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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Altes Molekül als Krebsmedikament?

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  Was soll man tun, wenn eine kleine Medikamentenstudie mit nur wenigen Patienten bei einer sonst fast immer tödlich endenden Krankheit überraschend gute...

 

Was soll man tun, wenn eine kleine Medikamentenstudie mit nur wenigen Patienten bei einer sonst fast immer tödlich endenden Krankheit überraschend gute Ergebnisse bringt? Hurra rufen und Hoffnung in der Öffentlichkeit – und bei Patienten – verbreiten? Oder sich lieber zurückhalten, weil diese Hoffnungen sich schon so oft nicht erfüllt haben?

 

Die Frage treibt die an solchen Studien beteiligten Mediziner genau so um wie die Journalisten, die sich fragen, ob und wie sie über sie berichten sollen. Die Skepsis hat sich, vier Jahrzehnte nachdem US-Präsident Nixon den „Krieg gegen den Krebs“ ausrief, inzwischen weitgehend durchgesetzt. Nixon versprach damals, dass, wer weniger als ein Jahrzehnt nach dem Startschuss der Planungen zum Mond fliegen kann, sicher auch nicht länger brauchen wird, um einen Haken hinter die Probleme mit jener Krankheit zu setzen. Doch bis heute ist trotz gewaltiger Fortschritte in der Grundlagenforschung und trotz vieler seither auf den Markt gekommener Medikamente eine Heilung bei metastasierendem Krebs die absolute Ausnahme. Nur bei wenigen Tumorarten haben sich die Überlebensraten deutlich verbessert. Krebs wird zwar noch immer regelmäßig geheilt, allerdings nur in der Bildzeitung und ähnlichen Blättern.

 

Was macht man also mit einer Studie, in der vier von fünf Patienten mit einem Tumor überlebten, der sie rein statistisch eigentlich alle in den 18 Monaten seit Beginn der Untersuchung hätte umbringen müssen? Man sagt: Viel zu kleine Studie, nicht aussagekräftig, und vergisst sie. Oder man schaut genauer hin. Wenn man dann noch sieht, dass der eine Patient, der die Studie nicht überlebte, schon ganz am Anfang gestorben ist, als das Medikament in seinem Körper noch nicht die für eine Wirksamkeit vermutlich nötige Konzentration erreicht hatte, schaut man vielleicht noch genauer hin.

 

Die Studie ist Ende vergangener Woche in Science Translational Medicine erschienen. Patienten mit aggressiven Hirntumoren wurden im kanadischen Edmonton mit dem Medikament Dichloressigsäure (DCA) behandelt. Bei vier der fünf Patienten wurde das Krebswachstum gestoppt, bei dreien schrumpften die Geschwülste. Und die vier sind noch am Leben. Sie leiden an Glioblastomen, hoch aggressiven Hirntumoren, bei denen die Überlebenszeit nach der Erstdiagnose durchschnittlich bei gerade mal einem Jahr liegt. Golflegende Severiano Ballesteros leidet derzeit daran, US-Senator Edward Kennedy erlag der Krankheit vor neun Monaten, der britische Journalist Ivan Noble berichtete vor Jahren in einem Blog über seinen Kampf mit der Krankheit, den auch er letztlich verlor.

 

Besonders sind nicht nur die Ergebnisse, die tatsächlich bei einer solch kleinen Studie, auch wenn dies nicht sehr wahrscheinlich ist, reiner Zufall sein könnten, sondern auch das Medikament, das die Patienten bekamen. Denn DCA ist uralt, es wurde schon vor Jahrzehnten gegen spezielle Stoffwechselstörungen eingesetzt, es ist billig herzustellen und die Nebenwirkungen halten sich in Grenzen. Und DCA ist auch weder ein Zellgift wie die klassischen Chemotherapeutika, noch ein auf eine spezielle Mutation einer speziellen Tumorart zielendes Mittel. Es greift vielmehr in den Stoffwechsel der Tumorzellen ein. Während normale Körperzellen Zucker per Atmung in den Mitochondrien als Energiequelle nutzen, schalten Krebszellen diesen Mechanismus weitgehend ab und stellen auf Gärung im Zellplasma um. So entgehen sie dem Selbstmordmechanismus, durch den entartete Zellen normalerweise eliminiert werden.

