Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Kommunizieren like Kardashian

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Die Krise der Medien ist auch die Krise der Wissenschaft. Der digitale Umbruch bringt Kommunikationsprofis und Akademien ins Schleudern. Einfach treiben lassen oder eingreifen? Die Qualitätsdebatte nimmt Fahrt auf.

Irgendwo habe ich neulich nach dem Googeln eine Twitter-Kurznachricht mit dem Hinweis gelesen „Debatte des Sommers“. Der Sommer ist vorbei, die Debatte nicht. Es geht, ganz allgemein gesprochen, um das scheinbar gebrochene – oder zerbrechende – Verhältnis von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien. Eine spannende, eine vielstimmige Debatte mit bemerkenswert vielen scharfen Kanten. Sie wäre es kaum, wenn es darin nur um Fehler in der Kommunikation ginge, um die gute alte Frage nach der Zuständigkeit und Rolle der Wissenschaftsvermittlung. Da es aber vor allem um die Zukunft geht und zugespitzt um die Frage, wo die gute alte Forschung bleibt, wenn die falschen Leute weltbewegende Vorgänge mit den falschen Mitteln auf falschen Plattformen kommunizieren und warum deshalb ein neuer Zug rein muss in die Kommunikation, hat diese Debatte etwas wunderbar Schirrmacherhaftes.

© Gerhard51Postkutsche der Königlich Württembergischen Post auf der Strecke zwischen Schömberg und Rottweil, vor 1914. Postillon Wilhelm Dangel aus Rottweil.

Die alte Postkutsche war eines der Lieblingsbilder von Frank Schirrmacher. Wie jeder weiß, ist er nie in eine solche eingestiegen. Er war der Mann im Hochgeschwindigkeitszug der Mann am Gashebel, und das gilt erst Recht für den wichtigen Teil seines Wirkens, der auf die Wissenschaften gerichtet war. Ich will aber nicht über das Wissenschaftsfeuilleton schreiben oder Schirrmachers erfolgreiches „Bio-Feuilleton“, wie es manchmal heillos einengend (oder noch überflüssiger: spöttisch) heißt. Vielmehr will ich dazu beitragen, dass die Kommunikationsdebatte weitergeführt wird. Denn diesmal geht ja ganz offenkundig wirklich um mehr als ums bloße Räsonieren. Es sollen die Weichen neu gestellt werden. Und das hat sich nicht irgendwer in den Kopf gesetzt. Die deutschen Akademien höchstselbst haben sich fünfzehn Jahre nach der ersten Popularisierungsinitiative „PUSH“ vorgenommen, das Schicksal der Wissenschaftskommunikation maßgeblich mit zu lenken. Ihr Stellungnahme vom Juni  war aber keineswegs die einzige Initiative in diesem Sommer. Dass das Thema zusätzlich in vielen Einzelveranstaltungen (z.B. der Volkswagenstiftung und „Digitale Welten“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie) aufgegriffen wurde, dass gleichzeitig so viele Beiträge wie lange nicht über digitale Kanäle und sogar reihenweise in den klassischen Medien publiziert wurden, dass man „Denkerwerkstätten“ wie den Siggener Kreis einberufen hat, um Lösungen zu finden, und dass am Ende sogar europäische Parlamentarier und die Frankfurter Buchmesse als Anlass für ein Brainstorming über soziale Medien und Wissenschaftskommunikation waren, das alles ist mehr als ein Aufbruchsignal. Es ist, um es einmal etwas pathetischer zu umschreiben, die Stunde einer neuen Krisenbewältigungskultur. Was dabe alle Debattenteilnehmer eint ist die Sorge vor einem rasanten Qualitätsverlust. Oder, mit einem markanten Ausdruck aus dem Akademiepapier: die Gefahr des „Kommunikationsversagens“.

© Martin Scholz / LeopoldinaNationalakademie in Halle.

