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Szenen einer Feindschaft: Wie verfüttert man Gentechnik?

07.02.2013, 14:24 Uhr

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So also kann ein veritabler Kulturkampf auch enden: Erst wird hemmungslos die eigene Wissenskultur beschworen, dann wird aus allen Rohren das Argumentationspulver verschossen, schließlich wird  politisiert und denunziert, was das akademische Korsett zulässt, und am Ende stehen sie alle wie besoffen da und schiessen gemeinsam in die Luft – als wäre das schon die Lösung aller Weltprobleme. Ja, im Karneval ist vieles möglich. Da wird gerne mit Platzpatronen geschossen.  

Aber im Ernst: Grüne Gentechnik hat man ja wirklich nicht als die wissenschaftliche Bühne im Blick, auf der gemeinsam geschunkelt wird. Da brennt normalerweise die Luft, wenn Befürworter und Gegner der Gentechnik länger als zwei Vorträge ruhig sitzen müssen und keiner das Ventil öffnet, weil da einer wie der Rektor der Universität Hohenheim, Stephan Dabbert, dabei ist, der zum Auftakt einer öffentlichen Anti-Gentechnik-Tagung im Euroforum seines Hauses eine bemerkenswerte Losung ausgab:  Seid lieb, setzt euch länderübergreifend zusammen, sagen wir Experten aus zwei oder drei Universitäten, und „entwerft gemeinsam ein neues Studiendesign, an dem sich alle beteiligen.”

Bild zu: Szenen einer Feindschaft: Wie verfüttert man Gentechnik?

Das war schon ziemlich mutig. Aber auch geradezu prophetisch, wie sich später herausstellte. Mutig war es, weil Dabbert offenbar einen Tag vor dem Start des Straßenkarnevals fest gewillt war, dem jecken Treiben vor Beginn der Veranstaltung ein Ende zu machen und Klartext zu reden. Das betraf zum Beispiel den Titel.  Unter der Überschrift „Objektive Sicherheitsforschung im Agrarbereich” waren die Organisatoren des Vereins Gentechnikfreies Europa wochenlang auf Tuchfühlung mit den etablierten Genforschern  und der europäischen Lebensmittelbehörde EFSA gegangen. Dialogbereitschaft, Unabhängigkeit – man wollte den Gentechnik-Sympathisanten das Mitmachen schmackhaft machen. Offenbar ist den Organisatoren dann aber doch noch eingefallen, dass man so objektiv nun nicht sein wollte – nicht sein konnte. Zumal die genkritische Interessenlage der allermeisten Co-Veranstalter -  das Aktionsbündnis gentechnikfreies Baden-Württemberg, Brot für die Welt oder die Albert Schweizer Stiftung – klar auf der Hand lag. Der Gentechnik soll das Handwerk gelegt werden.

Also wurde, weil die Genforscher den Braten rochen und den Veranstaltern reihenweise von der Stange gingen, ein neuer verkürzter Titel gesucht – und gefunden: „Sicherheitsforschung im Agrarbereich”. Damit war zumindest der Etikettenschwindel mit der Objektivität abgewendet.  Die Studentengruppen, die das Treffen mit veranstalteten,  hatten die Kuh vom Eis genommen und für die  Umbenennung gekämpft.

Dann aber waren da noch die eigenen guten Freunde und Ratgeber: Einflussreiche, ja „internaioinal renommierte” Kollegen hätten ihn, Dabbert, gebeten, auf ein Grußwort zu verzichten, damit die Gentechnikgegener nicht noch aufgewertet würden. Ein Affront, den Dabbert damit auch öffentlich machte. Der Rektor blieb hart, votierte statt dessen dafür, „die direkte Konfrontation als wertvolles Element der wissenschaftlichen Diskussion” aufzuwerten. Was dann ja auch eintreten sollte. Denn Gilles-Eric Séralini war gekommen und damit auch das Zugpferd der Veranstaltung. Séralini ist der „Bad Guy” der Genbranche, sein Name ist um die Welt gegangen. Er und sein Team an der Universität Caen haben es geschafft, die etablierten Wissenschaftler in toto gegen sich aufzubringen. Mit ihren  Toxizitätstests an gentechnisch veränderten Futter-und Lebensmittelpflanzen haben sie schonlänger die Industrie provoziert und die Zulassungsbehörden echauffiert. Insbesondere aber mit einer neuen Langzeitfütterungsstudie an Ratten, die im September vergangenen Jahres publiziert wurde,  hat Séralini das Blut der Gentechnikfreunde zum Kochen gebracht. Nur die notorischen Feldzerstörer werden seitdem wohl mehr verachtet als der Name Séralini.

