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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Europas Forscher in Turin: Aggressive Griechen?

Ernst Fehr weiß gar nicht, ob er sich noch als Ökonom bezeichnen soll. Denn der Schweizer, Direktor des Institut für empirische Wirtschaftsforschung in...

Ernst Fehr weiß gar nicht, ob er sich noch als Ökonom bezeichnen soll. Denn der Schweizer, Direktor des Institut für empirische Wirtschaftsforschung in Zürich, ist zuletzt weit in neurobiologische Fragestellung vorgedrungen. Ausserdem traut er sich weitreichende psychologische Diagnosen zu, etwa über die Gründe für die griechische Staats- und Finanzkrise.

Wie entsteht Altruismus?

Ernst Fehr

Fehr treibt seit langem die Frage um, was Menschen dazu bewegt, Risiken für eine Gruppe in Kauf zu nehmen, obwohl sie sich selbst damit schaden könnten. Warum riskieren sie Kopf und Kragen, um gegen eine Diktatur zu demonstrieren und lassen zu, dass andere als Trittbrettfahrer davon profitieren, die selbst keinerlei Risiko eingegangen sind? Kurz: Wie entsteht altruistisches Verhalten? Dem rational entscheidenden Homo Oeconomicus alter Schule hat Fehr mit den Ergebnissen seiner Forschung den Wind aus den Segeln genommen: Menschen kooperieren, wenn sei nicht müssten, und lassen sich häufig auch durch K

osten und Mühen nicht davon abschrecken, solidarisch zu handeln.

Weil aber die Menschen zugleich ein gutes Gedächtnis haben, sinkt ihre Bereitschaft zu solch altruistischem Verhalten, je häufiger andere Gruppenmitglieder einfach Gewinne abstauben, ohne selbst einen Anteil beizusteuern. Dem lässt sich mit Sanktionen entgegenwirken – jedenfalls meistens. Sie sorgen für Steuermoral und verhindern Korruption. Die Trittbrettfahrer spüren, dass ihre Verweigerungshaltung einen Preis hat.

Nicht in allen Kulturen führt Sanktionierung zu kooperativem Verhalten

Allerdings hat Fehr festgestellt, dass die Sanktionierung nicht in allen Kulturen gleich wirkt. Während sie nämlich bei deutschen und amerikanischen Studenten bestens funktioniert, führte sie bei einer Studie mit 150 griechischen Studenten viel seltener dazu, dass diese zu guter Zusammenarbeit zurückkehrten. Stattdessen entwickelten sie Rachegelüste. „Daraus sollte man nicht auf die ganze Gesellschaft schliessen, das wäre gewagt. Aber es ist ein Indiz für die unterentwickelte Kultur ziviler Kooperationsnormen in der griechischen Gesellschaft“, sagte er im Gespräch mit dem Autor. Er merke immer mehr, „dass die Institutionen selbst ein öffentliches Gut darstellen. Ein Staat kann von ihnen profitieren, ohne selbst zu ihrem Aufbau beizutragen.“ Auf den Punkt gebracht: Ein Staat, der selbst keine vernünftige Steuermoral erreicht, kann sich ja immer noch auf die Institution EU und ihre Rettungsschirme verlassen.

Als genau das in Griechenland geschah, galt es zu sparen. Die Maßnahmen führten bekanntlich zu Volkszorn und gewaltsamen Protesten – entsprechend der These der „antisozialen Bestrafung“, wie Fehr die Trotzreaktion der griechischen Studenten auf Sanktionen nennt. „Eine lange rechtsstaatliche und demokratische Tradition und die Möglichkeit, Defektoren zu bestrafen, stützten die Akzeptanz von Sanktionen“, sagt Fehr. Die Griechen hingegen seien ja erst vor etwa 35 Jahren endgültig zur Demokratie zurückgekehrt.

Fehr vermutet, dass solche kulturellen Muster entstehen, weil sich Gruppen mit prosozialen, kooperativen Normen im Wettbewerb durchsetzen. Den sieht er nun in Europa am Werk. „Durch Gruppenselektion auf nationalstaatlicher Ebene werden die Griechen gezwungen, dem Schlendrian im öffentlichen Sektor zu Leibe zu rücken und endlich ihre Steuergesetze durchzusetzen.“

Neurologischer Blitzableiter?

Übrigens: In seinen neurobiologischen Experimenten testet Ernst Fehr, ob sich die Bereitschaft kooperativer Gruppenmitglieder beeinflussen lässt, die faulen Profiteure einer Gruppe zu bestrafen und dafür ihrerseits Geld zu zahlen. Dazu verringert er die elektrischen Ströme im präfrontalen Kortex, wo nach seiner Vermutung die Kosten des Bestrafens gegen den Nutzen abgewogen werden, wenn sich der Bestrafte wieder einreiht. Erstaunlich: Die Menschen sehen dann das Fehlverhalten des Trittbrettfahrers, bestrafen ihn aber nicht. Wer Ärger vom Chef fürchtet, sollte deshalb natürlich trotzdem nicht gleich zum Blitzableiter greifen.

 

 

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