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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Wissenschaft mit Friends und Followern

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Das Web 2.0 hat das Potential Wissenschaftskommunikation zu revolutionieren. Noch sträuben sich viele Forscher, doch eine professionelle Nutzung von Twitter & Co. könnte bald unvermeidbar werden.

Das Web 2.0 hat schon so manche Revolution traditioneller Strukturen zu verantworten und so einige ursprünglich voneinander in Distanz existierende Berufs- und Gesellschaftsgruppen kommunikativ kurzgeschlossen. Man kann neuerdings Politiker in online „Hangouts“ treffen, Stars ganz ohne Paparazzi-Beteiligung bei ihren Alltagsaktivitäten verfolgen, Firmen ohne Telefonhotline-Warteschleifen auf deren Social-Media-Profilen öffentlich anprangern und Themen über Twitter-Kampagnen schnell und direkt ins öffentliche Gespräch bringen. All das ist mittlerweile zu einer Realität geworden, der man kaum noch aus dem Weg gehen kann.

Im Gegensatz zu diesem allgemeinen Trend war aber bisher, zumindest hier in Deutschland, der sprichwörtliche Elfenbeinturm der Wissenschaft ein relativ sicherer Rückzugsort für Social-Media-Phobiker. Meine Entscheidung vor drei Jahren, mich als Doktorandin der Astrophysik am Planckton-Blog zu beteiligen, wurde beispielsweise zunächst durchaus kritisch beobachtet, denn Social-Media-Aktivität haftet immer auch der Beigeschmack der Zeitverschwendung und des Aufschiebens wichtigerer Dinge an. Die meisten meiner Doktoranden- und Postdoc-Kollegen sind mittlerweile zwar privat über Facebook vernetzt, doch die Online-Kommunikation mit der Öffentlichkeit, beispielsweise per Twitter, ist auch unter Nachwuchsforschern nach wie vor eher selten und unter Wissenschaftlern jenseits der Postdoc-Phase (zumindest in meinem wissenschaftlichen Umfeld) fast gar nicht zu finden.

© Sibylle Anderl 

In vielen Forscherköpfen kann sich bislang noch die Vorstellung halten, dass sich die für einen Wissenschaftler notwendigen kommunikativen Kontakte auf einen überschaubaren Kreis fachlicher Kollegen beschränken lassen, mit dem man bestens in persönlichen Treffen und direkter Kommunikation per Email oder Telefon-Konferenz verbunden bleiben kann. Ansonsten sollte kostbare Arbeitszeit tatsächlich besser in konkreter Forschungsaktivität angelegt werden, anstatt sie auf Internet-Plattformen zu verschwenden. Plattformen wie Facebook oder Twitter gelten grade bei älteren Wissenschaftlern oftmals als unseriös und bedenklich in Bezug auf den Verbleib persönlicher Informationen, auch wenn sie rein beruflich genutzt werden. An den meisten wissenschaftlichen Instituten geht daher der Kontakt zwischen Wissenschaftlern und Öffentlichkeit nach wie vor den traditionellen Weg über die institutionelle PR-Stelle, die Pressemitteilungen herausgibt und Kontakte zwischen Presse und Wissenschaftlern herstellt, um daraufhin Forschungsergebnisse wissenschaftsjournalistisch verbreitet zu sehen. Unterstützend gibt es, größtenteils nicht-interaktiv, Online-Auftritte der Universitäten und Institute. Der individuelle Wissenschaftler kann sich aus all dem aber bislang problemlos heraushalten und ist damit Regel und nicht Ausnahme.