 

Das klingt stark nach Kassandra. Aber es klingt plötzlich überall gleich. Ebenso dürfte, wenn meine letzten Informationen stimmen, dieselbe Frage nach dem Schicksal der Wissenschaftskommunikation gestern abend vor der Holtzbrinck-Preisverleihung von Stefan von Holtzbrinck in seinem Verlegergespräch an die Spitzenmanager der Wissenschaften gestellt worden sein. Und wenn in Kürze auch die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften für eine kritische Nachlese zu dem Akademiepapier vom Sommer nach Berlin einlädt, auf der dann die Umsetzung der Akademieempfehlungen konkreter behandelt werden dürfte, dann spricht schon einiges dafür, dass es diesmal wirklich an die Substanz geht. Eine Entwicklung übrigens, die die Nutzer und Leser viel mehr berührt, als es vielen klar sein dürfte. Denn es geht ja nicht nur um die Verschiebung von Kräfteverhältnissen zwischen Print- und On, es geht eigentlich längst auch um gesellschaftliche Verschiebungen. Solche, die für die Wissenschaft selbst einigen Sprengstoff birgen. Sibylle Anderl hat das in ihrem Planckton-Blog über „Wissenschaftsjournalismus als Herausforderung“ in Erinnerung gerufen: Es droht Vertrauensverlust. Damit hat sie bemerkenswerter Weise die gleichlautenden Mahnungen zweier Protagonisten der Medienwelt aufgegriffen, die gegensätzlicher kaum sein könnten: Matthias Müller von Blumencron, unser FAZ.NET-Chef und Onlinejournalismus-Pionier, und Peter Weingart, Urgestein der Kommunikationsforschung und Soziologe aus Bielefeld, der „die Stunde der Wahrheit“ schon im Jahr 2002 kommen sah und die Wissenschaften mit den Medien und der Politik in einen „Wettbewerb um das Vertrauen der Gesellschaft“ verstrickt sah.

Weingart, muss man dazu wissen, hat das aktuelle Akademiepapier an leitender Stelle der Arbeitsgruppe mit verfasst. Dass er vor zwölf Jahren, als er seine „Stunde der Wahrheit für die Wissenschaften“ publizierte, weder Blumencron noch die Online-Welt überhaupt in seine Betrachtungen einbezog, wäre eigentlich nur eine Randnotiz; ihm ging es damals um politische Verstrickungen, und die digitalen Umwälzungen haben auch andere damals nicht voraussehen können – Google war klein, Facebook und Twitter existierten nicht einmal. Dass er jedoch nun auch als Sprecher der Akademie-Arbeitsgruppe für das Akademiepaper die Digitalkultur nahezu völlig ausgeklammert hat, ist doch ein nachgerade entlarvender Rückfall ins Postkutschenzeitalter, der zu Recht vor allem die Bloggergemeinde aufgebracht hat.

 

Ein inhaltlicher Fehler, der Bände spricht. Allerdings auch nicht fehlinterpretiert werden sollte. Denn wenn man die Auslassung nicht als Kriegserklärung an die Digitalkultur betrachtet, wofür nichts in dem Papier spricht, sondern als fatale Nachlässigkeit, kann man es leicht abhaken. Es ist ja geradezu das Wesen der digitalen Netzwerkkultur, insbesondere der sozialen Medienplattformen, dass sie solche inhaltlichen Lücken bereitwillig füllt. Gerne auch mit Emphase und viel Pathos – wie vielfach auch tatsächlich geschehen. In der fast hundertseitigen Medienschau der acatech zur Stellungnahme ist die altmodische Verteilung der Kräfteverhältnisse zugunsten der klassischen Medien und das Totschweigen der Web 2.0 jedenfalls einer der dominierenden Kritikpunkte. Und es stimmt ja: Wie man es fertig bringt, Science Slams, Wissenschaftsfestivals, Kinderunivorlesungen und Schulen als Fortschritte einer modernen „Dialogkultur“ aufzuführen und die Online-Welt nicht einmal im Kontext der „wechselseitigen Kommunikation“ zu behandeln, bleibt ein Rätsel und ist eine glatte kommunikationswissenschaftliche Fehlleistung.

Ein anderer Kritikpunkt, für den es inhaltlich zwar weniger Anhaltspunkte gibt, weil das Thema angesprochen wird, den man aber ebenfalls fast symptomatisch nennen könnte, ist die Nichtberücksichtigung eines PR-Fachmanns in der Arbeitsgruppe. Journalisten, Wissenschaftler und Wissenschaftsmanager blieben unter sich. Das kann man wie Jens Rehländer von der Volkswagenstiftung durchaus als weiteren Hinweis auf die hartnäckigen Verkrustungen verstehen, die in den Köpfen eben immer noch vorherrschen. Die in den letzten Jahren fast schon beängstigende Verschiebungen zugunsten der PR-Branche wird  von der Akademie fahrlässigerweise völlig ausgeblendet. Dass ein Museum oder eine Universitätspressestelle mittlerweile verglichen mit den mehrheitlich schrumpfenden Wissenschaftsredaktionen deutlich mehr Personl beschäftigt, um die berechtigten, wenn auch doch bloß partikularen Eigeninteressen des eigenen Hauses massiv zu vertreten, war ja ein wesentlicher Anlass für das Akademiepaper.

