Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Hier kommt Alex! Ein Astronaut zum Anhimmeln

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Unser vernetzter Mann im All: @Astro_Alex wird bald von Baikonur aus zur Raumstation starten. Mit Experimenten wird er sich seine Brötchen verdienen und einem beispiellosen Bildungsfestival im Orbit. Ein echter Hingucker.

„Wir Raumfahrer sind Entdecker.“ Mann, wie lange haben wir diesen Satz nicht mehr gehört? Könnte Ulrich Walter gewesen sein, der große Schwärmer, oder der „erste Bundesbürger im All“, Ulf Merbold. Sei’s drum, vergangen. Keiner von denen und auch keiner der acht anderen deutschen Raumfahrer hat das jedenfalls schon vor dem Start in den Orbit so überzeugend, ja geradezu handgreiflich formuliert wie @Astro_Alex. Raumfahrer sind moderne Helden, jawohl. Und @Astro_Alex, wir bleiben erstmal bei seinem Twitter-Namen, hat das Zeug, der größte zu werden.

© Joachim Müller-JungAlexander Gerst, Vulkanologe

Nicht nur seine Statur steht dafür. Der kahlköpfige, durchtrainierte Mittdreißiger macht in seinem glatt gebügelten blauen ESA-Overall eine Figur, die nicht nur von hinten betrachtet wie die eines Promotionmodels wirkt. Am Montagnachmittag dieser Woche, es war sein letzter Tag im Astronautenzentrum in Köln-Porz vor der Abreise nach Russland, sieht man ihn die meiste Zeit nur von hinten oder von der Seite. @Asto_Alex auf dem Laufsteg. Kameraleute, Techniker, Reporter, eine mediale Entourage wie diese will erstmal bewältigt werden. Und spätestens in diesem Moment, wenn man sieht, wie „tiefenentspannt“ (so twittert das eine Beobachterin später völlig zu Recht) der @Astro_Alex die Schlange stehenden Journalisten abarbeitet, weiß man: So ein Overall ist unter Kommunikationsgesichtspunkten ein wahrer Segen. Wissenschaftler sollten öfter welche tragen.

© Joachim Müller-JungMedienrummel im Astronautenzentrum.

Womit Alexander Gerst endlich da eingeordnet wäre, wo er sich die meiste Zeit seiner Laufbahn am wohlsten fühlte: in der Wissenschaft. Auch das nimmt man ihm hundertprozentig ab. Schon vor dem ersten Händedruck gibt er zu Protokoll, dass er eigentlich ein Mann der Wissenschaft sei. Geophysiker mit Schwerpunkt Vulkanismus, ein Feldforscher mit Expeditionserfahrung in die Antarktis, auf Neuseeland, Indonesien und in Nordafrika. Gerst ist also Abenteurer, nicht nur Entdecker. „Wir Menschen müssen auf den Mars.“ Auch dieser Satz von ihm ist, kommunikatiosstrategisch betrachtet, ein Volltreffer. Der Mann hat Visionen, welche wohl noch? Er liebt klare Statements, auch in dieser Hinsicht ist der gebürtige Künzelsauer, der im Heilbronner Umland groß geworden ist, ein Segen für die Wissenschaft. Er verkörpert optimal ein evolutionäres Rollenmodell, die Höherentwicklung des Forschers zum Kommunikationsprofi und Helden.

Ja, Held! Reinhold Ewald, der die Verabschiedung Gersts begleitet und zu den ESA-Astronautenlegenden zählt, weil er Ende der neunziger Jahre ein Feuer auf der russischen Raumstation Mir souverän gemeistert hatte, hält nicht den Astronauten an sich, sondern Wissenschaftler und vor allem Wissenschaftlerinnen für wahre Helden. „Astronauten sind Hingucker“, sagt Ewald, „aber sie sind für uns nur der Haken, um für die Naturwissenschaften zu werben.“ Vor allem bei Mädchen zu werben, sagt Ewald dann noch. Der Physiker war Jahre lang Leiter im Kontrollzentrum des europäischen Weltraumlabors „Kolumbus“ auf der Internationalen Raumstation ISS. Gerst wird dort, auf der Raumstation,  ab 28. Mai ein gutes halbes Jahr verbringen und jeden Tag sechs Sonnenauf- und untergänge erleben. Zur Entspannung ist er aber nicht dort oben.

© Joachim Müller-JungWerbeplakat

162 wissenschaftliche Experimente wird Gerst betreuen. Er wird vor allem den Electromagnetic Levitator, kurz EML, auf der Raumstation installieren, ein von der ESA und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt entwickelter tiegelfreier Schmelzofen für Legierungen. Unter Schwerelosigkeit werden in dem Ofen die Tropfen schweben und unter Ausschaltung der Oberflächenspannung hoffentlich neue, hoch stabile Metalllegierungen hervorbringen. Außerdem wird er eine Stunde täglich ein neues multifunktionales Trainingsgerät aus Amerika testen, das den von Langzeitraumfahrern gefürchteten Knochen- und Muskelschwund quasi ausschalten und als mögliche Medizingeräteoption gegen Osteoporose dienen soll.

