Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

So einfach ist das (1): Gesegnete Weiblichkeit

Was das reproduktive Verhalten angeht, haben wir in den hochentwickelten Ländern schon länger ein massives Burnout-Problem. Wir zündeln alle...

Was das reproduktive Verhalten angeht, haben wir in den hochentwickelten Ländern schon länger ein massives Burnout-Problem. Wir zündeln alle gemeinsam an der demographischen Zeitbombe. Und alle wissen das. Deshalb müssen wir uns auch nicht wundern, nein, wir sollten wohl dankbar sein, wenn in diesen kinderarmen Zeiten das grassierende Erschöpfungssyndrom bei Paaren im gebärfähigen Alter von den wirklich harten Wissenschaften aufgegriffen wird. Harte Wissenschaft meint in diesem Kontext allerdings wirklich „hard science“, angelsächsisch gefasst. Teile der Psychologie zählen sich da schon längst wie selbstverständlich dazu. Vieles erscheint ja auch gleich viel einfacher, wenn man erstmal bereit ist, die mentalen Prozesse nicht unnötig zu verkomplizieren, sondern mit arithmetischer Strenge auf das Wesentliche zu reduzieren. 

Das bedeutet: Es geht um harte Humanpsychologie – solche also, die sich der ernsthaften Prüfung „physischer menschlicher Eigenschaften“ widmet,  wie das etwa zwei britische Psychologie-Departments an der University of St. Andrews respektive Sterling in einem bemerkenswerten Paper zum Zusammenhang von Weiblichkeit  und Fruchtbarkeit jetzt versprochen haben. Und weil die naturwissenschaftliche Durchdringung der Psychologie, quasi ihre Höherentwicklung zur exakten Wissenschaft,  allgemein immer noch gerne gering geschätzt wird, darf dieser Beitrag gerne als eine Demonstration der Leistungsfähigkeit einer quasiphysikalischen Verhaltenskunde des Menschen verstanden werden. Urteilen Sie selbst!

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In der besagten Veröffentlichung britischer Psychologen ist der Versuch unternommen worden, einen möglichen Zusammenhang herzustellen zwischen gewissen physischen Eigenschaften einer Frau, die sich hinter dem allzu weichen Begriff Weiblichkeit verbergen, und deren Bereitschaft zum Kinderkriegen. Zum zweigeteilten Experiment berufen wurden im  ersten Abschnitt 25 kinderlose gesunde Studentinnen zwischen 18 und 21 Jahren  und für den zweiten Teil neun ebenso junge vielversprechende männliche Studenten sowie – der überlegenen weiblichen Sozialkompetenz wegen, so darf vermutet werden – neun weibliche Kommilitonen, denen die Aufgabe zufiel, die Weiblichkeit der 25 Probandinnen anhand von Fotos einzustufen Zuerst aber war die 25 Studentinnen an der Reihe: Ihnen oblag die mehr oder weniger lästige, wenn auch wenigstens finanziell entgoltene Pflicht, nach einem kleinen Fragebogen, in dem sie ihre Wunschkinderzahl bekannt zu geben hatten, mindestens einmal wöchentlich eigenen Morgenurin abzuliefern. Sechs Wochen ging das so. Anderthalb Monatszyklen also. Damit kam genug Material zusammen, den Östrogenspiegel der jungen Damen zuverlässig und individuell zu ermitteln. Und genau darum ging es: Um das weibliche Geschlechtshormon Östrogen.

Die These der Forscher lautete nämlich: Je mehr Östrogen im Körper der jungen Frauen zirkuliert, desto größer der Kinderwunsch. Woher diese Idee kam? Im Wesentlichen aus zwei Quellen. Zum einen, und diese Arbeit wird schon im ersten Satz der Veröffentlichung zitiert, hat man bei früheren physiologischen Erkundungen solcher Art festgestellt, dass der Kunderwunsch umso größer ist, je geringer die Konzentration des männlichen Geschlechtshormons Testosteron ist. Die britischen Psychologen haben daraus den  Schluss gezogen: Wenn wenig Testosteron gebildet wird, bedeutet das auf der anderen Seite des Hormonspiegels vermutlich ein Überschuss an Östrogen. Und Östrogen ist als entwicklungsbiolgischer Faktor einschlägig bekannt. Wie ausgeprägt die Brüste werden, wie weit die Taille und schmal die Hüfte, wie intensiv die Behaarung und wie weich das Gesicht – all das steht mehr oder weniger unter der physiologischen Kuratel  des Östrogenhormons. Das haben die Psychologen sorgfältig recherchiert. Damit wären wir bei der zweiten Quelle ihrer psychologischen Erkenntnis: der zoologischen Verhaltensforschung. Ratten und Schafe, so hatte man herausgefunden, unterliegen denselben Gesetzen. Je mehr Östrogen die Weibchen produzieren, desto größer der Wurf.

