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Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Wann kommt die Wahrheit?

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Gottgläubigkeit erweitert die Großhirnrinde und die Demokratie siegt, auch wenn es teuer wird. Weihnachtsgrüße aus der Wissenschaft. So kommt es, wenn Forscher in Feiertagslaune sind und Reichweite suchen.

Irgendwann fängt man an zu zählen und nachzudenken. 89 elektronische Weihnachtsmailgrüße, dazu frohe Botschaften am laufenden Freundschaftsband in den sozialen Medien, nicht zu vergessen die – selbstverständlich individualisiert oder institutionell maßgeschneidert – prächtigsten Postkarten auf Holzbasis. Klar, darüber freut man sich. Einerseits. Andererseits hat das doch etwas zu bedeuten, oder? Kontakt halten als Teil einer kommunikativen Gesamtstrategie? Steckt hinter dem Sendungsbewusstsein von Wissenschaftlern und noch viel mehr hinter dem ihrer immer zahlreicheren Schreibagenten nicht auch ein eiskaltes Kalkül? Wir in den Medien kennen so was. Es heißt Reichweite. Wissenschaftler sprechen lieber von Wirkung erzielen. Gemeint ist: im Gedächtnis  bleiben. Wenn also nun auch die früher ach so elitär angesehenen Wissenschaften die mediale Weite suchen, hat das dann nicht zwangsläufig auch Konsequenzen für den Wissenschaftsbetrieb selbst – ihren Begriff von Qualität und Unabhängigkeit etwa?

© dpa 

Grundsätzlich ist eine offensive Kommunikationsstrategie ja nichts Schlechtes. Wissenschaft macht sich massentauglich, sie wird gewissermaßen demokratisiert. Auf jeden Fall ist das zeitgemäß. Spätestens seitdem die großen Wissenschaftsjournale selbst ihre kritische Distanz zu populären neuen  Massenmedien, zu Facebook, Blogs und Twitter,  vollkommen abgebaut haben, propagieren sie ihrerseits eine neue interaktive Kommunikationskultur. Und diese Initiativen wirken. Mehr noch: Reichweite hat plötzlich Gewicht, der Sog der Populärkultur reißt alle mit sich. Augerechnet, so muss man dazu sagen, in einer Zeit, in der überall und mit atemberaubender Geschwindigkeit die Materie immer komplizierter wird und die Datenberge immer größer.

Das Gegenmittel gegen diese diffuse, schwer vermittelbare Komplexität lautet deshalb: cleveres Informationsmanagement. Das richtige Timing für das eigene Thema ist eine der wichtigsten Regeln dabei. Vor großen Klimakonferenzen beispielsweise lässt sich das seit ein paar Jahren ausgezeichnet beobachten. Es ist ein gewollter Dominoeffekt. Als wäre der Algorithmus der Themensetzung in die Klimamodelle eingebaut. Alarmierende Ergebnisse kurz vor der Konferenz mobilisieren die Medien, mobilisieren die Umweltschützer, mobilisieren die Politik – und deren Zeter und Mordio wiederum bringt Aufmerksamkeit und stimuliert so das Belohnungssystem der Wissenschafter, der Medien, der Zivilgesellschaft.

Reichweite wird also zur Währung, es bekommt einen Wert an sich. Gedenktage, Jahrestage und bedeutende Wahlen sind schon fest in die mediale Expansionsbewegung der Wissenschaften einprogrammiert. Auch Weihnachten ist ein idealer Anlass, Studienergebnisse volksnah zu platzieren. Es ist die Stunde für Geschichten mit gutem Karma. Die Weihnachtsausgabe des „British Medical Journal“ etwa mit ihren arg menschelnden und  sozialthemenlastigen Storys ist beinahe schon legendär. Aber auch bei anderen Institutionen, die lieber dezenter schwelgen und nicht so offensiv auf die Massenmedientauglichkeit schielen, menschelt es, was die Studien hergeben. Heile Welt, von seriösen Laboren empfohlen. Nachzuweisen ist die Absicht, vordergründig Kommunikationspunkte zu erzielen, im strengen Sinne natürlich selten. Aber als statistisches Phänomen ist es nicht mehr zu leugnen.

Die American Medical Association beispielsweise, immerhin die größte Mediziner-Vereinigung der Welt, hat diesmal ihr renommiertes Magazin „JAMA“ in Stellung gebracht. Unter den für den ersten Weihnachtsfeiertag freigegebenen „Highlights“ zählt eine Studie zur Verwurzelung von Religiosität in der menschlichen Psyche. Ein Klassiker im Weihnachtsrepertoire. Vor ziemlich genau zwei Jahren  hat „Scientific American“ nach einer Reihe von Veröffentlichungen reichlich Infomaterial über die Unterschiede von Gehirnen gläubiger Menschen und ihrer atheistischen Zeitgenossen geliefert.   Damals lag der Fokus auf den erhöhten Dopamin-Spiegeln, die als Hinweis für eine gesteigerte Aufmerksamkeit der Gläubigen (für Gott) gedeutet wurden.  Diesmal ist es im JAMA die Großhirnrinde, die im Magnetresonanztomogramm bei spirituell engagierten Menschen auffallende lokale Aktivitätsschübe aufweisen soll. Lisa Miller, eine Sozialpsychologin von der Columbia University, die seit Jahren nach einer Verbindung von Spiritualität und Depression sucht, hat sich die Gehirne von 103 Erwachsenen im Kernspintomographen angesehen. Einige dieser Probanden stammen von Eltern mit einer psychiatrisch gesicherten Depressionsbiographie ab, andere aus psychisch intakten Familien. Alle wurden zweimal befragt, und zwar zweimal im Abstand von maximal fünf Jahren, in den Kernspintomographen wurden die Probanden allerdings nur am Ende der Studie gelegt. Fazit der Autoren: Das Interesse am lieben Gott schlägt sich in der Kortexdicke nieder. Das gilt insbesondere für Leute, die von Hause aus zu Depressionen neigen. Bei ihnen war, sofern sie in den fünf Jahren spirituell besonders aktiv waren und viel an Gott dachten, die Großhirnrinde an den Stellen dicker, die normalerweise für ihre Depressionen mitverantwortlich sein sollen. Mit anderen Worten: Wer glaubt, baut der Seele eine Schutzmauer aus Neuronen.