© InstagramKim Kardashian teilt sich gerne mit in den sozialen Medien.

Vielleicht ist es ja bösartig, aber es passt zu den hohen moralischen Ansprüchen, die man in dem Akademiepapier für die Wissenschaftskommunikation erhebt. Online und PR mögen die Medien verändern, die Werte müssen stabil bleiben. Begriffe wie „wahrhaftige Kommunikation“, „Redlichkeit“, „Informationsauftrag“, „Rechenschaftspflicht“, „Glaubwürdigkeit“ und „journalistische Qualität“ gereichen den Akademien zur Ehre. Aber sie zeichnen am Ende ein Bild von der Medienwirklichkeit, das gerade mit einem lauten Knall von der verstaubten Wand fällt. Spannend wäre deshalb jetzt umso mehr der Blick nach vorne: Wer hebt die Scherben auf? Die Arbeitsgruppe der Akademie empfiehlt eine stramme Qualitätsoffensive. Für Wissenschaftler soll es einen Wachhund geben, ein „Wissenschaftspresserat“ (warum die Wissenschaft als Randressort eine eigene Schiedsstelle braucht, bleibt rätselthaft), für die kommunizierende Organisationen ein „übergreifendes Qualitätslabel für vertrauenswürdige Wissenschaftskommunikation“ und für Akademiker zum Beispiel einen „Akademiepreis für sachlich-redliche Wissenschaftskommunikation“. So ist scheinbar für alle gesorgt und alle sorgen für Qualität. Dann müsste man vielleicht auch nicht mehr über den bemerkenswerten Beitrag der beiden Kommunikationswissenschaftler Frank Marcinkowski aus Münster und Matthias Kohring aus Mannheim streiten, die in einem Impulsreferat (!) für die Volkswagenstiftung inzwischen darauf verwiesen haben, dass der aktuelle Wettbewerb um Aufmerksamkeit, der in den Medien tobt, am Ende der Wissenschaft selbst schaden könnte. Die Forscher tun, so behaupten die beiden, wofür sie erstens nicht ausgebildet und zweitens nicht bezahlt worden sind – kommunizieren lenkt ab und nützt null der „Erkenntnisproduktion“. Das ist natürlich, erstens, eine Ohrfeige für alle verdienten Kommunikatoren, die ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft wahrzunehmen und dafür einiges zu opfern bereit sind. Und es ist, zweitens, genauso wirklichkeitsfern wie die idealisierten Konstruktionen der Akademie.

Ein schöner satirischer Hinweis darauf, wie sich die Dinge in den fluiden experimentellen Medienumwelten von heute entwickeln, lieferte der Biologe Neil Hall neulich mit seiner Idee vom „Kardashian-Index“ für Wissenschatfler. Kim Kardashian, amerikanische TV-Schönheit, einer der Lieblinge der Klatschpresse und auch auf Twitter eine Berühmtheit, war die Namensgeberin. Sogar die hoch angesehende „Science“ hat die ursprünglich in „Genome Biology“ publizierte Kardahian-Index-Formel aufgegriffen. Nur in der hiesigen Debatte um die Konsequenzen der neuen Kommunikationskultur ist der Vorgang vollkommen unbeachtet geblieben – auch dies eine erstaunliche Auslassung. Halls These lautet, dass Forscher, die sich in sozialen Medien wie Twitter eine Popularität verschaffen, am Ende den Preis zu zahlen haben: Das Twittern raubt ihnen die Zeit für die Erzeugung wissenschaftlich anspruchsvoller Arbeiten.  Der Unkenruf auf profilierungsgeile Wissenschaftler traf in dem anschließend von „Science“ aufgestellten Ranking weltweit bekannte Leute wie Richard Dawkins, der es mit mehr als einer Million Twitter-Followern, etwa 50.000 Zitierungen und einem daraus errechneten „K-Index“ von 740 auf Rang drei der Kardashian-Liste schafft.

