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Die subtile Inkompetenz der Frauen

26.09.2012, 08:41 Uhr

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Am Abend der Diplomfeier stellte sich irgendwann einer meiner Physikprofessoren zu mir, stieß mit mir an und sagte dann: „Frau Anderl, jetzt will ich Sie mal etwas fragen: Haben Sie sich jemals in ihrem Studium aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert gefühlt?” Etwas überrumpelt habe ich damals geantwortet: „Ääähm… nein. Ich glaube nicht.” Woraufhin der Professor mich fast erleichtert anstrahlte und antwortete: „Ja, das freut mich, dass Sie das sagen. Man hört ja immer so viel von Diskriminierung und so, aber ich kann mir das immer gar nicht richtig vorstellen.”

Geschlechter-Diskriminierung in der Wissenschaft erscheint tatsächlich oft wie ein schwer zu fassendes Phantom, eine Art „Gender-Yeti”, von dem man viel hört, aber wenn man nach Augenzeugen sucht, dann hat ihn unter den rationalen, reflektierten, modern denkenden Angehörigen der Forschungsinstitute kaum jemand schon einmal unzweifelhaft selbst gesehen. Der Fall unverblümtester Vorverurteilung, der mir damals nach kurzem Nachdenken doch noch einfiel, hatte sich gleich am Anfang meines Studiums ereignet, als ein weißbärtiger Senior-Student nach der Logikvorlesung auf mich zukam und sagte: „Du hast das doch bestimmt auch alles nicht verstanden, wollen wir eine Lerngruppe aufmachen?” Und auch diese Geschichte war wohl weniger eine unzweifelhafte Sichtung offener Diskriminierung, als vielmehr ein Fall besonderer Altersschrulligkeit.

Gleichzeitig gibt es aber gewisse schwer zu ignorierende Fakten. Frauen sind in vielen Gebieten der Wissenschaft stark unterrepräsentiert, insbesondere in den höheren Hierarchieebenen, und das obwohl die Zahl der weiblichen Universitäts-Absolventen zugenommen hat. Das Rätsel, warum so viele Frauen in den Naturwissenschaften auf der Strecke bleiben, hat schon so manchen Erklärungsversuch auf den Plan gerufen. Dass Frauen einfach weniger talentiert sind, scheint unwahrscheinlich. Stattdessen wurde spekuliert, dass der typisch weibliche Lebensentwurf einfach nicht zusammenpasst mit einer wissenschaftlichen Karriere beziehungsweise, dass Frauen weiblich erstrebenswerte Attribute in Konkurrenz zu wissenschaftlichem Erfolg sehen (“Schlau oder Sexy”), oder dass pubertierende Mädchen durch ihre Leidenschaft für Mode und Make-up die Wissenschaften als Berufsoption zu wenig im Blick haben (“Mit Lippenstift und Nagellack”). Diskriminierung von Frauen scheint demgegenüber kein primäres Problem zu sein, zumal es mittlerweile so zahlreiche explizite Förderprogramme und Gender-Regelungen gibt, dass sich mancher hinter vorgehaltener Hand schon fast Sorgen um eine Benachteiligung von Männern macht.

Vor diesem Hintergrund dürfte daher die aktuell veröffentlichte Studie einer Forschergruppe um Corinne A. Moss-Racusin von der Yale University von großem Interesse sein. Dort wurde experimentell der Frage nachgegangen, ob es in wissenschaftlichen Fakultäten Geschlechtervorurteile gegenüber Studentinnen gibt. Die angewandte Methode ist ebenso simpel wie robust gegenüber Störfaktoren: in einer randomisierten, doppelblind durchgeführten Studie wurden in den USA wissenschaftlichen Forschungsinstituten der Fächer Biologie, Chemie und Physik Bewerbungsunterlagen für den Posten eines Labormanagers zugeschickt, in denen zufällig entweder ein männlicher oder ein weiblicher Name eingefügt wurde. Das Geschlecht des Bewerbers war damit der einzige Unterschied, den die Bewerbungsunterlagen aufwiesen. Die adressierten Professoren wurden daraufhin um eine Einschätzung des Bewerbers/der Bewerberin gebeten. Konkret abgefragt wurden geschätzte Kompetenz, Eignung zur Einstellung, angebotenes Einstiegsgehalt und angebotenes Karriere-Mentoring.

