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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Kunst am Mann: Vom Sexappeal der Stammzellen

Ist es nun zurückgezogen oder ist es nicht, das umstrittene Paper des Stammzellforschers Karim Nayernia  über die Herstellung von sogenannten...

Ist es nun zurückgezogen oder ist es nicht, das umstrittene Paper des Stammzellforschers Karim Nayernia  über die Herstellung von sogenannten „Kunstspermien“ aus embryonalen Stammzellen? Seit ein paar Tagen kursiert die Nachricht, der Anfang Juli in  „Stem Cells and Development“ erschienene Artikel sei von dem Journal zurückgezogen worden, weil Nayernia die Einleitung offenbar unbesehen – und ohne die gebotene Aktualisierung des Wissensstandes – von einem seiner eigenen früheren Artikel Wort für Wort übernommen  hatte.

Bild zu: Kunst am Mann: Vom Sexappeal der Stammzellen       Bild zu: Kunst am Mann: Vom Sexappeal der Stammzellen

 Und was sagt der Autor selbst dazu?

  • „It is no decision on this subject yet“, lässt er gestern um 12.18 Uhr wissen.

 Keine offizielle Rückstellung also?

  •  „Das ist richtig“, antwortet er via Mail anderthalb Stunden später.

 Handelt es sich demnach um Falschmeldungen? Eine kurze Mail an Graham Parker, Chefredakteur des Journals aus Detroit in Michigan, sollte Klarheit schaffen. Parker antwortet ausführlich.

  • Keine Fälschungen, keine Betrugsvorwürfe, lediglich die Einleitung aus einem 2007 von Nayernia aus dem Journal „Biology of Reproduction“ sei in das Paper kopiert worden. Paper demnach nicht zurückgezogen? Parkers Antwort, drei Stunden nach Nayernias Dementi: „Sorry for any ambiguity, the paper has been retracted“. Also doch.

 Und was weiß der betroffene Autor davon?

  • Nayernia, nach einer Nacht zum Überdenken, kurz und knapp: „It was some mistake in introduction which is now corrected“.

 

Was schließen wir nun aus der kargen Korrespondenz?  Das Paper ist wohl tatsächlich zurückgezogen, dem Autor tut alles leid,  und überhaupt hat er ja die Sache wieder zurecht gebogen, weswegen gar kein Grund besteht, den Lapsus  höher zu hängen als nötig.

 In Wirklichkeit ist das Kopierstück natürlich durchaus ein paar Zusatzüberlegungen  wert. Denn was sagt uns das, wenn der Autor, der früher in Göttingen die Grundlagen für seine in-vitro erzeugten Spermatogonien mit Mäuseexperimenten gelegt hatte und der heute in Newcastle upon Tyne tätig ist, wenn dieser zielstrebige Forscher so leichtfertig mit einer wissenschaftlichen Publikation umgeht und zugleich alles tut, damit die Weltpresse die richtigen Schlagzeilen findet?  Und warum wohl, hätten sich wiederum andere fragen müssen, ist diese geschichtsträchtige Arbeit mit dem knackigen Titel nicht in einem bedeutenderen Fachjournal erschienen?

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Die Medienarbeit jedenfalls hat sich für Nayernia gelohnt: „Funktionsfähige Spermien aus Stammzellen“, „Spermien aus der Petrischale“, „Menschliche Spermien künstlich erzeugt“. Natürlich gibt es spritzigere Schlagzeilen,  aber was da in der zweiten Juliwoche über die Befunde Nayernias und seiner Kollegen zu lesen war, das klang schon einigermaßen geschichtsträchtig. Wie gesagt, die Voraussetzungen waren bestens: Neben dem Paper verschickte Nayernia eine Pressemitteilung mit Fotos, Videos und Portraitaufnahmen (wahlweise im Labor am Mikroskop) und dazu – absolute Fleißarbeit  – ein Word-Dokument mit „Q & A“. Aus dem Fragenkatalog konnte man schon einige Klarstellungen  entnehmen.

 

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Aber da heißt es zum Beispiel auch, dass es „theoretisch möglich sein könnte, aus seinen In-virto-Derived- (IVD-) Spermien Babies zu erzeugen, da sie alle Eigenschaften von Spermien zeigen – sie funktionieren und sehen aus wie Spermien“. Just dieser Anspruch aber – die Funktionalität der Spermien – ist in dem Paper jedenfalls nicht dokumentiert.

 

  Und weil einige prominente Stammzellforscher und sogar Mitautoren mittlerweile Abstand genommen und die allzu optimistischen weitreichenden – theoretischen –  Schlussfolgerungen in Zweifel gezogen haben,  muss sich  Nayernia nun völlig zu Recht kritische Fragen zu seiner Publikationsstrategie gefallen lassen.

Und was meint der Autor zu seinem populärwissenschaftlichen Durchmarsch?

 

  •  „ Our data are very clear and I think the exaggerations were from the media side and not from us.“ Wenn einer übertrieben hat, dann also die Medien. Sehr originell.
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