© dpa 

So eine Botschaft auf dem Höhepunkt der Adventszeit lässt sich kaum noch toppen, unabhängig davon, wie schwach die neurologische und kognitive Empirie der Studie ist. Die Max-Planck-Gesellschaft hatte allerdings Stoff parat, der nicht nur den religiösen, sondern auch den atheistischen Teil der Bevölkerung zu erreichen versprach – zumindest, wenn sich dieser für die Grundlagen unser aller Zusammenleben interessiert.

„Demokratie zahlt sich aus“ – teilte Manfred Milinski vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön am Tag vor Heiligabend mit. Das Experiment seiner Gruppe ist ein Lehrstück in Sachen Sozialkunde und die Veröffentlichung in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften  eine wertvolle Lektüre für Spieltheoretiker. Kurz gesagt geht es darum, dass die Mehrheit offenbar Steuersünder bestraft sehen will und dafür auch bereit ist, eine Steuerfahndung installiert, die sie Geld kostet. Wenn die Menschen die Wahl haben, in eine Gruppe einzutreten, in der Steuersünder festgesetzt und bestraft werden, oder in einer anderen Gruppe, in der Steuersünder ungeschoren davon kommen, aber der Gemeinschaftstopf  damit potentiell leerer bleibt, wählen die meisten das teure Steuerpolizeimodell – vorausgesetzt allerdings, die Entscheidung zur Installation der Steuerpolizei wird durch eine Abstimmung herbeigeführt, in der alle Gruppenmitglieder wissen: Die Regeln sind für alle gleich. Dann, und nur dann, so schlussfolgern die Plöner Forscher, sind die Menschen bereit, sich selbst strenge Regeln aufzuerlegen und die teure Lösung vorzuziehen. Demokratie siegt also, sie fördert Opferbereitschaft und Kooperation. Könnte es eine passendere Losung zur besinnlichen Adventszeit geben?

Sollen wir uns also etwa ärgern, dass auch diese Studie vor allem eins war: ein experimentelles Spiel für die Wissenschaft? Nein! Vergessen wir einfach, dass sich neunzig Prozent solcher Empirie wegen des besonderen Studiendesigns oder der Umstände wegen später als kaum reproduzierbar erweisen und ihre Allgemeingültigkeit in anderen Kontexten schnell verlieren. Lassen wir einfach die Erkenntnis zu: Auch Wissenschaft ist ein Spiel von Versuch und Irrtum, wenn auch ein Spiel mit System. Jeder versucht, das meiste dabei herauszuholen. Früher war damit nur die meiste Wahrheit gemeint, heute ist es vor allem Wahrheit plus Reichweite. Und an bestimmten Tagen heißt es auch schon mal: Reichweite first.

 

© Science&Media 

Noch ein Hinweis in eigener Sache:

Es ist wieder so weit: „Wissenschaft kommuniziert“ ruft die Leser zum dritten Mal auf, den Wissenschaftsblog des Jahres zu wählen. „Planckton“ war Wissenschaftsblog 2012 und ist auch diesmal wieder unter den zwanzig einflussreichsten Blogs, die nominiert wurden. Wählen Sie hier.

 

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4 Lesermeinungen

  1. @W.Klein
    es ist naiv anzunehmen, dass Wissenschaftler ausserhalb der Paradigmen / Glaubenssätze ihrer Zeit stehen und handeln. Wissenschaftler sind also im selben Maß „Idioten“ wie der Rest der Zeitgenossen.

    • Das bedeutet
      also dass, nach Ihrer Meinung, jemand der forscht, studiert, untersucht und immer wieder fragt, ein Idiot ist, oder so wie der Rest der Genossen.
      Meinen Sie das im Ernst?

  2. "Wissenschaftler" als nützliche Idioten politischer und religiöser Strömungen ...
    … gibt’s schon lange. Man erinnere sich nur an die Anthropologen und Mediziner, die über zweihundert Jahre der Welt weismachen wollten, dass die weiße „Rasse“ allen anderen überlegen sei. Das sind opportunistische Speichellecker und keine Wissenschaftler. Wirkliche Wissenschaft ist kritisch, auch gegenüber sich selbst und und kein Rechtfertigungswerkzeug selbsterklärter Besserwisser.

  3. WISSEN
    Besser ist:
    Wir haben ein starkes Verlangen nach Fairness. Ohne Strafen bricht jede Gemeinschafr zusammen, sogar die der Wissenschaft. Falsche Daten, falsche Auswertungen, Manipulationen uam. werden nie geduldet. Säumige werden an die Kandarre genommen. Dieses Verhalten muss auch die Demokratie aufbringen können.

    Falls Sie über etwas Fairness verfügen, dann haben Sie schon ein ordentliches Stück Wissen.
    Alles Gute zum Jahreswechsel. Crigs

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