Doch auch in der Wissenschaft nimmt der Druck zu, sich den interaktiven Möglichkeiten des Internets gegenüber zu öffnen. Es mehren sich die Anzeichen, dass das Web 2.0 auch die Wissenschaft, sowohl intern als auch in ihrer Wechselwirkung mit der Öffentlichkeit, revolutionieren wird, und eine Verweigerungshaltung auf Seiten der Wissenschaftler nicht mehr aufrecht gehalten werden kann. Wie so oft kommen Impulse hierzu vor allem aus den USA. Die Biologin Christie Wilcox von der University of Hawaii at Manoa sieht in einem 2012 erschienenen Artikel entsprechende Veränderungen als überfällig an: Wissenschaftler müssen sich an Social Media beteiligen, weil alle anderen auch schon auf den entsprechenden Plattformen aktiv sind. Obwohl Wissenschaftler sich selbst stolz an vorderster Front technologischer und sozialer Innovation sähen, würden sie in Bezug auf soziale Medien hinter den durchschnittlichen Amerikaner zurückfallen. Während 70% der Amerikaner und 90% der jungen Generation Facebook nutzen, sei dies bei weniger als zwei Dritteln der Professoren und Labormanager der Fall. Zusammen mit der Tatsache, dass das Internet mittlerweile zu einer Haupt-Informationsquelle geworden ist (dies trifft beispielsweise auf 60% der U.S. Amerikaner zu) präsentiert sich die Online-Welt damit gleichzeitig als Chance und Verpflichtung.

© AFP 

Als Chance kann die Online-Präsenz gesehen werden, weil so neue Zielgruppen jenseits der Adressaten des klassischen Wissenschaftsjournalismus angesprochen werden können. Insbesondere das Erreichen der jungen Generation ist auf traditionellem Wege kaum möglich, ohne sich den Kommunikationsgewohnheiten dieser Generation anzupassen. Das heißt aber auch, dass Wissenschaft heute über Kommunikation, d.h. Dialog, laufen muss. Es reicht nicht mehr, wissenschaftliche Fakten der Öffentlichkeit allein zur Verfügung zu stellen. „Wir müssen versuchen, uns in öffentliche Diskussionen über Wissenschaft einzuschalten“, fordert Christie Wilcox, „Wir müssen erreichbar sein und für Gespräche über unsere Wissenschaft zur Verfügung stehen.“ Sofern dies eingelöst wird, können Wissenschaftler nach Wilcox ihr positives Image in der Öffentlichkeit nutzen, um sich noch stärker in öffentliche Debatten einzuschalten und Einfluss auf wichtige Entscheidungen zu nehmen. Debatten, die ansonsten von anderen Interessensgruppen dominiert werden, die das Potential eines aktiven Dialogs mit der Öffentlichkeit schon früher erkannt haben.

Aber selbst wenn das Minimalziel der Wissenschaftler jenseits von gesellschaftlicher Einflussnahme nur die Verbreitung wissenschaftlicher Informationen und ein positives Bild der Wissenschaft in der Öffentlichkeit sind, gibt es vermutlich keinen Weg, der an den neuen Medien vorbeiführt. Durch die freie Verfügbarkeit gigantischer Mengen von Informationen im Internet reicht es heute nicht mehr aus, einfach weitere Informationen hinzu zu fügen und auf findige User zu hoffen. Wilcox resümiert: „Wenn wir Zeit und Ressourcen in Wissenschaftskommunikation investieren, aber nicht an Social Media teilnehmen, dann sind wir wie ein fallender Baum in einem leeren Wald – ja, wir machen Krach, aber keiner hört zu.“ Schließlich wird die Sichtbarkeit von Informationen durch Auswahl- und Gewichtungs-Algorithmen gesteuert, die wiederum auch darauf beruhen, wie die entsprechenden Inhalte in den sozialen Medien platziert und aufgenommen werden. „Es existiert eine reale Notwendigkeit für die wissenschaftliche Community, (auch empirisch) größere Aufmerksamkeit auf diese neuen Herausforderungen für die Wissenschaftskommunikation zu richten“, geben Dominique Brossard and Dietram A. Scheufele in ihrem jüngst erschienenen Science-Artikel „Science, New Media, and the Public“ zu bedenken.