Viel interessanter als der Spott über akademisch leichtgewichtige Twitterberühmtheiten dürfte sein, was „Science“ beim Abgleich der ersten fünfzig Sozial-Media-Helden (worunter nur vier Frauen zu finden sind!) mit den herkömmlichen Zitierranglisten (z.B. Thomson Reuters) herausgefunden hat: Nur zehn von fünzig, also nur jeder fünfte Spitzenforscher, hat sich überhaupt jemals ein eigenes Twitter-Profil zugelegt. Daraus lässt sich zumindest ansatzweise ablesen, dass wirkliche Topforscher ohnehin kaum Gefahr laufen, sich kommunikativ zu verzetteln. Auch in dem Marcinkowski-Kohring-Memento treffen also Ideale nicht zwingend auf Wirklichkeiten. Kommunikation ist nicht zwangsläufig der Untergang der Spitzenforschung.

© PinterestKim Kardashian verfolgt eine erfolgreiche Kommunikationsstrategie.

Das ändert allerdings auch nichts an dem Befund, dass die digitalen Umwälzungen auf vielfache Weise neue Anreize für eine möglicherweise schon bald breitere, kommunikationsbereite Masse liefern. Die „International Association Scientific, Technical & Medical Publishers“ hat auf ihrem Buchmessenkongress vor ein paar Tagen angekündigt, dass twitternde und überhaupt mittelsame Wissenschaftler im Netz, die bei ihnen auch noch publizieren, ein Segen für das Magazin-Gewerbe wären. Daran sieht man: Kommunikative Vernetzung ist nicht immer nur von  altruistischen Anliegen getrieben. Ob jemand  talentiert und willig ist, könnte also bald ein vergleichsweise schwaches Motiv sein zu kommunizieren. Der Sog der Vermarktung wird dafür immer stärker. Umso wichtiger dürfte dann für die Leser, respektive User, die Frage sein, wer hinter dem jeweiligen Text steckt. Wer hat sich vor welchen Karren spannen lassen und was treibt den Autor an? Aber auch dieses Thema – Transparenz, Interessen und Unabhängigkeit – ist in der Kommunikationsdebatte bisher noch wenig zu stark ausgeklammert worden. Das deckt sich mit den Entwicklungen in der Medienkultur, die vor allem eine Richtung kennt und so tut, als ginge es nur noch darum, wer die meiste Aufmerksamkeit bekommt. Genauso wichtig ist doch wohl zu fragen, wer sie am meisten verdient.  Die Antwort führt direkt hinein in die Qualitätsdebatte.

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  5. Qualitätsdebatte
    Vielleicht sollte man sich davon verabschieden, zu sehr auf das Medium zu starren. Natürlich gibt es sehr wesentliche Unterschiede zwischen einer mehrseitigen Pressemeldung, einem Artikel und Twitter oder einem Blog – und ich habe die Originalartikel dabei ausgelassen. Aber zumindest einige der jetzt diskutierten Probleme sind nicht erst mit dem globalen Internet oder den „sozialen Medien“ entstanden. Im Text wird der „Citation Index“ als Maßstab für den seriösen Teil der Publikationen vorgestellt und auch Neil Hall verwendet ihn als Vergleichsgröße und Gegensatz zu den Twitter-Followern in seinem K-Index.

    Dieser Citation Index ist nun seinerseits aus dem Bedürfnis entstanden, die seit Jahrzehnten immer weiter anschwellende Flut von Fachartikeln handhabbar zu machen ohne daß jeder Gutachter jeden Artikel lesen müßte. Auch hier also bereits die Schwierigkeit, von der schieren Menge der publizierten Artikel wegzukommen und einen Qualitätsmaßstab zu etablieren. Diese Flut ist aber nun nur teilweise darin begründet, daß der Erkenntnisgewinn so immens schnell zunimmt – wesentliches Element ist die Notwendigkeit, für die ebenfalls rasant zunehmende Anzahl von Begutachtungen, Evaluationen, Stellen- und Projektanträgen die eingeforderte Grundlage zu liefern. So wird jedes noch so kleine Teilergebnis als eigener Artikel publiziert, dann das Gesamtergebnis noch einmal separat; es kommt sogar vor, daß Artikel gelegentlich mehrfach publiziert werden (eventuell leicht modifziert, damit es nicht sofort auffällt),
    In dieser Situation ist es schon für die kundigen Fachkollegen sehr schwierig, die Spreu vom Weizen zu trennen – die notwendige Kenntnis haben sie, aber die schiere Menge der Artikel zwingt zu einer Vorauswahl, die dann „extern“ und anhand von Algorithmen erfolgen muß. Und wie bei jedem Algorithmus gibt es Methoden, das eigene Ergebnis zu „optimieren“, wie es ja auch für die Suchergebnisse von Google bekannt ist.

