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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Knabenphysik und Jugendwahn: Raus aus Schule?

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Die Nachbetrachtung von Artikeln, die in der Zeitung erschienen sind, ist ja eigentlich den Lesern überlassen. Ich mache hier einmal eine Ausnahme, weil mir im...

Die Nachbetrachtung von Artikeln, die in der Zeitung erschienen sind, ist ja eigentlich den Lesern überlassen. Ich mache hier einmal eine Ausnahme, weil mir im Zusammenhang mit dem Phänomen Schülerforscher (hier) dieser altertümlich-abschätzige Begriff „Knabenphysik“ nicht aus dem Kopf gehen will. Der Teilchenphysiker Thomas Naumann hat ihn im Betreff seiner Emails verwendet. Ursprünglich war damit mal die Quantenmechanik bezeichnet worden, weil diese den Köpfen von theoretischen Physikern entsprungen war, die wie Werner Heisenberg um die zwanzig Jahre alt waren, als sie das Gerüst der neuen Physik bauten und darüber publizierten.

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Der eigentliche Anlass für die Mail von Naumann waren allerdings keine Reminiszenzen an die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Vielmehr ging es um seine engagierten, ja geradezu ehrfurchtsgebietend deutlichen Ausführungen in der Laudatio, die Naumann für den zweiten Platz im Robert-Bosch-Wettbewerb „Schule trifft Wissenschaft“ gehalten hatte. Er ärgerte sich darin über die, wie er es nannte, „künstliche Retardierung des Gymnasialsystems“. Seine Forderung: schneller und effizienter lernen. Seine These lautet: Der Mensch besitzt das mit Abstand größte kreative Potential im Alter zwischen 16 und 26 Jahren.

Über diese Teenie- bis Twenphase hatte ich mir ehrlich gesagt nie ernsthaft Gedanken gemacht. Um das zu tun, muss man offenbar nochmal so viele Jahre draufsatteln. 16 bis 26 war jedenfalls die Zeit, daran kann ich mich erinnern, voller Hürden, Zerstreuungen, Herausforderungen, Ablenkungen und Fragezeichen, in der ständig dieser eine Satz im Kopf herumspukte: Das noch, dann fängt das richtige Leben an. Eine Zeit der Durchhalteparolen also, nicht gerade einfach. Dass das bei anderen ganz anders sein könnte, dass es vielleicht sogar die „wichtigste Zeit mit dem größten Potential und der höchsten Kreativität“ im Leben eines gebildeten Menschen sein könnte, wie es Naumann zum festlichen und also würdigen Anlass der Preisverleihung formulierte, daran hatte ich vorher nicht ernsthaft nachgedacht.

Bis eben zu jenem Nachmittag in der neuen Berliner Repräsentanz der Robert Bosch Stiftung am Gendarmenmarkt. Naumann ist, man beleidigt ihn damit sicher nicht, ein geradezu bildungswütiger Teilchenphysiker. Viele Journalisten kennen ihn  als „Mr. Higgs“. Er ist angestellt am Deutschen Elektronen-Synchrotron (DESY) in der Nähe von Hamburg und arbeitet, man ahnt es,  am Cern in Genf an der Entdeckung des nun schon berühmten „Masseteilchens“, des Higgs Bosons. Naumann ist Sprecher des Atlas-Experiments. Ein Experimentalphysiker und Bertold-Brecht-Liebhaber mit kommunikativem Talent, das er an diesem Nachmittag bei der Robert-Bosch-Stiftung durch ein 600 Seiten dickes gebundende Kopienwerk dokumentiert – der dickste Pressespiegel, der mir je in die Hände gefallen ist. 

Naumann präsentierte sich in Berlin als stolzer Mitentdecker. Und er nutzte die Gunst der Stunde für ein Plädoyer zugunsten der Knabenphysik. Er, der selbst mit 18 sein Abitur schaffte, mit 22 ein Diplom machte und dann seine Karriere in der Teilchenphysik startete, habe in der Zeit ab 16 Jahren „Wissen eingesogen wie einen Schwamm“ – und das auch später bei den von ihm betreuten Schülern erlebt. Er nennt das das „Privileg der Jugend“ – und darüber wird ja gerne nachgedacht: Wie wohl sei die jugendlichen Wissbegierigkeit am effizientesten zu stimulieren?

