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Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Evolution in Streifen: Was macht die Mode draus?

Irgendwo liest du: „Die Stricktrends sind gemütlich und perfekt für den Winter. Die absoluten Must-Haves in dieser Saison sind Ponchos, Pullis mit...

Irgendwo liest du: „Die Stricktrends sind gemütlich und perfekt für den Winter. Die absoluten Must-Haves in dieser Saison sind Ponchos, Pullis mit Blockstreifen, Westen im Oldschool-Stil und XXL-Strickjacken oder -mäntel.” Und kaum ist dieser Satz übers Stricken gelesen, schwärmen die Gedanken aus wie ein Heer von Agenten.

Streifenmode fällt offensichtlich nicht vom Himmel. Das Tapirjunge neulich im Zoo trug seine konturscharfen ocker-braunen Streifen stolz wie Oskar. Doch wie bei den Frischlingen  sind die Elterntiere  enttäuschend unmodisch im vorherrschenden Spätherbstton graubraun gekleidet. Dann das Straußenküken im Senckenberg-Museum: In seiner gestreiften Wichtelmännchengestalt ähnelt es den Tapirjungen und den Frischlingen wie die Spieler einem dieser Wuselteams im Weltfußball, sagen wir (Färbung mal außen vor gelassen) Mailand oder Juventus. Auch das Haubentaucher-Küken trägt braune Streifentrikots, das Streifenhörnchen sogar bis ins hohe Alter und dem Zebrafisch hat sein kontrastreiches braunes Streifenmuster zum Namen verholfen. Modeschöpfung ist demnach uraltes  Designhandwerk.

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Der Gedanke also, der sich uns aufdrängt bei der Betrachtung der scheinbar übergeordneten Streifenschau, lässt sich mit einem selbstbewussten Satz von Ernst Mayr zusammenfassen, dem „Darwin des zwanzigsten Jahrhunderts” (New York Times), dem man an der Harvard-Universität schon zu Lebzeiten ein Museum gestiftet hatte: „Evolution ist die mächtigste Idee, die in den vergangenen zweihundert Jahren ausgedacht wurde.” Steckt hinter all den zoologischen Verkleidungen und dem aktuellen Old-Style-Strickmuster demnach eines dieser ominösen Grundkonzepte des Lebens – eine Art Überlebensformel, die die Evolution einmal – oder sogar mehrfach unabhängig voneinander – hervorgebracht hat, um den Betreffenden das Leben etwas lohnenswerter oder einfach ein  bisschen weniger beschwerlich zu machen? 

Die Suche nach Antworten bringt uns wieder auf Mayrs Spuren. Und auf eine schöne wissenschaftliche Tradition: Intuitive Argumente sind das tägliche Brot der Evolutionsbiologie und Plausibilität ihr beliebtester Belag. Evolution kann so einfach sein: Erfolgreich ist, was überlebt.

Axel Meyer aus Konstanz, stolzer Schüler des „Großmeisters der Biologie” (Edward o. Wilson), bestätigt eine der ältesten und zugleich plausibelsten Vermutungen: Streifenmuster gehören zur Tarnfärbung – Krypsis lautet der Fachausdruck dafür. Die Nähe zum „Kryptischen” ist kein Zufall sein. Was auf den Schlachtfeldern der Natur nicht alles der Tarnung dient.

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Meyers gute Freundin in Harvard, Hopi Hoekstra, eine Entwicklungsbiologin, die sich wie er vor allem molekularbiologischer Methoden bedient, um der Musterbildung empirisch auf die Schliche zu kommen, hat bei Mäusen eine Beobachtung gemacht, die von anderen Evolutionsbiologen inzwischen gerne zitiert wird: Wenn jugendliche Labormäuse erwachsen werden, tauschen sie ihr graues Fell auf dem Rücken  gegen ein braunes ein. Es ist der Moment, an dem das „Agouti”-Gen die Kontrolle über die schubweise Verteilung der braunen Pigmente in den Zellen übernimmt.

Und die Ursache für die Musterbildung? Unbekannt. Kommentar Hoekstra: „Wir wissen eigentlich noch  nicht viel über die Genetik des Farb- und Musterwechsels.” Warum das Jugendkleid ein anderes sein muss als das erwachsene – ein Rätsel. Dann aber doch noch ein interessanter Hinweis: „Es wird angenommen, dass die Unterschiede vor allem angetrieben werden von einem Verhalten, das als Räubervermeidung bekannt ist.” Kurz gesagt: Jungtiere sind unbeweglicher, langsamer und wehrloser. Sie müssen sich vor ihren Fressfeinden schützen, indem sie sich „optisch auflösen”, wie das Nina Schaller nennt. Sie ist die Straussenforscherin am Senckenberg-Museum.  Der Kindergarten eines einzelnen Straussenpaares kann aus bis zu vierhundert Küken  bestehen. Zu viel auch für die massigen, schnellen und wehrhaften Straßeneltern, um alle Sprösslinge schützen zu können. Die müssen auf Camouflage vertrauen – die Streifenfärbung im hohen Gras der afrikanischen Steppe lässt die Konturen verschwimmen, davon  ist Nina Schaller überzeugt. „DieVerkleidung ist die beste Verteidigung.”  Plausibel klingt das, wenn man sich nur die Streifen am Hals betrachtet. Allerdings fragt man sich, wieso die Evolution nicht auch am Rest des Körpers dieses Längsmuster ausgelesen und entwicklungsbiologisch gefördert hat, das sich im senkrecht wachsenden Gras optisch auflöst, sondern ganz offenbar Querstreifen bevorzugt.  Widerspruchsfreie experimentelle Befunde zu dieser Frage gibt es jedenfalls nicht. 

Die Orientierung der Streifen tritt allerdings auch in den Hintergrund, wenn man Nina Stobbe und Martin Schäfer aus Freiburg glauben will, die in einer bemerkenswerten Serie von Experimenten mit Schmetterlingen gezeigt haben: Auf den Kontrast der Streifen kommt es eigentlich an. Kontrastreiche Muster vergrößern die Chancen in der Wildnis, vor dem Hintergrund zu verschwimmen. Allerdings bewirkt zu starker Kontrast unter Umständen auch das genaue Gegenteil. Dann werden die Tiere wieder leichter zur Beute. Auf die Dosis kommt es also an und auf gedeckte Farben.  

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Josef Reichholf, der meistgelesene Popularisierer der Evolutionsforschung hierzulande und ehemaliger Ornithologe an der Naturkundlichen Staatssammlung in München, hält nicht zuletzt deshalb das bei vielen Tiergruppen bevorzugte Streifenkleid keineswegs für „kryptisch im engeren Sinne”. Er tendiert zu Schallers Erklärung: Die Muster sind  „die Körperform auflösend.”

Und spätestens an diesem Punkt bekommt das Verhalten der Modebranche und die Strickmode dieses Winters einen fragwürdigen Beigeschmack. In den Ankündigungen der Streifenmodelle nämlich heißt es, das Querstreifen-Design werde für  „tolle Hingucker” sorgen. Das kann entweder nur ein anti-evolutionäres Plädoyer für grelle kontrastreiche Farben sein oder für das – in der Modebranche durchaus bemerkenswerte – Bekenntnis zur gewollten Unsichtbarkeit. Bild zu: Evolution in Streifen: Was macht die Mode draus?

  

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