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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Offene Forschung für offene Bürger?

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Open ohne Ende: Open Access, Open Data, Open Notebook, Open Review. Das wissenschaftliche Publizieren ist im Umbruch. Offenbar gibt es  eine moralische Pflicht zur Öffnung. Einer muss aber wohl die Kontrolle behalten, oder? 

Könnte gut sein, dass ein Typ wie Aza Raskin von Wissenschaftlern, für die „Nature“ oder „Science“ der Maßstab sind, nicht vollkommen ernst genommen wird. Zumal Aza lange Zeit vor allem der Sohn von Jef Raskin war, ein Computerfreak, der in den siebziger Jahren Apple den Macintosh schenkte. Aza Raskin, Jahrgang 1984, hat auch wenig mehr als einen Physik- und Mathematik-Bachelor und damit allenfalls wissenschaftliche Vorstufen anzubieten, er war aber immerhin einer der Chefdesigner des Mozilla-Browsers Firefox und ist offensichtlich ein begnadeter, charismatischer Redner und ein kritischer Wissenschaftsenthusiast. Mit  zehn hatte er seine erste öffentliche Rede gehalten. Auf der TEDx-Brüssel hat Raskin vor kurzem einen Vortrag gehalten, der auch einigen Wissenschaftshäuptlingen gut zu Gesicht stehen würde. Es war eine Rede über die hidden bias und die statistischen Fehler in vielen Studien – das Problem, dass man der sogenannten Signifikanz in wissenschaftlichen Statistiken (Raskin hatte vor allem die populären Psychologie-Studien im Auge) schon deshalb nicht trauen sollte, weil die meisten dieser Ergebnisse kaum reproduzierbar sind. „Es werden keine Wahrheiten“, meinte er, sondern Abweichungen. Das ist vielleicht zu allgemein gefasst, wie auch sein Satz „es gibt mehr falsche als richtige Forschungsresultate“. Dennoch ist es unbestritten, dass ein Großteil der Publikationen etwa in der Medizin und eben in der Psychologie zu wenige oder die falschen (weil falsch ausgewählten) Probanden enthält und damit statistisch schon bei der ersten Überprüfung gewissermaßen vom Eis rutscht.

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Die Lösung kann deshalb für Raskin nur eine massive Ausweitung der Studiengrößen bedeuten. Tausend- bis zehntausendfach größere Studien müssten her. Nun ist Raskin, seitdem er vor vier Jahren Mozilla verließ, Gründer und Betreiber des Startup-Unternehmens „Massive Health“, was schon im Namen erkennen lässt, dass er offensichtlich ein Eigeninteresse an großen Datensammlungen speziell im Gesundheitsbereich hat. Er ist damit damit einer von vielen. Auf der TEDx-Brüssel sind jüngst mehr als ein halbes Dutzend Jungunternehmer aufgetreten, etwa auch die Mitgründerin von „23andMe“ und neuerdings „Curious“, Linda Avey, die alle mehr oder weniger radikal ein „Big Data“-Konzept im digitalen Gesundheitssektor verfolgen. Diese Entwicklung war für Raskin der Anlass über tiefer zweierlei nachzudenken, das sich zwangsläufig aus der Datensammelwut ergibt und hierzulande immer wieder gerne thematisiert wird: Open Data und Persönlichkeitsschutz.

Es liegt auf der Hand, dass beides ab einem bestimmten Punkt schwer zusammen geht. Wer die „Quantified-self“-Bewegung und damit die Selbstvermessung des Ichs für Forschungsstudien nutzen will, muss dafür sorgen, dass die persönlichen Daten anonymisierbar sind. Dass dies möglich sein soll, sein muss, wird immer wieder behauptet. Es ist allerdings schwer zu belegen und ist deshalb wenig mehr als Spekulation. Raskin jedenfalls behauptet das glatte Gegenteil, und das obwohl er selbst ein Interesse daran haben sollte, dass die Leute dem Datengeheimnis vertrauen können: „Persönliche Daten und zumal medizinische Daten sind, solange sie in den Händen einzelner Forscher gesammelt werden, nie hundertprozentig zu schützen.“ Deshalb schlägt er etwas vor, das ziemlich kühn klingt: Aus Steuergeldern finanzierte Datenbanken, gemanagt und beaufsichtigt von Expertengremien, die unabhängig und mit der größt möglichen demokratischen Legitimitation ausgestattet sein sollen. Er nennt sie „Science Corps“ – zertifizierte Experten, die den allgemeinen Wunsch nach der bestmöglichen Datensicherung und –anonymisierung umsetzen und die Verantwortung übernehmen.