Über all das und noch viel mehr kann Gerst reden, ohne auch nur den Anschein von Überlastung zu vermitteln. Seit 2009 ist er im Training, immer wieder ist er von Porz nach Houston und Japan gereist, um Technik und Methoden der anderen ISS-Nationen einzustudieren, im russischen Sternenstädtchen  in Baikonur verdiente er sich sein russisches Astronautenzertifikat. Mit seiner Vulkanologie und den Spannungszuständen der Erdkruste hatte das am Ende alles  rein gar nichts mehr zu tun. Und trotzdem brennen ihm die wissenschaftlichen Fragen auf den Nägeln. Dass das Leben ursprünglich aus dem Weltall stammen  könnte, dass „wir Bewohner in einem völlig bevölkerten Universum sein könnten“ und dass dies „unser Selbstverständnis als Lebewesen grundsätzlich verändern könnte“, wenn man mit Raumflügen weitere Belege für die Panspermie-These sammelte, auch darüber ausführlich zu reden sieht er als seine Mission.

© Joachim Müller-JungEx-Astronaut und ESA-Mann Reinhold Ewald.

Astronauten sind fokussiert und multifunktional, deshalb werden sie für ihren Job gewählt. Für viele daheim gebliebenen Wissenschaftler gilt das grundsätzlich auch. Ihnen fehlt meistens nur das Attribut Attraktion. Und Gerst ist, das muss man der ESA zugute halten, die ihn unter 8413 Aspiranten ausgewählt hat, das perfekte Ausstellungsstück für das digitale Universum. Er bloggt, twittert, fotografiert, alles lustvoll und ohne Krampf. Seine Outreach-Agenda ist so voll wie bei keinem anderen deutschen Astronauten vor ihm. Der Held ist für die Organisation der erste Öffentlichkeitsarbeiter. Ein Impressario im All. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt hat ihm dazu ein Bildungsprogramm  mit auf den Weg zur Sojus-Abschussrampe nach Baikonur gegeben, das reichlich ESA-Präsenz in den nächsten Monaten verspricht. Ein Foto-Atlas „Wächter der Erde“ soll entstehen, und natürlich wird es Live-Schaltungen mit Prominenz geben,  auch „Jugend forscht“ ist eingebunden, Gerst wird während seines Raumflugs den Experimentvorschlag von Schülern umsetzen und Demoversuche auf der ISS ausführen. Die Botschaft, sagt Ewald, der die ESA wissenschaftlich berät und jetzt auch noch in die Rolle des „Scientific Speaker“ schlüpfen soll, lautet: „Auch du kannst durch Nachdenken wissenschaftlich etwas bewegen.“

© Joachim Müller-JungNoch ein Modell: Die ISS im Astronautenzentrum.

Mindestens ein Zehntel von Gersts Zeit auf der ISS sind für Outreach-Aktivitäten und den Kontakt mit dem Laienpublikum reserviert. Ein Werbefeldzug aus dem Orbit. Zugeschnitten auf das deutsche Publikum und vorbereitet mit ein paar hundert Medienauftritten Gersts sowie einem intensiven Medientraining. Gersts „Bluedot“-Mission wird perfekt inszeniert. Sie ist die ideale Verknüpfung von Heldentum, Wissenschaft und Kommunikation. Ein Muster auch zum Nachahmen? Für viele Spitzenforscher wohl weniger. Klar ist auch: Solche Konstellationen sind in anderen Forschungsdisziplinen eher selten, so großspurig aufzutreten wie die ESA können sich viele schon finanziell nicht erlauben. Aber wer wollte schon ernsthaft behaupten, dass die Institute und Fakultäten ihr Potential der Außenwahrnehmung schon restlos ausgeschöpft haben?  So einmalig ist @Astro_Alex dann am Ende hoffentlich doch nicht.

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3 Lesermeinungen

  1. Frage gehört nicht hierher, aber was macht das Osterrätsel?
    Ich hoffe nur, dass Herr Reinecke wohlauf ist.

  2. Maslow'sche Bedürfnispyramide der Menschen schon erreicht?
    Eine neue Art von Denken ist notwendig, wenn die Menschheit weiterleben will.
    Albert Einstein

    Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.
    Albert Einstein

    Es gibt keine großen Entdeckungen und Fortschritte, solange es noch ein unglückliches Kind auf Erden gibt.
    Albert Einstein

    Die Überschätzung dessen was wir meinen zu sein und zu brauchen, führt uns zum Gegenteil
    von dem was wir haben sollten, Vernunft.

  3. Pingback: Allgemeines Live-Blog ab dem 15. April 2014 | Skyweek Zwei Punkt Null

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