Home
Planckton

Planckton

Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Wissenschaftsjournalismus als Herausforderung

| 11 Lesermeinungen

Viele Medien sind voll von fehlerhaften Meldungen aus der Wissenschaft. Gleichzeitig informieren Wissenschaftler heute selbst über aktuelle Forschung. Wird der Wissenschaftsjournalismus überflüssig gemacht?

In diesen Tagen, da der althergebrachte, traditionelle Journalismus seinen Todeskampf bestreitet (oder doch nur mit einem grippalen Infekt danieder liegt?), wird gerne spekuliert wie sie denn auszusehen hätte, die konkrete Form eines zukunftsfähigen Journalismus. Mich als Astrophysikerin beschäftigt natürlich primär die Frage nach der Zukunft des Wissenschaftsjournalismus. Genau genommen saß ich vor einem Monat in der französischen Sommersonne und folgte gedanklich der Frage, warum man eigentlich noch Wissenschaftsjournalismus braucht. Aus den Webauftritten der Forschungsinstitute und den Blogs von Wissenschaftlern bekommt man heute schließlich viel schneller und präziser Informationen zum Stand der aktuellen Forschung (und ja: es gibt tatsächlich auch Wissenschaftler, die ähnlich gut schreiben können wie Journalisten). Wenn es im Journalismus heute nur noch um Plakativität, Breitenwirkung und Entertainment zulasten inhaltlicher Richtigkeit geht, wenn es nur noch darum geht, möglichst schnell die brisanteste Story einzufangen und “Quote zu machen”, während die größeren, übergeordneten Fragen im Kontext von Wissenschaft gar nicht mehr berührt werden – dann klingt das für mich nach der falschen Behandlungsstrategie für einen sehr labilen Patienten.

Matthias Müller von Blumencron hat nun den zwanzigsten Geburtstag des Online-Journalismus in der letzten Woche zum Anlass genommen, über die Zukunft des Journalismus nachzudenken und ein Plädoyer für einen erneuerten Idealismus zu halten. Den Herausforderungen, die das Internet für den etablierten Journalismus gebracht hat, solle mit einem journalistischen Feuer aus Exzellenz, opulenter Präsentation und stetem Austausch mit dem Leser begegnet werden. Dem kann man wohl uneingeschränkt zustimmen und sich insbesondere über den leider nicht mehr selbstverständlichen Vorsatz der Exzellenz freuen. Die Frage ist allerdings, ob mit dieser Faustformel bereits für alle Ressorts alles gesagt ist, oder ob hier nicht noch weiter differenziert werden muss.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/20-jahre-online-journalismus-13148307.html

Wenn man sich den spezifischen Fall des Wissenschaftsjournalismus anschaut, lohnt es sich, die Situation zunächst jenseits der Onlinewelt aufzurollen: auch für den Wissenschaftsjournalismus beginnt die “Informationsschwemme”, mit der Blumencron Neil Postman zitiert, bereits offline. Die Wissenschaft ist heute zu einem schier unfassbaren Unternehmen geworden. Aus den wissenschaftlichen Instituten fluten tagtäglich Unmengen von Veröffentlichungen. Allein im Bereich der Astrophysik umfasst die täglich aktualisierte Liste neuer Publikationen zwischen fünfzig und hundert Einträge, die man als gut informierter Astrophysiker jeden Morgen durchschauen sollte. Und es ist kein Ende in Sicht. Im Gegenteil, das Wachstum der Wissenschaft scheint sich immer weiter zu beschleunigen.

Die erste quantitative Analyse dazu wurde 1961 von Derek J. de Solla Price veröffentlicht. Auf der Grundlage der Anzahl wissenschaftlicher Zeitschriften zwischen 1650 und 1950 sowie später der Zahl wissenschaftlicher Inhaltsangaben in entsprechenden Kompendien zwischen 1907 und 1960 ermittelte er ein exponentielles Wachstum von Wissenschaft mit einer Verdoppelung der Zahl von Journalen alle 10-15 Jahre. In einer Anfang dieses Jahres veröffentlichten Studie wurde diese Aussage von Wissenschaftlern vom Max Planck Institut in München und der ETH Zürich noch einmal mit verbesserten statistischen Methoden geprüft. Untersucht wurde nun die Wachstumsrate von Wissenschaft gemessen an der Zahl zitierter Referenzen pro Veröffentlichungsjahr in Publikationen der Jahre 1980 bis 2012, wobei die Referenzen bis in die Mitte des 16ten Jahrhunderts zurückverfolgt wurden. Das exponentielle Wachstum konnte bestätigt werden. Gleichzeitig ermittelte die Studie drei verschiedene Phasen, in denen sich die Wachstumsraten jeweils verdoppelt haben: 1% bis zum Einsetzen der industriellen Revolution Mitte des 18. Jahrhunderts (Verdopplung alle 150 Jahre), 2-3% bis zur Zeit zwischen den Weltkriegen und schließlich 8-9% bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. Der Wissenschaftliche Output verdoppelt sich demnach heute etwa alle 9 Jahre.

