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Der Aufschrei der Philosophinnen

22.06.2013, 18:07 Uhr  ·  Der Frauenanteil in der Philosophie ist alarmierend gering, doch die Gründe sind unklar. Sind implizite Vorurteile und Stereotype verantwortlich? Oder hat die Philosophie tatsächlich ein Sexismus-Problem?

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Es ging hoch her in den letzten Wochen innerhalb der philosophischen Community. Wen es in die entsprechenden Internet-Diskussionforen verschlug, der fühlte sich erinnert an die kollektive Empörung einerseits und versuchte Beschwichtigung andererseits, die Deutschland Anfang des Jahres erfasste, als Rainer Brüderle sich öffentlich mit Sexismusvorwürfen konfrontiert sah. Tatsächlich besitzt die Philosophie seit letzter Woche sozusagen einen international wirksamen „Brüderle-Fall“. Nur dass es diesmal nicht um Dirndlausfüllung sondern um „handjobs“ geht und sich der Fall nicht im Alkohol-affinen Umfeld einer Hotelbar sondern innerhalb „nüchterner“ Email-Korrespondenz zwischen einem Philosophieprofessor und dessen Studentin abgespielt hat. Das Resultat indes ist in beiden Fällen sehr ähnlich: eine Diskussion möglicher struktureller Ursachen von Geschlechter-Diskriminierung auf der Grundlage der Sammlung persönlicher Erfahrungsberichte.

© dpaArchiv

Anlass des Ganzen war ein am 4. Juni in der US-amerikanischen Akademiker-Zeitung „The Chronicle of Higher Education“ erschienener Artikel, in dem bekannt gegeben wurde, dass der prominente Philosoph Colin McGinn zum Ende des Jahres aufgrund des Vorwurfs sexueller Belästigung von seiner Professur an der University of Miami zurücktreten werde. McGinn, der sich vor allem innerhalb der Philosophie des Geistes einen Namen gemacht hat, wird beschuldigt, unangemessene Emails mit explizit sexuellen Inhalten an eine Studentin geschrieben zu haben, die sich daraufhin an das Gleichstellungsbüro der Universität gewandt hatte. Der Fall erreichte schließlich die Universitätspräsidentin Donna E. Shalala, die McGinn unverzüglich vor die Wahl zwischen Rücktritt und einer genaueren Untersuchung des Falls stellte. Obwohl McGinn daraufhin erstere Option wählte, bestreitet er die Vorwürfe vehement. Der genannte Zeitungsartikel zitiert Unterstützer McGinns, die darauf hinweisen, dass die fraglichen Email-Passagen aus dem Kontext gerissen wurden und die Universität McGinn kein faires Verfahren geboten hätte.

Wie auch immer dieser konkrete Fall zu bewerten ist, er ereignet sich in einer Zeit, in der das Thema der Diskriminierung von Frauen und Minderheiten innerhalb der Philosophie ohnehin intensiv diskutiert wird. Der Soziologe Kieran Healy untersuchte 2011  den Frauenanteil in Bezug auf die in den USA 2009 in verschiedenen Disziplinen verliehenen Doktortitel. Dabei zeigte sich, dass die Philosophie die wenigsten weiblichen Doktoranden unter allen untersuchten Geisteswissenschaften aufweist und sogar „männlicher“ ist als Mathematik, Chemie oder Astrophysik. Diese Unterrepräsentation der Philosophinnen setzt sich auf der Ebene der festen Stellen fort: Im UK sind allgemein nur etwa 21% der Philosophen Frauen, das gleiche gilt für die USA. Wie niedrig dieser Wert ist, wird vor allem dann deutlich, wenn man bemerkt, dass fachunabhängig der Anteil der Professorinnen in den USA bei 40% liegt (US Daten von 2003). Es stellt sich die Frage, wie es zu diesem Frauendefizit kommt und an welcher Stelle innerhalb der akademischen Laufbahn es auftritt.

