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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Der Mops ist out oder: Ein Nachfolger für den Trendhund der Nullerjahre

Heute war ein merkwürdiges Päckchen in der Post. Es kam in einem Din A5-Umschlag, hatte von außen sichtbare Hubbel, war recht schwer und wenn man...

Heute war ein merkwürdiges Päckchen in der Post. Es kam in einem Din A5-Umschlag, hatte von außen sichtbare Hubbel, war recht schwer und wenn man draufdrückte, gab der Inhalt sacht nach. Wie sich herausstellte, enthielt der Umschlag eine Tüte „Gerd Käfer ’s Fruchtgummi-Möpse“ von Haribo; außerdem eine Karte mit einem Foto von einem Mops. Der Mops trug ein Geschirr mit einem Marienkäferanhänger. Daneben in Rot der Schriftzug „Sir Henry“. Umseitig stand: „Liebe Frau Hucklenbroich, Sie haben doch in der FAZ geschrieben:´Ein Mops macht einfach glücklich.‘ Ihre Uschi Ackermann.“

  Bild zu: Der Mops ist out oder: Ein Nachfolger für den Trendhund der Nullerjahre

 Tatsächlich habe ich vor einiger Zeit über „Modehunde“ geschrieben. Ohne Zweifel war der Mops damals sehr im Trend. Es gab plötzlich Mopskalender, Mopssalzstreuer, Deko-Möpse aus Gips und aus Porzellan, VOX kürte den Mops Kalle zu Deutschlands „Superhund“ und das neu gegründete Hundehalter-Lifestyle-Magazin „dogs“ schrieb geradezu schwärmerisch über Mopswelpen, sie sähen aus wie kleine, kopfüber in Kakaopulver getunkte Marzipanschweine. Der bekennende Mopsliebhaber Loriot („Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos“) äußerte sich bei Reinhold Beckmann zu dem Phänomen („In Berlin sieht man kaum noch eine Dame ohne wenigstens zwei Möpse auf der Straße“). Dieser allgemeinen Begeisterung folgend, hatte ich mich in meinem Artikel neben dem Border Collie, dem Golden Retriever und dem Weimaraner auch dem Mops zugewandt.

All das ist aber mehr als zwei Jahre her, und Trends haben es nun mal an sich, dass sie einander ablösen, wenn Zeit verstreicht. Der Mops ist, wie wir weiter unten sehen werden, schon wieder so gut wie out; er musste seine Popularität zugunsten einer anderen Hunderasse aufgeben. Wozu nun also plötzlich Fruchtgummi-Möpse? Und überhaupt: Wer ist eigentlich Uschi Ackermann? 

Letzteres war mit Google leicht zu klären: Uschi Ackermann ist die Lebensgefährtin des „Gourmet-Papstes“ und „Gastronoms des Jahres 2009“ Gerd Käfer. Sir Henry ist der gemeinsame Mops; er hat eine eigene Website und gilt als der bekannteste Mops Deutschlands. Unlängst veranstalteten Frau Ackermann und Herr Käfer Sir Henry zu Ehren sogar eine Mops-Party in München. Für die Firma Haribo hat Käfer sich jetzt die Weingummisorte „Fruchtgummimöpse“ ausgedacht: Gummibärchen in Mopsform gepresst mit dem Konterfei von Sir Henry auf der Packung. Geschmacksrichtungen: Ananas, Saftorange, Zitrone, Erdbeere, Himbeere.

Als ich vor zwei Jahren über Trends in der Hundezucht schrieb, wären Gerd Käfers Fruchtgummimöpse vermutlich eingeschlagen wie eine Bombe. Der Mops war der Trendhund der Nullerjahre. Warum er dazu wurde? Darüber kann man nur mutmaßen. Die Popularität bestimmter Hunderassen war schon mehrfach Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Eine der meistbeachteten Studien zu dem Thema lieferte vor einigen Jahren der amerikanische Psychologe Harold Herzog ab: Er untersuchte die Schwankungen in der amerikanischen Rassehundpopulation zwischen 1946 und 2001. Für seine Untersuchung griff er auf die Statistik des amerikanischen Dachverbandes für die Rassehundzucht zurück (die aktuellen Modehunde-Trends in Amerika finden sich hier). Wenn manche Varianten plötzlich sehr beliebt werden, sei das meistens eine zufällige Entwicklung  – und darüber hinaus seien diese Rassen „nicht notwendigerweise in irgendeiner Weise besser oder für Menschen ansprechender als andere“, schrieb Herzog in den „Biology Letters“. Herzog zeigte, dass sich die Veränderungen in der Rassehundpopulation mit demselben Modell erklären lassen wie auch die Verteilung von Vornamen über die Jahrhunderte und die Art der Dekoration auf prähistorischer Töpferware: „Individuen, konfrontiert mit vielen verschiedenen Wahlmöglichkeiten, kopieren eher andere Individuen als ‚optimale‘ oder ‚rationale‘ Enscheidungen zu treffen.“ Nur einige wenige Menschen entwickelten gelegentlich neue Ideen. Genauso, fand Herzog heraus, funktionierte auch das Kaufverhalten der Hundehalter – mit einigen seltenen Ausnahmen, die zu dramatischen Fluktuationen in der Hundepopulation führten. Eine solche Veränderung führte beispielsweise die 1985er Version des Disneyfilms „101 Dalmatiner“ herbei: Die Zahl der neugeborenen Dalmatiner versechsfachte sich von 1985 bis 1993 auf 43.000 Welpen im Jahr.

