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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Fluch der Algen oder Ein Umweltminister in Seenot

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Wenn Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) jetzt nicht schnell die Kurve kriegt und eine diplomatische Formel findet, die heisse Luft, die seine...

Wenn Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) jetzt nicht schnell die Kurve kriegt und eine diplomatische Formel findet, die heisse Luft, die seine Ministeriumsangestellten die letzten Tage über das Südpolarmeer geblasen haben, ganz schnell abzukühlen, dann wird er sich bald selbst die Finger daran verbrennen. Oder riskiert er tatsächlich den politischen Showdown und den offenen Konflikt  mit seiner Kabinettskollegin, Forschungsministerin Annette Schavan (CDU)?

 

Seit Freitagabend jedenfalls hat  die Angelegenheit  mit dem deutsch-indischen Algen-Düngungsexperiment „Lohafex“ endgültig die große Bühne der Öffentlichkeit erreicht, nachdem nun auch der unbestechliche Claus Kleber und seine Kollegen vom  „Heute-Journal“ die Sachlage in einem Kurzbeitrag aufgerollt haben. Es geht um die wissenschaftlich nicht unwichtige Frage: Wieviel Kohlendioxid lässt sich durch die Erzeugung einer künstlichen Algenblüte am Meeresgrund „entsorgen“.  Bei Lohafex soll das quasi im Kleinen geklärt werden, wenigstens im Rahmen des Möglichen. In dem Nachrichtenstück des Heute-Journals, das optisch und journalistisch zauberhaft zwischen Polarabenteuer, Forscherhybris und ökologischer Dämonisierung changierte, lautete die (unbeantwortete) Frage am Ende: „Nützliche Forschung oder Gefährdung der Umwelt?“

  Bild zu: Fluch der Algen oder Ein Umweltminister in Seenot   Ergebnis einer Eisendüngung im Rahmen des europäischen Vorgänger-Experiments „Eifex“ vor ein paar Jahren. Die hellgrünen Schlieren und Flecken zeigen die Algenblüten – die künstlich erzeugte neben vielen natürlichen Algenteppichen.

 

Eine ganze Menge Leute haben sich mit ihrer Antwort inzwischen festgelegt. Sie betrachten die Düngung (Einzelheiten zum Projekt hier und hier)  als eine ökologische Riesenferkelei und haben es geschafft,  das  Bundesumweltministerium vor sich herzutreiben. Zitat der Umweltkreuzritter:

 

„1200 Leute aus 63 Ländern haben Hunderttausende von Emails an die deutsche Regierung versendet.“

 

Ob diese ökologischen Trittbrettfahrer der kanadischen Umweltgruppe ETC, die sich die Skandalisierung der Meeresdüngung  schon vor längerer Zeit zum Schwerpunkt ihrer Arbeit gewählt hat, den Versuch unternommen haben, das zur Debatte stehende Forschungsexperiment überhaupt zu verstehen versucht haben, sei mal dahingestellt. Die wissenschaftlichen Hintergründe hätten sie leicht recherchieren können, sie sind publiziert und hier auf der Homepage des Alfred-Wegner-Instituts für jeden verständlich aufbereitet. Wer das liest, wird kaum in Zweifel ziehen, das die mittlerweile beauftragen drei internationalen Fachgutachter überhaupt keinen Anlass haben, von einer nennenswerten Gefährdung der Umwelt überhaupt auch nur auszugehen. Was da passieren wird, wenn die knapp fünfzig Polarforscher (im Dienste der Klimaforschung!) in den nächsten Tagen die zwanzig Tonnen Eisensulfat ausbringen, ist mit dem Ausdruck Umweltgefährdung allenfalls zu karikieren. Natürliche Algenblüten sind von ganz anderer Dimension, um ein bis zwei Größenordnungen größer. Und wenn man sich dann noch etwas weiter entspannt und sich vor Augen hält, dass es sich hier um ein ForschungsEXPERIMENT und nicht etwa um die vorsätzliche sinnlose Verunreinigung (oder gar „Verklappung“, wie schon zu hören ist – fehlt nur noch der Zusatz kriminell) des Südmeeres weit vor der Antarktischen Insel handelt, dann wundert man sich schon über die mediale Eskalation der vergangenen Tage. Entspannung tut Not.

Das Ministerium Gabriels will jedenfalls sein Gesicht nicht verlieren, weil es in den Biodiversitätsverhandlungen in Bonn vor einem dreiviertel Jahr ein (allerdings nicht vollständiges) „De-facto-Moratorium“ als Erfolg deutscher Umweltdiplomatie verkauft hat – und riskiert es doch, wenn die absehbaren Ergebnisse der Gutachten vorliegen und das Forschungsministerium die Fahrt  der Polarstern nicht mutwillig und sinnloser Weise  abbrechen sollte (ein Abbruch hätte seinerseits den Gesichtsverlust als Forschungspartner in internationalen Projekten zur Folge). Und wer in Berlin will schon dem Volk erläutern müssen, wieso die Polarstern auf ihrer dann offiziell  genehmigten Spazierfahrt in die Antarktis einige Millionen an  Steuermittel in den Südpolarhimmel verblasen muss? 

