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Wissenschaftler als Arbeitstiere

01.09.2012, 13:15 Uhr

Von

Der wissenschaftliche Nachwuchs ist manchmal erstaunlich begriffsstutzig. Im letzten Jahr fand ich mich in einem Soft-Skill-Seminar meiner Graduiertenschule zum Thema „Self- and Time-Management” vor die Aufgabe gestellt, einen detaillierten Zeitplan für die dreijährige Promotionszeit zu erstellen. In vier Gruppen aufgeteilt füllten wir Doktoranden gewissenhaft die Monate mit Forschung, Schreiben von Veröffentlichungen, Konferenzbesuchen und zu haltenden Vorträgen. Doch unser Stolz über unsere perfekt geplanten Promotionsjahre währte bei der abschließenden Präsentation nicht lang. „Sehr schön, aber ihr habt alle etwas ganz Fundamentales vergessen”, strahlte uns die Trainerin an und stürzte uns damit in großes Rätselraten. Als wir nach zehn Minuten Diskussion immer noch nicht darauf gekommen waren, was denn so Wichtiges in unserer Planung fehlen könnte, löste sie das Mysterium schließlich auf: „Ihr habt alle vergessen, Urlaub einzuplanen.” Urlaub? Doktoranden haben Urlaub?

Wissenschaftler haben ein schwieriges Verhältnis zum Thema Arbeitszeit. Und entsprechend ein noch schwierigeres zum Thema Freizeit. Wenn man Nicht-Wissenschaftler zum Arbeitsverhalten von Wissenschaftlern befragt, ist wahrscheinlich die am meisten verbreitete Meinung diejenige, dass Wissenschaftler an Universitäten ja quasi immer Freizeit haben. Schließlich gibt es im Normalfall keine festen Arbeitszeiten und keine direkten Output-Kontrollen. Wenn ich auf der anderen Seite meine Kollegen beobachte, scheint es dagegen eher so, als hätten Wissenschaftler quasi nie Freizeit. Wer am Montagmorgen beim Kaffeesmalltalk den Tabubruch begeht, von vergnüglichen Wochenendaktivitäten zu berichten, muss immer darauf gefasst sein, seine durch illegitime Entspannung erworbene gute Laune in Sekundenschnelle durch vernichtende Blicke der Wochenend-Durcharbeiter aufs Spiel zu setzen. Aber behauptet werden kann ja vieles, wie ist es denn nun wirklich mit der wissenschaftlichen Arbeitsmoral? 

Dieser Frage wurde jüngst endlich wissenschaftlich nachgegangen. Xianwen Wang von der Dalian University of Technology in China und Kollegen nahmen den Download wissenschaftlicher Veröffentlichungen von den Seiten des Springer-Verlags als Anhaltspunkt für die Arbeitsaktivität von Wissenschaftlern (http://arxiv.org/pdf/1208.2686v1.pdf). Damit wurde eine konservative Abschätzung des Arbeitsverhaltens angestrebt: arbeitende Wissenschaftler laden zwar nicht notwendig Veröffentlichungen aus dem Netz, aber wer eine wissenschaftliche Veröffentlichung herunter lädt, von dem kann man wohl annehmen, dass er arbeitet.  Ausgewertet wurden die auf der Verlagswebpage verfügbaren Informationen zu Zeit und Zielort der entsprechenden Download-Anfragen. Korrigiert nach den jeweiligen Zeitzonen der Zielorte konnten so Arbeitsprofile von Wissenschaftlern in verschiedenen Ländern extrahiert werden. Das Ergebnis: Wissenschaftler arbeiten tatsächlich spät und an Wochenenden. Interessanterweise gibt es dabei aber durchaus nationale Unterschiede.

. Bild zu: Wissenschaftler als Arbeitstiere

 Die Graphik zeigt die Anzahl von Downloads relativ zur jeweiligen Ortszeit für die USA, Deutschland und China. Dabei sind in den Abbildungen auf der linken Seite die Downloads der acht untersuchten Tage im Einzelnen dargestellt. Fette Linien sind Tage am Wochenende, die dünnen Linien zeigen Werktage. Die Abbildungen auf der rechten Seite vergleichen Werktage und Wochenende noch einmal im Mittelwert. Auch außerhalb der typischen Arbeitszeiten bis in den frühen Morgen hinein scheinen Wissenschaftler demnach aktiv zu sein. Insbesondere die Amerikaner scheinen Nachtarbeit zu lieben und tagsüber ohne deutliches, kollektiv abgestimmtes Pausenverhalten durchzuarbeiten. Die Chinesen dagegen legen in beeindruckender Abstimmung zweimal täglich,  gegen 12 Uhr und gegen 18 Uhr, anlässlich von Mittag und Abendessen die Arbeit für einige Stunden beiseite. Die Autoren schieben dies auf die einheitliche Organisation chinesischer Kantinen. Deutsche Kantinen scheinen demgegenüber eine geringere Anziehungskraft zu besitzen: Deutsche Wissenschaftler verlassen ihre Arbeit weit weniger deutlich und auch kürzer als in China gegen 12 Uhr zum Mittagessen.