© arXiv:1402.4578Wachstum der jährlich zitierten wissenschaftlichen Referenzen. Aus: Bornmann und Mutz 2014, arXiv:1402.4578

Wenn dieses Ergebnis auch bedeuten würde, dass sich unser Wissen entsprechend verhält, wir also immer schneller immer schlauer würden, wäre das natürlich wunderbar. Tatsächlich ist dieser Schluss aber nicht unbedingt gerechtfertigt. Da wissenschaftlicher Erfolg heute größtenteils an der Anzahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen gemessen wird und Wissenschaftler damit unter starkem Publikationsdruck stehen, liegt der Verdacht nahe, dass die Zahl von Publikationen zumindest teilweise künstlich hochgeschraubt wird. Gleichzeitig hat die Tatsache, dass immer mehr Journale sich open-access Publikationen von den Autoren bezahlen lassen, auch ein Interesse auf Seiten der Verleger geschaffen, möglichst viel zu veröffentlichen. Vor diesem Hintergrund forderte Timo Hannay, Geschäftsführer von Digital Science, in der letzten Woche im Blog des britischen Guardian, die Sintflut wissenschaftlicher Forschung endlich zu stoppen, indem das Konzept wissenschaftlichen Publizierens grundsätzlich überdacht werden solle. Nicht mehr die Anzahl der Paper solle Kriterium für wissenschaftlichen Erfolg sein, sondern vielmehr die Qualität der Forschung im Sinne von deren Wirkung auf die wissenschaftliche Gemeinschaft.

Dass sich an der Situation bald etwas ändern wird, scheint indes wenig wahrscheinlich, zu träge erscheint der Wissenschaftsbetrieb und zu festgefahren dessen Strukturen. Man muss sich also mit dem Problem wohl erst einmal arrangieren. Für Wissenschaftler ist das bereits schwierig genug. Es wird immer zeitaufwändiger, sich auf einem breiten Feld verschiedener Themen am Puls aktueller Forschung zu bewegen. Gefragt ist hier die Fähigkeit, einschätzen zu können, welche Forschungsergebnisse wirklich bahnbrechend sind und welche eher die Wiederholung von schon Bekanntem darstellen. Aber nicht nur Wissenschaftler müssen und wollen auf dem neusten Stand der Forschung sein, auch die Öffentlichkeit interessiert sich natürlich für den Fortgang wissenschaftlicher Erkenntnis. Was für den Wissenschaftler bereits Herausforderung ist, stellt für den externen Beobachter von Wissenschaft ohne Hilfestellung eine hohe Hürde dar und dies nicht nur für den Laien, sondern oft auch für die eigentlichen Vermittler, die Wissenschaftsjournalisten. Während noch vor gar nicht allzu langer Zeit einfach wissenschaftsjournalistisch aufbereitet werden konnte, was in den namhaften Journals veröffentlicht wurde, muss heute radikal ausgewählt werden, da die Anzahl von Veröffentlichungen für die Eins-zu-eins-Berichterstattung zu groß geworden ist. Das Fundament einer solchen Auswahl kann schwerlich anderes als ein fundiertes wissenschaftliches Fachwissen sein. Sofern das bei Wissenschaftsjournalisten nicht mehr vorliegt, müssen aber andere Strategien gefunden werden.

http://www.theguardian.com/higher-education-network/blog/2014/aug/05/why-we-should-publish-less-scientific-research?CMP=twt_gu

Vor dem Hintergrund dieses Problems kommt nun die Online-Welt als vermeintliche Hilfe, denn heute kommunizieren die wissenschaftlichen Institutionen in großem Maße und zunehmend professionell selbst in Pressemitteilungen und durch Öffentlichkeitsarbeit, die direkt durch die Wissenschaftler selbst geleistet wird (siehe Blog “Wissenschaft mit Friends und Followern”). Wer sich regelmäßig auf den PR-Seiten wissenschaftlicher Institute umsieht, bekommt bereits einen kondensierten Eindruck von dem, was sich im jeweiligen Forschungsfeld tut. Dieser Auswahlservice wird von vielen Wissenschaftsressorts dankbar aufgenommen. Es ist durchaus erschreckend, wie oft wissenschaftliche PR-Meldungen schon mehr oder weniger wörtlich journalistisch übernommen werden. Sofern dies zur gängigen Praxis wird, macht sich der Wissenschaftsjournalismus offensichtlich selbst überflüssig und lenkt die Leser früher oder später direkt auf die Seiten der wissenschaftlichen Institute und bloggenden Wissenschaftler. Die mögliche Strategie, in dieser Situation verstärkt auf “Entertainment” und “Sensation” zu setzen, erscheint ebenfalls kurzsichtig, da dies Stilmittel sind, die auch immer mehr von den PR-Stellen selbst genutzt werden.