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Die Frage ist nun, da Bundesländer wie Hessen drauf und dran sind, die schlechten Erfahrungen mit dem verkürzten achtjährigen Gymnasium  zu einem Rückschritt in die bildungsbiologische „Retardierung“ zu wagen und damit – jedenfalls in der Argumentation Naumanns –  die Vergeudung intellektuellen Potentials für die Forschung in Kauf zu nehmen, ob das der richtige Bildungsweg ist. Schneller bilden oder gründlicher, Beschleunigung oder Verbreiterung des Wissenserwerbs, könnte man also fragen. Zeitdruck als Instrument einer Selektion der speziell Begabten.

Über dieses Argument kann man streiten. Tut man auch immer wieder. Für Naumann allerdings gibt es wenig zu diskutieren: „Im Alter zwischen 16 und 26 ist das Gehirn frei von Vorurteilen, Belastungen und Enttäuschungen“ – ergo: eine intellektuelle Wertanlage, um Großes schon ganz früh zu leisten. Wer dieses Potential nicht abgreift, wie es das deutsche Bildungssystem quasi durch Unterforderung der Besten tut, so legte es Naumann nahe, dem sei nicht zu helfen.

Und dann nannte er eine durchaus ansehnliche Zahl von Kronzeugen: Wolfgang Pauli, geboren 1900, Enzyklopädie-Artikel zur Relativitätsartikel mit 21; Werner Heisenberg, geboren 1901, Beschreibung der Matrizenmechanik 1925; Paul Dirac, geboren 1902, Dirac-Gleichung 1928, Albert Einstein, geboren 1879, Annus mirabilis mit 3 Entdeckungen 1905; Richard Feynman, geboren 1918, mit 25 Teilnehmer am Manhattan-Projekt; Mathematiker Evariste Galois, geboren 1811, mit 17 Jahre erste Arbeiten über Kettenbrüche, mit zwanzig – kurz vor seinem Tod –  die Formulierung der Theorie zur Lösung algebraischer Gleichungen.

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Saint-Just, ergänzte Naumann daraufhin in einer weiteren Email, habe mit 26 die französische Revolutionsarmee befehligt, Bertold Brecht habe sich mit 23 schon als Klassiker gesehen, und Menuhin sei 1929 mit 13 Jahren schon in der Berliner Philharmonie mit einem eigenen Konzert aufgefallen. Schließlich: Naumanns erster „(Halb)Bruder“ Konrad Wolf sei mit 19 Offizier bei der Roten Armee und Stadtkommandant von Bernau gewesen, während sein anderer Halbbruder Stasi-Chef Markus Wolf mit 29 schon den, wie Naumann schreibt, „vielleicht erfolgreichsten Geheimdienst der Geschichte“ aufgebaut habe. Das lassen wir jetzt einfach mal so stehen.

Die entscheidende Frage, die Bildungskritiker wie Naumann mit dem  „Privileg der Jugend“ aufwerfen, ist ja auch keine von Moral und Recht, sondern im Kern eine neurophysiologische und psychosoziale: Verschleudern wir wertvolles kognitives Potential, indem die Schulen nicht das Letzte aus ihren Schützlingen herausholen und Eltern die hormonellen Hängepartien ihrer Zöglinge in deren sensiblen Phase zwischen 16 und 26 entnervt hinnehmen statt zu fordern, fordern und nochmal zu fordern? Lassen wir die junge Hirne also nutzlos auf ihren wilden Egotrips verkümmern, während wir tatenlos zusehen müssen, wie die Wissensgesellschaft verarmt und überaltert, so wie das Naumann nahelegt? Die Hirnforschung ist bisher klare Antworten schuldig geblieben. Sie liefert keine starken Argumente für einen Jugendwahn. Vielmehr ist doch zu fragen: Wer will schon lauter Genies züchten und der Jugend diese in vieler Hinsicht aufregendste Zeit durch zusätzlichen  Leistungsdruck und Karriereplanungen madig machen? Keine Studie zeigt jedenfalls, dass das verkürzte achtjährige Gymnasium mehr Genies hervorbringt als das alte retardierende in neun Jahren. Unterm Strich verändert ein Jahr eben doch nicht die Welt.   

Fotos: dpa; Rainer Wohlfahrt

 

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8 Lesermeinungen

  1. <p>Kompliment! Hier sind die...
    Kompliment! Hier sind die Kommentare lesenswerter als die Gemeinplätze Naumanns. Auch seine Denkleistung hat also Grenzen.