So viel zur Trendforschung. Doch auch wenn Hundehalter weder „optimal“ noch „rational“ entscheiden: Diejenigen, die sich in den vergangenen Jahren einen Mops zulegten, sind sich sicher, dafür ihre Gründe gehabt zu haben. Sie organisieren noch heute Mops-Partys, gießen Fruchtgummis in Mopsform, hegen und pflegen ihre mittlerweile in die Jahre gekommenen Modehündchen – und wer einmal dem Mops ein warmes Lob ausgesprochen hat, dem wird über Jahre die Treue gehalten, und sei es in Form einer Tüte Weingummi. Während ich für den Trendhundartikel recherchierte, sprach ich mit vielen Tierärzten. In ihren Wartezimmern, so nahm ich an, werden Trends sichtbar, noch bevor die Welpenstatistik des Verbands für das Deutsche Hundewesen (VDH) einen stichhaltigen Beweis liefert, denn auch Trendwelpen müssen gegen Tollwut, Zwingerhusten und andere infektiöse Leiden geimpft werden. Für den Mops waren alle Tierärzte voll des Lobs – auch wenn sie sich über andere Hunderassen geradezu brutal-abwertend äußerten („Wenn ein X in die Praxis kommt, hab ich schon keine Lust mehr“; „Y sind nervige Kläffer, aber nichts dahinter“; „Hinter der Anschaffung eines Z steht ausnahmslos ein unerfüllter Kinderwunsch, und so sind die auch: verzogen und bissig“).

Eine Tierärztin, die besonders offenherzig über andere Hunderassen gelästert hatte, sagte über den Mops: „Wenn ein Mops in die Praxis kommt, dann geht die Sonne auf.“ Eine andere hatte gerade noch über eine bestimmte Rasse geäußert: „Hier auf dem Land halten die das für einen kuscheligen Familienhund, aber da wo ich vorher gearbeitet habe, ist das ein Kiezhund, den typischerweise Zuhälter neben sich herlaufen lassen, weil man ihn so gut auf Menschen abrichten kann.“ Als das Gespräch auf den Mops kam, schlich sich plötzlich ein neuer, heller, lebhafter Tonfall in ihre Stimme ein, und sie sagte: „Möpse sind nett. Wenn ein Mops im Wartezimmer auftaucht, verbessert sich sofort die Stimmung. Es sind besondere Leute, die Möpse halten.“ Und selbst eine sehr sachliche Veterinärin, die noch dazu an ihrer Doktorarbeit über OP-Techniken schrieb, mit denen man den armen kurzatmig schnaufenden Möpsen ihre zu langen Gaumensegel verkürzen oder die zu engen Nasengänge erweitern kann, sagte: „Möpse sind besonders freundlich.“

Die Berliner Veterinärmedizinerin und Hundeexpertin Sabine Häcker deutet das Phänomen Mops denn auch nicht als beliebige Mode, die lediglich durch Nachahmung entstanden ist. Sie erklärt, wozu ein Mops im Alltag nützt: Er sorgt für gute Stimmung. „Möpse können sich nicht so beknabbern wie Hunde mit längeren Schnauzen“, sagt Häcker. „Deshalb verlegen sie sich auf ‚Bodycheckspiele‘, rempeln sich an und werfen sich die Pfoten gegenseitig ins Kreuz. Sie haben einfach eine andere Spielstrategie, was wohl damit zu tun hat, dass sie eine andere Physiognomie haben.“ Menschen, so Häcker, reagierten dabei auf das Clowneske, Drollige. Der Mops als Hofnarr. Ein Hündchen, das Depressionen vertreibt.