Eine zusätzliche, von Wissenschaftlern zu beachtenden Dimension neuer Medien sind Dynamiken kollektiver Meinungsbildung, die sich in Kommentaren und Hinweisen im Internet manifestiert. Brossard und Scheufele berichten von einem Experiment, das den Einfluss des Web 2.0 durch eine Manipulation von Kommentaren zu wissenschaftlichen Online-Nachrichten zu testen versucht. Dabei stellte sich heraus, dass die Interpretation von Testlesern signifikant vom Ton der manipulierten Leserkommentare abhing. Das Fazit des Science-Artikels lautet entsprechend: „Ohne angewandte Forschung darüber, wie Wissenschaft am besten online kommuniziert werden kann, riskieren wir eine Zukunft, in der Dynamiken von Kommunikationssystemen online einen größeren Einfluss auf die öffentliche Meinung in Bezug auf Wissenschaft haben, als die spezielle Forschung, die wir als Wissenschaftler zu kommunizieren versuchen.“

© F.A.Z. 

Dies alles betrifft die Kommunikation zwischen Wissenschaftlern und Öffentlichkeit. Für Holly M. Bik und Miriam C. Goldstein ist solche PR aber nur einer in einer ganzen Reihe von Gründen, die dafür sprechen, sich als Wissenschaftler in sozialen Medien zu engagieren. Zunächst betonen sie die gesteigerte Sichtbarkeit des einzelnen Wissenschaftlers sofern er sich online bewusst präsentiert, und damit zum Beispiel vermeidet, dass Suchmaschinen online ein nicht repräsentatives Bild vermitteln. Ein Engagement in sozialen Medien, beispielsweise Konferenzberichte via Twitter oder das Schreiben eines Blogs, könne außerdem hilfreich für das wissenschaftsinterne Networking sein. Virtuelle Kontakte können sich in nützliche Realkontakte umwandeln und wissenschaftlich relevante Informationen können anhand von virtuellen Interessengruppen sehr effektiv ausgetauscht werden. Daneben sehen die Autoren die Möglichkeit einer gesteigerten Forschungs-Effizienz, indem insbesondere Nischenthemen online diskutiert werden können und die Öffentlichkeit in Forschungsprojekte eingebunden werden kann.

Interessant ist auch der Einfluss neuer Medien auf die Kultur des wissenschaftlichen Veröffentlichens. Apoorva Mandavilli beschreibt 2011 in Nature  mit welcher Geschwindigkeit heute wissenschaftliche Veröffentlichungen online kritisiert werden. Die nahe liegende Frage ist, inwiefern man diese Aktivitäten im Rahmen eines “open online peer review”-Verfahrens organisieren und nutzbar machen kann. Einerseits können Wissenschaftler von Kommentaren durch Kollegen vor der Veröffentlichung in einem traditionellen Journal profitieren, wie dies z.B. oft in der Mathematik und Physik auf dem Pre-Print Server arXiv.org geschieht. Andererseits kann auch eine Diskussion nach der Veröffentlichung sinnvoll sein. Entsprechende durch verschiedene Journale aufgesetzte Plattformen haben sich bisher aber nicht wirklich durchsetzen können. Stattdessen finden sich Kommentare meist verstreut im Internet und machen es erforderlich, neue Wege zu entwickeln, Feedback besser zu organisieren und Veröffentlichungen online durch die wissenschaftliche Community bewerten zu lassen.

© AFP 

Entsprechende Experimente gibt es für Veröffentlichungen der Lebenswissenschaften beispielsweise unter „Thirdreview.com“ und „Faculty of 1000“, die auf die Möglichkeit von Anonymität und die Sammlung von Veröffentlichungen aus verschiedenen Journalen setzen. Es ist allerdings umstritten, inwiefern online Rankings gegenüber traditionellen Zitationsanalysen einen Mehrwert bieten können. Gleichzeitig besteht das Problem, dass viele Veröffentlichungen in den Archiven verstauben, ohne eine Diskussion anzuregen oder bewertet zu werden. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Studie von Gunther Eysenbach (2012), in welcher der Zusammenhang zwischen Tweets und Zitierungen wissenschaftlicher Aufsätze untersucht wurde. Ergebnis war, dass häufig getwitterte Artikel mit 11 Mal so hoher Wahrscheinlichkeit auch oft zitiert wurden wie selten getwitterte. Entweder erhöht Twitter also die Zahl der Zitationen, oder hohe Twitterpräsenz reflektiert tatsächlich die Qualität eines wissenschaftlichen Artikels.