  2. Die politische und...
    Die politische und gesellschaftliche Reaktion auf die Wissensexpansion ist nicht nur paradox, sondern brandgefährlich: Statt den „Stoff“ an Gymnasien und Universitäten zu vertiefen, wird er immer oberflächlicher behandelt und die zur Verfügung stehende Zeit, sich mit diesem auseinanderzusetzen, verkürzt. Reproduktion steht im Mittelpunkt, kritisches Denken ist nicht nur zweitrangig, es ist oft sogar unerwünscht. Statt Menschen ihren geistigen Bedürfnissen und ihrer Begabung entsprechend ideal zu fördern, werden Gymnasien und Hochschulen mit Edukanten geflutet, die stets am oberen Ende ihrer Möglichkeiten operieren. Dadurch sinkt das Niveau der Veranstaltungen zwangsläufig, der Abschluss (oder die Noten, oder die Credit Points) als extrinsische Motivation verdrängen jede intrinsische und damit jeden gehaltvollen Diskurs in den Seminaren. Es wird gelernt, was nötig ist, ausgespuckt und vergessen. Anpassung ist der Schlüssel zum Erfolg. In Anlehnung an Adorno, der Halbbildung als lückenhafte, oberflächliche, zweckgebundene und der Anpassung dienende Informationsanhäufung charakterisierte, muss man deshalb eher von einem Halbbildungs- als von einem Bildungssystem sprechen.
    P.S.: Wenn Naumann findet
    „16 bis 26 war jedenfalls die Zeit, daran kann ich mich erinnern, voller Hürden, Zerstreuungen, Herausforderungen, Ablenkungen und Fragezeichen, in der ständig dieser eine Satz im Kopf herumspukte: Das noch, dann fängt das richtige Leben an.“
    dann hat er bestimmt recht, denn beschreibt er damit ziemlich treffend einen menschlichen Reifungsprozess samt seiner Spätwirkungen, der in diesem Alter besonders viele männliche Artgenossen heimsucht: Die Pubertät. Leider haben Reifungsprozesse die Eigenschaft, dass sie ziemlich schlecht zu steuern sind. Welche externen Mechanismen genau die Dauer dieser biographischen Episode bestimmen, ist ungewiss. Was man dank neuster neurowissenschaftlicher und soziologischer Erkenntnisse heute zu wissen glaubt: Sie beginnt immer früher und endet erst im 26. Lebensjahr.

  3. Daß eine durchschnittliche...
    Daß eine durchschnittliche Schule in der Regel „suboptimal“ funktioniert, wird wohl kaum jemand bestreiten wollen. Aber die Methode, sich für eine Behauptung nur mal eben die unterstützenden Argumente zusammenzusuchen, ist eines Naturwissenschaftlers nicht würdig.
    Ein großer Teil der angeführten Beispiele liegt in den Jahren kurz nach WW1 – daß zu dieser Zeit gerade nur das Gymnasium in Naumanns Sinne besser gewesen sei als heute und alles übrige ähnlich, wage ich zu bezweifeln.
    Die Fixierung auf einzelne Namen wie Pauli, Heisenberg, Einstein ist sowieso grob irreführend. Einstein beispielsweise hatte seinen Marcel Grossmann als mathematischen Nothelfer und Poincaré als „verwandten Gegenspieler“ (der war übrigens fast 50, als er sich mit Aspekten der Relativitätstheorie befaßte).
    Wirklich schädlich für die wissenschaftliche Kreativität ist doch eher der Zwang, sich mit seiner Arbeit früh in irgendeine „anerkannte“ Forschungsrichtung einzureihen, um überhaupt eine Stelle zu bekommen. (Wenn heute z.B. ein junger Forscher auf dem Gebiet der Teilchenphysik ganz kreativ etwas anderes als Stringtheorie machen möchte, muß er eigenes Geld haben. Er wird nirgendwo eine feste Stelle bekommen.)
    Dann muß man dann auch noch entsprechend viel publizieren, um für den nächsten Antrag genügend Material zu haben, was meist wenig Zeit läßt, um in Ruhe über neue kreative Ideen nachzudenken.
    Der ebenfalls als Beispiel genannte Feynman war auch im hohen Alter noch kreativ, wobei es auch die Variante gibt, daß man Jüngere inspiriert und anleitet OHNE deren Leistungen als eigene zu vereinnahmen (z.B Maier-Leibnitz: sein Doktorand erhielt den Nobelpreis und er wollte keinen Anteil daran – so taucht aber sein Name auch nicht auf der Liste auf.)