 

Der Versuch des AWI  Mitte der Woche jedenfalls, alle Beteiligten in Berlin (die beiden Minister waren nicht anwesend) zu informieren und etwas Druck aus dem Kessel zu nehmen, war nur zu verständlich. Die Forscher haben, wie AWI-Direktorin Lochte nüchtern darlegte,  nicht nur allen Grund für die Annahme, sich juristisch im Rahmen der gegenwärtig geltenden internationalen Regelungen zu bewegen (siehe nochmals die Analyse). Sie stehen auch moralisch auf der  besseren Seite. Und zwar nicht nur, weil sie das seit vier Jahren vorbereitete Forschungsprojekt rechtzeitig mit den  Umweltverantwortlichen in Berlin besprochen hatten und damals keinerlei grundsätzlichen Einwände erhoben wurden, sondern auch, weil es sich hier ganz klar um ein nach allen geltenden Definitionen kleinskaliges Experiment der Grundlagenforschung (und nicht etwa um ein kommerzielles Großprojekt) handelt.

Bild zu: Fluch der Algen oder Ein Umweltminister in Seenot   Das Südpolarmeer rund um die Antarktis. Links unterhalb der Südspitze des südamerikanischen Kontinents die Antarktische Halbinsel. Das Dünge-Experiment soll nicht weit davon, noch im Südmeer mit dem Zirkumpolarstrom stattfinden. Foto: NERC

 

 Einer der renommiertesten Sprecher der wissenschaftlichen Klima- und Umweltbewegung, Stephen Schneider von der Stanford University, hat vor kurzem  in einer Spezialausgabe  der „Philosophical Transactions“ der Royal Society (Phil. Trans. R. Soc. A, doi:10.1098/rsta.2008.0145) die – auch unter Klimaforschern heute – vorherrschende Meinung zusammengefasst. Unter der Überschrift „Geo-Engineering: Können wir oder sollen wir es möglich machen?“ wollte er ingenieurtechnische Lösungen zum Klimaschutz, sofern weiter eskalierende Emissionen von Treibhausgasen und die Beschleunigung des Klimawandels diese Überlegungen geradezu erzwingen, grundsätzlich nicht ausschließen. Die letzte unter den derzeit verhandelten Gegenmaßnahmen zum globalen Klimaumschwung. Schneider schreibt am Ende unter Empfehlung fünf:

 

„(v) Finally, my last policy category in the sequence is to consider deploying

geoengineering schemes. However, as has been said by all in this volume, and

as I fully agree, R&D is needed and should be an early part of the climate

policy investment sequencing, even if deployment is the last resort.“

  

Forschung ist also „notwendig“, jedenfalls zu diesem frühen Zeitpunkt. Und zwar auch dann, wenn man Gefahr laufen sollte, die politischen Anreize zur Emissionsminderung bei dem einen oder anderen zu schmälern. Der Grund ist ein ganz pragmatischer, auch  für Schneider: Am Ende, wenn plötzlich alle nach schnellen Lösungen rufen, wird man froh sein, wenn durch die Forschung rechtzeitig und einigermaßen sicher geklärt worden ist, welche der derzeit diskutierten – aber noch kaum erforschten – technischen Entsorgungswege für Treibhausgase die effektivsten und schonendsten sind.

 

 Könnte sein, dass die Einsendügung der Meere da schon längst ausgeschieden ist, weil sie sich als ineffektiv oder gar kontraproduktiv erwiesen hat. Und den Ausschlag könnte dann vielleicht tatsächlich dieses (weltweit fünfte) deutsch-indische Forschungsprojekt geben. Aber wer wollte das heute wissen? Paul Crutzen, der Ozonforscher und Chemie-Nobelpreisträger, der vor zwei Jahren eine Art Sonnenschirm für die Erde aus Schwefelteilchen ins Spiel brachte, hatte mit seinem skurrilen Vorschlag auch genau das im Sinn: Anstoß geben zum ernsthaften Nachdenken und Forschung initiieren. Die Polarforscher auf der „Polarstern“ wollen eigentlich gar nicht mehr. Sie werden sich mit ihrem Experiment weder Ruhm noch Preise verdienen,  noch werden sie die Ökologie des Meeres ins Wanken bringen. Sie wollen nur etwas mehr Klarheit schaffen.

 

 Die Umweltschützer jedoch, die ihnen jetzt in die Parade fahren und vom „Größenwahn“ der Wissenschaftler sprechen, stilisieren das Experiment zum größten anzunehmenden Umweltfrevel hoch. Die Dämonisierung kennt offenbar keine Grenzen. Völlig überzogen warnen sie vor dem Leben in der „Frankensphäre“ – die Erdatmosphäre als Gegenstand böswilliger Manipulationen. Als wäre der Versuch der Klimakontrolle mit den Experimenten zur Meeresdüngung in die Welt gekommen. So etwas nenne ich dann Größenwahn.

Und auf solche Ratschläge hört man in Berlin? Mein Rat, gerne nochmal: Entspannen!  

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1 Lesermeinung

  1. Noch ist die Entscheidung, das...
    Noch ist die Entscheidung, das Experiment abzubrechen, ja nicht gefallen. Dass man eine solche nur wegen des Geklingels übergeschnappter, aber leider unterbelichteter Ökofaschisten überhaupt in Erwägung zieht, ist allerdings schon peinlich. Es zeigt wieder einmal, dass „Betroffenheitskultur“, auch genannt „Claudia-Roth-Syndrom“ angesichts des intellektuellen Niveaus der Handelnden sowie des überwiegenden Teils des Publikums wieder einmal wichtiger ist als Kompetenz.
    U. Reinking

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