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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Klimawandel in London (1)

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Die amerikanische Energierevolution hat jetzt eine Farbe: nicht grün, nicht blau, nein, der  Grundton der neuen Washingtonen Klimapolitik ist eindeutig...

Die amerikanische Energierevolution hat jetzt eine Farbe: nicht grün, nicht blau, nein, der  Grundton der neuen Washingtonen Klimapolitik ist eindeutig weiß. Präsident Obamas Energieminister Steven Chu hat die Farbe der Jungfräulichkeit und Unsterblichkeit nach einem vertiefenden Gespräch mit seinem Freund und Ex-Kollegen Art Rosenfeld vom Lawrence Berkeley National Laboratory in Kalifornien für sich entdeckt, wie er jetzt in London erzählte.

Treffen der Nobelpreisträger

Die zwanzig Nobelpreisträger, denen er das anvertraute und die die gestern auf Einladung der University of Cambridge und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung in London mit gut vierzig Klimaexperten zum zweiten Laureaten-Symposium „Global Sustainability: A Nobel Cause“ in den altehrwürdigen St. James Palace zusammengetroffen sind, staunten da nicht schlecht. Hatten sie in einigen Vorträgen zuvor schon den einen oder anderen aufrüttelnden  Rundumschlag zur globalen Energieverschwendung gehört, so hat doch Chu mit seinem Ingenieurskalkül wirklich beeindruckt. Wie überhaupt die zupackende und trotz alledem zurückhaltende Art des amerikanischen Staatsmanns – selbst Physik-Nobelpreisträger – niemanden kalt lassen konnte. Man muss sich das vorstellen: Da sitzt der Mann, von dem die britische „Times“ etwas überschwenglich schreibt, dies sei der Mann, der die Welt retten soll, und reiht sich still und leise in der zweiten Sitzreihe des Symposiums ein – als gäbe es nichts Selbstverständlicheres für ein Kabinettesmitglied des Weißen Hauses, als sich acht Stunden lang, von Mitte bis Ende der Woche, die überhöhungen  und Vertiefungen wissenschaftlicher Evaluationen  zum Klimawandel anzuhören.

 

Bild zu: Klimawandel in London (1) Auftakt-PK: PIK-Direktor Hans Joachim Schellnhuber, US-Energieminister Steven Chu, Präsident der Royal Society, Martin Rees. Foto J. Müller-Jung

 

 

Über den Verlauf und die Highlights dieses elitären Londoner Zusammentreffens gibt es schon jetzt zur Halbzeit einiges zu berichten. Zum Beispiel auch über die engagierte Offensive des britischen Thronfolgers Prinz Charles, dessen durchaus nicht langweiligen, ja abschnittsweise sogar virtuosen Auftritte im umweltpolitischen Ballspiel inzwischen bekannt sind. Chu und Charles haben sich also unter den Augen der Laureaten die Bälle im St. James Palace zugespielt, dazu noch Nicholas Stern und die grüne Powerfrau des Südens, Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai. Bild zu: Klimawandel in London (1)  Steven Chu bei seiner Rede im St. James Palace. Foto J. Müller-Jung

Keiner aber spielte sich so überzeugend in die Herzen wie Steven Chu mit seinen weitgehend pathosfreien  Rechenkünsten zur an- und ausstehenden amerikanischen Effizienzrevolution.

Elefantengras, Solarzellen aus Nanolaboratorien, neue Apparate zur künstlichen Photosynthese, bionische Transportmittel, programmierbare Bakterien- und Hefepilzkulturen für die Spritgewinnung, revolutionäre Dämmungsprogramme für Hausbesitzer – keine von seinen Ideen für das neue klimataugliche Amerika war so umwerfend anschaulich wie der Plan zum Weißeln unserer urbanen Umwelt. Würden alle Dächer, Straßenbeläge und dunklen Plätze weiß gestrichen, oder wenigstens im hellen Zementfarbton belassen, würde man die Klimaerwärmung gewaltig abbremsen. Und zwar in einem Maße, so Chu im Brustton des mathematikfesten Physik-Professors, wie sie den Kohlendioxid-Emissionen des gesamten globalen Fuhrparks in nicht weniger als elf Jahren entspricht. Sein Ex-Kollege Art Rosenfeld, der Kaliforniens Gouverneur Schwarzenegger in Sachen Energielösungen berät, hat es vorgerechnet. „Smart Colours“  – intelligente Farben für den Klimaschutz, nennt Chu das Konzept. Je mehr Weiß, desto besser. Am besten also möge jedes neu zu errichtende Flach-, Schräg-  und Hallendach und jeder Belag im hellen Grundton gestaltet werden.