  4. Frage, was macht Opa Naumann...
    Frage, was macht Opa Naumann bei CERN, er sollte doch schon längst in Rente sein, jedenfalls seiner eigenen Theorie nach. Der Mythos der jungen Wilden ist so tief in die Psyche der Naturwissenschaftler eingedrungen, dass sie die unglaublichen Leistungen der Erfahrenen in ihrem eigenen Fach und anderswo nicht sehen wollen (wie alt war Kant, als er richtig loslegte? oder wer hat Felix Baumgartner sicher zur Erde zurückgeführt?). Dazu kommt die Überhöhung des Einzelnen gegenüber der Arbeitsgruppe angestachelt durch den Nobelwahn (wie war das mit Liese Meitner?). Vielleicht sollte Opa Naumann sich mal die Liste der Descartes Preisträger (Preis der EU für beste kollaborative Forschung in der EU) ansehen.

  5. Was soll uns eine Förderung...
    Was soll uns eine Förderung von Genies bringen?
    Die oben beschriebenen Beispiele an „Genies“ in jungen Jahren sind ohne Zweifel Ausnahmetalente.
    Was aber bringt der breiten Gesellschaft eine Förderung von Ausnahmetalenten? Welchen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nutzen erzielen wir damit?
    Gesellschaftlich stärkt es sicherlich das Selbstvertrauen der Gesellschaft sich mit namhaften/bekannten Namen zu schmücken. Die Erweiterung unseres Wissens stelle ich hier einmal nebenan. Da Wissen nicht auf eine Gesellschaft begrenzt ist.
    Wirtschaftlicht liefern „Genies“ sicher Impulse. Sie bringen uns im Gesamtbild aber wenig. Denn auch ein Ausnahmetalent kann nur 24h am Tag arbeiten. In einer vielschichtigen arbeitsteiligen Gesellschaft bringen uns herausragende Leistungen einzelner wenig.
    Ist es es also wert grössere Mengen junger Menschen durch selektiven Stress zu verlieren um einige zu fördern? Zum Schluss laufen wir Gefahr ein Elitesystem zu erhalten, welches herausragende Ergebnisse erzielt aber die Masse abhängt und der Gesellschaft mehr schadet als nützt. Wir laufen Gefahr insbesondere Techniker und Ingenieure zu verlieren um Physiker, Mathematiker und Künster zu gewinnen.
    Wir sollten uns um eine solidere und breitere Ausbildung der 16-26 Jährigen kümmern. Ausnahmetalente werden wir hiermit immer noch hervorbringen können.
    Man möchte zu bedenken geben, dass vor einigen Jahren einmal die Bildungsrepublik ausgerufen wurde.

  6. Die Schule ist ihr eigenes...
    Die Schule ist ihr eigenes Haupthindernis: Sie ist völlig verschult und versucht alle gleich zu machen. Nicht ein Team das die Stärken und Schwächen zusammenführt und ausgleicht steht als Ziel, sondern der Wettkampf und das tägliche Gegeneinander kommen dabei heraus. Die natürliche Neugier wird öfter gebrochen als gefördert.
    Kürzere Schulzeit, weniger Stoff und frühere Berücksichtigung der persönlichen Neigungen sind gefordert. Nicht mehr Stückgutkontrolle durch noch mehr Leistungstests und Controller wie in der Produktionsstraße.

  7. Ja, was ist nun besser? - Sich...
    Ja, was ist nun besser? – Sich vermeintlich fuer ein Genie zu halten, oder spaeter verkappt sein und echte Genealitaet nicht anerkennen wollen, wohl noch die Entfaltung solcher behindern.

  8. Die Frage sollte lauten: Wann...
    Die Frage sollte lauten: Wann soll ein Kind anfangen zu lernen, was es im leben will und was nicht. Ob die Jahre ab 16 bis 26 besonders ertragreich für die Wissenschaft sind ist dabei zunächst uninteressant.
    Die zitierten Wissenschaftler haben jedenfalls nicht erst mit dem 16. Lebensjahr ihr Interesse an der Wissenschaft entdeckt, sondern bereits im Kindesalter. Ist das Interesse einmal erweckt, dann lässt es sich auch nicht mehr ausschalten. Das Kind ist neugierig und diese Neugier ist die Triebkraft für das wissenschaftliche Arbeiten und Interesse.
    Anders formuliert: Das Genie setzt sich durch gegen alle widrigen Umweltrestriktionen und Unterdrückungen seitens unfähiger Lehrer. Welchem Lehrer steht nicht der Angstschweiß auf der Stirn, wenn er einen Schüler in der Klasse hat, der ihm regelmäßig einen fehlerhaften Sachvortrag nachweisen kann? Vielleicht wurde deshalb Herr Einstein regelmäßig als dummer Schüler von seinen Lehrer betrachtet.

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