© James SteakleyKein Freund der Philosophinnen – Georg W. F. Hegel: “Frauen können wohl gebildet sein, aber für die höheren Wissenschaften, die Philosophie und für gewisse Produktionen der Kunst, die ein Allgemeines fordern, sind sie nicht gemacht.” aus: Grundlinien der Philosophie des Rechts

Die Philosophinnen Molly Paxton, Carrie Figdor und Valerie Tiberius von der University of Minnesota und der University of Iowa sind 2012 dieser Frage nachgegangen, indem sie von 56 US-amerikanischen Institutionen, an denen Doktortitel der Philosophie vergeben werden, Informationen zum Frauenanteil in Einführungskursen, im Hauptstudium, im Promotionsprogramm und an den philosophischen Instituten auswerteten. Auf der Grundlage dieser Daten konnten sie nachweisen, dass der stärkste Abfall der Frauenquote beim Übergang zwischen Einführungskursen und dem Hauptstudium auftritt. Gleichzeitig zeigte sich, dass der Anteil der im Hauptstudium noch übrig gebliebenen Studentinnen positiv mit dem Frauenanteil in den Instituten korreliert. Je mehr Frauen im philosophischen Institut angestellt sind, desto weniger Abwanderung gibt es demnach nach dem Grundstudium.

© Hypatia IncVergleich des über alle teilnehmenden philosophischen Institutionen gemittelten Frauenanteils (Paxton et al. 2012). Zwischen Grund- und Hauptstudium kommt es zu einem signifikanten Abfall (A), der bei den Übergängen zur Doktorarbeit und zu höheren Karrierestufen so nicht mehr auftritt. Quelle: Paxton, Figdor & Tiberius “Quantifying the Gender Gap: An Empirical Study of the Underrepresentation of Women in Philosophy”

Die Studie von Molly Paxton und ihren Kolleginnen ermittelt zwar den Zeitpunkt der Abnahme des Frauenanteils, die Gründe dafür, warum es für Frauen offenbar schwierig ist, sich in der Philosophie durchzusetzen, bleiben aber nach wie vor unklar. Spekulative Erklärungsansätze gehen in verschiedene Richtungen. Die These, dass Frauen einfach anders denken, polemisch vertreten von Denkern wie Hegel oder Schopenhauer und in wertneutralerer Weise verfolgt von feministischen Philosophen und Philosophinnen der Psychologie, scheint sich empirisch nicht zu bestätigen. Dagegen kann man davon ausgehen, dass die in der Psychologie ausgiebig untersuchten Phänomene implizit existierender Vorurteile (siehe Planckton „subtile Inkompetenz“) sowie der Bedrohung durch Stereotype (siehe Planckton „Mathematik“) auch in der Philosophie eine wichtige Rolle spielen. Letzteres beschreibt die Tatsache, dass Mitglieder einer sozialen Gruppe mit negativem Stereotyp in bestimmten Situationen weniger leistungsfähig sind, da ihr Wissen über bestehende Vorurteile ihr eigenes Verhalten im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung negativ beeinflusst. Innerhalb der Philosophie, die mehrheitlich von weißen, heterosexuellen, nicht-behinderten Männern betrieben wird, erscheint es nicht unplausibel, dass Frauen als Minderheitengruppe entsprechender Verunsicherung ausgesetzt sein könnten.

Der Einfluss dieser psychologischen Phänomene könnte auch die Unterrepräsentation von Frauen in Bezug auf Veröffentlichungen in namhaften, philosophischen Journals erklären. Die Philosophin Sally Haslanger ermittelte 2008 den Anteil weiblicher Autoren in Veröffentlichungen der vorangegangenen fünf Jahre für fünf namhafte philosophische Journals. Dabei zeigte sich beispielsweise, dass 95.5 Prozent der in den fünf vorhergehenden Jahren erschienenen Artikeln in der Zeitschrift „Mind“ von Männern geschrieben wurden. Lediglich in einer der fünf betrachteten Zeitschriften wurde ein Anteil weiblicher Autoren erreicht, der dem prozentualen Anteil von Philosophinnen an philosophischen Instituten entspricht. Diese Zahlen können zwei Ursachen haben: entweder reichen Frauen weniger Manuskripte ein – ein solches Verhalten könnte einer low-risk Strategie der Frauen entsprechen, die charakteristisch ist für die Bedrohung durch Stereotype – oder Veröffentlichungen von Frauen werden häufiger abgelehnt. Tatsächlich berichtet Haslanger, dass der Review-Prozess in den untersuchten Journals nicht immer anonym ist. Sofern dies tatsächlich der Fall ist, wären die Referees möglicherweise dem Einfluss unbewusster Vorurteile ausgesetzt.