Sofern der Wissenschaftsjournalismus seine Rolle als zuverlässiger, objektiver, kritischer Beurteiler von Wissenschaft aufgibt und die Leser in die vielfältige Welt der wissenschaftlichen Online-Berichterstattung ausschwärmen lässt, wird nun das Auswahlproblem wiederum für den Leser relevant, der nun selbst vor der Aufgabe steht, die Natur der gewählten Informationsquelle in Bezug auf Verlässlichkeit und Interessengeleitetheit einzuschätzen. Dean Burnett hat in seinem Guardian Blog vor einigen Tagen den Vorschlag erörtert, ein Klassifikationssystem für wissenschaftliche Nachrichten einzuführen, analog zur Klassifikation von Kinofilmen des British Board of Film Classification, durch die der potentielle Zuschauer schon im Vorfeld darauf eingestimmt wird, welchen Inhalt er zu erwarten hat.

Mögliche Kategorien könnten hierbei laut Burnett sein: “Schuhanzieher – enthält den Versuch Wissenschaft in kruder Weise mit aktuellen Themen zu verbinden” um vor Autoren zu warnen, die nicht wissen, wie sie auf plausible Weise Leser für ein bestimmtes Thema interessieren können, “Wilde Extrapolation – Artikel, der nur eine schwache Verbindung zu tatsächlicher Forschung hat” für Artikel die in falscher Art und Weise die Konsequenzen spezifischer Forschung zu verallgemeinern versuchen, “Provokativer Titel – Der Text des Artikels passt vermutlich nicht zum Titel”, für ein Phänomen das insbesondere im Online-Journalismus bestens bekannt ist, oder auch “Aufgewärmte PR – der Artikel ist größtenteils eine wiederaufgewärmte Pressemitteilung”.

Es ist interessant, an dieser Stelle auf von Blumencrons Analyse zurückzukommen. Von Blumencron verweist auf das Netz als “Meinungsschleuder” und die daraus resultierende Anforderung an den Qualitätsjournalismus, sich in dieser Soundscape des lauten Informations- und Meinungsrauschens noch Gehör zu verschaffen. Der Wissenschaftsjournalismus scheint es hier auf den ersten Blick etwas besser zu haben. Zwar gibt es solches Meinungsrauschen in Bezug auf die Wissenschaft natürlich auch, zum Beispiel zu Fragen der Klimaforschung, der Medizinethik oder der Anwendung neuer Technologien. Wenn man sich die Diskussionen zur Wissenschaft im Netz ansieht, merkt man aber, dass ein großes öffentliches Interesse dem wirklichen, meinungsunabhängigen Verständnis wissenschaftlicher Erkenntnisse gilt, für das anerkanntermaßen Expertenwissen notwendig ist. Wer sich für Wissenschaft interessiert, interessiert sich in der Regel nicht für irgendwelche Meinungsströme, sondern für seriöse, belastbare Informationen, die nicht ohne ein tiefes Verständnis wissenschaftlicher Forschung geliefert werden können. Um solche seriösen Informationsquellen identifizieren zu können, könnte das von Burnett vorgeschlagene Klassifikationssystem (in einer weniger satirischen Version) eine Hilfe darstellen. Die Frage ist allerdings, wer ein solches Klassifikationssystem, so nützlich es auch sein mag, etablieren könnte.

http://www.theguardian.com/science/brain-flapping/2014/sep/10/wild-extrapolation-classification-system-science-media-scepticism?CMP=soc_568