Bild zu: Wissenschaftler als Arbeitstiere

Im internationalen Vergleich machen chinesischen Wissenschaftler zwar die längsten Essenspausen, gleichzeitig weist ihr Arbeitsverhalten aber den geringsten Unterschied zwischen Werk- und Wochenendtagen auf. Die Anzahl der Downloads in China am Wochenende ist lediglich um 23 Prozent geringer als unter der Woche. Dagegen machen die Amerikaner einen deutlicheren Unterschied zwischen Arbeitstag und Wochenende: hier sinkt die Anzahl der Downloads immerhin um 32 Prozent. Das typische Verhalten deutscher Forscher liegt auch hier zwischen den USA und China.

Das Fazit der Autoren ist, dass Wissenschaftler großem Druck und internem Wettbewerb ausgesetzt sind und in dieser Atmosphäre Hobbies, Freizeitaktivitäten und Sport vernachlässigen. Es gibt keine klare Trennung zwischen Beruf und Privatleben, was für das psychische und physische Wohl wenig förderlich ist. Der Abschlussappell der chinesischen Wissenschaftler lautet: „Balance in scientists’ life is needed”. Aber das wurde uns Doktoranden ja schon im letzten Jahr beim Zeitmanagement-Kurs eingebläut.

 

Quelle: X. W. Wang et al. 2012, Exploring Scientists’ Working Timetable: Do Scientists Often Work Overtime? Journal of Informetrics, 6(4), 655-660 

 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (8)
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0 Nonosus 03.09.2012, 11:46 Uhr

Was will man auch bei den...

Was will man auch bei den Arbeitsbedingungen zumindest an den deutschen Universitäten erwarten: Hohe Lehrbelastung, großer Verwaltungsaufwand, ständige Projekt, Cluster etc. Sitzungen. Da bleibt für die Forschung tatsächlich nur die Nacht oder das Wochenende, an dem eine E-Mail mal zwei Tage unbeantwortet werden kann, ohne dass sich ein Student gleich beim Studiendekan beschwert. Dienst nach Vorschrift macht kaum ein etablierter Wissenschaftler. Auf dem langen Weg zur Professur ist ihm Leistung und Konkurrenzdenken fest ansozialisiert worden. Da kann dann auch der sichere Beamtenstatus wenig ändern. Ist das nun alles Selbstausbeutung. Nicht unbedingt: Niemand wird zum erfolgreichen Wissenschaftler, der nicht persönlichen Gewinn aus seiner Arbeit zieht. Forschen macht einfach Spaß! Und nicht alle Alternativen sind wirklich überzeugend.

0 astroklaus 03.09.2012, 11:09 Uhr

Ich kann pu_king81 nur...

Ich kann pu_king81 nur beipflichten: eine detaillierte Zeitplanung einer Promotion ist vollkommen vergeudete Zeit. (Ist mittlerweile die "Ökonomisierung" der Wissenschaft schon über Bachelor und Master hinaus bei der Promotion angekommen, daß man die zum Teil grotesk albernen Effizienzmodelle auch dort meint anwenden zu müssen?) Mittlerweile kenne ich auch etliche Varianten im "normalen Arbeitsleben" - selbst für normale Projekte ist eine detaillierte Planung über einen Zeitraum von mehr als ein paar Monaten vollkommene Zeitverschwendung. Andererseits werden bei solchen Planungen tatsächlich oft wesentliche Dinge vergessen: nicht nur der Urlaub und die Pausen, sondern auch nicht im Detail vorhersagbare, aber realistische Unwägbarkeiten. Typische Beispiele wären hier Krankheiten oder Unfälle, Rechnerprobleme, Fehlersuche, Folgeprobleme etc. Wenn man mal in den Biographien bekannter Physiker nachliest, sieht man, daß sich die Arbeitsmethode während des 20. Jh deutlich gewandelt hat (auch durch das "publish-or-perish"-Prinzip). Von Heisenberg etwa bis Maier-Leibnitz war es üblich, daß man sich irgendwohin zurückzog (beispielsweise in die Berge), um dort in Ruhe über ein Thema zu diskutieren - aber selbstverständlich wurden vorher dort zwei Wochen Urlaub gemacht. Heute kann man es sich bei der Flut von Publikationen ja fast gar nicht mehr leisten, drei Wochen "offline" zu sein - man könnte ja etwas verpaßt haben und da der Strom nicht abnimmt, bleibt auch keine Zeit, das nachzuholen. Zusatzfrage: wer hat denn bei all dieser Logorrhöe noch Zeit, nachzudenken?