„Techno-fixed people“

Bild zu: Klimawandel in London (1) Grüne Tauschgeschäfte zum Abschied aus St. James: Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai und der britische Thronfolger Prinz Charles. Für ihren Kongo Rainforest Fund erhielt Maathai unlängst 200 Mio Euro Starthilfe, Charles jetzt die gedruckte Quittung. Foto J. Müller-Jung   

Hintergrund ist die Albedo, ein physikalischer Effekt, der im Wesentlichen die Rückstrahlung des Sonnenlichts auf der Erdoberfläche in den Weltraum beschreibt. Helle Farben strahlen grob gerechnet achtzig Prozent, dunkle Farben zwanzig Prozent zurück. Je höher die Albedo, desto stärker die Abkühlung. Beste Erfahrungen hat man im Mittelmeerraum. Die weiß gestrichene Casa und die Siedlungen auf griechischen Inseln sind praktizierter Klimaschutz im Kleinen, und, wie wir jetzt ahnen, ein Stein im großen Gebäude der amerikanischen Energiepolitik. Low-tech in einem neuen Palast von Hightechideen. Keine Frage: Chu ist ein Mann der Innovationen und der Technik. Unumstritten unter Klimaforschern, aber auch einer, dem grüne Aktivisten wie ihre Hoheit, Prinz Charles, so recht nicht über den Weg trauen. „Techno-fixed people“, wetterte der royale Regenwaldkämpfer bei seinem Heimspiel heute.    

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9 Lesermeinungen

  1. Es wäre doch besser alles in...
    Es wäre doch besser alles in schwarz zu fassen, um die Sonnenenergie optimal technisch nutzen zu können.
    Wer diesen Weissmachern glaubt, der sollte vielleicht auch einmal überlegen, ob die ständige Sucht nach gutem Wetter, nach Sonnenschein, … eine Ursache des Klimawandels sein könnte. Die Wetternachrichten sind ja nicht mehr neutral. Wenn mal ein Regentröpfchen fällt, dann schreit man ja schon wieder nach Sonne. – Ja, wenn die Sonne im Osten aufgeht, dann verblassen die Sterne. Nun auch die, die auf einem heißen Kühler sitzen.

  2. Hallo Herr Thieme,

    der Anteil...
    Hallo Herr Thieme,
    der Anteil der Gebaeude und Strassen an der Gesamterdoberflaeche ist sicherlich noch geringer als der Einfluss des geringen, durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe erzeugten CO2 auf das Klima der Erde. Insofern hat ein weisseln der Gebaeude genausowenig Einfluss auf das Weltklima wie das oekoreligioese CO2.
    Vandale

  3. Und was ist, wenn man...
    Und was ist, wenn man schließlich in wenigen Jahren weiß, dass es doch die Sonnenaktivität war, die uns im Zeitraum 1975 bis 1998 etwas höhere Temperaturen verschaffte? Wenn es dann dank der vermehrten weißen Flächen auf unserer Erde lausig kalt würde? Wieder alles in den ursprünglichen Zustand zurückversetzen?
    Solange man etwas nicht vollständig verstanden hat, und bis heute hat man so gut wie nichts verstanden bezüglich menschlicher EInflüsse auf Wetter und damit Klima, ist jedes Handeln schädlich!

  4. Herr Chu war moeglicherweise...
    Herr Chu war moeglicherweise in Algier, der weissen Stadt.
    Fiktive Probleme wie die „CO2 Klimakatastrophe“ haben den Vorzug das es sehr viele Loesungen gibt.
    Das weisseln der Haeuser ist eine sehr preiswerte Loesung verglichen mit umweltschaedlichen Solarzellen. In Deutschland wird gem. einer BDEW Schaetzung dieses Jahr fuer eine vernachlaessigbare Menge nutzlosen Solarstroms 3 Mrd. Euro verguetet. Hinzu kommt der nutzlose Windstrom…. Dagegen ist das Weisseln von Gebaeuden harmlos.
    Recherchierte Artikel zum Thema Energie, s. meine Homepage
    Vandale

  5. Am besten wäre es, alle...
    Am besten wäre es, alle Wälder der Erde in Wüsten umzuwandeln.

  6. Wie eine Welt ganz in Weiß...
    Wie eine Welt ganz in Weiß aussehen würde – und was das für Politik, Gesellschaft und Marketing bedeutetn würde, schauen Sie hier:
    http://www.spreewelle.de/?p=359

  7. @Wilhelmson: es darf ja auch...
    @Wilhelmson: es darf ja auch hellgrau/beige/rosa/bleumourant etc sein, und es geht auch nur um menschliche Gebäude

  8. Ich bin strikt dagenen alles...
    Ich bin strikt dagenen alles weiß zu färben. Mit mir ist das jedenfalls nicht zu machen. Eindeutig: NO!

  9. Weisse Dächer, weisse...
    Weisse Dächer, weisse Strassen – warum eigentlich nicht ?
    Ich kann mir gut vorstellen, dass das positive Effekte ergibt.
    Lasst uns beginnen, zu weisseln.

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