Burnett selbst scheint als Urheber eines solchen Klassifikationssystems die Wissenschaftler vor Augen zu haben. In den Kommentaren wird ebenfalls deutlich, dass den Wissenschaftsjournalisten die dafür notwendige Urteilskraft nicht unbedingt zugetraut wird. Hier wird das Dilemma des Wissenschaftsjournalismus deutlich: im Fall der Wissenschaft ist es vergleichsweise einfach, sich im Meer der Meinungen Gehör zu verschaffen, da das Themenfeld aufgrund seiner anerkanntermaßen hohen fachlichen Einstiegshöhe in besonderem Maße nach Experten verlangt. Gleichzeitig gibt es diese Experten aber schon, und das sind erstmal nicht die Wissenschaftsjournalisten, sondern die Wissenschaftler, die neuerdings nicht mehr davor zurückschrecken, auch selbst immer stärker und immer vielfältiger mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren. Anders als beispielsweise Politiker erscheinen Wissenschaftler ausserdem weit weniger verdächtig, die Kommunikation mit der Öffentlichkeit für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren zu wollen, sofern sie, wie in vielen Blogs üblich, nicht von eigenen Forschungsergebnissen berichten. Sofern der Wissenschaftsjournalismus sich immer noch lediglich in der Rolle des Vermittlers, des Erklärers und Übersetzers sieht, wird er daher von den immer professioneller kommunizierenden Wissenschaftlern überflüssig gemacht. Wenn er aber versucht, in die Rolle des wissenschaftlich inspirierten Spaß-Animateurs auszuweichen, bekommt er Konkurrenz von immer schriller agierenden PR-Abteilungen.

Es gibt allerdings einen Bereich, der dem Wissenschaftsjournalismus nicht so schnell streitig gemacht werden würde, und das ist der Bereich der kritisch-einordnenden Meta-Perspektive auf Wissenschaft. Wenn der Wissenschaftsjournalismus es schaffen kann, größere Zusammenhänge aufzuzeigen, neue Sichtweisen zu eröffnen, Reichweiten von Ergebnissen einzuschätzen, die Wissenschaft als eine Unternehmung im gesellschaftlichen Kontext zu verstehen, könnte er sich einen unabhängigen Expertenstatus sichern. Denn eine solche übergeordnete Perspektive geht im immer spezialisierter agierenden Wissenschaftsbetrieb zunehmend verloren, während den PR-Abteilungen dafür die nötige Unabhängigkeit fehlt. Idealistisches Ziel wäre es, mit solch einem Journalismus ein Klassifikationssystem, wie im Guardian angeregt, für wissenschaftsjournalistische Artikel weitgehend überflüssig zu machen. Eine solche Position einzunehmen, erfordert eine solide wissenschaftliche Grundausbildung, methodisches Verständnis und hohe intellektuelle Flexibilität. All dies ist aber notwendig, wenn es darum geht, den Leser davon zu überzeugen dass man so etwas wie Wissenschaftsjournalismus braucht. Oder mit von Blumencrons Worten: wenn man möchte, dass der Leser dem Wissenschaftsjournalisten vertraut, weil er ihm vertrauen kann.

 

2

11 Lesermeinungen

  1. Wissenschaftsjournalismus - heute wichtiger, denn je!
    Kritischer Wissenschaftsjournalismus ist heute umso wichtiger denn je. Zum einen, weil es in unserer postindustriellen Wissens-, Informations- und Dienstleistungsgesellschaft eine exponentielle Zunahme von multimedial publizierten Daten und Erkenntnissen gibt, zu der alle Internet-Nutzer Zugang haben. Zum anderen, weil die Halbwertzeit anwendbaren Wissens immer kürzer und die Gefahren immer größer werden, dass Forschung und Wissenschaft von Interessengruppen missbraucht werden. Auch Wissenschaftler selbst sind in diesem Gestrüpp von Wettbewerb, ausgelobten Forschungspreisen, ökonomischen Patent-, Markt- und Wissensvorteilen, schneller Kapitalverwertung in Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der globalisierten Konzerne usw. verfangen.
    Wie schnell Wissenschaftler selbst irren können und vielleicht auch wollen, sieht man beispielhaft an einer Veröffentlichung im British Medical Journal (BMJ 2014; 349: g5493): „Die Gesamtversagerquote bei der antibiotischen Behandlung der genannten Infektionskrankheiten lag bei knapp 15 Prozent. Von 1991 bis 2012 war sie von 13,9 auf 15,4 Prozent gestiegen“ wurde als Schlagzeile in den Medien übersetzt in „Jede zehnte Therapie mit Antibiotika versagt“! Abgesehen davon, dass dies völlig irreführend auf eine Erfolgsquote von 90 Prozent schließen ließe, geht diese irritierende Falschmeldung auf absurde Schlussfolgerung der BMJ-Autoren zurück: „Conclusions – From 1991 to 2012, more than one in 10 first line antibiotic monotherapies for the selected infections were associated with treatment failure.“ In Wirklichkeit lagen die Verhältnisse völlig anders: Vergleichbar damit, dass ein halbleeres Glas Wasser zugleich auch als halbvoll bezeichnet werden kann. Denn hätte die britische Autorenschaft klar gemacht, dass in wissenschaftlichen Publikationen auch Zahlenräume ü b e r zehn Berücksichtigung finden sollten, hätte sie nicht das unselige „more than one in 10“ als Schlussfolgerung formuliert, sondern durchaus anspruchsvoller von 13,9 bis 15,4 Prozent Versagerquote resp. von 86,1 bis 84,6 Prozent Erfolgsquote geschrieben. Auch das relativ einfältig formulierte „Overall failure rates increased by 12% over this period“ negiert, dass ein 12%-Anstieg innerhalb von 21 Jahren einem weit weniger dramatischen jährlichen Anstieg von nur 0,571 Prozent entspricht.
    Die überwältigende Mehrheit der britischen Hausärzte und Internisten haben nämlich von 1991 bis 2012 mit ihrer gezielten Antibiotika-Therapie alles richtig gemacht. Eine Fehlerquote von nur 13,9 bis 15,4 Prozent über einen so langen Zeitraum fast konstant zu halten, ist bei zunehmender Antibiotikaresistenz, Penicillinallergie und neuen Problemkeimen in anderen Medizinbereichen wie z. B. der Depressionsbehandlung oder bei Suchterkrankungen niemals erreichbar. Selbst die Transplantationschirurgie mit ihrem gigantischen logistischen Aufwand kann derartig überragende Erfolgsquoten gegenüber so geringen Misserfolgsraten nicht mal ansatzweise verwirklichen.