Bild zu: Szenen einer Feindschaft: Wie verfüttert man Gentechnik? Gilles-Eric Séralini

Ganze 37 staatliche Behörden und Institutionen  rund um den Globus haben inzwischen klar gestellt: Séralinis Studie ist fachlich dürftig, kaum aussagekräftig und die Schlußfolgerungen von den publizierten Daten nicht gedeckt. Séralini wollte zeigen, dass herbizidtoleranter Genmais der Monsanto-Sorte NK603, der mit dem zugehörigen glyphosathaltigen Unkrautvernichtungsmittel Roundup vertrieben wird, in Fütterungsstudien mit Ratten krebserzeugend wirkt. Die Details zur Publikation und die massive Einzelkritik dazu sind an vielen Stellen nachzulesen. (Eine Linksammlung zu Kommentaren, Reaktionen, Bewertungen gibt es ganz unten im Text.)

Séralinis Auftritt war jedenfalls auch für andere Forscher Grund genug, nach Stuttgart-Hohenheim zu kommen und die versammelte Gentechnik-Gegnerschaft von den schlechten Absichten des Franzosen zu überzeugen. Die Möglichkeiten der Gegenrede sind als Zuschauer freilich begrenzt, zumal wenn das Programm dicht ist. Deshalb war es vor allem Sache des nimmermüden Frontmanns der Grünen Gentechnik, Klaus-Dieter Jany, die vernichtende Kritik der Behörden und akademischen Wissenschaft zu vertreten. Der ehemalige Leiter des Molekularbiologischen Zentrums an der Bundesforschungsanstalt für Ernährung und Lebensmittel ist Mitglied der EFSA und eine, wie man ohne böse Übertreibung sagen darf, der schillerndsten Figuren in der Szene. Er wollte eigentlich nicht kommen und sich als „Watschenmann”  und „Lückenbüßer” zur Verfügung stellen, sondern sei allein der Einladung der Studenten gefolgt, für die er schon einmal einen Vortrag in Hohenheim gehalten hat.

Bild zu: Szenen einer Feindschaft: Wie verfüttert man Gentechnik? Klaus-Dieter Jany

Die Fronten waren also schnell gezogen und die Kampfarena eröffnet.  Auf der einen Seite Séralini, der französische Terrier, der an der Leine der radikalen Ökofraktion ging, auf der anderen Jany, die Bulldogge der Grünen Gentechnik. Dass Rektor Dabbert in dieser Konstellation eine zahme, ja  „unpolitische”, „kritische”, „wissenschaftliche” Debatte vorschwebte, blieb natürlich ein frommer Wunsch. Zumindest für die erste Hälfte des Teffens. Seralini referierte seine Arbeiten und wähnte sich angesichts der Attacken gegen ihn „im wissenschaftlichen Mittelalter”. Er meinte sicher die Inquisition. Ob er sich eingeschüchtert fühlt? „1200 Forscher aus 30 Ländern haben uns inzwischen ihre Solidarität im Kampf gegen die Gentechnik-Lobby zugesagt.”

Trotzdem fühlt er sich verfolgt, als „Beklagter vor einem Militärtribunal”. Das war für Klaus-Dieter Jany eine Steilvorlage. Er verstand seine Aufgabe als ehemaliger Gutachter allerdings nicht in der politischen Gegenrede, sondern einzig und allein darin, Séralini den wissenschaftlichen Zahn zu ziehen. Nach allen Regeln der gutachterlichen Kunst nahm er dessen vielkritisierte Publikation auseinander – soweohl was den Inhalt angeht, das Studiendesign und die Interpretationsfreude des Franzosen. Allerdings lobte Jany auch die „enorme Datenfülle, die Seralini für die Langzeitstudie zusammentrug.

Bild zu: Szenen einer Feindschaft: Wie verfüttert man Gentechnik?

Round Table mit Angelika Hilbeck, Gilles-Eric Séralini, Klaus-Dieter Jany, Moderator Manfred Ladwig (SWR), Genkritiker Christoph Then von Testbiotech (v.l.)

