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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Europas Forscher in Turin: Humor ist keine Wissenschaft für sich

  Treffen sich ein Hirnforscher, ein Anthropologe und ein Linguist. Klingt wie ein Witz? Fast! Hier soll es zwar um Humor gehen - aber bitte ganz...

 

Treffen sich ein Hirnforscher, ein Anthropologe und ein Linguist. Klingt wie ein Witz? Fast! Hier soll es zwar um Humor gehen – aber bitte ganz ernsthaft. „The Science of humor“ – Humor aus wissenschaftlicher Perspektive, wenigstens eine Spaßveranstaltung wird immer eingebaut ins Programm des European Science Open Forum, das 2010 in Turin stattfindet.

Was macht witzige Dinge witzig? Wieso hat sich Humor in der Evolution bewährt? Und was passiert im Gehirn, wenn wir uns nicht mehr einkriegen? Das wollte John Bohannon wissen, Reporter für die naturwissenschaftliche Zeitschrift Science. Er hatte zuletzt einen  Wettbewerb organisiert, bei dem junge Forscher weltweit ihre Doktorarbeiten tanzen sollten. „Das musst Du meinen Psychiater fragen“, antwortet ihm Salvatore Attardo von der Texas A & M Universität auf die Frage, wieso er sich als Linguist mit Humor beschäftige. Attardo hat herausgefunden, dass schon die Assyrer Witze in Hieroglyphen hinterließen – rund 4000 Jahre vor Christus ging es dort bereits um Verdauungsprobleme. Im Ernst? „Immer, ich mache nie Witze“, bekräftigt Attardo.

Tom Flamson versucht das wenigstens. Irgendwann wollte der Anthropologe der University of California in Los Angeles allerdings wissen, wieso über seine Witze nie jemand lachte – also protokollierte er penibel Gespräche zwischen Brasilianern und Brasilianerinnen, um zu erfahren, wann sie zu Schmunzeln beginnen. „Wir nehmen vor allem Aussagen oder Handlungen mit Humor, durch die wir uns mit anderen Personen über einen gemeinsamen Hintergrund verständigen können“, sagt er. Meist sind das ähnliche kulturelle Werte. „Humor scheint sich in der Evolution bewährt zu haben, weil Menschen durch ihn sehr effizient Informationen austauschen können“, sagt er.

Stanford-Forscher Allan Reiss teilt die These nicht, ein gemeinsamer Hintergrund sei entscheidend, damit Humor funktioniert: Witzig sei vor allem, wo Inkogruenzen zwischen zwei Erwartungen überraschend aufgelöst werden könnten, sagt er. Dafür betrachtete er die Gehirne von Menschen, die in unregelmäßigen Abständen totale Kataplexie erleben, einen Kontrollverlust der Muskeln, der zu Zusammenbrüchen führt – und zwar immer nach besonders starken Emotionen, vor allem nach Lachtiraden. Mit funktioneller Magnetresonanztomographie fand er heraus, welche Belohnungszentren aktiv wurden, wenn jemand einen Cartoon witzig fand. Mit Befragungen versuchte er zu interpretieren, warum.

Weniger weibliche Comedians – am Humor liegt es nicht

Dass er dabei auch Unterschiede zwischen Frauen und Männern fand, hat ihn unfreiwillig berühmt gemacht. So lassen sich Frauen beim Betrachten unterschiedlich witziger Cartoons von den guten Witzen überraschen, während sich Männer eher über die schlechteren Pointen enttäuscht zeigen. Darf man daraus ableiten, es sei ungefährlich, Frauen schlechte Witze zu erzählen? Dass witzige Männer evolutionär im Vorteil seien, ist empirisch jedenfalls bisher nicht untersucht. Trotzdem kann man das vermuten, wenn man beachtet, wie hoch Humor bei Kontaktanzeigen im Kurs steht. Inzwischen untersucht Reiss, wann in der Jugend sich Jungen- und Mädchenhumor auseinanderentwickeln. Übrigens: Dass es mehr männliche Comedians gibt, liegt wohl nur an sozialen Konventionen. Auch die Frequenz von Witzen bei öffentlichen Vorträgen – bei Männern deutlich höher als bei Frauen – erzählt mehr über Rollenbilder als über Humor. „In ungezwungenen Gesprächen sind nämlich Frauen viel häufiger witzig“, sagt Salvadore Attardo, dessen Studien das belegen.

Humor im Tierreich?

Auch Affen können lachen. In Labors zeigen sie bisweilen erst auf die Forschungsassistenten und als nächstes auf eine Abbildung mit Fäkalien – nur um sich daraufhin köstlich zu amüsieren. Protolachen nennt sich das Stakkato-Schnauben, an dem sich auf der Turiner Bühne gleich mehrere Forscher versuchen – was für ungewollte Komik sorgt. Eine entscheidende Voraussetzung für tierischen Humor scheinen so genannte Spindelneuronen zu sein. Delphine, Wale, Elefanten und Menschenaffen haben diese besonderen Hirnzellen, und bei allen gibt es Berichte über die Fähigkeit zu humorvollem Verhalten.