0 pu_king81 02.09.2012, 20:01 Uhr

Als Theoretiker verstehe ich...

Als Theoretiker verstehe ich diese Veranstaltungen zum Zeitmanagement nicht. Man kann Loesungen nicht erzwingen und demnach auch nicht die entsprechenden Veroeffentlichungen. Also was bringt solch ein Plan wie er in der Einleitung beschrieben wurde? Zum Arbeitsverhalten in unterschiedlichen Kulturen: ich koennte mir vorstellen dass Asiaten nach dem Mittagessen ein Schlaefchen halten, was ja hier in Europa verpoent ist. Hier pumpt man sich nach dem Essen mit Koffein voll damit man wieder in die Gaenge kommt und unter Volldampf weiter arbeiten kann. Aber wie gesagt, Loesungen und Ideen kann man nicht erzwingen, sowas wie Koffein hilft nur beim (Auf)Schreiben.

0 Skylax123 02.09.2012, 12:55 Uhr

Zumindest was die Chinesen...

Zumindest was die Chinesen betrifft und ich glaube nicht, dass das mit den Kantinen zusammenhängt. Die arbeiten auch im Ausland so: lange "Lunch" und "Dinner" Pausen und nach dem Dinner ab zurück ins Labor bis 10 Uhr nachts. Und Samstags und Sonntags nach dem Lunch für gewöhnlich auch noch.

0 HenkHulst 02.09.2012, 07:11 Uhr

Bei der Studie müsste auch...

Bei der Studie müsste auch bedacht werden, dass viele Downloads aus dem Netzwerk der Universitäten am Arbeitsplatz stattfinden, weil VPN-Verbindungen o.ä. nicht immer möglich oder zweckmäßig sind. D.h. viele arbeiten am Wochenende zu Hause, laden aber nichts runter. Solange sich Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen nicht ändern und die sogn. wissenschaftliche Karriere bis zur Professur ein Kampf um die Existenz ist, wird auch die nicht-vorhandene Trennung von Beruf und Privatleben leider von dem meisten Betroffenen hingenommen. Es ist natürlich hervorragend für den Wissenschaftsstandort Deutschland, dass man bei klarem Verstand keine solche Laufbahn anstreben sollte. Wenn man bedenkt, was für Laufbahnen etwa für Gymnasiallehrer üblich sind, sind diese Bedingungen ein Witz. Aber was solls, weiß nichts, macht nichts.

0 EgonOne 02.09.2012, 01:15 Uhr

Wissenschaftler als...

Wissenschaftler als Arbeitstiere? Sicherlich nicht nur Wissenschaftler. Ich habe den Eindruck wenn Leute an einem interessanten Projekt arbeiten das ihnen Spass macht, und das eine Loesung braucht -- dann arbeiten die gerne Tag und Nacht, bis der "Eureka Moment" gefunden ist. Da denkt keiner an Vergnuegen. Die Arbeit ist das Vergnuegen. Ich glaub kaum dass sie sich als Arbeitstiere ansehen. Danach, ist es eine andere Sache -- da geht man mit besonderem Elan in seine Freizeit Aktivitaten und geniesst alles mit voller Energy. Wie es auch sein soll. Pax vobiscum

0 EgonOne 02.09.2012, 01:15 Uhr

Wissenschaftler als...

Wissenschaftler als Arbeitstiere? Sicherlich nicht nur Wissenschaftler. Ich habe den Eindruck wenn Leute an einem interessanten Projekt arbeiten das ihnen Spass macht, und das eine Loesung braucht -- dann arbeiten die gerne Tag und Nacht, bis der "Eureka Moment" gefunden ist. Da denkt keiner an Vergnuegen. Die Arbeit ist das Vergnuegen. Ich glaub kaum dass sie sich als Arbeitstiere ansehen. Danach, ist es eine andere Sache -- da geht man mit besonderem Elan in seine Freizeit Aktivitaten und geniesst alles mit voller Energy. Wie es auch sein soll. Pax vobiscum

0 tricky1 01.09.2012, 15:08 Uhr

>"Wer am Montagmorgen beim...

>"Wer am Montagmorgen beim Kaffeesmalltalk den Tabubruch begeht, von vergnüglichen Wochenendaktivitäten zu berichten, muss immer darauf gefasst sein, seine durch illegitime Entspannung erworbene gute Laune in Sekundenschnelle durch vernichtende Blicke der Wochenend-Durcharbeiter aufs Spiel zu setzen." . Falls dies repräsentativ sein sollte muss ich zu Protokoll geben dass dies in der sog. guten alten Zeit anders war, was nicht heissen soll dass damals weniger oder schlechter gearbeitet wurde!

geboren 1981, Physikerin und Philosophin, FAZ-Mitarbeiterin von „Natur und Wissenschaft“.