Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Jahrmarkt in Chicago (6): Tanze Deine Doktorarbeit

Auf der AAAS-Konferenz in Chicago präsentieren Wissenschaftler ihre Doktorarbeiten für Laienpublikum – als Tanz. Bei jedem zweiten Vortrag drängt sich danach die Frage auf: Wie hätte man nun das wieder getanzt? Rock’n’Roll am Labortisch? Beatbox vor dem Computer? Oder doch ein Walzer auf dem Parkett des schönen Geistes?

„Tanz mit den Wissenschaftlern“ – das klingt nach einer offiziösen Ball-Veranstaltung beim Treffen der Forschungsbegeisterten in Chicago. „Schrecklich“, erinnert sich auch John Bohannon, Initiator der Veranstaltung, an frühere wissenschaftliche Konferenzen. Immer wieder beobachtete Bohannon, der sich nach der Biologie-Promotion in Stanford für eine Karriere als Journalist entschied, wie Wissenschaftler spät am Abend doch noch auftauten. „Sie wirbelten erst dann über die Tanzfläche wie einst Fred Astaire, wenn längst keiner mehr zusah.“ Es wäre doch schön, dachte Bohannon, das Klischee vom „humorlosen Forscher“ auch vor einer breitere Öffentlichkeit aufzubrechen.

Also rief er im vergangenen Jahr Doktoranden, Postdocs und Professoren dazu auf, ihre Doktorarbeiten zu tanzen und sich bei YouTube einer Abstimmung zu stellen. Die besten der rund hundert Teilnehmer brachten es innerhalb weniger Wochen auf rund 15.000 Zuschauer, ihre Interpretationen reichten von Solo-Ballett und Modern Dance bis Tango und, nun ja, „freieren Formen“ wie der des Teams von Vince LiCata aus Louisiana, Gewinner in der Professoren-Kategorie. Ein Gruppentanz vermochte seine – durch ein Kühlungsverfahren vereinfachte – Hämoglobin-Forschung durchaus plastisch darzustellen. „Das Tanzen habe ich gewählt, weil ich mir sicher war, dass Forscher ihre Fachausdrücke am ehesten hinter sich lassen würden, wenn ich ihnen gewissermaßen den Mund verbiete“, erklärt Bohannon.

Die Düsseldorferin Miriam Sach, Neurowissenschaftlerin an der Universität von Kalifornien in Davis  und Siegerin in der Kategorie „Doktoranden“, brachte die positiven Nebeneffekte im Gespräch mit einer amerikanischen Zeitung auf den Punkt: „Keine der anderen Gewinnerarbeiten hätte ich sonst je gelesen – die Tänze haben mir einen ganz neuen Zugang verschafft.“ So kommt man doch ins Gespräch – Interdisziplinarität auf der Tanzfläche mal anders.

Sach stellte in einer Solovorstellung auf YouTube ihre Dissertation mit dem Titel „Durch Beugung regelmäßiger und unregelmäßiger Verben induzierte Hirnaktivierungsmuster mit Positronen-Emissions-Tomographie“ vor. Sie und die anderen Gewinner durften beim „Tanz mit den Wissenschaftlern“ in einem renovierten Industriekomplex am Stadtrand von Chicago in der ersten Reihe Platz nehmen – ihre Ideen wurden hier von professionellen Tänzern und Choreographen umgesetzt.

Nicht, dass Laien die komplizierten Forschungsthemen wie „Single Molecule Measurements of Protelomerase TelK-DNA Complexes“ wirklich erkannt hätten. Doch nach dem Kunstgenuss fiel es in den folgenden Tagen auf der Konferenz mehrfach schwer, sich die provokante Frage zu verkneifen: Wie hätte dieser Referent oder jener Forscher wohl ihr Projekt getanzt?

Wie zum Beispiel wäre die in mehreren Foren thematisierte Anpassung an den Klimawandel am wirksamsten darzustellen gewesen? Ein einfacher Striptease reicht längst nicht mehr – die Zeiten, als Klimawandel einfach mit steigenden Temperaturen gleichgesetzt wurde, sind Geschichte. In der Folge einige Vermutungen – alle hoch spekulativ, und hoffentlich dennoch aufschlussreich – wie John Bohannons Aufforderung hätte befolgt werden können. „Benutzen Sie Ihren Körper und eine frei gewählte Musik, um ihre Forschung zu erklären.“

 