Und so geschah dann doch irgendwann noch das schier  Undenkbare: Man einigte sich auf etwas. Genau genommen wurde sich darauf geeinigt, dass nach Séralinis Generalattacke auf die Branche  nun doch alles anders sei. Gemeint ist in erster Linie das Zulassungsprozedere und die  Genehmigungskriterien für gentechnisch veränderte Futter- und Lebensmittel.

Auslöser dieser bemerkenswerten Handreichung war ein Vortrag von Angelika Hilbeck, der Präsidentin des „European Netwrkt of Scientists for Social and Environmental Respronsibility”. Hilbeck ist eine ehemalige Hohenheimer Agrarbiologie-Absolventin und heute an der ETH Zürich tätig. Zu ihrem Netzwerk gehören überwiegend gentechnikkritische Wissenschaftler, auch Séralini selbst. Hilbeck hat die europäische Zulassungspraxis evaluiert und ihre Ergebnisse in Hohenheim gezeigt: Wenn es um aussagekräftige Langzeitstudien geht, von denen man  Aussagen über die langfristigen ökotoxikologische und gesundheitliche Auswirkung von Gentech-Kultursorten erwarten darf, sieht es international ganz düster aus. Zweijahres-Studien wie die von Séralini seien weltweit die Ausnahme. 22 hat sie ermittelt und unter die Lupe genommen. Ein Standardprotokoll für die Bewertung neuer Sorten gibt es demnach nicht. „Jeder sucht sich seine Versuchstiere und das Protokoll aus, die Fütterungstests sind mehr  mehr oder weniger freiwillig.”

Bild zu: Szenen einer Feindschaft: Wie verfüttert man Gentechnik? Angelika Hilbeck

Was die  Zulassung des Genmaises NK603 betrifft und die toxikologische Aussagekraft der Studien, meint Hilbeck jedenfalls kaum Unterschiede in den eingereichten und publizierten Monsanto-Daten zur Séralini-Untersuchung erkennen zu können. Mit anderen Worten: Séralinis Studiendesign und das Paper voller Lücken und Unklarheiten mögen dürftig sein, aber die anderen Experimente sind kaum besser. „Warum muß dann ausgerchnet Seralini perfekt sein, wenn es die anderen auch nicht sind?” fragte Hilbeck. „Wenn man überall die gleiche Elle wie bei Séralini anlegt, haben wir bisher keine belastbaren Langzeitfütterungsstudien.”

Dass alles zum Besten bestellt sei mit dem Zulassungsprozeß, wollte nicht einmal Jany energisch behaupten – womit der Weg für eine Einigung in dieser Frage frei war. Jany: „Wir müssen  unsere Methoden wissenschaftlich anpassen, vielleicht müssen sie auch wirklich überdacht werden.” Ihm schwebt eine Art ständiges Konsensustreffen der Kritiker, Wissenschaftler und Behörden vor, die „allgemein akzeptierte Regeln” entwickeln sowie Tests, „die von allengetragen werden”. Rektor Dabbert hatte also seinen Willen und den Konsens, den er sich erhofft hatte. Ein Vorschlag zur Güte, doch ein Friedensschluss noch lange nicht. Denn da war ja noch die Auseinandersetzung um Transparenz und Offenheit: Erst als Séralini auf die mehrfache Aufforderung – auch aus dem Publikum – einging und zusagte, alle noch fehlenden Rohdaten aus den inkriminierten Rattenexperimenten doch noch öffentlich zu machen, war auch an dieser Front Ruhe eingekehrt. In acht weiteren Veröffentlichungen zu den Experimenten sollen die fehlenden Befunde und Daten nachgereicht werden, sagte Séralini. Und schließlich wolle er in den kommenden Wochen die von vielen Wissenschaftlern geforderten zigtausend fehlenden Datensätze etwa zu Futteraufnahme, Wachstumskurven, Gewebeanalysen und Urin-und Blutproben aller Tiere auf der Internetseite veröffentlichen. Hohenheim war befriedet, doch ob ihn das Transparenzversprechen  vor dem Tribunal der Wissenschaften entlasten werde? Die Antwort des Franzosen: „Das glaube ich nicht, das Wichtigste steht schon in der Publikation. Ich habe auch mit mehr Daten nichts zurück zu nehmen.”