All diese Überlegungen lassen allerdings weiterhin offen, warum gerade die Philosophie von Vorurteilen und Stereotypen stärker betroffen sein sollte als andere Disziplinen. Vor einer Woche gab es beim jährlichen Treffen der „Society for Philosophy and Psychology“ an der Brown University neue Philosophie-spezifische, empirische Daten. Toni Adleberg und Morgan Thompson, Masterstudenten an der Georgia State University, präsentierten Ergebnisse ihres Professors Eddy Nahmias, wie die Psychologie-Professorin Tania Lombrozo in einem Online-Artikel für NPR berichtet. Anschließend an die Studie von Paxton, Vigdor und Tiberius wurden 700 Studenten und Studentinnen zu ihren Erfahrungen in Philosophie-Einführungsveranstaltungen befragt. Dabei zeigte sich, dass Studentinnen diese Veranstaltungen weniger angenehm fanden, sich weniger mit Philosophen identifizieren konnten und weniger die Teilnahme an einer weiterführenden Veranstaltung in Erwägung zogen als ihre männlichen Kommilitonen. Zudem kam heraus, dass die Wahrnehmung des Geschlechteranteils auf dem Lehrplan einerseits sowie die Wahrnehmung der Nützlichkeit der Philosophie auf dem Arbeitsmarkt andererseits statistisch den Einfluss des Geschlechts auf den weiteren Verbleib in der Philosophie vermitteln. Ansatzpunkte zur Erhöhung des Frauenanteils in der Philosophie könnten demnach also sein, mehr Texte von Autorinnen im Lehrplan zu berücksichtigen und eine bessere Aufklärung in Bezug auf den Nutzen einer philosophischen Ausbildung zu leisten.

© dpaKönnte es sein, dass die Philosphie in besonderem Maß von Seximus betroffen ist?

Es gibt allerdings noch einen weitere Faktor, der bei der Suche nach Erklärungen der Unterrepräsentation von Frauen in der Philosophie immer wieder, und insbesondere momentan angesichts des Falles McGinns, genannt wird: gemutmaßt wird, dass die Philosophie in ungewöhnlich hohem Maß von sexueller Belästigung betroffen ist. Die Philosophin Jennifer Saul stellte im letzten Jahr in ihrem Blog diese These auf und gründet dies auf Erfahrungen, die sie als Herausgeberin des Blogs „beingawomeninphilosophy.wordpress.com“ gemacht hat. Dieses Blog sammelt Erfahrungsberichte sexueller Belästigung von Philosophinnen und entwirft durch seinen großen Erfolg ein beunruhigendes Bild der Situation von Frauen innerhalb der Philosophie. Die Tatsache, dass es kein entsprechendes Projekt für Frauen in den klassisch männerdominierten Naturwissenschaften gibt, wirft erneut die Frage auf, ob die Philosophie tatsächlich mit charakteristischen Problemen zu kämpfen hat, die es in anderen Disziplinen so nicht gibt. Es stellt sich aber gleichzeitig die Frage, ob die Resonanz des Blogs nicht eher auf ein besonders ausgeprägtes feministisches Bewusstsein der Philosophinnen im Vergleich zu ihren naturwissenschaftlichen Forscher-Kolleginnen zurückgeführt werden kann, als auf eine allgemeine Häufung sexistischer Vorfälle.

