Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Partnerwahl per Pille – Lost in Evolution?

Seit fast 50 Jahren gibt es die Antibabypille, also fast ein halbes Jahrhundert beeinflusst die hormonelle Verhütung das Sexualverhalten - und die Partnerwahl....

Seit fast 50 Jahren gibt es die Antibabypille, also fast ein halbes Jahrhundert beeinflusst die hormonelle Verhütung das Sexualverhalten – und die Partnerwahl. Denn seit dadurch der Eisprung unterdrückt werde, habe der Macho ausgedient, nur Softies seien noch willkommen. So lautet die Botschaft einer Übersichtsstudie, die jetzt zwei britische Wissenschaftlerinnen in den Trends in Ecology & Evolution veröffentlichten. Zumindest ist es das, was davon stark verkürzt in der medialen Öffentlichkeit ankam.

Dass die Pille das Paarungsverhalten ändert, können Alexandra Alvergne und Virpi Lummaa von der Universität in Sheffield nach wie vor nur vermuten. Die „natürlichen“ Vorlieben scheinen sich zu verändern, ob aber auch die Entscheidung für den einen, sei unklar. Ebenso, ob sich Beziehungen „mit“ und „ohne“ unterscheiden, und ob das dann überhaupt an der Extra-Portion Hormone liegt. In ihrem Review präsentieren Lummaaa und Alvergne keine neuen Daten, sondern stellen vielmehr nach ihrer Fachlektüre fest, dass es an Studien mangelt. Und wenn es welche gebe, seien die Teilnehmer meist westliche Studenten – ob diese repräsentativ für die Evolution der gesamten Menschheit stehen sollten? Das lohnt sich durchaus zu hinterfragen, auch: Wie allgemeingültig sind die Ergebnisse?

Wenn etwa Striptease-Tänzerinnen zum Zeitpunkt ihres Eisprungs mehr Trinkgeld erhalten, ist das wohl nur für wenige Frauen ein Grund, auf die Pille zu verzichten, sie gar abzusetzen, um so subtil die eigene Attraktivität zu erhöhen und andere Frauen zu übertrumpfen. Falls doch, sollten sie bedenken, dass ihre bestehende Beziehung Schaden nehmen könnte: An fruchtbaren Tagen stehen, nachweislich, echte Kerle hoch im Kurs – verführen mit ihrer maskulinen Erscheinung und dem fremden Duft zum Seitensprung. Gerade die kurzfristige Anziehungskraft schwankt offenbar mit dem weiblichen Hormonzyklus, während die langfristigen Präferenzen kaum variieren.

Außerdem ließe sich auf die Schnelle kaum mit ein paar Studien erfassen, welchen Wert die Pille für das soziale Gefüge insgesamt besitzt. Seit sie auf dem Markt ist, haben Frauen durchaus mehr Zeit und Möglichkeiten, den Vater ihrer Kinder (besser) auszuwählen, bevor sie schwanger werden. Das nur als eines von vielen Beispielen.

Welche Konsequenzen die Pille für Partnerschaften und Kindersegen wirklich besitzt, wäre wirklich interessant zu wissen. Bevor man sie jedoch verteufelt, weil man um die stabile Ehe und den gesunden Nachwuchs – gar die menschliche Evolution – fürchtet, weil sich dadurch die vermeintlich falschen finden, sollte man berücksichtigen, dass die eigene Wahl ein recht junges Phänomen ist. Über Jahrtausende hatte die Biologie wenig zu melden, entschieden hat meist die Familie. Und da wir mit Gentests nun selbst nach Kuckuckskindern fahnden, für deren Existenz sich einige evolutionäre Erklärungen anführen ließen, scheint der allgemeine Wunsch nach einer „biologischen Partnerwahl“ nicht sonderlich groß zu sein. Aber vielleicht ist auch das nicht nur natürlich, sondern menschlich.

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