Bei vielen Wissenschaftlern hinterlässt all dies bisher noch ein Gefühl von Unsicherheit und Überforderung. Insbesondere für Nachwuchsforscher, die grundsätzlich offen gegenüber den Möglichkeiten des Web 2.0 sind, ist nach wie vor nicht immer klar, inwiefern ein öffentliches Engagement in den neuen Medien ihnen nicht am Ende doch negativ als Zeitverschwendung angerechnet wird oder sie sich mit unüberlegten Kommentaren, falschen Aussagen oder einer unbeabsichtigten Verletzung institutioneller Regeln selbst Steine in den Weg legen können.

© 2013 Bik, GoldsteinVerbreitete Sorgen in Bezug auf Online-Kommunikation. (Bik HM, Goldstein MC (2013) An Introduction to Social Media for Scientists. PLoS Biol 11(4): e1001535. doi:10.1371/journal.pbio.1001535)

Angesichts des hohen internen Konkurrenzdrucks und der Notwendigkeit, schnell viel zu veröffentlichen, erscheint eine Optimierung der Wissenschaftskommunikation ohnehin zweitrangig, zumal die große Anzahl verschiedener Social-Media-Plattformen mit all ihren Spezifika verwirrend und eine Einarbeitung zeitintensiv wirkt. Graduiertenschulen beginnen aber mittlerweile, entsprechende Softskill-Kurse anzubieten, um dem Nachwuchs die Chancen zu präsentieren, die sich im Netz für ihn möglicherweise auftun können. Wichtig ist vor allem, sich über die eigenen Ziele und die angestrebte Art der Kommunikation bewusst zu werden, um vor diesem Hintergrund die richtige Entscheidung für das geeignete Medium zu treffen. Voraussetzung dafür ist allerdings eine Forschungsumgebung, die dieser neuen Art von Wissenschaftskommunikation grundsätzlich positiv gegenüber steht, so wie es bereits jetzt in den USA der Fall ist. Tatsächlich scheint es so, als würde der Elfenbeinturm auch in Deutschland zunehmend seine virtuellen Türen öffnen. Man kann gespannt sein, welche Veränderungen dies für die Wissenschaft und die Öffentlichkeit letztendlich bringen wird.

Die Autorin ist Gelegenheitstwitterin (@sianderl), auf Google+ und neuerdings auch auf Linkedin zu finden. Facebook nutzt sie ausschließlich privat, kann aber sehr empfehlen, die Facebook-Seite von „FAZ – Natur und Wissenschaft“ zu liken. Wie an der unregelmäßigen Frequenz ihrer Social-Media-Updates zu sehen ist, ist sie tief in ihrem Physiker-Herzen aber doch auch immernoch Kommunikations-Nerd.

 