  Bild zu: Die subtile Inkompetenz der Frauen

Die Ergebnisse sind denkbar eindeutig: in allen Kategorien hatte das Geschlecht des Bewerbers signifikanten Einfluss auf die Bewertung (siehe Fig. 1, 2). Weibliche Bewerber wurden als weniger kompetent und als weniger für eine Einstellung geeignet eingeschätzt als männliche Bewerber. Es wurden weniger Maßnahmen zur Karriereunterstützung angeboten und das Einstiegsgehalt lag mit durchschnittlich 26.507,94 Dollar klar unter dem entsprechenden Durchschnittswert für die männlichen Studenten (30.238,10 Dollar). Eine Auswertung der Daten mithilfe eines zusammengesetzten Kompetenzindex zeigte darüber hinaus, dass die geringere Wahrscheinlichkeit für eine Einstellung der Studentinnen durch die Wahrnehmung der vermeintlich geringeren Kompetenz erklärt werden kann.

Bild zu: Die subtile Inkompetenz der Frauen

Erstaunlich mag sein, dass das Geschlecht des die Bewerbung beurteilenden Wissenschaftlers keinen Einfluss auf die bestehenden Vorurteile hatte. Auch Frauen schätzen Studentinnen als weniger kompetent ein. Die Deutung der Autoren der Studie ist, dass die aufgedeckten Vorurteile weder vorsätzlich noch bewusst sind, sondern dass sie sich auf verbreitete kulturelle Stereotypen zurückführen lassen.

Für das Bestreben, den Frauenanteil in den Naturwissenschaften zu erhöhen, können diese Resultate direkte Relevanz besitzen. Die Autoren der Studie wählten für ihre Bewerbungen einen fiktiven Studenten vor Studienabschluss mit einer Qualifikation, die nach Angaben der Autoren genau der Mehrheit aufstrebender Nachwuchswissenschaftler entspricht. Diese Wahl wurde damit begründet, dass die Jahre vor einer möglichen Doktorarbeit genau die entscheidenden sind, wenn es um die Frage nach einer weiteren wissenschaftlichen Karriere geht. In diesem Zeitraum ist äußeres Feedback zentral für die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten. Sofern eine vorurteilsbelastete, negative Einschätzung von Studentinnen die Karriere-Entscheidung pro/contra Wissenschaft beeinflusst, hätte dies nach Auskunft der Autoren der Studie auch Konsequenzen für die zu wählenden Mittel im Bestreben, den Frauenanteil in den Naturwissenschaften zu heben. Denn in diesem Fall würden nicht etwa flexible Arbeitszeiten und eine höhere Identifikation von Frauen mit Wissenschaft den Umschwung bringen, als vielmehr objektive und transparente Evaluations- und Aufnahmekriterien für Studierende.

Unabhängig von solch weitgehenden Forderungen sollte eine direkte Konsequenz aus den vorliegenden Forschungsergebnissen aber wohl für jeden Wissenschaftler und jede Wissenschaftlerin sein, die eigenen Einschätzungen von Studenten und Studentinnen jeweils bewusst kritisch zu hinterfragen. Denn es scheint nicht unplausibel, dass man vor dem Einfluss kultureller Stereotypen manchmal weit weniger gefeit ist, als man sich selber eingestehen möchte. Das Phantom „Gender-Diskriminierung in den Wissenschaften” würde damit weniger durch die Frage „Haben Sie sich schon einmal diskriminiert gefühlt?” aufzuspüren sein, als sich vielmehr hinter der Frage „Wann habe ich schon einmal eine Frau ungerechtfertigt als inkompetent eingestuft?” verbergen.

 

Bildquelle: C. A. Moss-Racusin et al. (2012) “Science faculty’s subtle gender biases favor male students”, PNAS Early Edition, doi: 10.1073/pnas.1211286109

 
 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (26)
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1 astroklaus 04.10.2012, 10:07 Uhr

@Vroni (Nüsslein-Volhard): Es...