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Die Betonung liegt dabei weniger auf der Datensicherheit, denn die ist für ihn ja per se auch nie hundertprozentig zu garantieren, sondern in der demokratischen Legitimierung. Transparenz ist für ihn existentiell. Mit den Science Corps sieht er die Forscher selbst entlastet und die Bereitschaft der Menschen wachsen, sich als Datenlieferant in den Dienst der Forschung zu stellen.

Die Überlegungen Raskins enthalten zwei bedenkenswerte Botschaften: Erstens muss politisch-strategisch an der Demokratisierung und damit am Vertrauen gearbeitet werden, und zweitens muss, wer Big Data nutzen will, um die Aussagekraft seiner Statistiken zu verbessern, bei der „Öffnung“ der Datenquellen extrem behutsam vorgehen.

Derzeit ist bei der Öffnung von Daten allerdings das Gegenteil zu beobachten. Viele haben es verdammt eilig. Unter #FreeData etwa war in Twitter in den vergangenen Monaten ein digitaler Freiheitsdrang zu spüren, der einerseits zwar kaum die Wissenschaft trifft, weil die Protagonisten zuerst vor allem gegen die Geheimniskrämer in Kommunen und Organisationen kämpfen. Aber mit dem Demokratisierungsargument im Rücken fühlt man sich genügend stark legitimiert, die Transparenz der Datenquellen so radikal wie nur möglich einzufordern. Am Ende, das ist klar, wird man nicht mehr nur vor der Frage stehen, welche Metadaten, sondern auch welche Rohdaten – und damit persönliche Daten – aus den Datenbunkern ans Licht gezerrt werden sollen.

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Und das alles geschieht, ohne eine Evidenz zu besitzen, wie wertvoll die unbeschränkte Einsicht in die Rohdaten für die Fragestellung jeweils ist. Vor dieser Frage steht nun vielfach und ganz unmittelbar auch schon die Wissenschaft. Der Ruf nach immer stärkerer Öffnung ist unüberhörbar, und er betrifft quasi jeden einzelnen Baustein: Open Data, Open Knowledge, Open Notebook, Open Review – nichts im Wissenschaftsbetrieb ist noch sicher davor, von der Transparenzbewegung erfasst zu werden. An vorderster politischer Front steht dabei, längst sichtbar bis in die entlegenste Berliner Ecke, die Open-Access-Bewgung, die sich in den vergangenen Jahren auch massiv beschleunigt hat. In unserer F.A.Z.-Wissenschaftsbeilage habe ich die jüngsten Entwicklungen und eine spannende öffentliche Diskussion an der Universität Marburg neulich zum Anlass genommen, über die spannendsten Vorstöße in diese Richtung zu schreiben. Hier nochmal zum Nachlesen:

Von Freiheit zu sprechen, wenn nur mehr Offenheit gemeint ist, sollte man sich zweimal überlegen. „Nature“, das Flaggschiff der Macmillan-Gruppe und eins der wichtigen Wissenschaftsmagazine weltweit, hat vor ein paar Tagen „Free Access“ – freien Zugang – zu allen Artikeln inklusive jener der 48 Schwesterjournale aus dem Verlag angekündigt – und in den sozialen Netzen die Quittung bekommen. Nicht nur Michael Eisen, der Mitbegründer der „Public Library of Science“ und damit des größten Netzwerks für „Open Access“-Zeitschriften, sieht in der Ankündigung einen „zynischen Werbetrick“. Laut Nature können Abonnenten und hundert ausgewählte Medien und Blogger die Artikel künftig auf der von Macmillan vor drei Jahren mitgegründeten Leseplattform „ReadCube“ ansehen. Sie können die Links mit anderen teilen, sie in der personalisierten ReadCube-Cloud speichern, und die Texte sogar mit Anmerkungen versehen – nur eben nicht drucken oder kopieren. Auf die Weise haben institutionelle Abonnenten wie Bibliotheken immerhin Zugang zu Nature-Veröffentlichungen bis ins Jahr 1869, Privatkunden zurück bis 1997.

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So viel Freiheit, das ist unbestritten, hat es im „Nature“-Kosmos noch nie gegeben. Wenn die Links zu den Artikeln konsequent via Twitter und Facebook verteilt werden, oder wenn – was Michael Eisen spitzzüngig ins Spiel bringt – quasiöffentliche Datenbanken mit den gesammelten Links zu den Artikeln geschaffen werden, könnte Nature dem Open-Access-Ideal zumindest für die Online-Nutzung ziemlich nahe kommen. Der positive Effekt: Nature-Artikel dürften damit noch mehr gewürdigt werden. Allerdings könnte auch, was Nature mit der kontrollierten Öffnung sicher zu vermeiden versucht, das alte Subskritionsmodell mit der Bezahlschranke stärker unter Druck geraten.