Sofern man die Erfahrungsberichte aber ernst nimmt, bietet der Fall McGinn nun erneut Anlass, mögliche generische Ursachen dafür zu diskutieren, warum die Philosophie besonders anfällig für sexuelle Belästigung sein könnte. Ein Grund könnte in der strukturellen Organisation philosophischen Arbeitens liegen. Im Gegensatz zu der in den Naturwissenschaften in Projekt- und Arbeitsgruppen organisierten Forschung arbeiten Philosophen zumeist stark individuell in enger Zweierbeziehung zwischen Student und Professor. Gleichzeitig erscheint in der Philosophie durch das Fehlen eines allgemeingültigen Forschungsparadigmas die Beurteilung philosophischer Arbeiten sehr viel stärker subjektiv als in den Naturwissenschaften, die über objektivere Standards verfügen. Aufgrund der Kombination beider Tatsachen ist eine Selbsteinschätzung der eigenen Leistung in der Philosophie schwieriger und führt in eine starke Abhängigkeit vom guten Willen des zuständigen Professors. Zweifellos wird es notwendig sein, entsprechende Vermutungen in der Zukunft durch gezielte empirische Forschung zu prüfen. In jedem Fall kann man beobachten, dass sich das Thema der Diversität innerhalb der Philosophie als ein ernst zu nehmendes Problem mehr und mehr etabliert. In Deutschland wurde beispielsweise im letzten Jahr der Verein zur Förderung von Frauen in der Philosophie gegründet („SWIP“), der im April dieses Jahres an der HU Berlin seinen ersten Workshop durchführte.

© dpaDie schwammige Semantik des Ausdrucks “hand job” nach McGinn: Fast alles, was der Mensch vollbringt, ist “Handarbeit”: vom Tischlern bis zur Kalligraphie.

In die allgemeine Aufregung hinein ließ es sich Colin McGinn im Übrigen nicht nehmen, sich in seinem Blog selbst zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen zu Wort zu melden. Die Argumente, die seine Unschulds-These untermauern sollten, kann man wertneutral wohl mindestens als originell bezeichnen. Dreh- und Angelpunkt ist demnach die Semantik des Ausdrucks „handjob“, der durch seine angebliche Doppeldeutigkeit als Masturbation einerseits und als „Tätigkeit für und mit der Hand“ andererseits Anlass für intelligente Wortspiele liefert. Als ein solches sei daher auch seine Aussage zu verstehen gewesen, er habe an die Studentin während eines „handjobs“ gedacht. Gemäß McGinn können sich Akademiker umso mehr an diesem Wortspiel erfreuen, als die Kulturgeschichte der Hand fast alle Tätigkeiten vom Tischlern über Mauern und Kochen bis hin zur Kalligraphie unter das Label „handjob“ fallen lässt – McGinn betont, dass er diese Allgegenwart der Hand selbst in einem seiner Bücher zelebriert. Kontextuell vergleichbar sei die Situation des Email-Austauschs demnach mit zwei professionellen Glasbläsern, die sich an dem Wortspiel erfreuen sich gegenseitig einen zu blasen, wenn sie sich untereinander ohne jeden sexuellen Bezug bei der Arbeit vertreten. Leider hat McGinn seine tiefsinnig-humoristische Rechnung aber gemacht, ohne den humorlosen Charakter heutiger Studenten zu berücksichtigen. So bleibt ihm nicht viel anderes, als in seinem Blogartikel vom 6. Juni resigniert festzustellen: „graduate students are not what they used to be“. Was im Gegenzug dazu verleiten mag, nach Boethius einen alten lateinischen Spruch anzubringen, der durch sein Zutreffen auf den vorliegenden Fall im doppelten Sinne, konventionell wie buchstäblich, ganz nach McGinns Geschmack sein müsste: Si tacuisses philosophus mansisses – Wenn du geschwiegen hättest, wärst du ein Philosoph geblieben.

 
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Lesermeinungen zu diesem Artikel (41)
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2 Anonyme Philosophin 08.09.2013, 11:40 Uhr

Die Enttäuschung einer Philosophin

Als Philosophin hier in Deutschland fühle ich mich gezwungen, mich dazu zu äußern, auch wenn die meisten Kommentare hier schon ein paar Monate alt sind. Da ich kein Muttersprachler bin und mich viel besser in meiner Muttersprache ausdrücken kann, schreibe ich jetzt weiter auf Englisch. Verzeiht mir bitte, aber ich nehme an, die "verehrten Herr Philosophen", die hier schreiben, auch noch ein bisschen Englisch können. (Leider ist mein Lateinisch nicht gut genug, um Kommentare zu komponieren, sonst würde ich es so probieren...)

I am incredibly disappointed by the direction that many (too many!) of these comments appear to take. The tendency seems to be to blame the female students themselves for their lack of representation - or at least to imply that women are somehow "weniger geeignet" for philosophy than their male counterparts.

