Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Tiere essen oder nicht? Neue Studien über Vegetarier, Hundehalter und Supermarktkunden

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Es war also doch nicht das Sommerloch. Dabei sah alles danach aus. Seit wann isst der Mensch noch mal Fleisch? Und seit wann schlachtet er in riesigen...

Es war also doch nicht das Sommerloch. Dabei sah alles danach aus. Seit wann isst der Mensch noch mal Fleisch? Und seit wann schlachtet er in riesigen Industrieanlagen ein paar tausend Schweine in der Stunde? Seit wann sind wir von Tierschutzaktivisten, Filmemachern und Augenzeugen darüber aufgeklärt, dass Schweine oft lebend in den Brühkessel geworfen werden, weil der Stich in den Hals nicht richtig sitzt, und dass Hühner im Akkord sterben, an den Füßen aufgehängt? All das ist jedenfalls, um mal ein Bild aus demselben Themenbereich zu bemühen, gut abgehangen. Mit Aktualität war es also kaum zu erklären, dass die „Zeit“ den Verzicht auf Fleisch vor zwei Wochen zu einem brandheißen gesellschaftlichen Thema erklärte und zwei dicke Scheiben Roastbeef auf den Titel druckte, samt nebenstehender Aufforderung „Lasst das!“

Natürlich, es gab einen Anlass, er wurde auch genannt. Jonathan Safran Foers neues Buch „Tiere essen“ war gerade auf deutsch erschienen, ein Reportageroman, für den der amerikanische Autor Schlachthöfe und Mastbetriebe besucht hatte. Aber rechtfertigt das, gleich eine Debatte auszurufen, ja das Bedürfnis nach Tierschutz zu einem gesamtgesellschaftlichen Trend zu erklären? Denn schlichte Rezensionen gab es kaum, stattdessen ähnelte beinahe jeder Kommentar zu Safran Foers Buch einem Essay über Vegetarismus und Tierethik. Die „Brigitte“ schickte sogar einen Redakteur los, der eigenhändig ein Huhn tötete, um Klarheit in der Frage zu gewinnen, ob der Mensch das Recht hat, Tiere zu essen. Sechs Seiten! Also ist das Thema wohl doch ein Lückenfüller?

Jetzt ist klar: Tierrechte sind nicht nur ein Thema, um das Sommerloch zu stopfen. Es gibt ihn wirklich, den gesamtgesellschaftlichen Trend. Zu diesem Ergebnis kommt ein Gutachten der Uni Göttingen. Die Göttinger Wissenschaftler hatten im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz ausloten sollen, welche Barrieren und welche Chancen in Deutschland für ein Tierschutzsiegel auf Lebensmitteln bestehen. Herausgekommen ist ein deutliches Plädoyer für das Tierschutzsiegel. Die Nachfrage nach tiergerecht erzeugten Produkten sei bisher unterschätzt worden. Man müsse sogar befürchten, dass Lebensmittel ohne Siegel sich nicht mehr verkaufen lassen, sobald das Siegel einmal eingeführt ist. Das Siegel soll gewährleisten, dass die Tiere zu Lebzeiten ihr natürliches Verhalten ausüben können und sich wohl fühlen.

Das ist noch kein Beweis dafür, dass Fleischverzehr passé ist – eher dafür, dass Tierleid nicht mehr akzeptiert wird, sobald Konsumenten die Wahl haben. Aber es zeigt, dass wohl tatsächlich eine ständige Debatte unsere tägliche Nahrungsaufnahme begleitet: Unterschwellig ist sie immer vorhanden, es genügt ein Funke wie Jonathan Safran Foers Buch, um sie neu zu entfachen. Einige Menschen haben sie auch für sich schon abgeschlossen: Sie haben sich entschieden, vegetarisch oder sogar vegan zu leben.

Worin der Unterschied zwischen Fleischessern und Vegetariern liegt, ergründet eine andere Studie, die in diesen Tagen im „European Journal of Social Psychology“ erscheint: Roland Imhoff vom Institut für Psychologie der Uni Bonn hat herausgefunden, dass Fleisch essende Menschen Tieren weniger menschliche Emotionen zuschreiben als Vegetarier. Imhoff hat mehrere Studien mit Fleischessern und Vegetariern durchgeführt. Die Teilnehmer sollten auf einer Skala markieren, ob bestimmte Emotionen sowohl Menschen als auch Tieren zu eigen seien oder ob nur Menschen sie kennen würden. Dabei unterschieden die Wissenschaftler zwischen angeborenen Primäremotionen wie Angst oder Wut und Sekundäremotionen wie Melancholie oder Schuldbewusstsein. Die Befragung zeigte, dass Fleisch essende Menschen Sekundäremotionen eher als spezifisch menschlich ansehen. Vegetarier sahen Sekundäremotionen aber auch bei Tieren.