    Ich bin der festen Überzeugung, dass eine derartig undifferenzierte BMJ-Veröffentlichung medizinisch-wissenschaftliche und klinisch-praktisch anwendbare Erkenntnisse eher behindert als befördert. Dies herauszustellen und darüber zu berichten, wäre die Aufgabe eines kritischen und aufgeklärten Wissenschaftsjournalismus.

    Mit freundlichen Grüßen, Dr. med. Thomas G. Schätzler, Facharzt für Allgemeinmedizin in Dortmund

  2. Wissenschaftjournalismus und Pressefreiheit! # Wissenschaftressorts und Leserinteressen
    Ein Qualitätszeitung „ought to inform“ seine Leser!Wissenschaft war nicht immer im Rampenlicht!und nicht jeder Leser soll Wissenschaftler sein oder werden.
    Der öffentliche Meinung soll bestens informiert sein auf allen gesellschaftlichen Gebieten.Journalismus werft ein kritischer Blick auf komplizierten geprägten Gesellschaftsänderungen /Revolutionen.
    Kurzgefasst: Wissenschaftsjournalismus sei per definitionem ein ganz ja ganz verschiedene Tätigkeit wie Wissenschaft „betreiben“ :muss es sein ?… ja, Inbegriff Redaktionelle Unabhängigheit!!!
    Als Wissenschaftler,lese ich Fachliteratur.
    FAZ’s Natur und Wissenschaft( und links) für mich jeder Woche ein Schatzgräber…!

  3. Pingback: Die fünf schrecklichsten Fakten über den Wissenschaftsjournalismus › RELATIV EINFACH › SciLogs - Wissenschaftsblogs

  4. Pingback: Augenspiegel 39-14: Indien, ScienceTweetup und ein historischer Synthesizer - Augenspiegel

  5. Man fasst es nicht....
    Welch ein Wolken Kuckucksheim….

    „Den Herausforderungen, die das Internet für den etablierten Journalismus gebracht hat, solle mit einem journalistischen Feuer aus Exzellenz, opulenter Präsentation und stetem Austausch mit dem Leser begegnet werden.“

    Gehts nicht eine Nummer kleiner und vielleicht ein klitze-kleines Bisschen näher an der Realität?

    Der heutzutage „etablierte Journalismus“, der ja leider sowieso schon lange nichts mehr dem zu tun hat, was die Heigert, Nannen oder Augstein mal darunter verstanden haben, hat nur noch eine einzige Aufgabe: Im Markt ein Segment zu finden, das gross genug ist um wirtschaftlich den eigenen Untergang abzuwenden!

    Wissenschaftlichen Publikation geht es da nicht anders. In allererstere Linie geht es darum sich um Förderungsmittel zu bewerben!

  6. DANKE für diesen das Thema brillant analysierenden Artikel !
    Wissenschaftsjournalismus heißt: relevante (und komplexe) wissenschaftliche Neuheiten verständlich an NICHT-Fachleute (=interessierte Laien)weitergeben. Das Potential der interessierten Leser wird übrigens zunehmend unterschätzt…

    Grundlage dafür ist, daß der darüber Berichtende 1) fähig ist, das Thema zu verstehen 2) fähig ist, das Thema dem Laien RICHTIG und VERSTÄNDLICH zu vermitteln und 3) das „Fragende Staunen“ (Ernst Bloch) des Lesers/Zuschauers aufrechtzuerhalten oder gar zu steigern (Spannungsbogen wie in einem Krimi, nur halt intellektuell anspruchsvoller).