Now these are both empirical claims - claims which, by the way, I suspect are false. Of course, like many people here I only have anecdotal evidence. But in my experience as Dozentin (teaching in both English and German at a prominent German university), my female students often (though, of course not always) outperform their male counterparts. They speak up just as often in class, come more often to my office hours, and take an active interest in my courses. They are also well-represented. And I don't just teach "ethics" or "praktische Philosophie". (Oh and for the record, there are a lot of folks who would take issue with the claim that "metaphysics is the core area of philosophy". I know lots of epistemologists who would be ready to start throwing chairs at that claim.)

However, let us suppose that someone did a bunch of empirical studies that showed that male students consistently outperformed female students in German institutions. There would be various competing explanations as to why this might be. One is that girls are philosophy idiots or have different brain structures or that their biology makes it hard for them to think "philosophically". Another is that various cultural and societal factors tend to present women with certain roles/identities, which make it very difficult/uncomfortable for them to engage in the kinds of behavior required to succeed in philosophy. (E.g., a male student who aggressively defends a view is "doing philosophy", a female student who does the same is "being bitchy".)

In any case, it's a matter of "Schluss auf die beste Erklärung". And it seems much more probable in the case of supposedly differing "philosophical abilities/interests" that the differences are NOT primarily biological. (If they were, then that really sucks for me and my kind!) But even if they were, that in itself is not a reason to discriminate. It might - MIGHT - *explain* under-representation at the higher levels of academia (doubtful), but that does not itself provide one with a justified *reason* to discriminate against a group. On the other hand, if the under-representation or out-performance is best explained via primarily socio-cultural factors, this is something we have at least some influence over - and perhaps a reason (duty?) to try and change via our behavior.

Further, it just seems really unlikely that inability to intellectually "halte mit" in philosophical circles is the only reason why so few women go on in philosophy after the BA. Take family roles for example. A lot of women stop at the MA or PhD level and don't pursue the Habilitation because they have kids. (Though I'm actually very pleased with the roles that I see men taking in Kindererziehung here in Germany. But still, many more men remain in academia upon having families than do women.) And, in part, this is because of certain societal expectations of mothers (plus restricted childcare opportunities, etc.). So it seems there are, indeed, things we can do to improve the status of women in philosophy - at least for those, like me, who WANT to pursue a "Professur" and help shape young minds philosophically.

Now a quick word on the whole "ad hominem" stuff floating around these discussions. It is true that one ought to attack the argument and not the person. But there are times when ad hominems are appropriate, namely when they point out hypocrisy or bias in action. And we know that implicit bias against women and minorities is something that plagues loads and loads of areas - not just philosophy. (Hell, I've noticed MYSELF discriminating against female job candidates and have had to really check myself for fairness in interviews.) And when I read something like, "Well, women are just naturally less inclined to philosophy than men," my thought goes in two directions: a) This is exactly the kind of attitude making it difficult for women to succeed in philosophy! and b) What kind of evidence/justification can we even find for such a claim? Is this person epistemically entitled to make this kind of claim? Now perhaps (a) is much more of a gut reaction (even if it is, as I suspect, true), but (b) raises important questions. And if it turns out that such claims are motivated by an implicit bias, then it would seem that those making said claims are not epistemically entitled to them. Of course, both sides of the argument must examine themselves for bias - especially in our field. Scito te ipsum!

I've gone on long enough. But it is important, I think, to note here that we're not looking for special treatment. We're not trying to pass the proverbial buck. We're looking for men (and women!) to take us seriously as philosophers - i.e., not to just assume that we can't (or don't want to) do metaphysics or modal logic, that we are not as qualified for Lehrstühle, that our writing deserves any less attention in your philosophy courses. Unfortunately, changing attitudes is hard. And this is why "Frauenförderung" is important. If our generation pays special attention to these issues, it might turn out that future generations won't have to think twice about them.

14 jochen schmidt 04.07.2013, 21:59 Uhr

Von der Schweigespirale zum Denkverbot

"Sind implizite Vorurteile und Stereotype verantwortlich? Oder hat die Philosophie tatsächlich ein Sexismus-Problem?"

