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Krise am Milchmarkt: Das kurze Leben der Kühe

08.09.2009, 08:31 Uhr

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Auf vielen Bauernhöfen erhalten die Kälber noch Namen. Und das, obwohl Kühe längst Ohrmarken tragen, anhand derer sie sich zweifelsfrei identifizieren lassen. Kommt ein weibliches Kalb zur Welt, muss es in manchen Regionen einen Namen erhalten, der mit demselben Anfangsbuchstaben beginnt wie der seiner Mutter. In anderen beginnen alle Namen von Kälbern, die in einem Jahr geboren werden, mit demselben Buchstaben, man folgt Jahr für Jahr dem Alphabet. Beliebt seien generell Namen mit der Silbe „Milk”, sagt Stephanie Wetekam. „Zum Beispiel Milky Way, Milky Star oder Milky Sun.” Die Agrarwissenschaftlerin Wetekam berät für das staatliche Unternehmen “Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen” Bauern, die Milchkühe halten. 

Kommt heute ein Kalb zur Welt und wird auf den Namen “Milky Way” getauft, dann bestimmt die aktuelle Krise am Milchmarkt sein Leben. „Die Landwirte lassen im Moment viele Erkrankungen nicht mehr behandeln”, sagt Axel Wehrend, der Leiter der Klinik für Geburtshilfe an der Veterinärmedizinischen Fakultät in Gießen. „Das trifft vor allem die Kälber aus der Milchwirtschaft, und darunter insbesondere die männlichen, die keine Zukunft als Milchkuh vor sich haben, sich aber auch nicht so gut mästen lassen wie Kälber derjenigen Rassen, die speziell zur Fleischproduktion gezüchtet werden. Kälber sind in der Milchproduktion ja nur Beiwerk. Die werden uns gar nicht mehr vorgestellt, wenn sie mal krank sind.”

Auch die Gespräche, die die EU-Landwirtschaftsminister gestern in Brüssel über den Verfall der Milchpreise führten, werden das Schicksal der Tiere beeinflussen. Die Erzeugerpreise für Milch in der EU sind seit Ende 2007 um mehr als 30 Prozent eingebrochen. Derzeit erhalten die Bauern in den 27 EU-Staaten durchschnittlich 24 Cent pro Liter Milch. Schon im Frühjahr meldete das Statistische Bundesamt in Deutschland, dass fast 16 Prozent mehr Kühe als im Vergleichszeitraum des Vorjahres geschlachtet wurden. Wie es aussieht, verkürzt die Milchkrise das Leben der Kühe. 

Allerdings ist das Leben von Milchkühen ohnehin kurz. Schon jetzt bringen deutsche Bauern ihre Kühe im Durchschnitt im Alter von fünf Jahren zum Schlachthof.

„In kleinen Betrieben treffen wir schon mal auf Kühe, die zwölf Jahre alt sind”, sagt Axel Wehrend. „Das ist aber die absolute Ausnahme.” Die häufigsten Gründe für Schlachtungen sind Unfruchtbarkeit, Euter- und Klauenerkrankungen. Eigentlich kann eine Kuh aber gut zwanzig Jahre alt werden. „Seitdem der Milchpreis so stark gesunken ist, fällt die Entscheidung für eine Schlachtung definitiv schneller”, sagt Stephanie Wetekam.

In Hessen, wo Wetekam Betriebe berät, sind die Milchkuhbestände besonders klein. 34 Kühe gehören im Schnitt zu einem Betrieb, nur in Bayern, Baden-Württemberg und dem städtischen Berlin sind die Bestände noch kleiner. Die größten Herden finden sich in Brandenburg mit mehr als 200 Kühen pro Betrieb, gefolgt von den anderen neuen Bundesländern. Aus den LPGs der DDR entstanden nach der Wende riesige Agrargenossenschaften. In den größten sind mehrere Tausend Rinder untergebracht, die von Personal versorgt werden. Es sind nicht nur Milchkühe, sondern auch Kälber, Masttiere und Färsen.

In ihren ersten Lebensjahren ist die Kuh keine Kuh. Man nennt sie Färse, bis sie ihr erstes Kalb geboren und ein Jahr lang Milch gegeben hat. Neun Monate trägt eine Kuh ihr Kalb. Meist beginnen die Besamungsversuche, wenn die Kuh 16 oder 17 Monate alt ist.

