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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Der Ruf der Romantiker: Rette uns, Adler!

Alles eine Frage der Dosis. So ist es auch mit der Romantik. An jene Romantik sei hier gedacht, die sich wenigstens bei einigen von uns mit dem Blick in die...

Alles eine Frage der Dosis. So ist es auch mit der Romantik. An jene Romantik sei hier gedacht, die sich wenigstens bei einigen von uns mit dem Blick in die unverstellte Natur, in die pure Wildnis, verbindet. Man kann dieser Sehnsucht nicht entgehen, hat man sich auf sie in frühen Jahren eingelassen oder sie in glücklichen und traurigen Momenten ausführlich genossen. Solche Gefühle graben sich in unser Gedächtnis. Hirnforscher benutzen gelegentlich den anschaulichen, wenn auch elektrophysiologisch etwas dürftigen Anglizismus: Verdrahtet. Unsere Nervenzellen sind verdrahtet, die Sinneszellen mit den Hirnneuronen, der Schläfenlappen mit dem Stammhirn, der Kortex mit dem Limbischen System. Mit einem Wort: Die Emotionen beherrschen uns.

Was im Hinblick auf die Naturromantik freilich viele schon in die Irre geführt hat. Nicht umsonst hat sich bis in den Naturkonservativismus dieser Tage eine erbitterte Auseinandersetzung erhalten, die gelegentlich schon den Naturschutzgedanken schlechthin ins Wanken gebracht hat. Die entscheidende Frage lautet: Ist das, was wir so sehnsüchtig bestaunen, wirklich das, was Natur ausmacht? Was sie ihrem Wesen nach tatsächlich ist – und nicht etwa das, was wir vorgeben, sehen zu wollen?  Ein philosophisch weites Feld, zugegeben. Man kann es eingrenzen, wenn man sich an einen Adlerhorst begibt.

Bild zu: Der Ruf der Romantiker: Rette uns, Adler!  Foto Deutsche Wildtier Stiftung

Dahin zu kommen ist selbstverständlich auch für einen wildnisgängigen, gleichsam klettereifrigen Naturforscher alles andere als ein Spaziergang. Eine Variante der modernen Exploration ermöglicht es, den Weg dahin abzukürzen. Man lässt sich eine Webcam auf Horsthöhe installieren. An dieser Stelle ist die Deutsche Wildtier Stiftung explizit zu nennen. Sie hat es fertig gebracht, zwar nicht als erste, aber als ausgesprochen umtriebige hartnäckige  Naturschutzorganisation,  den sagenhaften Schreiadler – Aquila pomarina – gewissermaßen auf der Datenautobahn in unser naturromantisch verarmtes Gedächtnis zu verankern. Sie hat uns emotional wieder verdrahtet. Tagelang, manche mögen schon Wochen davor in den Bann gezogen worden sein, haben wir mittels der auf einer lettischen Tanne installierten Kamera mutmaßlich von Norden her in den Adlerhorst geblickt. Zugegeben, das Licht war nicht immer ideal, die Kameraführung bei Adler-TV ein wenig  windaffin und die Schärfe mangels Auflösung insgesamt fast schon antiquiert. Aber das alles ließ die Gefühle für das Naturereignis insgesamt doch ungetrübt. Mehr als das: Eigentlich war die technische Unvollkommenheit der Übertragung geradezu  angetan, den Augenblick dieser virtuellen  Echtzeitexploration  als ein historisches Ereignis wahrzunehmen. Auf den Baum geklettert hätte der Blick auf das Geschehen im Horst kaum besser sein können.

Geschehen war erstmal allerdings nicht viel. Vor unseren Augen lag nun vorerst dieses stattliche Gelege mit zwei Eiern, das bis in den Juni hinein von dem größeren Adlerweibchen Tag (und mutmaßlich nachts) sorgsam behütet wurde. Gelegentlich kam das Männchen an den Horstrand geflogen, um seiner brütenden Partnerin einen – glücklicherweise unidentifizierbaren toten Happen Beute – in den Schlund zu schieben.

Die romantische Stimmung solcher Liebeleien wurde verstärkt durch die Musik der Wildnis. Hinter dem Bildschirm öffnete sich dank des Webcam-Mikros jeden Tag aufs Neue ein Konzertsaal mit den frühlingshaften Stimmen des lettischen Waldes. Ein Vogelstimmenchor mit meditativen Qualitäten. Man sitzt am Computer und träumt. 

So also verbrachten wir die gelegentlich sinnlichen Minuten zwischen surfen und schreiben, zwischen arbeiten und chatten. Jeden Tag eine erquickende Dosis Romantik. Bis eben zum Pfingstwochenende, an dem der Computer ruhen sollte.