Doch bei aller Nützlichkeit braucht der Hundemarkt neue Trends. Das war schon immer so: Pro Jahrzehnt gab es meist eine dominierende Hunderasse, die zahlenmäßig und als Werbeikone oder Promi-Begleitung die Nase vorn hatte. In den Achtziger war das etwa der blütenweiße West Highland White Terrier, der durch einen Werbespot für das Hundefutter „Cesar“ bekannt wurde. In den Nullerjahren trat der Mops in den Vordergrund. Und mittlerweile gibt es eine Nachfolgerin.

Es ist: die Französische Bulldogge. Die Hundekäufer wollten sich damit nicht allzu weit vom bewährten Mops entfernen: Die Französische Bulldogge ähnelt dem Mops stark, hat auch eine kurze Schnauze, ist etwa gleich groß und ähnlich kompakt gebaut. Es gibt sie allerdings nicht nur in schwarz und sand wie den Mops, sondern in vielen verschiedenen Farben, darunter weiß, gestromt und scheckig. Vermutlich gab diese Vielfalt den Ausschlag.

Bild zu: Der Mops ist out oder: Ein Nachfolger für den Trendhund der NullerjahreTypische Französische Bulldogge

Die Französische Bulldogge, die von britischen, in die Normandie gekommenen Spitzenklöpplern gezüchtet wurde, bewegt sich ähnlich drollig wie der Mops, hat glänzende Kulleraugen und lustige Fledermausohren. Spricht man allerdings mit Tierärzten, dann melden sich Zweifel an, ob die neue Trendrasse ihren Haltern wohl ähnlich erfolgreich wie der Mops positive Gefühle verschafft. „Bei denen bin ich vorsichtig, die schnappen schnell mal“, sagt eine Veterinärin. „Häufig schlecht gelaunt“, seien die stämmigen kleinen Bulldoggen, verrät eine andere. Wie es aussieht, hat man sich im heraufziehenden Jahrzehnt für eine verdrießliche Coverversion des sympathischen Mopses entschieden.

Die Welpenzahlen des VDH und die europäischen Fußgängerzonen zeigen, dass zum einen die leibhaftige Französische Bulldogge immer häufiger wird. Außerdem muss die Hunderasse jedoch als Deko-Element und Trend-Icon herhalten. Vor kurzem lancierte etwa die japanische Firma Sanrio das Produkt „Rebecca Bonbon“: eine gezeichnete Französische Bulldogge als Logo-Figur. Sanrio ist schon seit 35 Jahren mit dem Kätzchen-Logo „Hello Kitty“ erfolgreich, einem weißen Comic-Kätzchen, das erstmals 1976 auf Geldbörsen gedruckt auf den Markt kam.

Bild zu: Der Mops ist out oder: Ein Nachfolger für den Trendhund der Nullerjahre„Hello Kitty“

Heute gibt es mehr als 22.000 Produkte, die mit der Kätzchenfigur vermarktet werden, die Zielgruppe sind Frauen jeden Alters – also eine Art global etablierte Diddl-Maus. Die Hello-Kitty-Designerin Yuko Shimizu entwickelte jetzt „Rebecca Bonbon“, ein Hündchen mit Babyface. Im Herbst 2009 führte Sanrio die Marke nach Japan und Korea auch auf dem europäischen, nord- und südamerikanischen Markt ein.

Bild zu: Der Mops ist out oder: Ein Nachfolger für den Trendhund der Nullerjahre„Rebecca Bonbon“

Schon gibt es Geldbörsen, Füllfederhalter, Zierkissen, Umhängetaschen und Schlüsselanhänger mit der Kitsch-Bulldogge. „Rebecca Bonbon ist eine Design-basierte Fashion- und Lifestyle-Marke – Zielgruppe junge Frauen 14-25 Jahre“, teilt der Konzern mit. Mit einer Französischen Bulldogge auf Shirts und Turnschuhen hat auch das französische Modelabel „Comptoirs des Cotonniers“ den Trend aufgenommen. Die Französische Bulldogge als globaler Trend – das sind Sphären, die der Mops nie erklommen hat.

Galerie der Bulldoggen 

Französische Bulldogge aus Pailletten als T-Shirt-Motiv des französischen Modelabels „Comptoirs des Cotonniers“: 

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Französische Bulldogge wirbt für Hunde-Ohrenspray im „Deutschen Tierärzteblatt“:

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Französische Bulldogge aus Gips als Dekorationselement in einem Schmuckgeschäft in Münster:

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Französische Bulldogge aus Fleisch und Blut als Passant in Barcelona:

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