Die Möglichkeit, dass Frauen für eigenen Misserfolg mal selbst die Verantwortung trügen, ist bereits in der Eingangsfrage aussortiert.

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6 jochen schmidt 04.07.2013, 17:40 Uhr

Von der Schweigespirale zum Denkverbot

"Sind implizite Vorurteile und Stereotype verantwortlich? Oder hat die Philosophie tatsächlich ein Sexismus-Problem?"

Die Möglichkeit, dass Frauen für eigenen Misserfolg mal selbst die Verantwortung trügen, ist bereits in der Ausgangsfrage ausgemerzt.

3 Thomas Mirbach 30.06.2013, 23:12 Uhr

Off topic aber dennoch: Habe heute alle Beiträge hier von Sibylle Anderl gelesen und...

...erkläre mich zum fan! I'm a Sibylliever! ;-)

19 Vincent Vega 29.06.2013, 14:18 Uhr

Frauen interessieren sich weniger für Philosophie

Als langjähriger Student und Promovend der Philosophie kann ich das Phänomen bestätigen, dass der Frauenanteil im Laufe des Studiums und Promotionsstudiums sinkt. Allerdings sollte man beachten, dass die Abbrecherquote in Philosophie, auch bei Männern, enorm ist. Meine Erfahrung ist die, das Frauen weniger bereit sind Risiken einzugehen als Männer. Sein Studium allein auf die Philosophie auszurichten ist nunmal ein großes berufliches Risiko. Zweitens haben viele Studenten beim Studiumsbeginn ein falsches Bild von Philosophie, so ein wenig Sinn des Lebens, viel Gequatsche und jeder kann tun und denken was er mag. Wenn sich dann heraustellt, dass das Philosophie eine/die knallharte Wissenschaft ist, ist die Begeisterung schnell verflogen. Drittens studiere ich an einer Hochschule mit ausschließlich männlichen Professoren. Dennoch zeigt sich, dass der Frauen in metaphysisch ausgerichteten Seminaren kaum vertreten sind, dafür um so mehr im Berreich praktische Philosphie. Nun ist aber die Metaphysik der Kernberreich der Philosophie und Studenten die diesen Berreich fast komplett ausblenden, können keine guten Philosophen werden. Für einen Philosophen ist es wichtig das er selbständig denkt und nicht nur Thesen stumpf auswendiglernt. Dafür sind Frauen anfälliger als Männer (das männliche dependant dazu ist, nur das nötigste zu tun, und die freie Zeit nicht mit Selbststudium sondern allem anderen zu verbringen) . Desweiteren ist man als richtiger Philosoph ein Aussenseiter was die eigene Weltanschauung betrifft. Wenn man diese Weltanschauung auch außerhalb des universitären Umfelds vertritt, muss man sich auf Konflikte gefasst machen. Ich konnte beobachten, dass Frauen eher geneigt sind Konflikten aus dem Weg zu gehen und dass sie Konflikte in Sachfragen persönlicher nehmen als Männer.
Der letzte und wichtigste Punkt ist, dass es bei der Philosophie um die Wahrheit geht. Die Auseinandersetzung mit verschiedenen Autoren sind nicht Selbstzweck, sondern dienen diesem Ziel. Wenn eine Frau Texte von Frauen braucht um für die Fortsetzung des Studiums motiviert zu sein, dann ist sie für das Philosophiestudium nicht geeignet. Ich bezweifle außerdem, dass das Geschlecht von Autoren von Artikeln bei der Motivation eine Rolle spielt, da besagte Artikel kaum gelesen werden und ich niemanden kenne der dabei auf das Geschlecht des Autors achtet.
Das wahre Problem der Philosophie ist, dass viel zu viele "Blender" aufsteigen, das dem zeitgeistgemäß "geforscht" wird und gemäß von "Fördergeldern", die von Ignoranten vergeben werden.

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8 günther reichert 28.06.2013, 15:21 Uhr

Warum eher Männer als Frauen Philosophen werden:Ich meine dabei nicht die Uniprofs.

Männer neigen eher zu staunen,warum es ewas gibt oder nicht gibt und wollen dahinter kommen(zerlegen zB Kameras);Frauen genießen eher das Vorhandene und wollen ggf das Rezept erfahren(siehe Kochbücher).