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      • In einen Mutter-Kind-Tanz, der gleich mit der Geburt beginnt, ließen sich die Ergebnisse von Meredith Rowe und Susan Goldin-Meadow von der University of Chicago übersetzen. Sie fanden heraus, dass Eltern mit hohem Einkommen ihren Kindern gegenüber mehr Mimik und Gestik einsetzen, und dass das zu umfangreicherem Vokabular führt. Zu bessserer Ausdrucksfähigkeit also – wenngleich weiterhin viele erfolgreiche Tänzer aus äußerst armen Verhältnissen kommen …

      • Einen Tanz auf dem Vulkan lesen manche Medien aus dem Update zum vierten IPCC-Bericht heraus, das auf der AAAS-Konferenz vorgestellt wurde. So warnte IPCC-Forscher Chris Field (Stanford), höhere Temperaturen könnten zu mehr tropischen Waldbränden und stärkerem Auftauen der arktischen Tundra führen als bisher angenommen – und somit Treibhausgasemissionen und Temperaturen weiter aufschaukeln als im letzten IPCC-Bericht angenommen. Das „Worst-Case-Szenario“ wäre somit noch nicht schlimm genug gewesen.

      • Nicht erst jetzt können Computer mindestens so feine Tanzbewegungen generieren wie die frühabendlichen Wissenschaftler, die John Bohannon zu seinem Wettbewerb inspirierten. Das Nationale Zentrum für Supercomputer-Anwendungen (NCSA) in Urbana-Champaign stellte in Chicago sein „Blue Waters“-Projekt vor: Der Hochleistungsrechner soll 2011 fertig gestellt werden und dauerhaft mehr als eine Trillion Rechenoperationen pro Sekunde („ein Petaflop“) durchführen können – den genauen Spitzenwert will der Kooperationspartner IBM bisher nicht bekannt geben, doch er dürfte sogar noch mindestens eine Ordnung höher liegen.

      • Egal wie er ausgesehen hätte: Der Tanz zur Antibiotika-Resistenz von Bakterien hätte wohl unter Wasser stattgefunden: Forscher aus North Carolina haben aus marinen Schwämmen Verbindungen extrahiert, die dauerhaft jene Biofilme zersetzen können, welche Baktieren vor vielen herkömmlichen Antibiotika schützen. Und der Chemiker Peter Moeller von der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) stellte unveröffentlichte Ergebnisse vor, nach denen diese Verbindungen auch methicillin-resistente Staphylokokken (MRSA) wieder für herkömmliche Antibiotika sensibilisieren könnten. Nach seiner Ansicht ließe sich das für medizinische Geräte wie Stents oder Prothesen verwenden, um die Bildung von Biofilmen zu verhindern.

      • Noch eine düstere Botschaft zum Klimawandel kam vom deutschen Klimaforscher Stefan Rahmstorf und weiteren Experten für den vorhergesagten Anstieg des Meeresspiegels – als Tanz würde sie wohl dem Untergang zu würdevollen Geigenklängen nachempfunden, den eine Gruppe von Musikern im Film „Titanic“ zum Besten gab. Er habe auf der Anreise im Flugzeug seine Berechnungen zum Meeresspiegelanstieg noch einmal durchgespielt, sagte Rahmstorf. „Das ist noch nicht hieb- und stichfest, aber ich bin immer mehr der Meinung, dass wir bis zum Jahr 2100 einen Meeresspiegelanstieg von mehr als einem Meter erleben werden.“ Das langfristige Gleichgewicht des Meeresspiegels mit den künftig erwarteten Temperaturen, wird ohnehin noch höher liegen.

      • Vielleicht hätte ein Schlangenmensch für die ersten Schritte gereicht, doch spätestens bei komplizierteren Faltungen wäre die Tanzbarkeit neuer aus Origami abgeleiteter Techniken gegen Null gegangen. Nachdem Mathematiker bereits in den 90er Jahren nachgewiesen hatten, dass man ein Stück Papier in jede beliebige Form falten kann, und Origami-Methoden zur sparsamen Verstauung von Teleskopen für die Raumfahrt eingesetzt hatten, scheint der Fokus nun auf ästhetischer bzw. ökonomischer Faltung zu liegen. Programme wie der Origamizer minimieren die Zahl der Falzen und Flächen, um beliebige Objekte aus einem einzigen Stück zu erstellen. Auch für Herzoperationen versprechen sich Forscher viel von Werkzeugen, die durch winzige Schläuche in den Körper eingeführt und dort gewissermaßen „origamisch“ entfaltet werden können. 

Vielleicht fallen Ihnen selbst bald weitere Forschungsergebnisse auf, die sich tänzerisch leicht umsetzen ließen. Umso besser, wenn Sie das passende Musikstück gleich mitliefern …

 

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