Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Lost in Evolution (2): Familienfluch oder Segen der Top-10-Listen

Kaum sind die Oscars vergeben, die besten Filme, Regisseure und Schauspieler von einer Jury bestimmt, amüsiert man sich mit anderen Kategorien, darf die...

Kaum sind die Oscars vergeben, die besten Filme, Regisseure und Schauspieler von einer Jury bestimmt, amüsiert man sich mit anderen Kategorien, darf die Öffentlichkeit über Tops & Flops der Abendgarderobe entscheiden. Es soll Gewinner und Verlierer geben, prachtvolles Gefieder überall, nur damit wir es jetzt mit Vergnügen rupfen.

Und weil uns die Konkurrenz frei nach Darwin/Huxley in allen Lebenslagen zum Kampf fordert, sind Bildergalerien zur Tüllorgie in Hollywood die gefragten Online-Seiten. Niemand verzichtet auf das beliebte Gesellschaftsspiel: Mal dürfen Leser die Dekolletés nur betrachten, mal müssen sie Scharfrichter spielen oder einem Modeguru das Urteil über „Hits&Misses“ überlassen. Was dabei heraus kommt? Eine Liste, genauer gesagt: ziemlich viele Listen, die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden …

Nur selten können dann Nude-Nuancen mit nobler Hautblässe konkurrieren, und was sind schon Seidenvolants im Vergleich mit dem Faltenwurf des weiblichen Körpers? Bei soviel Schönheit sucht das Auge Trost: The Independent weiß, was Frauen fern des roten Teppichs brauchen, und bietet zum Defilee echte Praxishilfe – mit den zehn besten Dampfbügeleisen. Überhaupt scheinen Briten an lebensnahen Tipps sehr interessiert, auf der Insel werden Gummistiefel ebenso wie Sexspielzeug oder Winterbier selektiert.

Die Qual der Wahl beim Zusammenstellen erbarmungsloser Ranglisten mag Zauderer schrecken, nicht jedoch das Time Magazine, das in der Rubrik Best & Worsts Lists einen Pranger für die 25 Verantwortlichen der Finanzkrise errichtet hat. Aber selbst JAHRE können sich hier der strengen Prüfung nicht entziehen, die „Top 10 Everything of 2008″ geben in 50 Sparten den ultimativen Überblick. Wer die besten Tiergeschichten und Ernährungstrends schon kennt, wird sich wahrscheinlich über „Skandale“ freuen und „wissenschaftliche Entdeckungen“, die er sonst nie gemacht hätte.

Vielleicht weiß nicht nur Science, was ein Durchbruch ist, und nicht jeder muss gleichsam, gar dem Fachorgan hörig „reprogrammierte Zellen“ favorisieren. Extrem wichtig, klar, aber top? Offenbar nicht, auch eine Frage des Geschmacks – das Time Magazine jedenfalls feiert andere Superstars. Den „Large Hadron Collider“ etwa, der nicht die Welt zerstörte, sondern nur sich selbst und deshalb reparaturbedürftig Platz 1 einnehmen darf.

Es folgen weitere unvergessliche Momente der Wissenschaft, doch besondere Aufmerksamkeit gebührt Platz 8, wo man das (ausgestorbene) Mammut in einem Jurassic Park wiederbelebt – wenn nicht bald, ach ja, dann irgendwann. Gut, Stephan Schuster leistet mit seinen Penn.-State-Genetikern gründliche Arbeit, aber muss aus jedem DNA-Schnipsel, den man nach Jahrtausenden des Verfalls jetzt entziffert und mühsam rekonstruiert, gleich ein Paläozoo entstehen? Und muss sich in jedem Erdloch eine Schatzkammer auftun?

Zugegeben, die zwölf Grabstätten von Eulau in Sachsen-Anhalt beeindrucken. Rund 4600 Jahre alten Skelettfunde zeugen von roher Gewalt, trotzdem wurden die menschlichen Überreste einst sorgfältig begraben, gemäß der Schnurkeramik-Tradition, und in kleinen Grüppchen arrangiert. Vor allem ein Grab zieht Betrachter in seinen Bann, denn es beherbergt vier Leichen auf besondere Art und Weise. Zwei Erwachsene, zwei Kinder: macht also prompt Platz 10 für die erste Familie.

Nun ja, die erste (oder älteste) Familie der Menschheitsgeschichte wird kaum Sachsen-Anhalt zur Heimat haben. Dazu bedarf es nur wenig Phantasie: Ohne Väter und Mütter keinen Homo sapiens, ohne irgendwelche Familienbande kein Überleben. Und eine besondere enge Verwandtschaftsbeziehung ist der frühen Kernfamilie längst nicht so felsenfest ins Gebein geschrieben, wie es die Schlagzeilen im Namen der Archäologen verkündeten.

Zwar wurden den Knochen vorsichtig Proben entnommen und genetisch analysiert. Allerdings hätte das Resultat (im November 2008 in PNAS veröffentlicht) in keinem Vaterschaftstest heute Bestand. Labors prüfen dafür meist 15 Merkmale, den Eulau-Entdeckern genügten dagegen schon eine Handvoll, um vom Schicksal der Vater-Mutter-Söhne zu erzählen. Eine schaurig-schöne Geschichte, wirklich, aber aus Spekulationen lässt sich kein Lorbeerkranz binden, geschweige denn damit die Top Ten der Wissenschaft erklimmen.

Mal abgesehen von den unerreichten Weihen, muss die Interpretation der Funde keineswegs falsch sein. Warum sollte jemand vier Fremde dicht an dicht, die Gesichter einander zugewandt, in einem Gemeinschaftsgrab beerdigen?

Und braucht „Familie“ überhaupt eine genetische Legitimation? Antworten kennt die Evolution, und vielleicht führt sie heimlich eine Liste: „Regeln & Ausnahmen“.

Ein Song zur Geschichte: Le plus beau du quartier, Carla Bruni

 

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