Sokrates ging auf den Markplatz und diskutierte,Xanthippe blieb zuhause und kümmerte sich um das Zuhause(Oikus).

7 Stefan Gruner 27.06.2013, 21:44 Uhr

ECHTE Philosophen gibt es sowieso nur ganz wenige

Die meisten Universitaets-"philosophen" sind doch eigentlich Philosophie-Nacherzaehlungs-Experten, so wie die Literaturprofessoren in den Germanistikinstituten ueblicherweise selbst keine Romanciers und keine Dichter sind. Knorrige Originalgestalten wie Schopenhauer oder Nietzsche oder Wittgenstein wird man an heutigen Universitaeten kaum noch finden, denn auf heutige Lehrstuehle werden nur noch geschmeidige Forschungsmanagertypen gesetzt, welche im Stande sind, "Projekte" zu definieren und dazu Drittmittelgelder von ausseruniversitaeren Stiftungen einzutreiben. Wer hingegen so erschuetternd philosophieren will wie z.B. ein Nietzsche, der muesste auch so leidvoll und erbaermlich und existentiell erschuettert leben wie ein Nietzsche - von nichts kommt nichts! Dies soll hier nun keinesfalls derart missverstanden werden, als wuerde ich den Frauen keine Partizipation an den Fleischtoepfen des amtlichen Lehrstuhl- und Drittmitteleinwerbesystems goennen - nein - ich wollte lediglich darauf hingewiesen haben, dass auch fuer Frauen die kulturelle Distanz zwischen einer gut besoldeter Philosophie-Expertin im Beamtinnenstatus und einer echter Philosophin nicht eben gering sein wird. (An "meiner" Universitaet wird die Philosophieabteilung uebrigens sehr gut von einer Frau geleitet.)

7 Markus Albrecht 25.06.2013, 23:11 Uhr

Wäre es ihre Tochter gewesen...

Ich bin sicher kein Feminist und es hat natürlich auch schon viele von Frauen konstruierte Fälle gegeben. Aber das schöne an diesem Fall ist ja nun einmal, dass die Fakten schwarz auf weiß vorliegen. Die Belästigung einer jungen Studentin hat tatsächlich stattgefunden.
Ich muss mich doch sehr über das schlechte Empathievermögen der -männlichen- Autoren wundern. Hier eine kleine Hilfestellung: Stellen Sie sich vor, ein Professor schriebe ihrer Tochter, dass er während der Masturbation an sie denke. Wie reagieren Sie jetzt?