    Wer kann das? Das können Fachleute oder wiss. gebildete sein, welche überdurchschnittliche didaktische Fähigkeiten (bzw „Lust“ am Weitergeben von Wissen) haben – oder eben Journalisten, die dazu fähig sind, in ihnen nicht unbedingt geläufige Fachgebiete tief einzutauchen UND das verstandene ohne Fehler weiterzugeben.

    Ersterer Kategorie zugehörig waren solche Leute wie Heinz Haber in den 60ern, der wissenschaftsjournalistisches Neuland betrat und viele Menschen dabei begeisterte, später, nach Etablierung des Formates Ranga Yogeshwar bis hin zu Harald Lesch.

    Wie man jedoch sofort bemerkt, ist der Übergang zum „Journalisten“ fliessend.

    Conditio sine qua non ist der unbedingte Wille, saubere Wissensvermittlung gewissermaßen als lustvollen, aber anspruchsvollen „Sport“, als Berufung anzusehen – ähnlich einem Hochschullehrer oder Lehrer für Biologie, Chemie, Physik.

    Hat man das unbeschreibliche Glück, solchen Wissensvermittlern und Anspornern zu eigenem Denken zu begegnen, so ist man als „Wissensbegieriger“ glücklich.

    Es kommt also auf die Inbrunst an, (neues) Wissen verstehen zu wollen (und zu können) – und die Inbrunst. das selbst erworbene Wissen selber an Dritte weiterzugeben.

    In einer Gesellschaft, die sogar ernsthafte Themen gnadenlos und hemmungslos bis zur totalen Boulevardisierung und Verfälschung „herunterzubrechen“ (Achtung: Wortspiel) , in der aufwendige Recherchen ebensowenig selbstverständlich vom Auftraggeber finanziert werden wie investigativer Journalismus und Allgemeinbildung leider nicht mehr vorausgesetzt werden kann, ist seriöser Wisenschaftsjournalismus ein höchst gefährdetes, immer selteneres Kulturgut geworden.

    Die von der Autorin erwähnte Neigung, „Quote zu machen“, indem aus eher banalen (und oftmals nicht einmal seriösen) Ergebnissen durch Dramatisierung, Verallgemeinerung und schlichte Fehlinterpretation bzw Unverständnis der Materie mentale Luftblasen werden und so der seriöse Wissenschaftsjournalismus eher karikiert als praktiziert wird, nimmt dramatisch zu.

    Nicht nur im Journalismus – auch in der Wissenschaft.

    der extreme Druck, Aufmerksamkeit (Impact Factor, Zitate, Publikationen, etc) zu erregen, um überhaupt noch seinen Job zu behalten und Forschungsmittel zugeteilt zu bekommen, verschärft das Problem bereits an der „Quelle“, nämlich der ehemals „reinen“ Wissenschaft, die zunehmend ihre Unschuld verliert, weil sie auch nur noch nach Marktgesichtspunkten und nicht ihrer ureigenen Substanz beurteilt wird.

    Das geht so weit, daß nie durchgeführte Studien „publiziert“ werden – und die Tatsache, daß dies eher selten auffällt, wirft auch ein schlechtes Licht auf die „Peer reviewer“ .

    Aber es gibt auch „Wissenschaftsjournalisten“, welche nicht einmal Ansatzweise das verstehen, worüber sie sich anmaßen, zu berichten…. ein trauriges Beispiel bietet ein Hamburger Nachrichtenmagazin, in dessen online-Ausgabe ein Mediziner und Journalist nicht nur gnadenlos exotische fallbeschreibungen ANDERER Mediziner „nacherzählt“ – er erzählt sie auch noch wiss. FALSCH bzw verständnislos nach – und scheut sich auch nicht vor einer Drittverwertung als Buch…

    Das Problem ist also sehr komplex und multifaktoriell.

    Das Einzige, was recht konstant ist: Die Begierde vieler Leser/Zuschauer , komplexe wissenschaftliche bzw auch technische Probleme und ihre Lösungen bzw unbeantworteten Fragestellungen nahegebracht zu bekommen.

    Die zunehmende „Boulevardisierung“ des Wissenschaftsjournalismus entsteht aus der gottgleich zum Fetisch erhobenen „Quote“ bzw der „Klicks“ – was die Tatsache unberücksichtigt lässt, daß nicht nur die Kultur, sondern auch Bildung und die Wirtschaft eines Landes ohne „Exoten“ in Form von Kulturmagazinen, Wissenschaftsjournalismus, philosophischen Betrachtungen, kritischen politischen BEITRÄGEN, …, … kurz: allem, was einen zivilisierten Staat ÜBERHAUPT ERST schafft – diesen auch stabilisiert und zukunftsfähig und überlegen macht.