Die Verschiebungen hin zum freien Zugang gelten jedenfalls im Naturwissenschaftsbetrieb ohnehin für unumkehrbar. Nicht nur, weil die Artikel längst in ihrer Vollversion per Email oder auf Repositorien massenweise in Umlauf kommen, sondern auch des zunehmenden politischen Drucks wegen. Die „Bill und Melinda Gates Stiftung“, eine Weltmacht in der Medizinforschung, hat zum Jahresbeginn 2015 eine rigorose Open-Access-Politik angekündigt. Mit einer Übergangsfrist von zwei Jahren sollen bald alle von ihr finanzierten Studien mit dem Tag der Veröffentlichung lesbar und zu vervielfältigen sein. Die Kosten trägt die Stiftung.

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Mit Open Access peilen die ohnehin schon einflussreichen Spieler nicht nur mehr Transparenz nach innen an, sondern auch mehr Reichweite und Öffentlichkeit. Princeton University Press hat jetzt die „Collected Papers“ und damit weit mehr als zehntausend editierten Schriften und Briefe Albert Einsteins zwischen den Jahren 1879 und 1923 per Hyperlink für jedermann zugänglich gemacht. Was lange vor allem kleinere und mittlere Verlage beunruhigte, wird nun schneller als von vielen erwartet Realität: Der freie Zugang, ob inklusive mehrmonatiger Sperrfristen (im „grünen“ Open Access) oder ganz ohne Embargozeiten (der „goldene“ Weg) ist zum Renommierprojekt der Großen geworden. Seit der „Berliner Erklärung“ vor elf Jahren wächst Open Access exponentiell. Bernhard Mittermaier, Leiter der Zentralbibliothek am Forschungszentrum Jülich, beziffert den Anteil der „goldenen“ Open-Access-Artikel weltweit heute auf zehn Prozent, Deutschland liegt in den „Web of Science“-Archiven nur knapp darunter.

Die Politik ihrerseits forciert die Sache, auch weil die entsprechende amerikanische Bewegung mächtig Fahrt aufgenommen hat. De Marschrichtung hat die EU vorgegeben, als sie ihr Forschungsprogramm Horizon 2020 mit folgenden Worten auf den Weg brachte: „Die Kommission hat ferner den Mitgliedsstaaten empfohlen, bei den Ergebnissen der Forschung, die sie im Rahmen ihrer nationalen Programme fördern, ähnlich vorzugehen. So sollen bis 2016 von den veröffentlichten Ergebnissen der in Europa öffentlich geförderten Forschung 60 Prozent frei zugänglich sein.“ Forschungsförderer wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützen den Aufbau von Initiativen. Ein Flickenteppich von Regelwerken entsteht. Einige Universitäten und Länder wie Baden-Württemberg sind, um an Fördergelder zu kommen, aktiv geworden, andere wie Berlin diskutieren noch.

Die Universitätsbibliothek Gießen hat, nachdem sie 2011 eine Open-Access-Strategie entwickelt hat, 263.000 Euro an DFG-Mitteln eingeworben und einen Publikationsfonds gegründet. Mit dem Geld wurden schon mehr als 200 Artikel für die kostenpflichtige Veröffentlichung in Open-Access-Zeitschriften unterstützt. An der Nachbaruniversität in Marburg sind zwar auch schon mehr als zehn Prozent Publikationen mit freiem Zugang. Aber weil man sich dort bisher über eine konsequente Open-Access-Strategie nicht einig geworden ist, wird man hier das ungute Gefühl nicht los, Fördermittel zu verschenken.

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Soweit also der Artikel aus „Forschung & Lehre“. Nichts mehr bleibt auf Dauer hinter Bezahlschranken und in Abonnentenverliesen verborgen, das ist offenkundig. Alle dürfen alles sehen, lesen, prüfen, kommentieren, verbreiten. Komplett gratis und hundertprozentig transparent. Es gibt kein Herrschaftswissen mehr. Und selbst die, die seit Jahrzehnten prächtig von den Subskriptionsmodellen leben und sich Druck und Vertrieb von Bibliotheken, Institutionen und Einzelabonnenten teuer bezahlen lassen, sie sind vom Sog der Open-Access-Bewegung längst erfasst. Die Öffnung wird als Wille zur Modernisierung verstanden, wie zuletzt in dieser Woche: „Universität Leipzig gibt sich eine ‚Open Access Policy‘, hieß es da. Kein Zufall, dass hier der Anglizismus verwendet wird. Selbstbewußt – und nicht uneigensinnig – geht man den kollektiven Weg in die gläserne, moderne Uni. So heißt es zur Begründung der Leipziger Entscheidung von der Unileitung: „Open Access zu stärken, ist gesellschaftspolitisch geboten. Wir haben den klaren Auftrag, mit dem Geld des Steuerzahlers verantwortungsbewusst umzugehen und Wissensvermittlung weit zu denken. Ein wichtiges Argument für Open Access ist, dass die Gesellschaft von dem Geld, das sie in wissenschaftliche Einrichtungen hineingibt, auch entsprechend breit profitieren kann. Der andere fundamentale Punkt besteht darin, dass wissenschaftlicher Fortschritt von Kommunikation und Information unter Wissenschaftlern lebt. Je größer der Kreis der Wissenschaftler ist, die sich frei und ohne Hürden über neue Erkenntnisse informieren können, umso stärker wird davon die Wissenschaft als Ganzes profitieren.“