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12 Lesermeinungen

  1. Pingback: Recent mentions of SCIMEP researchers in the media | Science, Media and the Public

  2. Wen will ich womit erreichen?
    Für welche Zwecke man Facebook, Twitter & Co “im Dienste der Wissenschaft” nutzen kann, wird sich vermutlich nur durch “trial and error” und begleitende Analyse herausfinden lassen. Dabei kann es gut sein, daß ein belastbares Urteil erst dann gefällt werden kann, wenn sich alles schon wieder deutlich geändert hat (gerade habe ich hier im “Tech-Talk” gelesen, daß der Anteil der älteren Facebook-Nutzer steigt, daß also die Jungen schon wieder ein neues Spielzeug ausprobieren).
    Interessant wäre vielleicht unterstützend mal eine Analyse darüber, welche “modernen” Kommunikationsformen in der Wissenschaft eher schnell aufgegriffen werden und welche nicht. Das www selbst ist ja innerhalb der Wissenschaft überhaupt erst entstanden und ich habe meine Artikel per e-mail mit Kollegen sonstwo auf der Welt zu einer Zeit geschrieben, als ein PC zu Hause eher etwas für Freaks war. Elektronische Vorabdrucke haben sich auch sehr schnell durchgesetzt, nach einigem Kampf mit den Herausgebern der Print-Journale.
    Man darf aber nicht vergessen, daß dort auch noch andere Aspekte hineinspielen: die Geschäftsinteressen der Verlage etwa oder die übergroße Bedeutung von Zitierindices für die Mittel- und Stellenvergabe und der dadurch ausgelöste Zwang zur kontinuierlichen schnellen Produktion “richtiger” Publikationen.
    Die heutige Situation kenne ich nicht, aber damals haben wir sehr im Detail mit der “Nature”-Redaktion aushandeln müssen, was wir wo und in welchem Umfang vor dem Erscheinen des Artikels bekanntgeben durften und heute muß ich bezahlen, wenn ich meinen eigenen Artikel herunterladen möchte.
    Wer altruistisch möglichst vielen Menschen die Faszination des eigenen Fachgebiets mitteilen möchte, ist bei den Social Media sicher gut aufgehoben, wer eine Stelle bekommen will, schreibt vielleicht besser noch ein paar Fachartikel (zumindest so lange, wie paper count und citation index zählen)…
    Fachintern gab es eine verwandte Debatte übrigens in den Neunzigern, als die ersten Zeitschriften “elektronische” Varianten anboten: sollen ohne “peer review” online publizierte Artikel den gleichen Rang haben wie die auf dem traditionellen Weg erstellte? (Wobei deutlich wurde, daß man damals schon lange in Richtung Quantität vor Qualität unterwegs war: “über 70% der eingereichten Artikel werden ohnehin gedruckt” las ich damals in einem Editorial des “Astrophysical Journal”.
    Das daraus resultierende Problem für den Leser könnte vielleicht eine Handlungsindikation geben: wie schaffe ich es am besten, den richtigen Empfängern die passenden Informationen zu vermitteln, wenn diese kontinuierlich mit einer gigantischen Flut von halbgarem Zeug überschwemmt werden? Das ist jedenfalls eine schwierige Aufgabe – selbst in Insider-Foren (oder entsprechenden Gruppen in Social Media) muß man oft bereits reichlich Hintergrundwissen haben, um Schaumschläger von seriösen Autorinnen unterscheiden zu können.

  3. Eine Fussnote
    Dass Naturwissenschaftler ,unter den Zwaengen der Vermarktung arbeitend, wissenschaftliche Informationen verbreiten wollen , gar auch um Einfluss auf die Gesellschaft zu gewinnen, mag noetig sein. Doch sollte man nicht uebersehen, dass Informationen,welcher Arrt auch immer, mit Wissenschaft nichts zu tun haben. Freunde und Liebhaber der Wissenschaft besorgen ihre Arbeit nach wie vor im Gehaeuse des Hieronymus.Nichts fuer ungut!

  4. "wir machen Krach, aber keiner hört zu..."
    Die Frage ist doch, wie die Wissenschaft die Öffentlichkeit mit ihren Themen erreichen kann.

    Wie die Autorin richtig schreibt, muss sich auch die Wissenschaft den “neuen” (so neu sind sie ja nun auch nicht mehr) Kommunikationsgewohnheiten anpassen, da die junge Generation sich durch die traditionellen Wege nicht mehr angesprochen fühlt. Es geht dabei ja nicht darum, die Relativitätstheorie in 140 Zeichen darzustellen. Aber diese 140 Zeichen können junge Leute ansprechen, sie neugierig machen und sie dazu bringen, sich tiefer mit einem Thema zu beschäftigen.
    Wie in dem Beitrag auch beschrieben ist, haben viele Wissenschaftler aber auch erkannt, dass das Netz ihnen neue Möglichkeiten bietet, die sie für sich und ihre Forschung nutzen können. Nicht umsonst gewinnt Open Science immer mehr an Bedeutung, aber auch das im Beitrag erwähnte Networking wird von immer mehr Wissenschaftlern als notwendig, aber auch hilfreich angesehen.