    Ein kluger Kaufmann kennt die „Mischkalkulation“ – ein guter Herausgeber sollte diese „Mischkalkulation“ auch im Journalismus ehren – denn so kommt er an die klügsten Köpfe – als Leser.
    Und letztlich als Abonnenten.

  7. Noch etwas wird benötigt: Zeit
    Ein Dilemma ist auch noch zu lösen: Selbst bei »solider wissenschaftlicher Grundausbildung, methodischem Verständnis und hoher intellektueller Flexibilität« benötigt der Journalist Zeit. Zeit um eine Veröffentlichung zu verstehen und einzuordnen. Nur ist eine heiße Meldung von heute morgen schon kalter Kaffee. Und im Wettbewerb um die letzten Neuigkeiten gilt leider zu oft: »Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.«

  8. KONTRADIKTION
    Wissenschaftsjournalismus ist der Widerspruch in sich. Wissenschaft ist eine sehr ernste Angelegenheit, während Journalismus oberflächliche Informationen liefert.
    Wissenschaftler gehen selber online. Sehr beliebt sind: Leonard Susskind, John Horton Conway, Frank Wilczek, Jack Szostak, David Gross, Shinya Yamanaka, Gilbert Strang, Ramamurti Shankar, …
    Besonders erwähnenswert ist der „Einstein der Chemie“ Professor Martyn Poliakoff at Nottingham University. All diese erwähnten Professoren und Wissenschaftler wollen Wissen vermitteln und neuen Nachwuchs generieren. Sie tun dies im Interesse der Jugend. Magazinauflagen interessiern sie nicht.
    Das Internet ermöglicht persöhnliche Kontaktaufnahme und Hilfeleistung. Was bietet Wissenschaftjournalismus ? Blablabla, Wichtigtuerei, Halbwissen, Unsinn, Zeitverschwendung uam.
    Wissenschaftsjournalisten sind nicht in der Lage, Wissen zu vermitteln. Sie spekulieren und versuchen, ihren Job zu vergolden, weil sie nichts anderes können, als pseudowissenschaftliche Publikationen an den Mann zu bringen. Sie tragen keine Verantwortung und dürfen spekulieren, gaukeln und schwindeln. Sie treten sogar hinreisserisch auf, sprechen von Durchbruch, Sensation, …
    wo der ernste Wissenschaftler dagegen in tiefes Nachdenken verfällt.

  9. Hervorragende Analyse!
    Was das künstliche Hochschrauben der Publikationszahlen angeht bin ich wesentlich pessimistischer – zu oft und zu offensichtlich habe ich das in meiner aktiven Zeit selbst erlebt, sei es als Nutzer (der die Daten und Ergebnisse der veröffentlichten Artikel verwenden möchte) oder als Gutachter. Gerade in den USA, die ja viele Bereiche der naturwissenschaftlichen Forschung dominieren, ist eine gute Bewertung wesentlich, da ja dort noch mehr Drittmittelanträge und Stellenbewerbungen erfolgen als hierzulande. Der „Paper Count“ und seine Nachfolger (Citation Index etc) schienen hier ein gutes Hilfsmittel für die Kommissionen und Gutachter zu sein, der Bewerbungsflut Herr zu werden. Selbstverständlich führt dies schnell zu im Prinzip legitimen „Optimierungen“, wie z.B. zu jedem Teilaspekt einer Untersuchung einen eigenen Artikel zu veröffentlichen statt einen übergeordneten großen zu schreiben (geht schneller und gibt mehr Artikel für die Zählung). Beobachtet habe ich darüber hinaus auch fragwürdige Praktiken wie etwa die, von einem bereits veröffentlichten Artikel einen Teil – sagen wir 10% – durch ein anderes Detail zu ersetzen, die Autorenliste etwas zu modifizieren und anderswo neu einzureichen.
    Das mag für einen aktiven Wissenschaftler des betreffenden Gebietes einigermaßen schnell offensichtlich sein – ein Wissenschaftsjournalist, der ein breites Gebiet behandeln soll, wird dies kaum bemerken können.
    Insofern wäre eine Klassifizierung wie die im „Guardian“ vorgeschlagene sicherlich ein wesentlicher Fortschritt. Einzelne Organisationen versuchen ebenfalls gegenzusteuern, z.B. nimmt die DFG Anträge mit mehr als zehn Publikationen in der beigefügten Liste von vorneherein nicht an. Zu bequem ist aber das scheinbar objektive Verfahren der paper counts und citation indices als daß hier bald eine Besserung in Sicht wäre (die Gutachter brauchen die Artikel ja gar nicht zu lesen und sich eine eigene Meinung zu bilden! Das Rechentool ermittelt mathematisch präzise den „besten“ Kandidaten).