    So müßte man für die Qualitätsdebatte eigentlich noch eine Stufe vorher anfangen – was im übrigen in den Neunzigern zaghaft diskutiert wurde, als die ersten Fachzeitschriften damit begannen, auch „elektronisch“ zu publizieren. Damals war die Debatte allerdings schnell zu Ende, auch deswegen, weil sich dabei herausstellte, daß auch bei den sich „streng“ gebärdenden Zeitschriften drei Viertel der eingereichten Artikel veröffentlicht wurden (mit bereits damals häufig offensichtlichen Mängeln). Die damit einhergehende Verlagerung der Redaktionsarbeit auf die Autoren (Manuskripte sind „camera-ready“ einzureichen) führte dann mit dem Wegfall des zeitaufwendigen Druckverfahrens zu einer weiteren Intensivierung der Flut. Dabei ist ergänzend auch noch anzumerken, daß dennoch wesentliche Ergebnisse nicht publiziert oder nicht verbreitet werden; dies betrifft insbesondere negative Resultate oder Ergebnisse von Prüfungen anderer Messungen, die wissenschaftlich sehr wichtig sind, aber eben nicht helfen, den nächsten Antrag genehmigt zu bekommen.
    Und – noch einmal betont – diese Situation ist bereits für die aktiven Wissenschaftler problematisch, ein durchschnittlicher Twitter-Follower hat erst recht keine Möglichkeit, die Schlagzeilen-Argumente zu prüfen. Diese sind ja meist auch noch „publikumswirksam“ – um nicht zu sagen marktschreierisch – zugespitzt, da sie ja Teil der allgemeinen Aufrüstung beim Kampf um die Aufmerksamkeit sind.

    Anzusetzen wäre hier daher vielleicht schon bei den Gutachtern und Vergabekommissionen, indem sie aufgefordert würden, die vorgelegten Artikel auch tatsächlich zu lesen und auf ihre Qualität hin zu beurteilen statt nur Rankings aus dem Citation Index auszudrucken. Die DFG hat bereits vor einiger Zeit beschlossen, nur noch solche Anträge zuzulassen, denen maximal zehn unterstützende Artikel beigefügt sind.
    Weitere Vorschläge zur Eindämmung des Publikationswahns sind willkommen! Wenn nur heiße Luft transportiert wird, dann vielleicht doch lieber mit der Postkutsche.

  6. Kommt jetzt das Ende der Aufklärung?
    Das Internet hat viele tolle Eigenschaften. Es erleichtert den Zugang zu Informationen und gestattet es, dass sich Menschen über Ländergrenzen und Kontinente hinweg schnell und einfach austauschen. Leider sind Menschen Menschen und nicht in allen seinen Charakteristika ist diese Spezies sympathisch. Neben der dem Homo Sapiens innewohnenden Gewalttätigkeit, fällt vor allem sein Hang zu Lüge und Verleumdung auf. Und das geht im Netz besser als irgendwo sonst. Der Google-Algorithmus verstärkt eben die Masse und nicht die Qualität.

    Auch wenn ‚Idiocracy‘ eine Klamaukgroteske war, so spricht imho einiges dafür, dass der evolutionäre Druck auf den Menschen, seinen Verstand zu gebrauchen, sich in sein Gegenteil verkehrt hat. In der schönen neuen Internetwelt mit seinen iPhones und Facebook-Blogs sind Intelligenz und Urteilsvermögen keine besonders nützlichen Eigenschaften mehr. Dicke T****n und eine loses Schreibwerk dagegen schon.

    Die Menschheit könnte ins Mittelalter zurückfallen. Denn Oberflächlichkeit, Verblödung und wirre Verschwörungstheorien greifen zunehmend um sich – auch in Wissenschaft und Journalismus. Vor allem Letzteres ist nicht schön…

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