2 Herold Binsack 25.06.2013, 21:17 Uhr

Wo jedem geistigen Höhenflug harte Handarbeit vorausgeht

Mit den Philosophen des antiken Griechenlands und Kleinasiens verbindet uns die Vorstellung von der Philosophie als „Liebe zur Weisheit“. Welche Liebe damit gemeint war, bzw. welches Geschlecht da zur Weisheit befähigt sein wollte, das vermittelt uns der Mythos vom (männlichen) Eros, der das (weibliche) Chaos zu besiegen habe. Also männliche Ordnung in die weibliche Welt hineinzubringen. Die Weisheit zu lieben, ist daher auch neben seiner erotisch-philosophischen Konnotation als quasi sexuell-aggressiver Akt zu begreifen. Als Eindringen des Männlichen in das Weibliche.
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Von den „Ersten Philosophen Griechenlands“ (George Thomson, http://blog.herold-binsack.eu/das-patriarchat-und-die-sekundaren-sexuellen-merkmale-der-frau/) an, ist somit die Philosophie eine männliche Domäne. Genauer: der Ort, wo (männliches) Herrschaftswissen generiert wird und zugleich der Beherrschte/d i e Beherrschte gedemütigt. Die griechische Hausfrau war dem Sklaven näher als dem freien griechischen Mann. Das Haus durfte sie nie allein verlassen. Oft war sie begleitet/bewacht von einem Sklaven. Bildung erfuhr sie keine. Mehr Erniedrigung ging nicht.
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Doch wie im wahren Leben verschafft sich das Reale in der Realität im Paradox seine Geltung. Den griechischen Mann zog es zur Frau, wenn überhaupt zur Frau (vgl. Bornemanns „Das Patriarchat“, siehe Link zu George Thomson oben ), dann doch nur zur gebildeten. Hetären, oft entlassene Sklavinnen, kluge Frauen (heute würden wir sie im „Begleitservice“ suchen) gelangten zu den philosophischen Gelagen nur, wenn sie sich zuvor auf ganz anderen Events hochgedient hatten. Geliebt wurden sie wegen ihrer Schönheit und sexuellen Kreativität, bewundert nicht selten ob ihrer Klugheit. Wie konnte es auch anders sein, im stets intimen Umgang mit den klügsten Männern ihrer Zeit?
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Noch Sokrates soll der körperlichen Liebe allerdings nur zugetan gewesen sein, wenn sie in männlicher Gesellschaft stattfand. Zum Leidwesen seiner Frau, der berühmten Xanthippe. Doch schon Platon verortete die Weisheit ins rein geistige.
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Solchermaßen verwirrt kommen wir jetzt zu den Geistesarbeitern der Neuzeit. Noch heute fühlen sich die Philosophen vom Schönen mehr verwirrt als angezogen. Sich nicht sicher seiend, ob es in geistiger (als Klugheit) oder in körperlicher Verkleidung zu bevorzugen ist. Tritt es gar in weiblicher Form auf, kann es Muse aber auch ein Fremdkörper sein. Von Männern betrieben, scheint die Philosophie mehr denn je eine a-erotische, wenn nicht gar völlig sterile Beschäftigung zu sein. Der spätantiken Scholastik immer noch verwandt. Mönchisch, die Begierde verleugnend. Auch daher vielleicht dem Weibe irgendwie fremd.
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Sexismus war schon immer mehr Angstgefühl als Machtbewusstsein. Dies umso mehr als derzeit der Sieg über das Chaos in Frage zu stellen ist. Doch wie stellt der neuzeitliche männliche Protagonist diese Frage? Wie es scheint im schüchternen Wortspiel.
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Und da kommen wir zurück zur Antike. Der antike Philosoph hätte den „handjob“ der Angebeteten angeboten, oder auch dargeboten. Nicht das Eingestehen eines Begehrens, sondern diese feige Verschleierung eines solchen, wäre ihm als respektlos erschienen. Selbst dem Weibe gegenüber, das er ansonsten doch so verachtete. Die Verbindung zwischen Hetärentum und Philosophie war ja so unfruchtbar nicht. Wenigstens zeitweise schien es, dass die Philosophie gar eine lustvolle Beschäftigung ist. Dialektisch-raffiniert, nicht sophistisch-verschleiernd. Noch heute wundert es uns, was da aus rein geistiger Beschäftigung an Erkenntnis gewonnen sein wollte. Rein geistige Beschäftigung? Ich denke, dass nicht wenig körperliche Leistung dem voraus ging.
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Wir sollten daher dem verzweifelt nach geeigneten Metaphern greifenden männlichen Philosophen nicht allzu unverständig begegnen. Denn wo den, wenn auch heute recht mageren, geistigen Höhenflügen harte Handarbeit vorausgeht, da zumindest sollte das Ergebnis nicht das schlechteste sein.

9 Mark Möschl 25.06.2013, 13:55 Uhr

wieso..

wieso sind Frauen ÜBERrepräsentiert bei den Gläubigen aller Richtungen, sei es Esoterik, Homöopathie, Reiki, Christentum, etc ??
Genau der gleichen Ursache liegt es zugrunde, wieso Frauen sich in der Philosophie nicht dauerhaft zu Hause fühlen, die Philosophie ist ein Haifischbecken in dem man sehr schnell die eigenen Glaubensmechanismen erkennt und sich von ihnen geradezu abwenden muss, wenn man nicht als inkonsequent und einfältig gelten möchte. Wer Philosophie ernsthaft betreibt der verliert im Laufe der Zeit sehr sehr viel von den eigenen Überzeugungen und Ansichten, muss sich von vielem überkommenen verabschieden. Sobald Frauen das erkannt haben verlieren sie oftmals die Freude an der Philosophie.

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geboren 1981, Physikerin und Philosophin, FAZ-Mitarbeiterin von „Natur und Wissenschaft“.