Den Vater des Kalbes lernen nur wenige Kühe noch persönlich kennen. Die Besamung nehmen Tierärzte oder professionelle Besamungstechniker vor. Das Sperma anerkannter Zuchtbullen wird in kleinen Ampullen aufbewahrt und in flüssigem Stickstoff tiefgekühlt, bevor es mit einer Besamungspipette im Uterus der Kuh platziert wird. Bei Färsen, die noch nicht gekalbt haben, sucht der Bauer manchmal einen Bullen aus, der bekannt dafür ist, eher kleine Nachkommen zu zeigen – so verläuft die Geburt leichter. Aber auch wechselnde Strömungen in der Rinderzucht entscheiden darüber, welcher Bulle als Vater in Frage kommt: Mal legen Züchter viel Wert auf eine hohe Milchleistung, mal ist es ihnen wichtiger, dass die Kühe, die aus den Anpaarungen entstehen, möglichst lange Milch geben oder einen stabilen Körperbau haben. Die beliebtesten Zuchtbullen für schwarzbunte und rotbunte Holstein-Rinder, die am häufigsten vertretene Rasse in Deutschland, hießen im vergangenen Jahr “Gibor” und “Carmano”. 

Schon bevor sie ihr erstes Kalb zur Welt bringt, wird die hochtragende Färse in die Herde der Milchkühe auf dem Hof eingegliedert. Sie lernt dann auch, zu den Melkzeiten gemeinsam mit den anderen in den Melkstand zu laufen. Ihr Kalb wird sie nach der Geburt nicht sehen können, in einigen Fällen wird sie es vielleicht kurz beschnuppern oder ablecken dürfen. Es wird sofort von der Mutter getrennt und lebt in den ersten zwei Wochen seines Lebens allein in einem sogenannten Iglu, einer windgeschützten Hütte, die außerhalb des Kuhstalls steht. In ihren ersten Lebenswochen verlieren die meisten Kälber aus konventioneller Haltung ihre Hörner. Der Landwirt brennt die Hornanlagen am Kopf des Kalbes mit einem speziellen Gerät heraus; das Tierschutzgesetz erlaubt diesen Eingriff ohne Betäubung, bevor das Kalb sechs Wochen alt ist. Die Enthornung ist umstritten; Experten schließen nicht aus, dass sie zu chronischen Schmerzen führen kann. Kuhherden mit Hörnern brauchen aber breitere Laufgänge und größere Ställe, damit die einzelnen Tiere einen größeren Abstand zueinander einhalten können. Wenn sie sich nicht ausweichen können, fügen sie sich bei Rangkämpfen schwere Verletzungen am Euter und Bauch zu.

Nach etwa zwei Wochen wird das Kalb einer kleinen Gruppe etwa gleichaltriger Kälber zugesellt. Aus einem Tränkeeimer oder Tränkeautomaten nimmt es seine Nahrung auf. „Seitdem die Milchpreise so stark gesunken sind, bekommen Kälber immer häufiger echte Kuhmilch – davor wurde in der Regel ein Milchaustauscherpräparat eingesetzt”, sagt Wetekam.

Etwa 60 Tage nach der Geburt wird die Mutter des Kalbes wieder besamt. Oftmals bleibt es bei diesem zweiten Kalb. „In Deutschland bekommen Milchkühe im Schnitt 2,5 Kälber in ihrem Leben”, sagt Wetekam. Danach werden sie schon geschlachtet. Eine Studie der Uni Leipzig an italienischen und luxemburgischen Schlachtrindern ergab, dass etwa fünf Prozent der Tiere trächtig zum Schlachter gebracht werden. Und vor zwei Jahren zeigte eine Untersuchung an sächsischen Milchkühen, dass ein Viertel der Tiere sogar schon während der ersten Milchperiode, kurz nach der Geburt des ersten Kalbes, geschlachtet wird. Die Gründe waren dieselben wie für die Schlachtung älterer Kühe: Unfruchtbarkeit, Euter- und Klauenerkrankungen. 