    Dennoch gibt es dabei immer noch eine Reihe von Unsicherheiten oder den altbekannten Vorwurf der Zeitverschwendung, auch wenn sich die Erkenntnis doch immer mehr durchsetzt, dass man die Möglichkeiten des Netz und des Web 2.0 besser nutzen sollte. Die Alternative? Die Wissenschaft macht Krach, aber keiner hört zu.

    Für Alle, die sich für das Thema Wissenschaft im Netz interessieren, noch ein Hinweis in eigener Sache: Das Scicamp von Wissenschaft im Dialog, am 1. und 2. Juni in Berlin. Teilnahme kostenfrei. http://www.scicamp.de

  5. Folgen wir dem Beispiel der Autorin - nicht ihrem Artikel!
    Frau Anderl selbst scheint da ihr Konzept gefunden zu haben: beruflich auf Wissenschafts-spezifischeren Plattformen wie LinkedIn präsent, aber facebook nur privat. Das hat vermutlich gute Gründe, aber die sind im Artikel nicht so richtig zu finden.
    Facebook accounts mit viel Material halte ich persönlich für extrem riskant (dazu gibt es ja nun mehr als genug Informationen), aber gleichzeitig scheint mir Facebook auch komplett ungeeignet, wenn es um wissenschaftliche Präsenz bzw. Austausch gehen soll.
    Bei alle diesen Plattformen sollten wir die massiven kommenziellen Interessen dahinter nicht vergessen. Dinge werden nicht dadurch besser, dass “jeder” sie nutzt.

    • Gründe
      Sehr geehrter Herr Aster, hinter meiner persönlichen Social Media Strategie steckt im Wesentlichen der auch im Text erwähnte Grundsatz, verschiedene Medien gezielt für verschiedene Zwecke einzusetzen. Dass ich mich auf Facebook privat bewege bedeutet, dass ich mein eigenes Profil nur Menschen zugänglich mache, die ich auch real kenne. Der Grund dafür ist schlicht und einfach, dass ich Facebook dafür nutze, mit Freunden und Bekannten in Kontakt zu bleiben, die größtenteils Mitglieder bei Facebook sind (und in der Abdeckung leider nicht bei anderen Plattformen).
      Tatsächlich nutze ich Facebook aber auch beruflich: ich bin beispielsweise Mitglied einer internationalen Facebook-Gruppe von momentan knapp 7000 Astronomen, über die ich sehr gezielt und konkurrenzlos schnell über relevante Neuigkeiten und Diskussionen aus den Bereichen Astronomie und Astrophysik informiert werde. Gleichzeitig erfahre ich über mein privates Netzwerk befreundeter Wissenschaftler, welche Themen grade diskutiert werden und welche Neuigkeiten es wissenschaftsspezifisch im Internet gibt, was z.B. schon einige Male zu Themen für Planckton-Artikeln geführt hat (“Mit Lippenstift und Nagellack” war beispielsweise ein Text, der durch eine sehr empörte Facebook-Diskussion inspiriert wurde). Natürlich wäre es mir auch lieber, wenn es eine nicht-kommerzielle Plattform mit ähnlicher Nutzerpräsenz gäbe, aber momentan ist Facebook leider (noch?) führend. Viele Grüße, Sibylle Anderl

  6. Ist doch schon längst Realität
    Ich verstehe den Artikel nicht ganz, denn Twitter und andere Social Media sind doch längst Teil der Wissenschaftskommunikation, sowohl zwischen Wissenschaftlern, als auch durch Wissenschaftsjournalisten, Bibliothekare, Verlage und Forschungsorganisationen. Zwar noch nicht Mainstream, aber die Frage des ob hat sich schon längst erledigt.