@Vroni (Nüsslein-Volhard): Es gibt ja einen großen Bereich, wo genau diese veränderte Grundhaltung wohl schon deutlich wird: die Medizin. Seit Mitte der Neunziger gibt es mehr Einschreibungen von Frauen und dann auch mittlerweile mehr Absolventinnen als Absolventen. Gleichzeitig hat sich die Beliebtheit der Fachspezialisierungen verschoben, weg von "notfallintensiven" Bereichen wie Chirurgie hin zu Bereichen, die während normaler Öffnungszeiten erledigt werden können (HNO, Augen, Gynäkologie); dito weg von der Landarztpraxis und dem kleinen Krankenhaus hin zur Stadt und dem Großklinikum mit festen Dienstplänen. Noch ausgeprägter ist das bei der Veterinärmedizin, wo keine mehr nachts um drei einer Kuh beim kalben helfen möchte, sondern lieber im Gesundheitsamt die Formulare der Lebensmittelinspekteure auswerten (wer genügend starke Nerven hat, kann natürlich in einer Kleintierpraxis deutlich mehr verdienen, muß aber die neurotischen Besitzerinnen und Besitzer ertragen können...).

0 VroniG 29.09.2012, 12:36 Uhr

@ DerQuerulant Andersherum:...

@ DerQuerulant Andersherum: Das Herdenverhalten ist besser und die Leute verhalten sich manierlicher und weniger problematisch, wenn genügend Frauen drin sind. Was genügend Studien beweisen.^^ Aber es geht hier in der besprochenen Studie wohl eher um Führungspositionen wie Labor-Manager. Nicht um Jobs im Team. . In ihrem Weltbild konservative Ingenieure und Dr.-Ing.e scheinen - anders als Philologen und Atom-Physiker - damit noch ein Problem zu haben, aber das wird sich geben.

0 VroniG 29.09.2012, 12:17 Uhr

Eigentlich sollte man einen...

Eigentlich sollte man einen Kommentar, der mit "typisch Frau" beginnt ... . Nur soviel, das "mit sich selbst nicht im Reinen" kann man in einem schwammigen Esoterik-Forum so hintuschen, hier auf dem Planckton-Blog sollte man das ein wenig präzisieren ... . Das Phänomen, dass selbst Frauen Frauen als weniger kompetent einstufen, existiert und ist auch für mich irritierend. Es muss in der Tat auf einen Mann doppelt merkwürdig erscheinen, der es in der Regel für eine unverständliche Dummheit hält, sich und seinesgleichen als unfähig einzuschätzen. . Männer verkaufen sich besser. Männer schätzen sich selbst gemeinhin häufig als etwas kompetenter ein, als sie wirklich sind. Auch darüber gibt es Studien. Ein junger Mann gibt z. B. nach einem Jahr Beruf nach der Uni bereits nassforsch an, er hätte gute Berufserfahrung. Das würde eine Frau nie behaupten. Nicht einmal nach vier Jahren Beruf würde sie behaupten, sie hätte ausreichend Berufserfahrung. Sie hätte eher das Gefühl, immer noch nicht zu genügen. Was natürlich nicht stimmt, es ist subjektiv. Personaler schätzen das jedoch, denn so eine mit zu wenig Selbstbewusstsein rackert mehr und verlangt dennoch gleichzeitig weniger Gehalt als ihre männlichen Kollegen. . Ich selbst habe eine eher männliche Betrachtungsweise, halte es wie viele Männer ebenfalls für eine Dummheit, sich selbst und damit auch seine Geschlechtsgenossinnen schlecht zu verkaufen. Und tue das auch nicht. . Erklärungsversuch (nicht Verteidigungsversuch): Möglicherweise sind Jahrhunderte von kirchlicher und säkularer Dogmatik und zig Generationen von Frau "ich bin nicht würdig, ich bin nichts, ich kann nichts, ich bin Gefäß und diene nur - und die anderen Frauen sind genauso unwürdig, unfähig" vollends in die weiblichen Gene gerutscht. Das kann dauern und ist nicht binnen weniger Jahrzehnte wegzukriegen. Was sind 5 Jahrzehnte gegenüber >10 Jahrhunderte. . Funktionierende Projektion: Eine bestimmte Meinung sich selbst gegenüber impliziert für mich auch fast immer die Übertragung auf seinesgleichen. "Ich fühle mich nicht recht kompetent, also ist es die andere vermutlich auch nicht." . Ja natürlich sollten Frauen daran arbeiten. Aber es geht nicht innerhalb einer Generation weg. Vor allem dann nicht, wenn der Trend seit längerem zurück in die Gegenrichtung geht: Viele junge Frauen machen sich wieder wie in den Siebzigern optisch bewusst klein, indem sie Twiggy, Kindchenschema, Size Zero, extrem dünne Ärmchen und schmale Schultern toll finden und mit piepsigen, quäksigen Stimmen sich das kleine Mädchen raushängen lassen. So wird das halt nix, liebe Geschlechtsgenossinnen. Besser Brust raus, Schultern frei, sich nichts gefallen lassen und dem Gegenüber in die Augen schauen. Lange. Und endlich sich selbst und Geschlechtsgenossinen ganz bräsig und souverän als so kompetent einstufen wie sie es sind: mehr als ausreichend. . Es kann doch nicht sein, dass sie Jungs im Gym und in der Uni mit guten Noten überflügeln, um im Beruf sich und projektiv seinesgleichen schlecht zu verkaufen. Gibt keinen Sinn, verstehe ich nicht.

