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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Klimaschutz im Kreuzfeuer: Was blüht da am Südpol?

Vorab: Die aktuellen Entwicklungen in dem Fall gibt es hier Die Polarforschung ist es ja eher gewohnt, dass Umweltschützer ihre Ermittlungen in den...

Vorab: Die aktuellen Entwicklungen in dem Fall gibt es hier

Die Polarforschung ist es ja eher gewohnt, dass Umweltschützer ihre Ermittlungen in den polnahen Gewässern mit reichlich Neugier und noch mehr ökologischem Wohlwollen  begleiten. Diesmal aber liegen die Dinge wohl deutlich anders. Da weht der Besatzung der „Polarstern“, die am 7. Januar von Kapstadt aus in die antarktischen Gewässer ausgelaufen ist, ein verdammt scharfer grüner Wind entgegen.  Es geht um „Lohafex„, ein deutsch-indisches Forschungsprojekt zur Eisendüngung des Südlichen Ozeans,  das vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven und vom indischen Natinal Institute of Oceanography organisiert worden ist.

Bild zu: Klimaschutz im Kreuzfeuer: Was blüht da am Südpol? (Foto AWI)

Kaum war das Flaggschiff unter den deutschen Forschungs- und Versorgungsschiffen zu ihrer neuen Mission aus dem Kapstädter Hafen ausgelaufen, da traten ein paar internationale Umweltorganisationen (wenn auch – noch – nicht die prominentesten) mit der kanadischen  ETC-Gruppe an der Spitze auf den Plan. Sie haben schwere rhetorische Geschütze gegen die Polarforscher aufgefahren. Ihr Vorwurf: Gefährdung des Meeresökosystems und ein grundsätzlicher Verstoß gegen einen nicht einmal ein halbes Jahr alten Beschluß der Vertragsstaaten zur Biodiversitätskonvention sowie gegen Bestimmungen der Londoner Konvention über die Verhütung von Meeresverschmutzunge.

 Tatsächlich haben auf der jüngsten Vertragsstaatenkonferenz der Biokonvention in Bonn, der Cop-9, die beinahe zweihundert Regierungsvertreter eine Vereinbarung hinsichtlich der Eisendüngung der Meere getroffen. Es geht um Entscheidung IX/16 vom Sommer 2008. Darin wird  unter Punkt C die grundsätzliche Zurückhaltung bei der Anwendung der Eisendüngung als technologische  Klimaschutzmaßnahme – als Geo-Engineering – zum Ausdruck gebracht. Tatsächlich ist das Verfahren unter Wissenschaftlern heftig umstritten. Die Frage ist vor allem, welche ökologischen „Kollateralschäden“ das tonnenweise Ausbringen von Eisenverbindungen  mit sich bringen könnte und wie sinnvoll die Maßnahme überhaupt im Hinblick auf den Klimaschutz ist. Denn die Idee, durch die Düngung riesige Phytoplantonblüten hervorzurufen, entsprechende Mengen Kohlendioxid im Algenmaterial zu  binden und durch Abrieseln des abgestorbenen Materials auf den Meeresgrund quasi geologisch als dauerhafte Kohlenstoffsenke zu entsorgen, diese vergleichsweise einfach scheinende Lösung könnte nach Ansicht einiger Umweltschützer die Bereitschaft bei einigen Ländern zu drastischen Emissionsreduzierungen erheblich schmälern. Zudem waren die Experten nach den bisher fünf aussagekräftigen  Düngungsexperimenten  zu keinem einheitlichen Urteil gekommen, was das Nutzen-Risiko angeht. Der Neuseeländer Philip W. Boyd zum Beispiel hat kürzlich in einem Kommentar für Nature Geoscience die Ozeandüngung als Klimaschutzmaßnahme eher kritisch bewertet und andere technische Lösungen, etwa die künstliche Erzeugung albedoverstärkender Wolken, deutlich besser eingestuft.

Bild zu: Klimaschutz im Kreuzfeuer: Was blüht da am Südpol? (Übersichtfoto der Planktongemeinschaft drei Wochen nach Eisendüngung. Typische Arten südpolarer Kieselalgen dominieren die künstliche induzierte Blüte. Foto: Philipp Assmy, Alfred-Wegener-Institut)

Aus der uneindeutigen Lage hatte man in Bonn den Schluß gezogen, dass die Eisendüngung jedenfalls als großangelegte und finanziell (etwa mit Emissionszertifikaten) sanktionierbare Klimaschutzmaßnahme vorerst ausscheidet. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hat damals über das „De-facto-Moratorium“ gejubelt. Doch unter Punkt 4 des Beschlußes heißt es auch klar, dass Ausnahmen für „kleinere Experimente in Küstennähe“ Ausnahmen erlaubt sein sollen. Und genau um ein solches Experuiment handelt es sich jetzt bei Lohafex, ließ das AWI gestern auf Nachfrage wissen. Auch mit der Londoner Konvention wähnt man sich „im Einklang“, wie es in der  offiziellen Pressmittelung heißt, die Dienstagnachmittag verschickt wurde. Die möglichen Umweltbelastungen seien vor Fahrtbeginn abgeklärt worden.

