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"Wissenschaftsblog des Jahres"

03.01.2013, 16:14 Uhr

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Der Jahresanfang ist traditionell die Zeit der Stimmungstiefs. Das Nahziel Weihnachten, das noch vor kurzem alle Konzentration gebündelt hatte, hat sich in die Vergangenheit verabschiedet, der Neujahrskater ist noch spürbar, und vor einem liegen graue und kalte Monate freudlosen Winters, in denen man sich gezwungen fühlt, all das wieder aufzuholen, was man im letzten Jahr an Jahreszielen nicht einlösen konnte und daher in die Rubrik „gute Vorsätze” zu transferieren genötigt war.

Doch zumindest für die Planckton-Crew hat sich der Anfang in diesem Jahr ganz anders gestaltet mit einem gewaltigen Motivationsschub, zu dem Sie, liebe Leser, uns durch die Wahl von Planckton als Wissenschaftsblog des Jahres 2012 verholfen haben. Zweiter und Dritter wurden der „Science Skeptical Blog”  sowie der Forschung-Blog der Fraunhofer Gesellschaft, die an dieser Stelle zu beglückwünschen sind.

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Wir freuen uns wahnsinnig und möchten uns ganz herzlich bei Ihnen bedanken! Zur Feier des Tages wollen wir hier noch einmal auszugsweise das vergangene Planckton-Jahr Revue passieren lassen, in seiner ganzen Themenvielfalt aus Psychologie, Medizin, Physik, Biologie, Soziologie, Philosophie, Klimatologie und Astrophysik. Wir können es kaum erwarten, auch 2013 zusammen mit Ihnen all das Unerwartete, Spannende und Unterhaltsame zu diskutieren, das der wissenschaftliche Forschungsbetrieb permanent zutage fördert.

Ohne große Übertreibung kann man wohl sagen, dass 2012 im Zeichen des LHC stand. Anfang des Jahres war die Spannung groß. Würde man das Higgs finden? Oder, noch aufregender, neue Physik jenseits des Standardmodells? Besondere Erwartungen richteten sich insbesondere auf Susy, die Theorie der Supersymmetrie: mögliche Lieferantin dunkler Materie, einer Vereinigung der elektromagnetischen, schwachen und starken Wechselwirkung sowie der Lösung der Hierarchieproblems (LHC 2012 – wie geht’s eigentlich Susy?, 11.01.2012). Es wäre so schön gewesen. Aber 2012 wurde zum Jahr des Higgs und des Standardmodells (Gerüchte in der Higgsküche, 22.06.2012), Susy lässt weiterhin nichts von sich sehen.

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Während am LHC noch Daten gesammelt wurden, blieb uns Zeit, einen Blick auf die Gruppendynamik von Forschern zu werfen (So einfach ist das (3): Despotische Weiber, 01.02.2012). „Was haben hungrige Löwinnen und emsige Labormiezen gemeinsam?” Hirnforscher sagen: den Gemeinschaftssinn. Der bei hoher Testosteron-Produktion Machtgier und Geltungsdrang weicht. Ob dieses Ergebnis auch einen direkten Zusammenhang zur geschlechtsspezifischen Ernährung aufweist, wurde in der behandelten Studie zwar nicht betrachtet. Die klimafreundliche Ernährung von Frauen, die von Agrarforschern aus Halle festgestellt wurde (Weltfrauentag, Mahlzeit! Wenn Mann wie Frau isst, 08.03.2012), würde zumindest gut ins Bild der Frauen als gemeinschaftlich handelnde und denkende Weltbürger passen. Jedenfalls, solang der Verzicht auf Fleisch zugunsten von Obst und Gemüse nicht lediglich aus dem egozentrischen Wunsch nach einer guten Figur resultiert.

