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So einfach ist das (5): Der smarte Leichtsinn der Jugend

04.10.2012, 11:55 Uhr

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Es hat doch immer auch etwas unfreiwillig Komisches, wenn ein eigentlich irrationales Verhalten mit dem guten Wesen der Evolution quasi entschuldigt werden soll. Wie dieser Satz aus einem neuen Paper in den „Proceedings” der amerikanischen Nationalakademie der Wissenschaften: „Biologisch würde so ein Verhalten Sinn machen, denn es erlaubt jungen Organismen, ihre Chancen, dazu zu lernen, deutlich zu verbessern.” Die Rede ist hier von Teenagern, Pubertierenden zwischen 12 und 17 Jahren, die den lieben langen Tag nichts unterlassen, ihr eigenes Schicksal herauszufordern. Es geht also um das Risikoverhalten von Jugendlichen, oder sagen wir es so, wie es jeder von uns wahrnimmt: Es geht um jugendlichen Leichtsinn. Das ist natürlich eine Formulierung aus der Rumpelkammer psychologisierender Erwachsener. Denn entweder tadelt man damit das das schädliche Verhalten von uneinsichtigen Heranwachsenden oder man entlastet als Erwachsener sein eigenes Gewissen: Eigentlich bin ich da raus und ganz anders, ich komm nur so selten dazu. Dabei kann es keinen Zweifel geben, dass es so was wie jugendlichen Leichtsinn wirklich gibt. Unsere Alltagswahrnehmung deckt sich da mit den statistischen Fakten:  Jugendliche zwischen 12 und 17 weisen gewöhnlich die höchsten Kriminalitätsraten auf verglichen mit ihren jüngeren oder älteren Zeitgenossen, bei ihnen findet man die höchsten Infektionsraten für sexuell übertragbare Krankheiten,  sie wagen im Straßenverkehr klar mehr, und nimmt man die Gesamtsterblichkeits- und Krankheitsraten, so übertreffen sie ihre etwas jüngeren Zeitgenossen in dieser traurigen Statistik um das Doppelte.

Dennoch wird in der Veröffentlichung versucht, kräftig aufzuräumen mit ein paar vermeintlichen Weisheiten über den Leichtsinn der Jugend. Grundlage sind Experimente mit 33 Jugendlichen auf der einen Seite und mit 32 Erwachsenen im Alter zwischen 30 und 50 Jahren auf der anderen Seite, die von Neurologen und Psycholgen der New York City University und der Yale School of Medicine in New Haven vorgenommen wurden. Die Frage, die sie sich gestellt haben, war: Was ist  für das leichtsinnige Verhalten verantwortlich? Sind Jugendliche tatsächlich einfach nur überheblich, weil sie risikofreudiger sind? Oder, so die Hypothese der Forscher, gibt es diese Blindheit für konkrete Risiken der Heranwachsenden so gar nicht, und der Leichtsinn entsteht immer dann, wenn sie die Gefahr und die Fallstricke ihres Handelns einfach nicht abschätzen können – gefährliches Verhalten also eine Art unbewusstes, naives Herumprobieren. Die Wissenschaftler nennen das: erhöhte Toleranz fürs Ungewisse.

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Zwei Spielsituationen wurden unterschieden. In der einen hatten die Probanden die Chance, entweder fünf Dollar zu kassieren oder in der Lotterie zum Beispiel fünfzig Dollar zu verdienen, bei einer Gewinnchance von allerdings „nur” fünfzig zu fünfzig. Das Risiko war numerisch klar definiert. Je höher die mögliche Gewinnsumme, desto risikofreudiger wurden die Probanden – und zwar die Jugendlichen in etwa genauso oft wie die Erwachsenen.  Völlig anders verhielten sich Jugendliche und Ältere, wenn eine gewisse Ungewissheit für einen Gewinn im Spiel war. In den Experimenten variierte die Gewinnchance zwischen 25 und 75 Prozent. In dem Fall verhielten sich die Erwachsenen überwiegend so, als wäre ihre Gewinnchance bei nur 25 Prozent und zogen den sicheren Gewinn ohne Lotterie vor.  Sie nahmen also den schlechtesten Fall an. Die Jugendlichen dagegen neigten zum Gegenteil: Sie waren bei einer so großen Unwägbarkeit bereit, ihre eigenen Chancen höher einzustufen und wagten eher das Lotteriespiel.

Wer Risiko sagt, so meinen die Wissenschaftler, müsse also schon genau sagen was er damit meint: Auf klare, bekannte Risiken wird je nach Typ -und was auf dem Spiel steht – quasi in jedem Alter gleich reagiert. Für unbekannte Risiken sind hingegen vor allem Jugendliche empfänglich. So weit so gut, bleibt die Frage: Was sagt ein Lotteriespiel aus über Risikoverhalten etwa in lebensbedrohlichen Situationen? Sind finanzielle Risiken mit gesundheitlichen oder sozialen Risiken methodisch überhaupt vergleichbar? Tatsächlich ging es bei den Experimenten ja um Geld und Glück, um mehr nicht. Ums Pokern quasi. Ein harmloses, kalkulierbares Risiko also, würde man sagen. Auf jeden Fall kein Risiko, bei dem die Versuchsteilnehmer sich ernsthaft einer Gefahr aussetzen müssten – wenig vergleichbar also mit jenen Alltagssituationen, die unser Bild vom leichtsinnigen Teenie prägen. Die Wissenschaftler kontern die Kritik mit Empirie: eine Reihe ähnlicher Risikoexperimente mit anderen Kontexten, wenn es etwa um Nahrungsbeschaffung oder Wassernot ging, hätten gezeigt, dass es bei den Menschen eine für die meisten Situationen geltende, „individuelle Risikohaltung” gebe, die unabhängig vom Risikogegenstand ist. Mit anderen Worten: Die Risikofreudigkeit mag sich individuell unterscheiden, im Großen und Ganzen aber bleibt sie konstant und prägt die eigene Risikopersönlichkeit.  Die amerikanischen Forscher bleiben also dabei: Gibt es eine generell höhere Risikoaffinität von Jugendlichen, so wird sie sich auch im Lotteriespiel zu erkennen geben.