    Ich sammle zum Beispiel für den Verlag Public Library of Science (PLOS), die Social Media-Aktivitäten zu allen Artikeln, die sogenannten altmetrics oder Article-Level Metrics. Die Zahl der Tweeds korreliert hier übrigens nicht besonders gut mit der Zahl der Zitate, anders als in der Studie von Gunther Eysenbach.

  7. Wirklich nötig?
    Es lesen seit Jahrzehnten viel mehr Deutsche die Bild-Zeitung als Qualitäts-Zeitungen. Folgt daraus, dass Wissenschaftler über die Bild-Zeitung kommunizieren sollten? Ich denke nicht.

    Die Frage ist doch, ob ein bestimmtes Medium überhaupt zur Vermittlung bestimmter Inhalte geeignet ist. Ich kann mir auf anderen Gebieten sehr kreative Verwendungen von Twitter vorstellen- als sinnvolles Medium zur Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte sehe ich Twitter nicht an. Im Grossen und Ganzen gilt das auch für Facebook. Das Appetit-Häppchen-Format ist einfach ungeeignet für komplexe Sachverhalte und beide Medien sind ungeeignet für mehr als Appetit-Häppchen.

    Natürlich kann man *den Eindruck erwecken*, dass man über Twitter oder Facebook Wissenschaft kommuniziert. Man kann auch “erreichbar sein” und Leuten antworten, die grundsätzlich nicht verstehen (können), wovon man dort redet und es auch nach langem Hin und Her nicht verstehen werden. Das Problem ist aber nicht nur, dass es sich dabei tatsächlich um Zeitverschwendung handelt. Das Problem ist auch, dass man seine eigene intellektuelle Ehrlichkeit nicht ungestraft aufgibt, auch nicht “in Teilzeit”.

    Wissenschaft einer sehr breiten Oeffentlichkeit zu vermitteln und dann noch in sehr kurzen Texten ist sehr schwierig und sehr aufwändig. Das kann man nicht mal eben so nebenbei tun und es lohnt vor allem nicht, wenn der Kreis der Addressaten am Ende doch klein ist.

    Soziale Medien sind “Small talk”, in vielen Fällen “Very small talk” und zu einem nicht unerheblichen Teil “Empty talk”. All das ist Vermittlung von Wissenschaft eben gerade nicht.

    • Zwecke und Medien
      Sehr geehrter Herr Jeschke, grundsätzlich stimme ich Ihnen vollkommen zu: es kann meiner Meinung nach nicht die Aufgabe von uns Wissenschaftlern sein, uns für die Allgemeinbildung der ganz breiten Öffentlichkeit verantwortlich zu fühlen (also, um Beispiele aus dem Text von C. Wilcox zu bemühen, Menschen darüber aufzuklären, dass sich die Erde um die Sonne bewegt und Menschen nicht gleichzeitig mit Dinosauriern gelebt haben). Genauso stimme ich zu, dass man über Twitter typischerweise keine unmittelbaren Inhalte verbreitet. Trotzdem würde ich dafür argumentieren wollen, dass z.B. Blogs wie Planckton oder Scilogs durchaus in der Lage sind, Wissenschaft auf hohem Niveau “intellektuell ehrlich” einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Twitter und Facebook stehen, so wie ich und wir diese Plattformen im Kontext von Planckton nutzen, im Dienste solcher ausführlichen Web-Inhalte, indem sie weitreichende Werbung für Inhalte machen, Interesse wecken und die Möglichkeit direkter Weiterempfehlungen bieten, ohne dass sie den Anspruch haben, selbst wissenschaftlichen Inhalt zu transportieren. Zusammengefasst glaube ich nicht, dass Soziale Medien strukturell festlegen, wie Kommunikation durch sie auszusehen hat. Die zentrale Frage ist eher, wie man sie so nutzt, dass man weder in Trivialität noch in Zeitverschwendung endet (und wer wenn nicht die Wissenschaftler sollte diese Herausforderung meistern können?). Beste Grüße, S. Anderl

    • Planckton, Facebook und Twitter
      Sehr geehrte Frau Anderl,

      nun, die Grenze von 140 Zeichen bei Twitter ist schon eine Festlegung, welche Art von Kommunikation damit möglich ist, also meines Erachtens auch eine strukturelle Begrenzung. Bei Facebook ist es vor allem die Erwartungshaltung der Nutzer, die zur Appetit-Häppchen-Kultur führt. Wer etwas Anderes als Häppchen erwartet, sucht nicht auf Facebook. Deshalb erschiene es mir selbst wenig sinnvoll, dort etwas Anderes als Häppchen anzubieten.

