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Von Blog zu Blog (1): Was sucht die Münze im Papiermüll?

16.05.2012, 13:08 Uhr

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In unserem Umfeld tut sich Erstaunliches. Eine lebendige Blogkultur wie die hiesige hat jenseits der dann und wann selbstbezüglichen Informations- und Debattierfunktion ganz eindeutig auch sozialstiftende Vorzüge. Allein die Zahl der Denker und Mitdenker ist kapitalträchtig. Kein stilles, sondern arbeitendes Geisteskapital ist hier versammelt.  Der Naturwissenschaftler rechnet sich da einiges aus. Die Wahrscheinlichkeit zumindest, dass er auf Fragen, die seinen Alltag betreffen, aber seine Empirie wie seine Kompetenzen übersteigen, näherungsweise plausible Antworten erhält, ist damit überdurchschnittlich hoch.  In der Hoffnung auf dieses intellektuelle Potential in der Nachbarschaft soll hier also der Versuch unternommen werden, praktikable Lösungen für gelegentlich wissenschaftsferne Probleme zu suchen.

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Die erste Begebenheit, um die es geht, steht in Verbindung mit der täglichen Zeitungslektüre. Genau genommen trat sie schon vor der Lektüre auf.  Aus dem Innern der aktuellen Ausgabe der „Die Zeit” war gleich nach dem geschätzten Magazin und dem üblichen Prämienzettel ein vollkommen unbeschriftetes gelbes Din-A-5-Briefkuvert mit Sichtfenster herausgefallen. Der einzige Hinweis auf den Inhalt dieses Umschlags war eine echte Ein-Euro-Cent-Münze, die man unter dem Adressfenster auf weißem Paper fixierte. Ein Glückspfennig, offenkundig. Nicht die Frage öffnen oder nicht öffnen beschäftigte mich anschließend mit dem verschlossenen Kuvert in der Hand, denn es war ja klar, dass das nur ein Werbetrick sein konnte. Die Frage für mich, der jedwedes Propagandamaterial meist ungefiltert in den Papierkorb befördert, war auch nicht, ob die Sendung mit der Münze noch als Papiermüll durchgeht. Nein, die Gewissensfrage kam auf, weil dieser Cent buchstäblich einen doppelten Wert besitzt: den ideellen oder vielleicht eher spirituell zu bezeichnenden Eigenwert als Glücksbringer. Und den zweiten – den alles andere als vernachlässigenswerten – monetären Wert. Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert. Mit diesem Satz sind wir groß geworden. Wenn nicht die Eltern, die Großeltern führten die Redensart auf jeden Fall regelmäßig auf den Lippen.

Wegwerfen oder nicht wurde also zu einer Frage der Ehre. Selbstverständlich habe  ich deshalb auch das Kuverts aufgerissen, die Euro-Cent-Münze im Geldbeutel verstaut und damit unvermeidlicherweise auch den Zweck der Schenkung erfüllt: Ich habe beim Entfernen der aufgeklebten Münze das Prospekt für eine 5-Sterne-Bildungsreise („als Zeit-Leser zum Vorzugspreis!”) durch Lykien mindestens überflogen.

Interesse hatte ich nicht. Aber ich fühlte mich wegen meiner moralischen Zweifel genötigt, mich mit etwas zu beschäftigen, das ich unter normalen Umständen praktisch verzögerungsfrei wie jedes billige Werbematerial schon nach dem ersten Halbsatz („Heute ist Ihr Glückstag:”) in den Mistkübel befördert  hätte. Und sollte es einen nicht ärgern, dass eine Firma offensichtlich keine sittlichen Skrupel besitzt, diesen Köder auszulegen und die massenweise Verschleuderung von Münzen – teils versehentlich, teils durch moralisch weniger skrupulöse Zeitgenossen – gezielt in Kauf zu nehmen?

Wie gesagt, es geht hier nicht um Finanzmathematik. Der beigefügte „Wertgutschein” von 670 Euro („mit Empfehlung von Dieter Kronzucker”) und der erzielte Werbeeffekt mag den Wert der Münze weit in den Schatten stellen. Aber wo leben wir denn, wenn mit so billigen Tricks unsere gute Kinderstube aufs Spiel gesetzt werden darf?

Foto J. Müller-Jung

 

Veröffentlicht unter: Blog, Werbung, Geld, Prospekt

 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (2)
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0 tricky1 23.06.2012, 09:53 Uhr

Soll man sich nur wundern oder...

Soll man sich nur wundern oder ärgern, dass Kommentare nicht freigeschaltet werden?

0 tricky1 19.05.2012, 15:27 Uhr

Mit Verlaub, aber wo leben wir...

Mit Verlaub, aber wo leben wir denn, wenn mit einem _solchen_ Thema um Aufmerksamkeit gebuhlt wird?

Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.