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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Evolution in Streifen: Der Zebra-Look törnt ab

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Über die Anziehungskraft von Streifenmustern bei unseren Mitgeschöpfen und bei Modeschöpfern  ist  an dieser Stelle schon einmal so vielschichtig...

Über die Anziehungskraft von Streifenmustern bei unseren Mitgeschöpfen und bei Modeschöpfern  ist  an dieser Stelle schon einmal so vielschichtig nachgedacht worden,  dass sich ein neuer Erklärungsversuch so kurz danach eigentlich verbietet. Diesmal ist ein zeitnahes Update allerdings geboten. So sind halt Grundlagenwissenschaften wie die Evolutionsforschung, denen es von Amts wegen erlaubt ist, ein Privileg in Anspruch zu nehmen, das wir einem Handwerker oder Ingenieur glatt um die Ohren hauen würden – Motto: „Ich kenne zwar die Lösung nicht, aber ich bewundere das  Problem.“

Bild zu: Evolution in Streifen: Der Zebra-Look törnt ab

Das Problem der Streifenbildung ist nun ein uraltes. Und deshalb ein besonders raffiniertes. Dass Streifen als Tarnfärbung dienen könnten, etwa den besonders bedrohten Frischlingen unserer Wildschweine im dichten Unterholz, ist die am meisten genannte  Idee. Unsichtbar werdend und die Körperform auflösend, so lautet die Überlebensformel. In eine ähnliche Kategorie, nämlich der Räubervermeidung, fällt der zweite Erklärungsansatz: Kontrastreiche Streifen lassen anders als massige unifarbene Körper die Konturen vor dem Hintergrund verschwimmen und täuschen den Jäger.

Jetzt rückt ein drittes Konzept in den Vordergrund, das zwar auch auf die optische Wirkung der Streifenschau abzielt, aber weniger auf den Räuber gerichtet ist, der einem nach dem schieren Leben trachtet, sondern auf winzige lästige Insekten: Streifen sollen nervtötende  Stechbiester ausbremsen. Zumindest für Zebras soll das gelten. 

Getestet hat das eine schwedisch-ungarische Zoologengruppe um Gabor Horvath in der Nähe von Budapest: Auf einer Pferdefarm, die von beißfreudigen Bremsen jeden Sommer buchstäblich heimgesucht wird. Systematisch wurde also die Wirkung von Streifenmustern auf die  ungarischen Blutsauger getestet (Journal of Experimental Biology, Bd. 215, S. 736)  Die Biologen haben sich dazu tierschutzfreundlicher Weise nicht der Pferde auf der Farm oder gar importierter Zebras bedient, sondern  haben einige mit Duftöl und Klebstoff präparierte „Pferdemodelle“, quasi „umgebaute“ Karussellpferde,  mit diversen Schattierungs- und Streifenmustern benutzt.

Bild zu: Evolution in Streifen: Der Zebra-Look törnt ab

Das Ergebnis zahlreicher Bremsfallenmanövern ist eindeutig: Eintönig dunkle, also schwarze oder braune, Wirtskörper ziehen die Blutsauger buchstäblich an. Vollständig weiße Pferdemodelle tönen sie da schon etwas eher ab. Aber ganz und gar abgeneigt haben sich die Bremsen von Streifenzeichnungen gezeigt. Und zwar umso mehr, je schmaler die abwechselnd schwarzweißen Streifen  ausfallen. Die Wissenschaftler haben dafür eine halbwegs plausible, allerdings eben auch spekulative, Erklärung parat: Die nach Blut dürstenden Bremsenweibchen, die ihre Eier im Wasser ablegen, werden nachgewiesenermaßen von horizontal polarisiertem Licht  angezogen, das von den dunklen Wasseroberflächen reflektiert wird – dasselbe linear polarisierte Licht geht von den einheitlich dunklen Körpern schwarzer und brauner Pferde aus.  

Wie nun allerdings die Entscheidung zur Eiablage verhaltensbiologisch direkt verknüpft sein soll mit der weit davor initiierten Lust auf Blutmahlzeiten, lassen die Forscher offen. Entscheidend und besonders bemerkenswert ist sowieso eigentlich der Befund, den man hinsichtlich der Streifendynamik ausgemacht hat: Am meisten abstoßend nämlich – „mit minimaler Attraktivität“, in der Sprache der Zoologen – erwiesen sich  ausgerechnet jene Streifenmuster, wie man sie in Form, Farbe und Abständen bei den Zebras in Afrika findet.

Ist das nicht wirklich spannend? Afrikanische Streifenmuster beeindrucken ungarische Bremsen. Tierschutzpolitisch korrekt wäre es also zumindest in bremsenverseuchten Regionen, wenn die Züchter ihre Neutralität gegenüber den streifenbewehrten afrikanischen Wildformen endlich aufgeben. Und was die Mode angeht, kann man Naturfreunde und Trachtenschneider nur ermuntern, die Streifenmode des Herbstes in den Sommer rüberzuretten.

 

Fotos dpa

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4 Lesermeinungen

  1. <p>Das ist schon interessant....
    Das ist schon interessant. Aber: ist das auf den Menschen übertragbar? Ich bin kein Zebra, werde aber trotzdem höchst selten von Bremsen, Mücken oder sonstigen blutrünstigen Plagegeistern angegriffen seien diese nun von ungarischer oder sonstiger Nationalität.

  2. Ich möchte nur dazu anmerken,...
    Ich möchte nur dazu anmerken, dass dieses Experiment bereits vor 30 Jahren ein solches Experiment durchgeführt worden ist (Waage, Jeffrey K.: How the Zebra got its stripes – biting flies as selective agents in the evolution of Zebra coloration, in: Journal of the Entomological Society of South Africa, 1981, Vol. 44, 2, 351 – 358). Die Ergebnisse waren die gleichen, und die Bremsen waren sogar Afrikanische.

  3. <p>"Ist das nicht wirklich...
    „Ist das nicht wirklich spannend? Afrikanische Streifenmuster beeindrucken ungarische Bremsen.“
    Kann doch auch ein ganz simpler Zufall sein.

  4. <p>Könnte es nicht sein, dass...
    Könnte es nicht sein, dass ungarische Bremsen durch ihre Evolution bedingt darauf eingestellt sind, dass es keine Zebras in Ungarn gibt, diese also keine Beute sind?
    Ich wäre eher zu überzeugen, wenn derselbe Versuch in Afrika, bei den Zebras und ihren Blutsaugern, durchgeführt würde. Vielleicht mögen afrikanische Bremsen Zebras und meiden Büffel? Wer weiss..

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