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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Europas Spitzenforscher reisen nach Turin: Die Wissenschaftstagung ESOF beginnt

Morgen abend ist es soweit: Mit einem Vortrag zum Thema "Animal Minds talk" eröffnet die deutsche Verhaltensbiologin Julia Fischer die Esof in Turin. Mehrere...

Morgen abend ist es soweit: Mit einem Vortrag zum Thema “Animal Minds talk” eröffnet die deutsche Verhaltensbiologin Julia Fischer die Esof in Turin. Mehrere tausend Wissenschaftler und Journalisten werden sich in den nächsten Tagen in der Fiat-Stadt in Norditalien aufhalten, um an der vierten gesamteuropäischen Wissenschaftskonferenz teilzunehmen – der größten ihrer Art. Die Esof (“Euroscience Open Forum”) findet nur alle zwei Jahre statt; zuvor war sie in Stockholm, München und zuletzt, 2008, in Barcelona abgehalten worden. Mit ihr sollte ein europäisches Gegenstück zur amerikanischen Wissenschaftstagung AAAS (“Triple-AS”) entstehen, schreibt die Robert Bosch Stiftung, einer der Gründungspartner. 

Nach 1000 Teilnehmern in Stockholm und gut 2000 in München verzeichnete man in Barcelona zuletzt mehr als 4000 Teilnehmer (inklusive 500 Journalisten) und im Nachklang erste Bestandsaufnahmen, die die Anziehungskraft der Großtagung zu deuten versuchten. Das Besondere an der Esof sei, hieß es etwa in einer Analyse in der “Zeit”: Hinter der Initiative stecke “keine Brüsseler Euro-Behörde, sondern ein Kreis von engagierten Forschern, Organisationen und Stiftungen, die einmal – fern von Brüssel – offen über Stärken und Schwächen der europäischen Forschung reden wollten.” Die steigenden Teilnehmerzahlen seien der Beweis, dass ein solches Forum auch dringend notwendig gewesen sei – allein, um einer Definition von “europäischer Wissenschaft” ein wenig näherzukommen. “Unterm Strich eine gute Veranstaltung”, lobte der Korrespondent des Wissenschaftsblogs sciblog.at nach Barcelona gnädig. Anerkennenswert fand er vor allem das “europäische Feeling” und die “vielen jungen Gesichter” und hob auch die gute Qualität der Sessions hervor, deren Format allerdings noch immer recht “traditionell” sei.

Die ausführlichste wissenschaftspolitische Einordnung schrieb die Journalistin Cornelia Reichert für die Branchenzeitschrift “Medizin- & Wissenschaftsjournalist”. Sie befragte Forscher und Journalisten nach ihren Eindrücken. Die Teilnehmer beschrieben die Esof zwar begeistert als ein Forum, das eine neue interdisziplinäre Dialogkultur innerhalb Europas Wissenschaftsgemeinde entstehen lässt. Doch es gab auch Kritik: So seien zu wenig Spitzenforscherinnen vertreten gewesen, man habe Kontroversen gescheut und – das merkten vor allem die Journalisten an – die präsentierten Themen seien nicht “neu” gewesen, sondern teilweise schon Monate zuvor über den Newsticker gelaufen. Die Vortragenden verteidigten ihre Strategie: “Esof ist der falsche Platz dafür”, zitierte Reichert einen deutschen Biologen, ebenfalls Teilnehmer. „Esof ist schließlich keine Fachkonferenz. Dort werden sehr wohl aktuelle Daten präsentiert, allerdings am liebsten ohne Journalisten, da unveröffentlichte Daten vorläufig sind.”

Brandaktuelle Forschungsgeheimnisse wird man also wohl auch in den kommenden Tagen in Turin nicht erfahren. Stattdessen wird vielleicht der eine oder andere europaweite Wissenschaftstrend sichtbar. Und auch wenn manch ein Vortrag nur das enthält, was schon vor Monaten in einem Fachjournal stand, werden sich landauf landab Artikel über Esof-Sessions auf den Wissenschaftsseiten der Zeitungen finden. Auch dieser Blog, Planckton, wird die Esof begleiten; seine Autoren sitzen auf gepackten Koffern. Der Eröffnungsvortrag “Animal Minds talk” verspricht einen fulminanten Einstieg: Julia Fischer ist Professorin für Kognitive Ethologie an der Universität Göttingen und Leiterin der gleichnamigen Arbeitsgruppe am Deutschen Primatenzentrum. Sie wird über das Sprachverständnis von Tieren sprechen, über die Art, wie Tiere kommunizieren und darüber, wie sich unser Verständnis von den kognitiven Fähigkeiten der Tiere in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt hat. Man darf gespannt sein.

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