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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Themenpark AAAS (4): Sex, Krebs und das dentale Kondom

In Amerika soll das Rauchen als größter Risikofaktor für Mundhöhlenkrebs bei Personen unter 50 bald abgelöst werden, vermuten Forscher um Diane Harper vom...

In Amerika soll das Rauchen als größter Risikofaktor für Mundhöhlenkrebs bei Personen unter 50 bald abgelöst werden, vermuten Forscher um Diane Harper vom College of Medicine in Ohio. Derzeit größter Konkurrent des Rauchens: Oralsex, der zur Verschleppung von krebsauslösenden Viren aus dem Genitalbereich in den Mund führt. Der Übeltäter: HPV, die bisher vor allem im Geschlechtsbereich nachgewiesenen Humanen Papillomaviren. Je öfter man den Partner wechselt und je häufiger man Oralverkehr hat, umso höher ist die Gefahr an Mundhöhlenkrebs zu erkranken, so Harper auf der Tagung der American Association for the Advacement of Science (AAAS) in Washington.

Frühreife Jugend

Insbesondere um Jugendliche sorge man sich, sagt Bonnie Halpern-Felsher, Entwicklungspsychologin aus dem Zentrum für Heranwachsenden-Medizin der University of California in San Francisco.

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„Schon viele 14-jährige Neunt- und Zehntklässler geben an, dass sie bereits oralen Sex hatten: Etwa jedes fünfte Mädchen und jeder fünfte Junge.“ Von Gefahren diesbezüglich hatten sie aber noch nie etwas gehört, sie hielten Oralsex hingegen für spannend, gut für ihr Ansehen und für weit wenig risikobehaftet als „wirklichen“ Sex. Über diesen wussten sie hingegen gut Bescheid, über die Verhütung von Schwangerschaft und von HIV.

Auch der Sinn und die Anwendung von Kondomen waren den meisten bekannt – da hatten Lehrer und Eltern gute Vorarbeit geleistet. Die Aufklärung im Bereich Oralsex lässt aber noch zu wünschen übrig. Nicht zuletzt deshalb, weil selbst viele Erwachsene nicht die Gefahren kennen, die dieser bergen könnte. Oralsex wird weder im Unterricht besprochen noch scheinen sich die Eltern in der Pflicht zu fühlen, dieses sehr intime Thema vor ihren Kindern anzusprechen. Da reicht die Überwindung gerade noch dazu aus um die Kinder über Schwangerschaftsverhütung aufzuklären. Doch wie jede sexuelle Praktik ohne Verhütung, kann auch bei Oralsex Krankheiten übertragen werden.

Dentale Kondome?

Bevor man aufklärt, sollte man wissen, worüber genau man aufklären möchte. Wie könnte man allgemein und insbesondere die Jugendlichen vor der Geschlecht-zu-Mund-Übertragung schützen? Kondome helfen in 60 Prozent, sagt Halpern-Felsher. Die handelsüblichen Kondome schützen beim Oralverkehr zwischen Heterosexuellen allerdings nur die Frau. Deshalb gebe es mittlerweile spezielle Kondome, die auch den Mann beim Cunilingus vor Infektionen bewahren sollen: „Dental dams“, dentale Kondome, die über die Vagina der Frau gestülpt werden um Austausch von Körperflüssigkeiten zu vermeiden – wie es auf im Internet zu findenden Beratungsseiten steht. Wie praktikabel diese Methode ist, steht dort aber nicht geschrieben.

Glaubensfrage

Zudem drängt sich Frage auf, ob Oralverkehr der einzige Übertragungsweg ist? Was ist, wenn ein Partner bereits im Mundraum infiziert ist? Kann dann nicht auch bei einem Zungenkuss HPV übertragen werden? Als ich mich danach erkundigte, erntete ich nur müdes Lächeln bei auf den Boden gesenktem Blick von Halpern-Felsher. „Ja das könne schon auch passieren.“ Logisch wäre also, dass zum konsequenten Schutz vor Krebs nun auch Schutz beim Küssen nötig ist. Dementsprechend die Nachfrage, ob das heiße, dass die Partner auch beim Küssen verhüten sollten?“

Der Blick der Psychologin senkte sich noch weiter zu Boden: „Ja, theoretisch schon.“ Dazu bieten sich dann wohl dentale Kondome an? „Ja genau.“ Auf Nachfrage, wie diese denn aussähen, grinste sie plötzlich wieder und musste zugeben, dass sie das selbst nicht wisse.

Vorsorge beim Zahnarzt?

Die Idee mit den dentalen Kondomen ist demnach nicht nur bei den Jugendlichen unbekannt, sondern selbst bei der für deren Beratung zuständigen Psychologin – was wohl die tatsächliche Irrelevanz dieser Erfindung im Alltag entlarvt. Besser alltagstauglich wären Vorsorgeuntersuchungen mit Blick auf HPV und auf abnorm veränderte Zellen in der Mundhöhle.

 

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Ähnlich dem weltweit anerkannten PAP-Abstrich bei Frauen, der das Cervix-Karzinom bereits in seinen Vorstufen erkennen soll. Doch im Mund ist das nicht so einfach möglich – Essigsäure, die veränderte Zellen am Gebärmutterhals gut nachweisen kann, ist sehr unangenehm auf der empfindlichen Mundschleimhaut. Möglich sind allerdings schon generelle Vorsorgen beim Zahnarzt: „Es ist wichtig, generell zwei Mal jährlich zur Kontrolle zum Zahnarzt zu gehen und sich sofort bei ihm zu melden, wenn man bei sich eine Veränderung im Mund- und Rachenraum entdeckt“, empfiehlt Harper. So könnten die Vorstufen des Tumors früh erkannt werden und man könne  noch rechtzeitig eingreifen.

 

Wichtig ist zudem, ein gesellschaftliches Bewusstsein zu schaffen über Gefahren, die neben dem mittlerweile gut bekannten Gebärmutterhalskrebs von HPV auszugehen scheinen. Man könnte regelrecht meinen, dass die HP-Viren allgegenwärtig sind: So werden sie immer häufiger auch im Zusammenhang mit anderen Krebsarten als potentiell verursachender Faktor gefunden, so auch beim Anal-, Penis- und Vulvakarzinom. Und nun also endgültig auch als Verursacher von Mundbodenkrebs, einem Karzinom der Rachenmandeln. Kein einfach zu behandelnder Krebs. Ist er im fortgeschrittenen Stadium, muss ein großer Teil des Rachens entfernt werden, was meist zu lebenslang folgenden Sprechstörungen führt.

 

Eine Überlegung für die Zukunft ist,  neben der Vorsorge beim Zahnarzt die Impfung gegen HPV nun auch auf die männliche Bevölkerung auszudehnen. Allerdings ist die Forschung hier noch so frisch, dass die Wissenschaftler dazu bisher nur eingeschränkte Aussage machen können. Bevölkerungsweite HPV- Impfprogramme und  der PAP-Abstrich für den Mund sind also noch Zukunftsmusik, von den Experten auf diesem Gebiet aber durchaus denkbar.

Wir arbeiten daran, hört man allenthalben.

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