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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Europas Forscher in Turin: Israels Chemie-Nobelpreisträgerin Ada Yonath über den langen Weg zur Erkenntnis

Medizin, drittes Semester, Biochemievorlesung. Eine Dozentin mit grauen Locken und gut gemachter Powerpoint-Präsentation führt die Studenten...

Medizin, drittes Semester, Biochemievorlesung. Eine Dozentin mit grauen Locken und gut gemachter Powerpoint-Präsentation führt die Studenten routiniert in die Geheimnisse der Proteinbiosynthese ein. Sie widmet sich zunächst der DNA-Doppelhelix – einschließlich ein paar kurzen historischen Ausflügen in Richtung Watson und Crick -, um schließlich in angemessenem Tempo die Begriffe Transkription und Translation zu erklären. Dann kommt sie auf das Ribosom zu sprechen – jenen Ort, wo die Proteine entstehen – und plötzlich wandelt sich die Vorlesung. Sie wird von einer didaktisch soliden Lehrveranstaltung zu einem Vortrag voller Verve und Leidenschaft, in dem es nicht um das geht, was man weiß: wie ein Ribosom nämlich aussieht, sondern darum, wie man dahin kam, es zu wissen. In einem Kurzfilm wird das Ribosom zu einem zyklamroten, lebendigen Knäuel, das am laufenden Band tütenförmige Proteine zusammenknotet und weiterreicht. Dann zeigt eine Folie das Bakterium Haloarcula marismortui aus dem Toten Meer. Mit Hilfe des temperaturresistenten Keims gelang es Ada Yonath, die Struktur von Ribosomen aufzuklären. Ein Jahrzehnte währender Weg. 2009 war schließlich das Jahr der israelischen Strukturbiologin: Kurz nach ihrem siebzigsten Geburtstag erhielt sie den Nobelpreis für Chemie, als vierte Frau nach Marie Curie, deren Tochter Irène Joliot-Curie und Dorothy Hodgkin.

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Ada Yonath (Foto news.xinhuanet.com)

Ada Yonath ist die Dozentin, die am Stehpult im großen Auditorium des Esof-Kongresszentrums Lingotto steht. Sie gestaltet keine Unterrichtsstunde für Medizinstudenten, sondern lässt Forscher und Journalisten teilhaben an dem langen Weg, der sie zur Aufklärung der Struktur von Ribosomen führte. Ein medizinisch hochrelevanter Forschungsbeitrag: Vierzig Prozent aller Antibiotika zielen auf die Ribosomen in Bakterienzellen – erst Ada Yonath konnte den genauen Wirkmechanismus vieler antibiotischer Medikamente aufdecken.

Yonath bediente sich der Röntgenstrukturanalyse, um den Aufbau von Ribosomen beschreiben zu können. Dafür müssen die RNA-Protein-Komplexe zunächst kristallisiert werden. Ribosomen zu kristallisieren, galt allerdings lange Zeit als unmöglich. Solche Kristalle sind sehr kurzlebig. Werden sie dann noch intensiver Röntgenstrahlung ausgesetzt, sind sie schnell zerstört. In Turin erzählte Yonath, wie ihr die Idee zur Lösung des Problems kam. Nach einem Fahrradunfall musste sie lange liegen und las durch Zufall eine Publikation über Winterschlaf haltende Bären. Deren Ribosomen richten sich während des Winterschlafs räumlich einheitlich aus und senken ihre Aktivität ab. Yonath kühlte daraufhin ihre Experimente mit flüssigem Stickstoff auf minus 180 Grad Celsius. Bei dieser Temperatur überstanden die Kristalle auch die Röntgenstrahlen.

Ada Yonaths Nobelpreis verhalf naturwissenschaftlicher Forschung in Israel zu einer neuen Popularität, die untrennbar mit der Person der Forscherin verknüpft ist. Nach der Auszeichnung entstand sogar eine Diskussion über ihre Frisur: “Wirre, lockige Haare, wie die meinen, nennt man seitdem einen ‘Kopf voller Ribosomen’, angelehnt an die Struktur dieser Moleküle”, sagte sie vor wenigen Monaten in einem Interview. In Turin zeigt sie sichtlich stolz diese Karikatur von sich selbst mit einem “Ribosomen-Lockenkopf”:     

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Ada Yonath zeigt Ada Yonath mit einem “Kopf voller Ribosomen” (Foto huch)

Yonath ist die erste israelische Frau, die einen Nobelpreis bekommen hat. Ihre Bekanntheit in Israel geht nicht zuletzt auf die spontane und couragierte Offenheit zurück, mit der sie seit dem vergangenen Herbst in vielen Interviews über die Schwierigkeiten ihrer Forscherlaufbahn gesprochen hat – als erstes in dem klassischen Telefon-Interview mit jedem Nobelpreisträger, das kurz nach der Bekanntgabe geführt und auf der offiziellen Nobelpreis-Website veröffentlicht wird. “Am Anfang waren wir sogar die Lachnummer der Branche”, erzählte sie einmal über die Reaktion von Kollegen, die nicht glauben wollten, dass man die Röntgenstrukturanalyse auf Ribosomen würde anwenden können. Immer wieder wurde sie als Träumerin bezeichnet. Sie selbst sagt, sie sei eben enthusiastisch genug gewesen, um ihre Versuche fortzuführen, und hilft sich mit Humor: Ihre Gehirnerschütterung nach dem Fahrradunfall habe ihr wohl den Eindruck vermittelt, das Unmöliche sei möglich zu machen. Auch in Turin deutete Yonath die Entbehrungen und Rückschläge eines Forscherlebens an. Ihre Familie habe oft auf sie verzichten müssen, und selbst wenn sie anwesend war, sei sie mit den Gedanken woanders gewesen. Ihre methodischen Ideen verwirklichte Yonath zu einem großen Teil in den Vereinigten Staaten und Deutschland, unter anderem als Leiterin der Arbeitsgruppe “Ribosomenstruktur” der Max-Planck-Gesellschaft am Teilchenbeschleuniger DESY in Hamburg und gemeinsam mit dem Max-Planck-Institut für molekulare Genetik in Berlin. Sie kehrte aber immer wieder an das Weizmann Institut in Israel zurück. Zur Esof musste sie keine weite Anreise auf sich nehmen: Direkt von der Nobelpreisträgertagung in Lindau ging es weiter nach Turin. 

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