Eine vielschichtige empirische Basis war also vorhanden. Mit diesem Wissen gingen die Forscher ans Werk und korrelierten die Angaben der 25 Studentinnen zum Kinderwunsch, der sich erwartungsgemäß zwischen null und vier bewegte, mit den jeweils ermittelten Östrogenwerten. Mit diesem Befund ging es in den  zweiten Abschnitt der Mutterschaftsbereitschaftsprüfung. Östrogene kann man nämlich nicht sehen, und ob wir sie riechen können, weiß auch keiner. Deshalb wurde die Weiblichkeit der Probandinnen – gewissermassen als optischer Marker des Hormonspiegels – im Konfrontationstest ermittelt. Absteigend nach dem Östrogenspiegel wurden jeweils mehrere Gesichter der 25 jungen Frauen per Software zusammengepackt, die Konturen gemittelt und die Desiderate dieser algorithmischen Retuschekunst den achtzehn männlichen und weiblichen Kommilitonen zur Begutachtung vorgelegt. Die Frage lautete für sie: Welche Gesichter erscheinen weiblicher und sind damit – zumindest was die männliche Perspektive angeht – als potentielle Fortpflanzungspartnerin attraktiver.

Der Test verlief ganz nach dem Geschmack der Forscher. Ihre Formel lautete am Ende der beiden Teilprojekte: Hoher Östrogengehalt plus weibliche Züge gleich großer Kinderwunsch. 

Bild zu: So einfach ist das (1): Gesegnete Weiblichkeit  Erkennen Sie den feinen Unterschied? Zwei Gesichtskomposite aus der bristischen Weiblichkeitsstudie. „Low Maternal“ bedeutet geringen Kinderwunsch, „High Maternal“ zeigt das weiblichere Gesicht, das der Studie zufolge einem ausgeprägten Kinderwunsch entspricht. Foto David Perrett

 „Zusammengefasst“, lautete das Fazit der britischen Psychologen, „zeigt unsere Studie zum erstenmal eine positive Beziehung zwischen der Bereitschaft zur Mutterschaft und zweier physischer Kennzeichen von Weiblichkeit bei jungen Frauen: Östrogenlevel und weibliche Gesichtszüge.“ Ein Schelm, wer dabei an eine Gegenüberstellung unserer kinderlosen Bundeskanzlerin und ihrer gebärfreudige Herausforderin Ursula von der Leyen denkt und falsche Schlüsse zieht.

 Das wäre ja nun auch wirklich zu einfach. Oder sollte man doch so leicht von den weiblichen Gesichtszügen auf die Mutterschaftsambitionen schließen dürfen? Die britischen Psychologen tun jedenfalls wenig dafür, diesen Eindruck zu entkräften. Dass dem Kinderwunsch (und seiner Verwirklichung) ein vielschichtiger Prozess vorausgeht, in den soziale Kontexte einfließen und Partnerschafts- ebenso wie Berufsüberlegungen eine Rolle spielen, und der überdies von einer ungeheuren hormonellen Variablität überschattet wird, die bei dieser selektiven Probandenauswahl kaum erfasst werden konnte, wird in dem thesenfreudigen Paper geschickt von den genannten harten Fakten überblendet.

Die entscheidende Frage für uns Trivialpsychologen lautet deshalb nach der Lektüre vielmehr: Wie in aller Welt konnten wir in unserer  saturierten Wohlstandsgesellschaften es so weit kommen lassen, dass der Östrogenpegel unserer Frauen mehrheitlich derart ins Bodenlose stürzt – womit  auch schon das Nötigste zu den vermeintlichen Weiblichkeitsdefiziten unserer Frauen gesagt wäre. Und wie im Himmel wollen wir unseren Kindern klarmachen, dass es aus dieser schicksalsträchtigen Entwicklung, die uns irgendwann endgültig ins  reproduktive Verderben, ergo: zum Aussterben,  führt, nur einen Ausweg geben kann: eine radikale Neubesinnung im Umgang mit den Hormonen. Schluss mit den Östrogenlügen. Hormonersatztherapie? Von den Epidemiologen wegen  Krebs- und Infarktrisiken im höheren Alter stigmatisiert, muss hier ernsthaft über eine Ausweitung der Pillenkur für junge Frauen nachgedacht werden. Und wer über die Verweiblichung unserer Gewässertiere stöhnt, weil angeblich zu viele Reststoffe von Anti-Babypillen in die Gewässer gelangen und sich in der Umwelt ansammeln, dem sei hiermit gesagt: Ein nachhaltiger Umgang mit dem Östrogenhaushalt beginnt am Wasserhahn. Macht Schluss mit der Vergreisung, mehr Weiblichkeit für die Welt!

  

 

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