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Ihre Befunde zum jugendlichen Leichtsinn sehen sie deshalb vor allem als Mahnung an die Erwachsenen, ihr eigenes Verhalten anzupassen: „Wir sollten Jugendliche  nicht per se als ‘Risikonehmer’ von uns Erwachsenen abgrenzen, vielmehr sollten wir sie als junge Leute betrachten, die neugierig die Welt um sich herum erkunden, und genau dazu sind sie mit einer hohen Toleranz für das Unbekannte ausgestattet.” Ja, in manchen wissenschaftlichen Studien braucht es wirklich nicht viel, die eigenen Weltbilder zu erschüttern und hässliche Klischees, die sich im Laufe eines erwachsenen Lebens einschleichen, bereitwillig über Bord zu werfen. Vergessen wir also das unverhältnismäßige, nervige, laute, obercoole und teils völlig irrationale Verhalten der Halbstarken. Freuen wir uns vielmehr über diese unerwartete Fähigkeit zur Toleranz, die in diesen wirren Köpfen gelegentlich großzügig Platz findet – zumindest für diesen Abschnitt des Lebens. Und danken wir es der Evolution. Die Wissenschaftler sind sich nämlich ziemlich sicher, dass das ganze langfristig Sinn macht und zur Lebensertüchtigung beiträgt.

Und weil diese neue Erkenntnis über das angeblich irrationale Risikoverhalten das Verhältnis zu Jugendlichen so grundsätzlich verändern soll, haben die Wissenschaftler auch einen handfesten Ratschlag für die pädagogischen Leitwölfe jenseits der Adoleszenz parat: „Eine Politik, die den Jugendlichen in riskanten  Situationen eine Umwelt schafft, in der den Jugendlichen ein sicheres und überwachtes Lernen ermöglicht wird, kann sinnvoller und effektiver sein als eine Politik, die nur auf Verbote setzt.” Mit anderen Worten: Lasst sie in ihrer Naivität nicht allein, sondern sagt ihnen klar, wie hoch die Risiken sind. Das setzt allerdings voraus, dass die pubertierenden Rebellen auch zuhören können. Hand aufs Herz: Welcher Teenager stellt, wenn er nicht gerade mit einem Lottogewinn rechnen darf, schon bereitwillig seine Lauscher auf, wenn Erwachsene zur Moralpredigt ansetzen?

 

Fotos J. Müller-Jung

 

Veröffentlicht unter: Psychologie, Pubeträt, Jugend

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (3)
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0 FBXL9 10.10.2012, 10:11 Uhr

Die Weisheit...

Die Weisheit lebenserfahrener Pfälzer empfiehlt der Erwachsenen Generation:
"Willst gute Ratschläg zwischenoi
der Jugend gebbe — laß‘ es soi!
Für die junge Leit‘ schwätscht doch nur Mischt-
DENK‘ DRO, DASS DU JETZT 70 BISCHT !!"

0 tricky1 09.10.2012, 09:31 Uhr

Dass man aus solch...

Dass man aus solch harmlosen Experimenten im Labor allgemein gültige Schlüsse über Risikoverhalten zieht halte ich für groben Unfug.
Die am Schluss genannten pädagogischen Schlüssse sind zwar richtig, aber keinesfalls aus solchen Experimenten herleitbar.

0 EgonOne 04.10.2012, 17:11 Uhr

Dieses Dissertation erinnert...

Dieses Dissertation erinnert an einen Ausdruck den ich vor Jahren hoerte und der noch immer resonniert: "Youth is wasted on the young". Ob da was dahinter steckt? Fuer Leute die nicht mehr jung sind, oder sogar als Mature oder Alt bezeichnet werden, da ist immer ein Ausdruck der mir Spass macht fuer die aeltere Generation: Sie wird als die "Command Generation" bezeichnet, da viele davon "in command" ihres Lebens sind, und oft das Schiff der Wirtschaft und der Gesellschaft navigieren. Die Medien reden taeglich von solchen wichtigen Menschen in der Politik,Wirtschaft, Kunst, und wer weiss was sonst noch? Was Leichtsinn betrifft, bleibt mir der Eindruck man findet den nicht nur unter jungen, sondern in allen Alterskreisen. Wer weiss, dieses Schreiben mag manchen als Ausdruck von Leichtsinn treffen. Kommt vor, denn das Leben ist voller Wunder. Pax vobiscum

Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.