Mit einer ganz anderen Perspektive auf den weiblichen Forschernachwuchs wurden wir im Juni konfrontiert: Wissenschaftlerinnen ohne Minirock sind Ausnahmeerscheinungen, Lippenstift und Nagellack gehören zur absoluten Grundausstattung jedes Forschungs-Labors und die männlichen Kollegen sehen so gut aus, dass man sie auch auf Bravo-Postern abdrucken könnte. Mit anderen Worten: „Science: It’s a girl thing!”. Zumindest scheint dies so in den überwiegend in Pink gehaltenen Träumen der Europäischen Kommission zu sein, die mit dieser Kampagne im Sommer Mädchen für Wissenschaft begeistern wollten. Die Realität hinkt wie so oft hinterher: trotz des sehr inspirierenden Trailers bleibt die Lippenstift-Dichte in deutschen Forschungseinrichtungen hinter den Europäischen Erwartungen zurück. Von staubenden Puderquasten und tropfendem Nagellack ganz zu schweigen (Mit Lippenstift und Nagellack, 23.06. 2012).

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Gefährdet wird das Bild des schönen, schlanken, sexy Wissenschaftlers anscheinend bereits im Grundschulalter. Die Kleinen sind aufgrund des hohen Leistungsdrucks gestresst und werden daraufhin zwischen dem sechsten und achten Lebensjahr übergewichtig (Kinder, seid ihr dick: Burnout nach dem Schulstart, 17.08.2012). Die Situation wird mit zunehmendem Alter allerdings nicht unbedingt besser, zumindest nicht, sofern sich der Nachwuchs für eine Karriere als Wissenschaftler entscheidet. Wie viel Wissenschaftler arbeiten, wurde im August durch eine Studie chinesischer Wissenschaftler gezeigt (Wissenschaftler als Arbeitstiere 01.09.12). Das Ergebnis: Wissenschaftler arbeiten spät und am Wochenende und sind dazu gezwungen, Freizeitaktivitäten und Sport zu vernachlässigen. Ob dieser Lebensstil, genau wie bei den Grundschülern, verstärkt zu Übergewicht führt, wurde allerdings nicht abgefragt.

Ende August gab es schlechte Neuigkeiten: die Frauen hatten es trotz ihrer klimafreundlichen Ernährung nicht geschafft, das polare Meereis vor dem Abschmelzen zu bewahren. Verschiedene Forschungsinstitute vermeldeten einen Minusrekord der Eisausdehnung und warnten, dass das Nordpolarmeer schon in naher Zukunft weitgehend eisfrei sein könnte (Da haben wir ihn: Der Megacrash im Eismeer, 24.08.2012). Wenn man die düsteren Zukunftsprognosen noch weiter auf die Spitze treiben wollte, könnte man sich die Polarregionen irgendwann grün bewachsen denken. Konkret dann vielleicht: grün mit rosaroten Blüten. Das Springkraut hat als Einwanderer aus der Himalaja-Gegend zumindest schon in Deutschland vor allem an Bachrändern alles andere in kürzester Zeit so erfolgreich verdrängt, dass man sich kaum wundern würde, wenn es seinen monokulturellen Siegeszug in die entlegensten Ecken und Winkel dieses Planeten fortsetzen würde (Eine Goldmedaille fürs Shooting Springkraut, 28.07.2012).

Angesichts der ungeheuren biologischen Penetranz des Drüsigen Springkrauts ist man fast geneigt zu fragen: wer hat sich so eine Pflanze nur ausgedacht? Die Antwort könnte sein: die Terminatoren. Denn es wäre möglich, dass diese Maschinenmenschen uns und unser Universum simuliert haben. Entscheiden könnte man die Frage nach der Matrix-Natur unserer vermeintlichen Realität nach Ansicht von Physikern vielleicht anhand des Spektrums der kosmischen Teilchenstrahlung (Leben in der Matrix, 25.11.2012). Sofern wir tatsächlich nur simuliert wären und in der Matrix unser Leben fristen würden, hätte das natürlich radikale Konsequenzen für unser Selbstverständnis… („Liebe Terminatoren, vielen Dank, dass ihr Planckton als Wissenschaftsblog des Jahres 2012 programmiert habt!”).

