dass man eine reiche Meeresfauna und -flora vorfindet.

  Bild zu: Klima-Experiment nicht gestoppt!  Die antarktische Kieselalge Chaetoceros sp. gehört zum Phytoplankton, das die Basis des Nahrungsnetzes im Ozean bildet. Foto: Richard Crawford, Alfred-Wegener-Institut

 

Die Artenvielfalt ist freilich genau der Haken, den das BMU jetzt sieht. Seit nämlich Umweltminister Gabriel im Sommer vorigen Jahres das „De-facto-Moratorium“ – jedenfalls für großflächige Düngung – für die Eisendüngung als eines seiner herausragenden Erfolge auf der Bonner UN-Konferenz zur Biodiversitätskonvention (CBD) herausgestellt hat, geht es auch um das Prestige. Deutschland hat seit Bonn und nach wie vor die  CBD-Präsidentschaft inne. Und so will man jetzt nicht als ausgerechnet derjenige dastehen, der den Bonner Beschluss als erstes bricht. In der Pressestelle des BMU jedenfalls heißt es: „Es ist einfach eine schlechte Zeit, dieses Experiment jetzt durchzuführen. Deutschlands Ruf steht auf dem Spiel.“ Kaum hatten die Umweltverbände nach der Initiative der kanadischen Umweltorganisation ETC davon vor einiger Zeit Wind bekommen, sind sie auch schon aufgesprungen, um ihren Lieblingsminister an sein Bonner Versprechen zu erinnern: Die „Aktionskonferenz Nordsee“ sah schnell das „deutsche AWI“ (als gäbe es ein ausländisches AWI)  auf  Abwegen, geißelte den „größenwahnsinnigen Plan der Forscher“ und der WWF sieht Deutschland in der Pflicht, das „Verbot riskanter Experimente auf hoher See“ dauerhaft zu verhindern.

Da ist die moralische und juristische Meßlatte mal wieder ganz ganz hoch gehängt worden. Allen wird man es dennoch nicht recht machen können.  In Wirklichkeit geht es jetzt in dem Hin und Her zwischen den Berliner Ministerien  doch nur um die Angst, das Gesicht nicht zu verlieren. Entweder bringt man tatsächlich sein Renomee als international verlässlicher Forschungspartner in Gefahr oder  eben jenen in Bonn hart verdienten Ruf als ökologischer Vorkämpfer. Dabei liegt die Lösung doch auf der Hand:  Lohafex wird als „kleinflächiges Experiment“ im Sinne des Bonner CBD-Beschlusses deklariert (wer bestimmt eigentlich, was Experiment groß ist? Steht nicht im Bonner Papier), und wenn dann noch alle möglichen Umweltvorsorgemaßen deklariert – meinetwegen auch ganz detailliert auf dem Online-Wochenbericht des Forscherteams und an Eides Statt – dann könnte der Spuk um ein Forschungsprojekt schnell vorbei sein. Über die großflächige Anwendung, also auch über Sinn und Nutzen solcher Maßnahmen für den Klimaschutz, ist damit doch noch gar nichts entscheiden.

 

 

  

    

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1 Lesermeinung

  1. Die Bibel sagt das der Mensch...
    Die Bibel sagt das der Mensch sich die Erde untertan machen solle. Insofern ist eine Nutzung der Antarktis geboten. Das Antarktismoratorium sollte aufgekuendigt werden. Oel, Gas und andere Rohstoffe koennen gefoerdert werden. Atommuell liesse sich preiswert im ewigen Eis unterbringen, s. oekoreligion.npage.de „Atommuell ein oekologisches Problem“. Wenn die Eisenduengung einer seltsamen CO2 Religion geschuldet ist sollte man diese einstellen. Wenn die Kosequenz eine grosse Menge leckerer Fische ist dann sollte man dieses Projekt ausweiten.
    Vandale

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