Linkliste:

http://research.sustainablefoodtrust.org/resources/  (Séralinis Webpage)

 

http://www.efsa.europa.eu/en/efsajournal/pub/2986.htm (EFSA Review)

 

http://www.bfr.bund.de/de/presseinformation/2012/29/studie_der_universitaet_caen_ist_kein_anlass_fuer_eine_neubewertung_von_glyphosat_und_gentechnisch_veraendertem_mais_nk_603-131728.html (Bundesinstitut für Risikobewertung)

 

http://www.medien-doktor.de/sprechstunde/linkliste-ratten-%E2%80%93-gentechmais-%E2%80%93-krebs/  (Übersichtsseite Reaktionen auf Seralini-Paper)

 

http://m.faz.net/aktuell/wissen/forschung-politik/risiko-genmais-den-doppelbeleg-bitte-windelweiches-wissen-11910749.html

 

http://www.newscientist.com/article/dn22287-study-linking-gm-crops-and-c

 

http://michaelgrayer.posterous.com/in-which-i-blow-a-gasket-and-get-very-uppity

 

http://m.bbc.co.uk/news/science-environment-19654825

 

http://www.marcel-kuntz-ogm.fr/

 

http://gmopundit.blogspot.be/

 

http://www.europabio.org/agricultural/press/claims-gm-safety-should-be-held-same-level-scientific-scrutiny-biotech-product

 

http://www.huffingtonpost.fr/jeanfrancois-narbonne/lacunes-resultats-suprenants-et-inexplicables-letude-anti-ogm-sur-la-sellette_b_1902634.html?utm_hp_ref=france&utm_hp_ref=france

 

http://www.enviro2b.com/2012/09/24/ogm-il-est-anormal-que-la-recherche-ne-puisse-pas-avancer/

 

http://www.reuters.com/article/2012/09/19/gmcrops-safety-idUSL5E8KJC1220120919

 

http://www.vib.be/en/news/Pages/VIB-exceptionally-sceptical-about-the-S%C3%A9ralini-research.aspx

 

http://www.euractiv.com/cap/french-study-launches-gmo-debate-news-514900

 

http://www.washingtonpost.com/blogs/all-we-can-eat/post/french-scientists-question-safety-of-gm-corn/2012/09/19/d2ed52e4-027c-11e2-8102-ebee9c66e190_blog.html

 

http://www.vbio.de/informationen/alle_news/e17162?news_id=14723

 

 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (3)
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0 isabellr 13.02.2013, 10:56 Uhr

Es gibt bereits so viele...

Es gibt bereits so viele Argumente gegen die Gentechnik! Der Gentechnikexperte Christoph Then hat nach dreißig Jahren GVO Resümee gezogen. Erschreckend! Spannend! Interessant! http://blog.wernerlampert.com/2013/02/30-jahre-monsanto/

2 FAZ-jom 08.02.2013, 19:41 Uhr

Lieber ztgleser123, die...

Lieber ztgleser123, die Humorecke ist manchmal der angenehmere Ort für einen verzweifelten Autor. Oder mit Erich Kästner: Humor ist der Regenschirm der Weisen. Nein, wirklich, der ewige und bittere Streit um die Grüne Gentechnik kann aus einem gutwilligen Begleiter leicht einen zynischen Beobachter machen. Sie können dennoch versichert sein, dass ich nicht "immer mehr" in diese Ecke rücke. Vielmehr ist mir im Sinne der Wissenschaft weiter an einer sachlichen Diskussion gelegen und werde den Lesern deshalb künftig weiter vor allem inhaltsstark über die Entwicklung berichten. Wie ich in Hohenheim hörte, gibt es im Fall der Grünen Gentechnik demnächst sogar einen konkreten, gesellschaftlich bedeutenden Anlaß. Mehr darf ich momentan leider nicht verraten. Bleiben Sie einfach dran, und glauben Sie mir: Ich nehme Ihre Humor-Bemerkung sehr ernst. ;-)

1 ztgleser123 08.02.2013, 06:14 Uhr

Wozu brauchen wir...

Wozu brauchen wir Gentechnik, wenn wir schon mit Heimwerkermitteln (Verfütterung von Rindfleisch an Rinder) einen BSE-Erreger züchten konnten, von dessen Existenz niemand ahnte und dessen Struktur und Art nicht einmal für möglich gehalten wurde ? Nur keine Panik, zur Zeit sieht es so aus, als wäre es gut gegangen. Die Wissenschaft hat alles im Griff und kann jedes Risiko beurteilen.
Die Artikel von Herrn Müller-Jung rücken immer mehr in die Humor-Ecke.

Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.