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Die Vorstellung, wir könnten einem großen Simulator anhand von Fehlern und Artefakten in der Matrix auf die Schliche kommen, zeugt nicht grade von übermäßiger wissenschaftlicher Bescheidenheit, und das, obwohl Bescheidenheit ja sprichwörtlich eine Zier ist. Dass man ohne sie trotzdem oft weiter kommt und sie sogar in extremer Form zu einem psychischen Problem werden kann, zeigt die Existenz des Hochstapler Syndroms. Damit ist die unter Akademikern erstaunlich weit verbreitete Vorstellung gemeint, dass der eigene Erfolg nicht den eigenen Fähigkeiten entspringt, sondern vielmehr nur auf Glück, Fleiß oder die Manipulation anderer zurückzuführen ist (Die subjektive Hochstapelei der Erfolgreichen, 01.11.2012). Wie eine Untersuchung unter Studenten der Astronomie und Astrophysik ergab, leiden deutlich mehr Studentinnen als Studenten unter diesem mit Depression und Frustration einher gehenden Syndrom. Grund für Frustration gibt es für Studentinnen und Wissenschaftlerinnen indes ohnehin genügend innerhalb des wissenschaftlichen Alltags, wenn man die Ergebnisse einer Studie der Yale-Universität ernst nimmt. Das Experiment, identische Bewerbungsunterlagen mit einerseits männlichem oder andererseits weiblichem Namen einzureichen und die jeweiligen Bewertungen zu vergleichen, offenbarte die Existenz subtiler Geschlechtervorurteile innerhalb von Forschungseinrichtungen: Studentinnen wurden gegenüber männlichen Bewerbern als weniger kompetent und weniger geeignet eingeschätzt (Die subtile Inkompetenz der Frauen, 26.09.12).

Dass eine schlechte Einschätzung der eigenen Fähigkeiten durch andere eine Leistungs-hemmende Feedback-Wirkung auslösen kann, konnte eine neurowissenschaftliche Studie zeigen. Sofern sozial relevante Signale, wie zum Beispiel ein schlechtes Feedback, Testpersonen in einer Gruppe von Konkurrenten hierarchisch degradieren, können Angstgefühle verhindern, dass diese Personen ihre Intelligenz weiter ausspielen kann (Angst in Zahlen: Was machen wir uns den Kopf voll, 12.11.2012). Eine solche „kognitive Bremse” könnte sich womöglich gar über Generationen hinweg ausbilden. Ein besorgniserregendes Ergebnis. Insbesondere, wenn man sich vor Augen führt, wie sehr gruppendynamische Spielereien oder gar Mobbing bereits in der Schule die potentiellen Genies von morgen beeinträchtigen könnten. Robert Naumann beispielsweise sieht das größte kreative Potential im Alter zwischen 16 und 26 Jahren vorliegen (Knabenphysik und Jugendwahn: Raus aus Schule?, 14.12.2012). Wie kann man verhindern, dass dieses kognitive Potential unachtsam verschleudert wird?

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Die Wunderkinder von heute sind schließlich mit großer Wahrscheinlichkeit die Entdecker von morgen. Doch wie wird die Wissenschaft von morgen überhaupt aussehen? Werden wir einfach immer mehr wissen, immer mehr entdecken, bis es irgendwann kaum noch wirkliche Rätsel gibt? Der Astrophysiker Martin Harwit hat sich an einer Prognose versucht, die zum Jahresende Raum für Spekulationen und philosophische Einwände eröffnete (Kritik der reinen Physik(7): Die Prophezeiung der Astronomie, 20.12.2012). Wenn Harwit Recht hätte, wäre im Jahr 2200 zumindest astrophysikalisch fast alles gesagt und entdeckt. Das wäre blöd für Planckton. Aber gottseidank kommt ja meist alles anders, als man denkt. Und lieber freuen wir uns ganz unvoreingenommen auf all das Überraschende, das uns in 2013 erwarten wird. Während wir uns mit Ihnen einstweilen weiter die Köpfe am Silvesterrätsel rauchig knobeln (Silvesterrätsel 2012 – die Diskussion, 31.12.2012).

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geboren 1981, Physikerin und Philosophin, FAZ-Mitarbeiterin von „Natur und Wissenschaft“.