 

Schon Tier- und Zellkulturversuche des Teams von Evangelos Michelakis aus Edmonton hatten vor Jahren gezeigt, dass DCA Mitochondrien wieder aktiviert, Krebszellen damit in den Selbstmord treibt und Tumoren schrumpfen lässt. Dass hier ein Ansatzpunkt für Therapien ist, postulierte der deutsche Medizin-Nobelpreisträger Otto Warburg schon vor 80 Jahren – und wurde bis zu seinem Tode 1970 damit kaum ernstgenommen. Die neuen Daten weisen nun zumindest erstmals darauf hin, dass eine solche Therapie auch bei aggressiven Tumoren bei Menschen funktionieren kann. Zudem entnahmen die Kanadier 49 zusätzlichen Patienten Tumorgewebe und behandelten es im Labor mit DCA. Diese Krebszellen reagierten genau wie erwartet, sie stellten ihren Stoffwechsel um und zeigten deutliche Zeichen des so genannten programmierten Zelltodes. Zusätzlich scheint DCA auch das Wachstum von Blutgefäßen, die Tumore versorgen zu hemmen, ebenso wie die Ansäuerung des Gewebes, die Tumoren brauchen, um sich auszubreiten.

 

Schon als vor ein paar Jahren die ersten Laborergebnisse mit DCA veröffentlicht wurden, wurde allerdings klar, wo die Probleme liegen. Einerseits begannen Krebspatienten, sich selbst DCA zu besorgen und es ohne ärztliche Begleitung einzunehmen, und skrupellose Geschäftemacher boten zum Teil auch Pülverchen als DCA an, die gar keines enthielten. Andererseits zeigte sich auch schon früh, wie schwer es sein würde, für größere klinische Versuche Geld zu beschaffen, denn die Pharmaindustrie kann mit nicht mehr patentierbaren Substanzen wie DCA kaum Geld verdienen, ist also auch nicht bereit, die Abermillionen Euro kostenden Versuche mit Patienten zu finanzieren.

 

Die Studie in Edmonton wurde weitgehend aus privaten Spendengeldern und Mut Hilfe philanthropischer Organisationen bezahlt. Das war schwierig und langwierig genug, aber wie schon erwähnt war auch sie immer noch so klein, dass eindeutige Aussagen nicht möglich sind. Den Meldungen der Uni über die Ergebnisse hing dezent auch schon wieder der Hinweis an, wohin man für DCA-Forschung Spenden überweisen kann.

 

Albrecht Reichle, Krebsforscher von der Uni Regensburg, sieht in der Erforschung von DCA und ähnlichen Substanzen jedenfalls einen „viel versprechenden Weg“ zu neuen Krebstherapien, die an verschiedenen Schwachstellen der Tumoren angreifen sollten. Er glaubt vor allem an das Potenzial einer Strategie, die auf die Kombination verschiedenster Mittel setzt, die als „Module“ einer Gesamtstrategie fungieren würden.

 

Auch hier allerdings ist die Theorie einsichtig, und die praktischen Probleme vielschichtig. Denn Kombi-Therapien zu erproben ist ungleich schwieriger als die Wirkung eines einzelnen Moleküls nachzuweisen – von den Hürden, möglicherweise konkurrierende Hersteller der zu kombinierenden Präparate zur Kooperation zu bringen, ganz abgesehen.

 

DCA selbst wäre jedenfalls ein Mittel das, anders als all die neuen in der so genannten pharmazeutischen „Pipeline“ befindlichen Medikamente, relativ schnell klinisch getestet werden könnte – weil es eben ein längst bekanntes, wenn auch bislang gegen andere Krankheiten eingesetztes Medikament ist. Ob es danach halten wird, was es verspricht, weiß heute niemand. Wo das Geld für die Studien herkommen soll, auch nicht.