Salvadore Attardo hat sogar Wege gefunden, Humor zu messen – wenngleich nur anhand von Berichten der Probanden und simpler Tests, etwa der Aufforderung, Pointen für einen Lückentext zu erfinden. Attardo hält es übrigens für einen ewigen Mythos, dass vor eine gute Pointe zwingend eine Pause gehöre. „Diese Annahme geht auf einen einzigen alten Witz zurück“, sagt er. Und der geht so: Fordert ein Mann einen anderen auf: „Nehmen Sie meine Frau (Pause) Bitte!“

Was ist es denn nun, das verlässlich als witzig empfunden wird? Die Auflösung von  Inkongruenzen oder das neue Wissen um einen gemeinsamen Hintergrund? Wahrscheinlich beides. Eines ist auf jeden Fall sicher, da sind sich unsere drei Wissenschaftler einig: „So primitiv das klingt: Fürze und Sex gehen immer – in allen Kulturen, in allen Gesellschaftsschichten und in allen Phasen der Geschichte“.

Ein Doughnut wie ein Tokamak-Reaktor (Foto: Schenck)

Tokamak-Doughnuts auf der ESOF-Konferenz in Turin „faszinierende Ähnlichkeit“ mit einem Fusionsreaktor

Doughnut-Pitch statt Elevator-Pitch

Humor beweisen auch die Macher von ITER, die im Süden Frankreichs in einem der größten Forschungsprojekte der Welt einen Fusionsreaktor bauen wollen. Weil die meisten Wissenschaftsjournalisten ihre Workshops zur „nachhaltigen Kernenergie“ meiden, gehen sie neue Wege, um ins Gespräch zu kommen: Über einen Doughnut, der – vom Standbetreuer wird das angepriesen wie eine Weltsensation – dem Plasma-Container im geplanten Reaktor „faszinierend ähnlich“ sieht, wird man an den Stand gelockt. Dann macht der junge Wissenschaftler seinen „Doughnut-Pitch“ – analog zum Elevator-Pitch, bei dem ein Journalist seinem Chefredakteur während einer Fahrstuhlfahrt eine Story schmackhaft macht – und bringt während der Schnellmahlzeit seine Informationen an den Mann. 18 Milliarden wird der ITER-Reaktor des Modells „Tokamak“ (s. Foto) nach dem letzten Stand kosten, 2018 soll er fertig werden.  „Halt“, sagt der Betreuer und streicht mit einem virtuellen Handstrich die genannte Jahreszahl durch, denn die ist längst obsolet: Besonders bei den europäischen Ländern stockt die Finanzierung, zu der Deutschland mindestens 1,2 Milliarden Euro beisteuern soll.

Oh mein Gott, wir haben die EU verschluckt

In dem Reaktor sollen dereinst  bei Temperaturen von mehr als 150 Millionen Grad Celsius Wasserstoffkerne (Deuterium und Tritium) zu Helium verschmolzen werden, um eine „Sonne in der Schachtel“ zu erhalten. Denn dabei würden Neutronen frei, die in der Reaktorwand auf Lithium treffen und über Hitzewandler und Dampfturbinen Strom erzeugen – ohne Treibhausgase zu emittieren oder radioaktive Abfälle zu hinterlassen.

In Cadarache in Südfrankreich ist von dem Reaktor bisher noch keine Spur zu sehen, man kann sich also ganz auf die Modellen konzentrieren, die dem Doughnut so ähnlich sehen. Währendessen hofft man, regenerative Energien mögen diese Technik obsolet machen, bevor sie gegen Ende des Jahrhunderts ausgereift sein könnte. Der Reaktor wird von der EU, den USA, Russland, Japan, China, Indien und Südkorea finanziert und dort zeitgleich entwickelt, erklärt der Standbetreuer: Wie in einzelnen Doughnut-Stücken. Jeder Bissen Doughnut repräsentiert also einen dieser sieben Partner. Schließlich soll kein Land einen Alleingang wagen, und das Know-How soll gut verteilt sein. Diese Doppelarbeit treibt die Kosten in die Höhe und erschwert die Koordination, möchte man denken. Doch Vorsicht! Vor lauter gedanklichem Abschweifen über Fusion und Doughnut-Stücke haben wir soeben die EU verschluckt.

Bild zu: Europas Forscher in Turin: Humor ist keine Wissenschaft für sich

Doughnut-Modell des Plasmas im ITER-Fusionsreaktor

 

 

 

 

 

 

 

 

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