1 DerQuerulant 29.09.2012, 11:39 Uhr

Kennt noch jemand die Werbung?...

Kennt noch jemand die Werbung? Frage auf einer Party an eine Frau: Was machen Sie denn beruflich? Antwort: Ich leite ein kleines und erfolgreiches Familienunternehmen. . Frauen haben nur ein Problem - Männer. Und umgekehrt ist das genauso. Dabei geht es weniger um Kompetenz, als vielmehr um das Zwischenmenschliche. Und das kann sich auch im Beruf auswirken. Das Gruppenverhalten verändert sich, je nachdem, ob es sich bei der Gruppe nur um Männer, Frauen oder gemischte Gruppen handelt. Und das ist eben nicht immer gewünscht, führt es doch oft zu Unsicherheit und Unbehagen, und dem Wunsch, den Status Quo nicht zu verändern. Meist unbewußt und ohne jeden erkennbaren Grund. . Und ich fürchte ;-), das wird auch so lange so bleiben, solange es Männer und Frauen gibt. Vielleicht ist deshalb eine gesetzliche Lösung doch tatsächlich die einzige Lösung, Frauen auch in Spitzenpositionen zu bringen.

0 jangnisleh 28.09.2012, 17:08 Uhr

Typisch Frauen ... Sie sind...

Typisch Frauen ... Sie sind mit sich selbst nicht im Reinen (werden sogar von Geschlechtsgenossinnen weniger kompetent eingestuft) und die ganze Umwelt wird in dieses Problem mit hineingezogen ;-)

0 VroniG 28.09.2012, 13:38 Uhr

Hier ist der von mir erwähnte...

Hier ist der von mir erwähnte ZEIT-Artikel "Alma Pater": http://www.zeit.de/2012/34/Professur-Bewerbung-Gleichberechtigung "Die Bewerberin ist besser geeignet als er. Trotzdem bekommt der Bewerber die Professur. Jetzt klagt sie."

0 haberland01 28.09.2012, 09:49 Uhr

@New_Horizons "Aber was ist...

@New_Horizons "Aber was ist mit anderen Minderheiten?" Frauen zu den Minderheiten zu zählen, finde ich doch - vor allem rein rechnerisch - etwas gewagt.

0 New_Horizons 28.09.2012, 09:21 Uhr

Ich finde die gezogenen...