      Will man über Twitter und Facebook für die echten Inhalte werben, die dann z.B. in Planckton erscheinen, ist die Versuchung gross, die Anzahl der Follower oder das “Like”/”Dislike”-Verhältnis zu maximieren. Anderenfalls wäre es ja auch schlechte Werbung, also unprofessionell. Der nächste naheliegende Schritt ist dann, die eigentlichen Texte so zu schreiben, dass man diese Grössen maximiert. Dieser nächste Schritt aber wäre verhängnisvoll.

      Mit besten Grüssen

      G. Jeschke

    • Leser schätzen Niveau
      Sehr geehrter Herr Jeschke,

      wie gesagt: mindestens in spezialisierten Facebook-Gruppen scheint mir die Erwartungshaltung der Nutzer eine andere zu sein. Dort werden z.B. geeignete Lehrbücher für Astrophysik-Einführungsvorlesungen diskutiert, aktuelle Informationen zu Teleskopen und Beobachtungsmöglichkeiten zirkuliert oder interessante Artikel diskutiert.

      Meine Erfahrung auf Planckton ist, dass die komplexeren Themen (z.B. “Der Datenmythos”, “Teilchenbeschleuniger – wie geht’s weiter?”, “Leben in der Matrix”), auf größere Resonanz stoßen als die etwas seichteren (vielleicht weil es letztere im Netz sowieso zuhauf gibt). Daher stehen wir gottseidank nicht vor dem Dilemma, uns zwischen Anspruch und hohen Leserzahlen entscheiden zu müssen.

      Tatsächlich müssen wir das Rad aber ja auch gar nicht neu erfinden. Es gibt ja bereits Wissenschaftler, die auf hohem Niveau Social Media nutzen. Schauen Sie sich z.B. die Aktivitäten des theoretischen Physikers Sean Carrol an, oder werfen Sie einen Blick auf das Blog des Teilchenphysikprofessors John Butterworth (der ebenfalls twittert).

      Beste Grüße,

      S. Anderl

  8. Es wird noch zwei Generationen dauern
    Wie hatte es T.S. Kuhn formuliert: Neues setzt sich nicht durch: Altes stirbt einfach aus. Das sei das ganze Geheimnis.

    Solange heute noch gilt, wer Aussenseiter ist, wer nicht zur “Firma” gehört, der habe eben zu schweigen, solange wird das nix mit dem Beachten des Gesagten, solange mensch nur auf die Reputation der Sagenden achtet.

    Schon vergessen: Als der holländische Mathematiker Brower (und der war vom Bau) um 1900 auf der Bühne erschien und Unkonventionelles verbreitete, wurde er ausgebuht: Sein Doktorvater strich ihm 2/3 seiner Kernaussagen. Brower kapitulierte, sprach brav den eingefahrenen Jargon, gewann eine (seine) Stelle, und DANN konnte er loslegen. Es ist doch bekannt:

    Wenn heute ein unbekannter Einstein auf seinem BLOG die Weltformel vorlegen wollte, er könnte erfolgreicher sein, würde er gleich Bäcker oder vielleicht Journalist.

    Also ruhig abwarten: Die Zukunft regelt das ganz von selber: Selbstorganisation heisst das, aber eben unter Netzbedingungen, und ein bisserl Schwarmverhalten noch dazu: Die rekursive allgemeine öffentliche Kommunikation wird sich’s schon richten, da bin ich ganz sicher.

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