Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Echte Kerle, keine Milchbubis

Da, die zweite Frage erfüllt alle Erwartungen. Ein Journalist in Chicago will genauer wissen, wie es um das "interbreeding"...

Da, die zweite Frage erfüllt alle Erwartungen. Ein Journalist in Chicago will genauer wissen, wie es um das „interbreeding“ steht: Haben sich Mensch und Neandertaler nun gemischt, oder haben sie nicht? Kaum, wenn überhaupt, was unser heutiges Gen-Erbe angehe, antwortet Svante Pääbo in die Kamera zur Live-Übertragung aus Leipzig. Und ob umgekehrt wir uns im Neandertaler-Genom verewigt haben, sei Teil der laufenden Forschung und „still totally open“.

Der schwedische Paläogenetiker vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie weiß, dass die Leute nichts brennender interessiert als diese eine Frage, und Pääbo beantwortet sie dann geduldig auch ein drittes Mal. Denn gleichzeitig mit den Kollegen in Chicago verfolgt die internationale Presse via Internet, was termingerecht zum Darwin-Jubiläum am späten Nachmittag in Leipzig verkündet wird, denn Thema ist die erste Sequenzversion des Neandertaler Genoms. It’s science, it’s showtime and Triple A-S!

Sehr viel mehr Details kann Svante Pääbo bei dieser Pressekonferenz allerdings nicht erzählen. Natürlich erklärt er, wie es überhaupt möglich ist, 38.000 Jahre alte DNA aus kroatischen Knochenfunden zu sequenzieren und Fehler dabei möglichst auszuschließen. Nur bei den Ergebnissen hält er sich zurück. Ihm bleibt nichts anderes übrig, weil die Daten erst ordentlich ausgewertet in einem Fachmagazin publiziert werden müssen.

Trotzdem gibt Pääbo ein paar Informationen, die er, ganz PR-Stratege im Stil eines Craig Venter, wie erlesene Pralinen präsentiert und uns Neugierige vorsichtig kosten lässt: Die Knochen von vier verschiedenen Fundorten werden derzeit analysiert. Etwa 63 Prozent der Neandertaler-Genoms sind nun entziffert: Daten, die letztlich viel mehr über den Homo sapiens und damit über unsere eigene Evolutionsgeschichte erzählen werden, als über den Neandertaler selbst.

Dass wir die gleichen afrikanischen Ahnen haben steht außer Zweifel. Inzwischen trennen diese beiden „Zweige im Busch der Hominiden Stammesgeschichte“, wie der Anthropologe Jean-Jacques Hublin die Verwandtschaftsbeziehung beschreibt, rund 830.000 Jahre Veränderung – 12,8 Prozent der Wegstrecke seit sich Schimpanse und Mensch vor rund 6,5 Millionen Jahren genetisch voneinander verabschiedeten. Und irgendwann einige Jahrtausende später gingen dann auch die Populationen von Homo neanderthalensis und Homo sapiens getrennte Wege.

Trotz aller Zurückhaltung mit den News-Pralinés in Leipzig, soviel ist immerhin schon sicher: Die jetzt entzifferten Neandertaler konnten als Erwachsene keine Milch vertragen, ihnen fehlt die genetisch bestimmte Laktosetoleranz, die heute vor allem bei Nord- und Mitteleuropäern verbreitet ist. Und damit entsprechen die Neandertalern ganz den Erwartungen, schließlich züchteten sie weder Ziegen noch Kühe, von erwachsenen Milchbubis konnten ihre Stämme also kaum profitieren.

Und eine Enttäuschung mussten all jene erfahren, die fest dran glauben wollten, dass wir vom Neandertaler die neuere Variante des sogenannten Microcephalins erbte. Ein Gen, das beim Menschen die Gehirngröße beeinflusst. Nein, die DNA-Sequenz weist ihn als Träger der bewährten etwa 1,7 Millionen Jahre alten Version aus, die heute noch in Afrika häufig ist. Die jüngere Variante ist laut den Berechnungen vor rund 40.000 Jahren entstanden und fand seither vor allem in Europa und Asien mehr Verbreitung. Aber wie auch immer sie hierher gelangte: Der Neandertaler jedenfalls ist unschuldig.

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