Ich finde die gezogenen Schlüsse bzw. die Anwendung der Ergebnisse auf den Hochschulbereich methodisch sehr problematisch. Die Forscher haben einen Prozess durchgeführt, der im Grunde einem Auswahlprozess bei Bewerbungen ähnelt bzw. im Grunde einem solchen Prozess entspricht. Jeder der sich mit Personalauswahl beschäftigt, weiß, dass vor allem das Geschlecht ein wesentlicher Diskrimierungspunkt ist. Neue Erkenntnisse sind deshalb nach m.E. nicht zu erkennen. Vielmehr halte ich den Schluss, dass es im Rahmen des Auswahlprozesses zu Diskriminierung auf Grund des Geschlechts kommt und deshalb weibliche Studierende generell an Hochschulen benachteiligt werden, für nicht schlüssig. Wenn überhaupt, lässt sich aus dieser Studie nur ablesen, dass im Auswahlprozess eine Diskriminierung vorlag. Von der Studie abzuleiten, dass keine direkte Diskriminierung erfolgt ("Wurden Sie schon einmal dikriminiert?") sondern eher indirekte ("inkompetent") halte ich nicht für zielführend. Das würde ja bedeuten, dass Frauen systemtatisch z.B. bei der Notenvergabe benachteiligt würden. Dies ist lediglich Spekulation und wissenschaftlich nicht belegt. Störend finde ich auch, dass lediglich immer die Diskriminierung nach dem Geschlecht ein wesentlicher Faktor der Studien ist. Aber was ist mit anderen Minderheiten? Wie wird mit Migranten, mit Behinderten oder Homosexuellen umgegangen? Hier finden sich nur wenige Studien obwohl die Probleme sicher nicht kleiner sind.

1 VroniG 28.09.2012, 08:56 Uhr

@ Holly01, Dass Frauen...

@ Holly01, Dass Frauen "zarterere" Konstitution hätten, ist bei naturwissenschaftlicher Kompetenz deutlich weniger von Belang als auf dem Bau. Eher gar nicht, Phiolen und Petrischalen wiegen fast nichts ... :-) . War auf einer Veranstaltung der LMU, Frau Prof. Dr. Nüsslein-Volhard hielt einen Vortrag über Frauen in der Wissenschaft. Ich bin hin, meine Tochter (promov. Naturwissenschaftlerin) konnte nicht. Hintergrund: Die Nobelpreisträgerin Nüsslein-Volhard hielt einen Vortrag über Frauen in der Forschung. Sie selbst unterstützt mit einer Stiftung/Kompetenzzentrum Wissenschaftlerinnen, Familie und Beruf unter einen Hut zu kriegen. http://www.cnv-stiftung.de/index.php?id=2 . Sie sagte den anwesenden Damen und Naturwissenschaftlerinnen deutlichst, dass sie nicht glauben sollten, in der Wissenschaft mit einen Halbtagsjob im Labor und mit fröhlichem Ignorieren des immer noch männlich ausgerichteten Positionenverteilungs-Rads jenseits der stressigen Drittmitteljobs neben der Kinderaufzucht rüssieren zu können. Damit wären sie engültig aus ernstzunehmender Wissenschaft draußen. Sie müssten unbedingt ganztags arbeiten plus netzwerkmäßig weiter am Ball bleiben, was ihren wissenschaftlichen Lebensweg anbelange. Viele der anwesenden jungen Damen, jungen Promovierten, jedoch widersprachen zum Teil heftig, sie sahen nicht ein, dass ihr idyllisches Mutter-Teilzeitkonzept ein Irrweg sei. Das dazu. . Als anwesender Laie zweifelte ich angesichts dieses geballten Unwillens, einer gestandenen Naturwissenschaftlerin, die es weiß und erfahren hat, zumindest in Teilen folgen zu wollen und mit ihr an Lösungen zu arbeiten, selbst an der Kompetenz der dortigen jungen Forschungs-Damen. :-) Auf mich wirkten sie stur und naja ein bisschen weltfremd mit ihrer Teilzeit-Idee als Labormaus auf Zeit. Forschung ist nicht so, dass sie nebenher erledigt werden kann, leider. Ich kann mir keinen Labor-Manager vorstellen, der nur halbtags da ist. . Das Vorurteil der vermuteten kleineren Kompetenz, das sich in der Studie herauskristallisiert hat, hat viele Väter (und Mütter). Einer davon sind die jungen Naturwissenschaftlerinnen selbst. . Achja, gab es nicht eine ältere Studie mit Schulaufsätzen und vertauschten Namen, die ebenfalls aufzeigte, dass Lehrer schichtbezogene und geschlechtsbezogene Vorurteile hatten und die Leistungen der Kinder oberflächlich nach deren Namen korrigierten und nicht nach ihren wirklichen Leistungen im Schulaufsatz, den sie vor sich hatten. Die Notendifferenzen einunddesselben Aufsatzes waren teilweise enorm. . @ rijukan Studiendesign: Es ist zuerst einmal danach gefragt worden, ob die Bewerber für kompetent gehalten wurden oder nicht. Nicht, ob man sie gleich einstellen würde. Kleiner Unterschied, große Wirkung auf die Antworten in der Studie. Ich denke, dass sich damit Vermutungen über heimliches Nichteinstellen wollen und versteckte Drittmotive von Personalern erübrigen. . Weitere Einstellungskriterien neben hoher Kompetenz sind natürlich auch Persönlichkeit, Ausstrahlung, ob man in die Hierarchie, ins Team passt oder ob man viele Papers publiziert hat .... Das ist m. W. nicht mitabgefragt worden, um die Ergebnisse klar zu halten und nichts zu vermischen. Mir scheint aber, SIE vermischten eben. . Aktuell: In der ZEIT nebenan ist ein aktueller Artikel über eine Naturwissenschaftlerin, die trotz höherer Kompetenz als ihr männlicher Nebenbewerber nicht für eine Professur genommen wurde. Es wird von ihr Vetternwirtschaft vermutet, ca. 50% seiner Papers habe er mit einem Mitglied des Prüfungsgremiums herausgebracht. Sie beschritt den Klageweg. Für viele in den Naturwissenschaften ein Nogo. Danach hat man die Stelle neu ausgeschrieben. Mit genau den wenigeren Qualifikationen jetzt, die ER hat. Honni soit ...