    So bleibt also genau die beschriebene Herausforderung für die Journalisten – aber wer mag die dafür notwendigen Fähigkeiten haben und wer wäre dann bereit, das auch angemessen zu honorieren? Allgemein werden in den Redaktionen ja zunehmend dpa-Meldungen passend eingekürzt statt eigene Reportagen und Korrespondentenberichte zu schreiben.
    Man müßte eben auch den Lesern klarmachen, daß in der Redaktion ein „Mehrwert“ entsteht, sie es durch Erklärung komplexer Details, durch Darstellung des Umfeldes oder vergleichbarer Arbeiten oder eben auch durch Einordnung und Bewertung, auch wenn das vielleicht nicht überall genehm ist. In der Medizin beispielsweise zeigen Meta-Studien regelmäßig, daß der allergrößte Teil der Studien unvollständig oder gar fehlerhaft sind oder daß wesentliche Aspekte schlicht weggelassen werden, wenn sie unangenehm sind. Hier beispielsweise könnte man sich leicht von „Apotheken-Umschau“ & Co absetzen – falls das wirklich jemand lesen will.

  10. Der Mensch...
    mit all seinen „Leidenschaften“, auch zur „Wissen schaffenden“, hat ein „Vernunft-Maß-Problem“.
    Wenn die „wunderbare? Wissenbeschleunigung“ mit der wunderbaren Vernunftbeschleunigung
    nicht „Hand in Hand“ geht, dann wird Wissenschaft aus Leidenschaft ein „Beschleunigungswissen“
    das Leiden schafft. Diese Beschleunigungswunder, „wunderbare Lebenbeschleuniger“?,
    grenzen schon an/münden in Besessenheit, die alle Leiden der Welt schafft. Besessenheitbeschleunigung,
    das ist das, was ich sehe, verbunden mit Vernunftverlust.
    Wenn Wissen nicht auch zum Vernunfthandeln beiträgt, dann wirkt dieses Wissen
    auf „wunder-bare/same“ (Beschleunigungs-)Art(Kunst), als Selbstzerstörungsbeschleuniger,
    „bar“ jeder Vernunft und „Samen“ für (Selbst-)Zerstörung für alles was außerhalb
    Vernunft „aufgebaut“ wurde, auch Informationsfluß, Journalie.
    Das ist meine „Gesamt-Beobachtung der Welt“ mit dem Abstand eines Rentners, der sich
    von „allem Zwangsdenken“ befreit und sich der Lebenbeschleunigung, die ich als
    Dipl. Ing. E-Technik „erfahren/erlebt“ habe, „entledigt“ hat.
    Meine Herz/Psyche/Seelenachse dankt es mir mit Seelenfrieden und Vernunfterkenntnis.
    Nichts ist wichtiger für den Menschen, als Vernunfterkenntnis die zum Vernunfthandeln führt.
    Das Leben außerhalb der Vernunft können Sie im gegenwärtigen Status-Quo der
    Gegenwartgeschichte sehen und erleben, auch der Grund Ihres Beitrages,
    Journalismus außerhalb der Vernunft. Wahrnehmungsverlust als Folge von „Beschleunigung“.
    Das Universum, eine sich selbsterfüllende „Pro-Phi-Zeugung“(Prophezeihung),
    selbsterfüllende Energie-Evolution gen (Energie generiert in Richtung)
    ewig alternierendes/dynamisches (Dynamo) Gleichgewicht-Energiesystem,
    das auch „bereinigende Selbstzerstörung“(z.B.Gleichgewichtverlust: Intelligenz-Emotion/ Wissen-Herz-Wahrnehmung…Vernunftverlust in Teilen/Systemen, zum Wohle des Ganzen, nicht nur zuläßt,
    sondern, falls „NOT-wendig“, Zerstörung selbst veranlaßt,
    um „Gesamt-System-NOT“ zu wenden.
    Der Mensch ist zur Einsicht fähig und kann bei Erkenntnis, Wahrnehmung von Zerstörung,
    einsichtig, vernünftig handeln.
    Ich bin gespannt ob er den Status-Quo der Welt, auch Journalie, wahrnimmt und vernünftig handelt,
    bevor die Zerstörung fortschreitet.

    MfG
    W.H.

Kommentare sind deaktiviert.