Diese Gebrechen treten im Moment verstärkt auf. „Kühe leben ja in den meisten Fällen nicht mehr draußen auf der Weide”, sagt Axel Wehrend. „Deshalb ist ihr Wohlergehen abhängig von der Ausstattung der Ställe. Wichtig ist zum Beispiel die Beschaffenheit der Böden.” Die Kühe müssen sich darauf sicher bewegen, aber in einigen Bereichen auch weich gepolstert liegen können. „Stroh ist aber inzwischen unglaublich teuer geworden, weil es kleingehäckselt als Dünger auf Feldern liegengelassen wird und außerdem für Biogasanlagen benötigt wird. Die Bauern sparen also an Stroh. Die Folge sind Klauenerkrankungen bei den Kühen. Das ist alles sehr kurzfristig gedacht, aber man kann es aus der Not heraus verstehen.”

An Wehrends Klinik läuft derzeit ein Forschungsprojekt, das die Beziehung zwischen Fruchtbarkeit und Milchleistung von Kühen untersuchen soll – die beiden großen Problemfelder in der Milchviehhaltung. „Während die Leistung der Kühe steigt, geht ihre Fruchtbarkeit zurück”, skizziert Wehrend das Problem. Erste Ergebnisse des Projekts weisen darauf hin, dass der Schlüssel in der Energieversorgung der Kuh liegt. „Bei einer Mangelversorgung wird der Eisprung negativ beeinträchtigt.” Die Milchleistung einer Kuh ist mittlerweile so hoch, dass ihr Stoffwechsel schnell ins Energiedefizit gerät. Kippt der komplexe Stoffwechsel einer Kuh um, muss schnell gehandelt werden. „Aber nicht nur Kälber, auch Milchkühe werden uns im Moment sehr spät vorgestellt, weil die Bauern hoffen, dass die Erkrankung sich auch ohne Behandlung bessert”, sagt Wehrend. „Aber wenn man bei einer Kuh erstmal ein paar Tage gewartet hat, dann ist es meistens hoffnungslos, weil ihr Stoffwechsel so anfällig ist.” Kühe sind heute Hochleistungstiere. Im Jahr 1900 gab eine Kuh noch etwa 2000 Kilogramm Milch im Jahr. Heute sind es im Bundesdurchschnitt etwa 7000 Kilogramm. “Spitzenkühe” geben sogar bis zu 12.000 Liter Milch im Jahr.

An Kühen wird auch außerhalb der Gießener Fakultät viel geforscht. Die verbreitete Meinung, Hochleistungskühe seien häufiger krank als Tiere mit durchschnittlicher Leistung, ist durch verschiedene Studien widerlegt worden. So zeigte etwa die Landesforschungsanstalt Mecklenburg-Vorpommern in einer über fünf Jahre laufenden Untersuchung, dass Tiere mit einer Jahresleistung von 10.000 bis 12.000 Litern nicht häufiger tierärztlich behandelt werden mussten als Tiere mit einer mittleren Leistung. Der limitierende Faktor ist vielmehr die Umgebung der Tiere, etwa der Stall oder das Futter. Verdorbene Silage oder nicht genug Futterplätze für alle Kühe im Stall reichen aus, um einzelne Tiere schwer krank werden zu lassen. In Jahrzehnte alten Ställen haben moderne Kühe außerdem nicht genug Platz, um sich in den Liegeabteilen auszuruhen, wiederzukäuen und dabei Milch zu bilden: Zwischen 1988 und heute nahm die durchschnittliche Kreuzhöhe beim Schwarzbunten Milchrind um 11 auf 145 Zentimeter zu und die Körpermasse erhöhte sich um 115 auf 680 Kilo. Die Kühe passen schlicht nicht mehr in ihre Boxen. In landwirtschaftlichen Forschungsanstalten werden solche Erkenntnisse längst umgesetzt – etwa am Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei, wo man Kühe in größeren Ställen hält und dafür auch die Kälber nach der Geburt mehrere Wochen bei ihren Müttern lässt. Ob das das kurze Leben der Kühe glücklicher macht, können die Studienleiter zwar pauschal nicht sagen. Die Kälber seien jedenfalls in der Herde gut akzeptiert worden, heißt es bei den verantwortlichen Wissenschaftlern. In der Branche spricht man nicht von Glück, sondern von “Kuh-Komfort”. Das bedeutet weniger Schmerzen und weniger Stress für die Kühe – und vielleicht auch ein längeres Leben.  

 

Veröffentlicht unter: Milchpreis, Milchkrise, Landwirtschaft, Kuh

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Jahrgang 1978, Redakteurin im Ressort „Natur und Wissenschaft“ der F.A.Z.