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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Die Spaziergänger-Seuche

"Martinssommer" nennt man ein Wochenende wie das zurückliegende, wenn mitten im November überraschend milde Temperaturen aufkommen. Die frühlingshaften Tage...

„Martinssommer“ nennt man ein Wochenende wie das zurückliegende, wenn mitten im November überraschend milde Temperaturen aufkommen. Die frühlingshaften Tage sind ideal für ausgedehnte Spaziergänge – vielleicht ein Stück durch den Wald oder entlang an schön gelegenen Wiesen, auf denen dösende Schafe friedlich in die warme Herbstsonne blinzeln.

Doch Spaziergänger leben derzeit gefährlich, vor allem, wenn sie auf ihrem Weg Schafweiden passieren. Bisher von der Öffentlichkeit kaum beachtet, breitet sich eine Krankheit aus, die Schafe an Menschen weitergeben – über die Atemluft, wobei die Erreger sogar eine Entfernung von bis zu zwei Kilometern überwinden: Q-Fieber. Bis zu einem Fünftel aller Menschen in Regionen mit größeren Schafbeständen seien bereits antikörper-positiv, schätzen Experten. 400 Neuinfizierte werden in Deutschland jedes Jahr registriert; die Niederlande verzeichneten den bisher größten Ausbruch von Q-Fieber beim Menschen weltweit: Seit Anfang des Jahres wurden dort 2100 Erkrankte gemeldet.

Mittlerweile hat sich die Nationale Forschungsplattform für Zoonosen, also für vom Tier auf den Menschen übertragbare Krankheiten, des Themas angenommen. Das Forschungsnetzwerk ist erst seit Anfang des Jahres im Einsatz und wird vom BMBF gefördert. Der Erreger des Q-Fiebers, ein Bakterium, werde hauptsächlich durch Einatmen infektiösen Staubes oder direkten Kontakt zu infizierten Tieren übertragen, sagte Heinrich Neubauer vom Friedrich-Loeffler-Institut in Jena im Oktober auf dem Nationalen Symposium für Zoonosenforschung in Berlin. „Bei den Infizierten handelt es sich nicht nur um Beschäftigte der Landwirtschaft, sondern auch um Spaziergänger, deren Weg an Weiden vorbeiführt.“

Der Erreger des Q-Fiebers heißt Coxiella burnetii. Das Bakterium wurde Ende der dreißiger Jahre fast zeitgleich in Australien und den Vereinigten Staaten isoliert. Damals löste es in erster Linie eine Berufskrankheit von Schäfern, Bauern und Schlachthofarbeitern aus: das Query Fever (Q-Fieber). Während Q-Fieber-Infektionen bei Tieren oft uncharakteristisch verlaufen und nur wenig ausgeprägte Symptome hervorrufen, bekommt der Mensch grippeartige Beschwerden, Kopf- und Muskelschmerzen. Schwere Verläufe bringen Herzmuskelentzündungen, Leber- und Lungenentzündungen oder eine Meningoenzephalitis mit sich. Bei betroffenen Tieren – vor allem Rindern, Schafen und Ziegen – kann das Q-Fieber allerdings auch schwer verlaufen: Dann kommt es zu Aborten und Frühgeburten, wobei massiv Erreger ausgeschieden werden.

Die Bakterien können, an Staubpartikel gebunden, bis zu zwei Kilometer weit mit dem Luftstrom fliegen. Menschen infizieren sich nicht nur durch direkten Kontakt mit den Tieren, sondern vor allem durch Inhalieren von keimhaltigem Staub. Deshalb sind immer häufiger Anwohner und Spaziergänger betroffen – auch wenn nach wie vor Schäfer oder Tierärzte gefährdeter sind. Das Robert-Koch-Institut testete unlängst Veterinäre aus Süddeutschland auf Antikörper. Mit fast 40 Prozent waren auffällig viele Probanden mit einem positiven Titer belastet. Aber auch ohne Berufsrisiko kommt es zu Infektionen: 2008 wurden im Landkreis Aschaffenburg 250 Bewohner eines Dorfes positiv getestet, davon hatten fast 90 klinische Krankheitssymptome. Seit den neunziger Jahren haben die jährlichen Fallzahlen sich mehr als verdoppelt.

Die Fachzeitschrift „Vetimpulse“ versucht in der aktuellen Ausgabe eine Erklärung für die zunehmende Verbreitung der Krankheit zu finden: „Zum einen werden immer mehr kleine Wiederkäuer gehalten“, heißt es hier. „Zum anderen spielt auch hier die Klimaveränderung eine Rolle. Sie scheint in den Mittelgebirgen zu trockeneren Sommern zu führen und begünstigt damit die Staubbildung.“  

Bild zu: Die Spaziergänger-Seuche

 Bei akuter Infektion lässt sich das Q-Fieber des Menschen gut mit dem Antibiotikum Doxycyclin behandeln, das zwei Wochen lang verabreicht wird. Immungeschwächte oder herzkranke Patienten müssen allerdings eine chronische Infektion befürchten – die oft lange unbemerkt bleibt. Wird sie dann doch noch entdeckt, kann es notwendig werden, bis zu eineinhalb Jahre lang Antibiotika zu nehmen.

Zwei Strategien werden nun gegen die Verbreitung der Seuche ausprobiert: Zum einen hat der Landkreis Aschaffenburg mit einer Ausnahmegenehmigung Schafe und Ziegen gegen das Q-Fieber impfen lassen – eine zunächst einmalige Sache, denn der Impfstoff ist in Deutschland nicht zugelassen. Zum anderen wird beruflich exponierten Personen empfohlen, in Schafbeständen Atemschutzmasken zu tragen. Impfen mit Hindernissen also und die Vermeidung von Erregerkontakt – das alles kennt man derzeit zur Genüge von einem Infektionsgeschehen weit größeren Ausmaßes: der Schweinegrippe.

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