0 ADrea 28.09.2012, 07:43 Uhr

In meinem Beruf als...

In meinem Beruf als Informatikerin fühle ich mich derzeit nicht konkret diskriminiert. Allerdings hatte mein Werdegang so einige Stolpersteine, bei denen ich häufig innehalten und mich sehr wundern, bzw. tatsächlich gewisse Nachteile hinnehmen musste. Das begann mit meinem ersten Bewerbungsgespräch, wo meine Idee noch war "Digitale Medien" wäre für mich der beste Weg, beides, meine mathematische und kreative Veranlagung einzubringen. Nicht zuletzt, weil ich mir privat auch schon Grundkenntnisse in Programmiersprachen angeeignet hatte, was ich auch in den Bewerbungsunterlagen vermerkte. Ich hatte einen Herrren vor mir sitzen, der mich im Laufe des Bewerbungsgespräches mehrfach(!) fragte, ob ich mir sicher sei, was auf mich zu käme, man müsse ja schließlich auch programmieren. Da halfen auch meine dezenten Hinweise nicht, dass ich bereits etwas programmieren könne. Letzten Endes bekam ich die Stelle nicht, wurde nach meinem zweiten Bewerbungsgespräch und einem kleinen Einstellungstest (diesmal Informatik) aber mit Kusshand genommen. Ich beschloss nach meinem Bachelor, noch einen Master an einer anderen Uni zu machen. Sowohl ich, als auch ein Kommilitone mit gleichem Werdegang und bis auf die Nachkommastelle exakt der gleichen Abschlussnote bewarben uns. Die darauf folgende Absage akzeptierte ich noch, da ich wusste, dass Bachelor-Abschlüsse aus Dualen Studiengängen an Unis eher ungern gesehen sind. Als mein Kommilitone jedoch eine Zusage erhielt, fragte ich noch einmal nach, schließlich waren die Grundvoraussetzungen die gleichen. Man antwortete mir, dass man mich für ein wissenschaftlichens Studium für ungeeignet hielt. Grund sollten "Schwächen in bestimmten theoretischen Fächern" sein, die nicht näher benannt wurden. Mein Kommilitone und ich verglichen darauf und kamen auf exakt zwei Fächer in denen ich schlechter war, der Rest war konstant gleich oder besser. Trotz angeblich mangelnder Eignung machte ich meinen Master an einer anderen Uni mit einem 1er Abschluss. Allerdings war der finanzielle und zeitliche Einsatz (Studiengebühren und Anfahrtskosten) um einiges höher. Die Gründe können auch andere sein, es sind aber dennoch diese kleinen und größeren Dinge, die einen immer wieder stutzig machen.

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geboren 1981, Physikerin und Philosophin, FAZ-Mitarbeiterin von „Natur und Wissenschaft“.