Aus Berlin jedenfalls soll man aus dem Grund längst grünes Licht bekommen haben. Und deshalb ist wohl letztlich auch kaum damit zu rechnen, dass das bis 17.März geplante Projekt der 48 Wissenschaftler (30 davon sind Inder) nach den Einwänden der Umweltschützer anders als in dem seit 2005 ausgearbeiteten Plan ablaufen oder gar ganz abgebrochen werden soll – auch wenn den Umweltschützern genau das schon bei zwei privaten Projekten angeblich  gelungen war.

Wieso aber rechnen die Forscher überhaupt damit, ein aussagekräftigeres Resultat als in früheren Experimenten zu erhalten? Immerhin hatte man allein mit der Polarstern bereits an zwei der fünf Düngungsversuche teilgenommen. Zuletzt an dem europäischen Projekt „Eifex„, das vor knapp drei Jahren, also kurz vor den ersten Planungsschritten für Lohafex, abgeschlossen wurde. Damals hatte man sogar dreizehn Tonnen Eisensulfat ausgebracht und damit eine Algenblüte über eine Meeresfläche von knapp 400 Qudratkilometern erzielt. Durchaus optimistisch, wenn auch nicht als Ersatz für Emissionsreduktionen schätzte man das Ergebnis seinerzeit ein.  Allerdings hatte man damals auch wegen der Kürze des Versuchs das Absinken der Einzelleralgen nicht komplett verfolgen oder gar  messen können. Zudem war  der Eisendünger auf offener See verteilt worden, die generell als unproduktiver als die Küstenregionen gilt. Das alles soll jetzt anders werden. Während der 45 Tage in dem Lohafex-Experiment will man nicht nur die Algenblüte bis zum Absinken der Kohlenstoffpartikeln auf den Meeresgrund mit neuen Analysemethoden erfassen. Die Polarstern-Forscher wollen erstmals auch, wie eine Sprecherin des AWI sagte, deutlich „umfangreichere Biodiversitätsuntersuchungen“ vornehmen. In Küstennähe, wo diesmal die Düngung stattfindet, könnten auch tatsächlich aussagekräftigere ökologische Daten gewonnen werden. Denn hier in den produktiveren Meeresabschnitten  ist die Artenvielfalt generell größer.

 Vor allem will man herausfinden, wie der Krill, ein Zooplankton, das als wichtigsten Nahrungsquelle für viele Tiere gilt, auf die Algenblüze reagiert. Ob er sich anlocken läßt und besser gedeiht? In den vergangenen Jahren ist in vielen Gegenden vor den Küsten des Südpolarmeers  beim Krill ein – bisher noch ungeklärter – Rückgang von rund zwanzig Prozent verzeichnet worden. (Mehr dazu hier)

 Wie auch immer die Ergbnisse aussehen, ob sich die Eisendüngung  damit als potentielle Gegenmaßnahme für den Klimaschutz doch noch qualifizieren kann, ist völlig offen. Am Ende müssen sicher auch die Politiker überzeugt werden. Doch auf die zählen auch die Umweltschützer in ihrem Feldzug gegen die Kommerzialisierung der Ozeandüngung. In den kommenden Tagen schon sollen sich die Vertreter der Vertragsstaaten in der Londoner Konvention  nochmals treffen und konkret über die Zulassung von solchen Experimenten beraten. Doch wie, ist zu fragen, will man sich eigentlich ein objektives Urteil bilden können, wenn aussagekräftige Daten fehlen und immer wieder (wie in dem Bonner Beschluss der Biokonventionsstaaten) eingefordert werden. Ohne Experimente wird man jedenfalls keine Klarheit bekommen.

Vom Mittwoch, den 14. Januar,  an, werden wir vielleicht ein genaueres, jedenfalls authentischeres Bild erhalten. Und vor allem Informationen aus erster Hand. Von da an nämlich haben sich die Forscher um AWI-Projektleiter Victor Smetacek vorgenommen, jeweils im Wochenabstand einen Statusbericht auf der  Homepage des Instituts (hier) zu publizieren. Wir sind gespannt.   

 

 

 

 

 

 

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