Bild zu: Der Ruf der Romantiker: Rette uns, Adler! Tizians „Kain und Abel“

Die Hoffnung war gewesen, und die Wildtierstiftung bestärkte dieselbe mit einer entsprechenden Ankündigung, dass die Adlerküken –  Kain und Abel – noch vor dem christlichen Feiertagswochenende schlüpfen sollten. Nein, der biblische Verweis auf die ersten  Söhne Adams und Evas  ist an dieser Stelle keineswegs unangebracht (oder ketzerisch).  Die Biologie kennt tatsächlich den „Kainismus“. Und der Schreiadler ist geradezu ein mustergültiges Exempel für dieses grausam anmutende Verhalten. Es besteht darin, dass das erstgeborene Küken, Kain, das zweitgeborene, Abel,  in der Regel aus dem Nest schubst, noch bevor dieses auch nur die ersten glücklichen Momente des Lebens zu genießen imstande wäre.

  Die Wildtierstiftung hat diese unglückselige Neigung der Schreiadler auf ihre Weise in die naturromantischen Bahnen zu lenken versucht. Sie hat für die Schreiadler-Abels, die sie durch intensive Horstbeobachtung unter ihre Fittiche genommen hat, jeweils Patenschaften ausgeschrieben. Eine Art Sponsoring für tatkräftigen Artenschutz. Sobald das Zweitgeborene schlüpft, wird der Horst von den Schreiadler-Experten  erklettert und schnurstracks der Abel in die Obhut  umsichtiger, artgemäß pflegender Adlerschützer verbracht – nur, um später ebenso vorsichtig als Halbwüchsiger ausgewildert zu werden.

Gewiss ein Eingriff, der dem Schreiadler, von dem es im Osten Deutschlands – der westlichen Verbreitungsgrenze des Beutegreifers – nur mehr etwas mehr als hundert Paare geben soll, populationsbiologisch nutzen könnte. Aber gewiss auch eine Maßnahme ohne jeden naturromantischen Mehrwert.

Sei’s drum, dachte man. Spätestens Pfingsten sollte Abel schlüpfen und also gerettet werden. Ein schöner Gedanke, mit dem es sich leichten Herzens in die computerarme Freizeit an der Nordsee flüchten lässt. Ich kann sagen: Der Schock war groß. Die Nachricht, die den sehnsüchtigen Horstbesucher nach seiner Rückkehr an den Bildschirm ereilte, lief auf ein romantisches Inferno hinaus. Weder Kain noch Abel wurden geboren. Kain und Abel waren tot. Nicht mal das im eigentlichen Sinne. Denn Kain und Abel wurden nie gezeugt. Die Eier, die das Adlerglück so ausdauernd wärmten, waren unbefruchtet geblieben, die Mühe umsonst.  Kinderlosigkeit im Horst des Königs. Was für ein Unglück. In den Sinn kommen da Goethes Verse aus dem Buch „Adlerschrei und Zitronenfalter“, in dem der um seine Schwinge gestutzte flugunfähige Adler von der Taube am Ende getröstet werden muss:

O Freund, das wahre Glück
Ist die Genügsamkeit,
Und die Genügsamkeit
Hat überall genug.

 O Weise! sprach der Adler, und tief ernst
 Versinkt er tiefer in sich selbst,
 O Weisheit! Bild zu: Der Ruf der Romantiker: Rette uns, Adler! Du redst wie eine Taube!

 Foto Deutsche Wildtier Stiftung

Elende Schicksale, sicher, auch sie ein Teil der Natur. Wie viele aber dürfen es sein?  Kaum nämlich hatten die lettischen Adler-Schützer  im Naturreservat Teici den Blick von einer  Webcam zur nächsten, vom einen Adlerhorst zum nächsten gewechselt, wo der kleine Kain mit einem stolzen Flaumfederkleid schon saß und prächtig gedieh, da passierte das schier Unfassbare: Am Morgen nach Pfingsten war auch Kain verschwunden. Ein Baummarder hatte im Nest geräubert. Welche ein Drama. Oder etwa nicht? Haben wir nicht ein Recht auf ein gediegenes, gelingendes Naturschauspiel – eine Reality-Show mit Happy-End? Oder anders gefragt: Hätten wir wohl die Kamera zugeschaltet, wenn wir um den Ausgang des Schauspiels gewusst hätten? Nein, das war kein Computerspiel, keine schnöde Animation. Wir nehmen auch an: Es waren keine Gipseier, die man uns untergejubelt hat. Nein, das alles war grausame Realität.

Eine Entschuldigung ist deshalb fällig. Eine Wiedergutmachung meinetwegen. Im Namen der Natur. Die Stiftung muss es richten.  Und sei es nur, um uns verblendete Naturromantiker aus den dunkelsten Höhlen hervorzuholen, in die wir nach dem Totalausfall der biblischen Nestbrüder wieder mal  gestürzt sind.

 Horst Stern würde rufen: Rettet uns, Adler!

 

 

 

 

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