Gibt es also ein moralisches Gebot zur völligen Transparenz? Offensichtlich nicht, jedenfalls nicht zur schrankenlosen Öffnung von Probandendaten. Darauf weisen besonders energisch viele freischaffende Datenschutzheilige wie Sascha Lobo hin, die sich politisch nicht nur für eine moralische Pflicht zum Schutz der Privatsphäre einsetzen, sondern eben auch eine gesunde Skepsis gegen jede (auch die ganz individuell motivierte) Datensammelwut pflegen.

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Wenn allerdings die Wissenschaft nun durch das Forcieren von Open Access und Open Data immer neue Anreize für die Öffnung schafft, hat sie dann nicht auch die Pflicht, die Grenzen vorher aktiver als bisher festzulegen? Der drohende Kontrollverlust, den Aza Raskin in Brüssel beschworen hat, ist ja nicht nur ein juristischer. Ebenso gut kann man sich auch einen qualitativen und technischen Kontrollverlust vorstellen. Im Grunde muss sich die Wissenschaft sogar erst einmal darüber klar werden und definieren, was sie sich unter „Forschungsdaten“ überhaupt vorstellt. Den wenigsten, die aufgerufen werden, sich durch Auslieferung medizinischer Daten oder Vitalparameter an Studien zu beteiligen, dürfte etwa wirklich klar sein, dass ihre Daten mehrfach verwertet und unter Umständen für Jahrzehnte wertvolle Quellen darstellen. Man muss es wohl auch ganz bewußt durch die ökonomische Brille betrachten, denn die neuen Tech- und Konsum-Unternehmer wie Aza Raskin haben sich nun ganz gezielt an die Spitze der Bewegung gestellt. Es liegt ja auf der Hand: Die Wissenschaft baut sich mit den Datenpools ein Kapital auf, das man sich später in Form von Patenten und Lizenzen durchaus verzinsen lässt. Wer kann garantieren, dass die öffentliche Forschung davon ausgenommen ist? Man muss ihr schon genau auf die Finger sehen. Wenn man etwa weiß, dass etwa die angepeilten 200.000 Teilnehmer der Nationalen Kohorte – die historisch größte Gesundheitsstudie im Land – für die stundenlange und wiederholte Datenerfassung mit zehn Euro abgespeist werden, sagt auch das einiges über die Sensibilität der Verantwortlichen im Umgang mit persönlichen Daten aus.

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4 Lesermeinungen

  1. ein resuldat der demgradisierung
    iss auf jedne fall der Verlust sich korrkt auszudrücken, was z.b. dadurch auffälld, das sich keiner mehr um die rechtschreibung kümmert. Die qualität der Forschung wird dmentsprechend.

  2. AO mache ich schon lange auf meiner Homepage
    http://www.gerhard-stehlik.de

    „CO2 kühlt“ ist sonst nicht gegen den Mainstream nicht zu veröffentlichen. Die Wirkung ist aber überall spürbar.

    Gegen die richtige Beschreibung der Wirklichkeit ist kein Kraut gewachsen!

  3. Pingback: Offene Forschung für offene Bürger? | FOREVER

  4. Je mehr Menschen zugang zu einem Thema haben desto mehr Wissen kann weiterentwickelt werden
    Dass der Möglichkeiten die sich aus einem sehr viel breiteren Zugang zu informationen ergeben sich vermehren werden wird denke ich nur der anzweifeln der ein Persönliches Interesse an einer Monopolsituation und daraus resultierenden Wissensvorsprung hat. Eine Herausforderung in einer Umsetzung von Open Acces wird wohl darin bestehen die Menschen die ihre eigenleistung einbringen sollen auch zu motivieren diese zur Verfügung zu stellen. Wenn es darauf hinausläuft, dass die Forschenden keine Gegenleistung bekommen wird das System kollabieren. UNd wie wir an der NSA Affaire in einem Demokratischen Land sehen sind selbst demokratien nicht perfekt gegen Machtmissbrauch geschützt.

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