Imhoffs Fazit: Die Strategie der sogenannten „Entmenschlichung“, also das Absprechen menschlicher Gefühle, gebe es auch bei Konflikten zwischen verschiedenen menschlichen Gruppen, etwa zur psychologischen Rechtfertigung der Tötung im Krieg. „Wir haben uns daher gefragt, ob auch die passive Teilnahme an der Tötung von Tieren mit der Strategie der Entmenschlichung einher geht. Bei Menschen, die Fleisch essen, scheint das zumindest so zu sein.“ Die Unterschiede zwischen beiden Gruppen – Fleischesser und Vegetarier – traten interessanterweise am deutlichsten dort zutage, wo es um lebensmittelliefernde Tiere ging. Nichtvegetarier schrieben Hunden immerhin noch mehr menschliche Emotionen zu als Schweinen, vor allem hinsichtlich der Sekundäremotionen.

Dass mit zweierlei Maß gemessen wird, zeigt auch eine dritte Studie in dieser Woche: Für manche Menschen sind Hunde und Katzen nur Tiere. Für andere sind sie dagegen Familienmitglieder oder gar Kinderersatz. Das schreibt David Blouin von der Indiana University South Bend in einer Studie, die er auf der Jahrestagung der American Sociological Association vorstellte. 81 Prozent der Hundebesitzer und fast 70 Prozent der Katzenbesitzer beschäftigen sich täglich mindestens zwei Stunden lang mit ihrem Tier. Das fand Blouin in Interviews mit Tierbesitzern heraus. Ob ein Hund oder eine Katze für die Besitzer ein Ersatzkind oder nur ein nützlicher, weniger bedeutender Begleiter sei, hänge davon ab, ob die Besitzer aus einem urbanen Milieu stammten oder Landbewohner seien. Letztere hätten oft ein nüchterneres Verhältnis zu Tieren. 

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2 Lesermeinungen

  1. Ich verstehe den Sinn der...
    Ich verstehe den Sinn der Studie des Bonner Wissenschaftlers nicht! Für mich ist es ein Beispiel von Steuerverschwendung. Was hat denn das mit EntMENSCHlichung zu tun, wenn man TIEREN gewisse sekundäre Gefühle wie Melancholie oder Schuldbwusstsein abspricht? (Fühlen denn nun Tiere eigentlich auch diese sekundären Dinger, gibt es dazu Untersuchungen außerhalb des Vorführens gewisser „Hundeblicke“?)
    Vielleicht unterscheiden sich Veganer vor allem dadurch von Vegetariern und Fleisch essenden, dass sie sich der sprunghaften evolutionären Höherentwicklung des Menschen gegenüber ALLEN Tieren (jaha, auch gegenüber Schimpansen, Delfinen und überaus intelligenten Schweinen!) nicht mehr bewusst sind und das Tier auf eine Stufe mit dem Menschen stellen. Wenn es denn so ist: Liebe Veganer, ein bisschen mehr meschliches BEWUSSTsein! (Letzteres ist übrigens, wodurch wir uns vom Tier unterscheiden). Ich muss gleich mal mit meinen Graupapageien reden, was die von soviel wissenschaftlichen Unfug halten!
    Im übrigen haben Foers Ausführungen von US-amerikanischer Massentierhaltung nicht allzuviel gemein mit unserer. Wer will schon Fleisch essen von Tieren, die in ihren eigenen Fäkalien ersaufen und ersticken und sich nur noch dank Antibiotika und Hormonmast aufrechterhalten können. Das ist widerlich und hat nichts mit moderner Tierhaltung gemein! Igitt! Hab einen ganzen Tag lang kein Fleisch gegessen nach Lesen dieses Buches!

  2. Ich esse Fleisch, bin jedoch...
    Ich esse Fleisch, bin jedoch der Meinung, daß auch andere Tiere Gefühle haben. Da uns Menschen natürlich andere Wirbeltiere näher stehen, ist es auch einfacher diese hinsichtlich ihrer Wahrnehmung zu beurteilen. Bei wirbellosen Tieren oder gar einem Salatkopf fällt es uns verständlicherweise schwieriger, was jedoch kein Beweis dafür ist, daß der Salatkopf nicht leidet, sobald man ihn aus dem Boden reißt…

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