Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Vorsicht vor solchen Gehirnen

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Hirnforscher wollen Humanität zeigen, indem sie defizitäres Verhalten durch Hirnscans vorhersagen, und ihre Kritiker möchten sie am liebsten in Kollektivhaft nehmen. Zeit also für Reformen?

Eigentlich ist der Begriff Krise unscharf genug, um damit das spannungsreiche Verhältnis von Hirnforschung und Öffentlichkeit treffend zu beschreiben. Auffallend ist allerdings, wie selten der Begriff tatsächlich fällt. Könnte das daran liegen, dass wir es hier in Wirklichkeit gar nicht mit einer echten Krise zu tun haben, sondern dass selbst die Kritiker dahinter eine schöpferischer Krise vermuten, die sich am Ende vielleicht doch als produktiv erweist? Neuroökonomie, Neurolinguistik, Neuroästhetik, Neuropädagogik – die Liste der angewandten Spielarten der Hirnforschung wird ständig erweitert. Neuro hinten und Neuro vorne, die einen wollen alles so optimieren, dass wir bewusster und effizienter durchs Leben gehen, die anderen halten das alles schlicht für akademischen Hokuspokus. Ist die Hirnforschung also größenwahnsinnig geworden?

Magnetresonanztomographie© AFPMagnetresonanztomographie

Zugegeben, es fällt nicht leicht, den Beitrag von Isabelle Bareither, Felix Hasler und Anna Strasser „für eine bessere Neurowissenschaft“ anders als in diese Richtung zu lesen. Die drei haben vor wenigen Tagen in Gehirn und Geist (und im Newsletter von Spektrum.de ) unter dem Hinweis auf die generellen Qualitätsmängel im „Forschungsbetrieb“ eine bemerkenswerte Zusammenfassung einer Konferenz vom November letzten Jahres geliefert, die unter dem Titel stand: „Mind the Brain. Neuroscience in Society“. Bemerkenswert ist der Beitrag nicht wegen der neun „Ideen“, die da abgeliefert werden und eigentlich wenig Neues über die generellen Schwachstellen in Design, Durchführung und Veröffentlichung vieler empirischer Studien auflisten, sondern wegen des Anspruchs, dem „breit gestützten Skeptizismus“ tatsächlich durch Reformen innerhalb der Hirnforschung den Boden entziehen zu können. Die Autoren halten die Hirnforschung also nicht nur für reformbedürftig, sie schätzen sie auch als reformfähig ein. Mit ihren Worten: Eine gute „neurowissenschaftliche Praxis“ sei machbar. Und zwar so, dass die Hirnforschung am Ende nicht nur ihren eigenen Ansprüchen genügt, sondern auch von außen ernst genommen wird.

Festzustellen ist nämlich: Wir ertrinken buchstäblich in einer Flut von Bildern aus den Hirnscannern, die uns neue Wahrheiten über die Ursachen von schweren bis kaum erkennbaren Nervenleiden versprechen, über unsere Persönlichkeit, unsere Talente und unser Kaufverhalten. Gleichzeitig aber wird die Aussagekraft der Hirnbilder permanent infrage gestellt. In der Frankfurter Vortragsserie „Hirnforschung, was kannst du?“, die die F.A.Z. zusammen mit der Hertie-Stiftung seit dem vergangenen Jahr präsentiert, hört man immer wieder Fragen, die alle einen gemeinsamen kritischen Nenner haben: Spannend, was die Hirnforschung inzwischen weiß, aber warum ist sie nur so unglaublich anmaßend, überall mitreden zu wollen?

MRI-Röhre zum Hirnscannen© ReutersMRI-Röhre zum Hirnscannen

Überziehen die Wissenschaftler also, wenn sie ihre vielen Einzelbefunde allzu großzügig interpretieren und diesen sogar eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung beimessen? Die Spektrum-Autoren haben sich da in ihrer Ideensammlung festgelegt: Hirnforschung müsse immer auch aus einer politisch-ökonomischen Perspektive betrachtet und stärker „im gesellschaftlichen Kontext gesehen“ werden. Hirnforschung braucht, anders formuliert, gesellschaftliche Kontrolle. Und es braucht nach Meinung der Autoren auch Alternativen. Hirnforschung sei auf die Bewertung von außen angewiesen, damit nicht immer die gleichen Hirnforscher gefördert und nicht einseitig ein bestimmtes Menschenbild befördert wird.

Eine mögliche Idee, dieses Problem der Engstirnigkeit zu lösen, besteht nach dem Willen der Kritiker in einer „postdisziplinären Zusammenarbeit“. Das klingt nach einem konstruktiven Vorschlag, ist aber erst einmal nichts weiter als Destruktion. Nämlich die wissenschaftlich verbrämte Aufforderung zur Auflösung aller Fächergrenzen. Das Idealbild der Autoren sieht vor, dass alle in einen Topf geworfen werden, die am Hirn arbeiten: Systembiologen, Kybernetiker, Psychiater und Psychologen sollen mit den diversen Sparten der Neuro- und Kognitionswissenschaften verknüpft werden. „Nur in der gemeinsamen Arbeit kann es gelingen, das Gehirn zu verstehen“, heißt es in dem Spektrum-Beitrag.

Das klingt, als wollte man aus der Hirnforschung eine Art Heimatverein oder Volksbank machen. Gemeinsam sind wir stark. Man fragt sich nur, wie das praktisch aussehen soll und was dann anders werden soll? Die Publikationsflut ist ja nicht deshalb so dramatisch angeschwollen, weil plötzlich alle das Gehirn komplett verstehen wollen, sondern weil neue Methoden auf den Markt gekommen sind, die vor allem Einzelfragen zu lösen versprechen. Ein gutes Beispiel ist die Kernspintomographie (MRI). Sucht man in der größten biomedizinischen Datenbank Pubmed nach publizierten Studienergebnissen, in denen MRI für die Erforschung psychiatrischer Leiden genutzt wurde, kommt man auf sage und schreibe mehr als 15.000 Treffer. Würde man Arbeiten mit EEG-Elektroden-Abeitungen auf dem Schädel (Elektroenzephalographie), MEG (Magnetoenzephalographie) oder Hirnstoffwechseltests mit PET (Positronen-Emissionstomographie) dazu nehmen, käme man auf ein Vielfaches. In der Hirnforschung wird geklotzt, nicht gekleckert.

###© APMRI-Resultat

Fragt man dann allerdings, wie sich die mit diesen bildgebenden Verfahren ermittelten Einzelbefunde auf die Arbeit der Psychiater auswirken, wird es plötzlich mau. „Die Neufassung des psychiatrischen Handbuchs DSM-5, das alles entscheidende und wegweisende Manual für die Einteilung und Definition seelischer Leiden, ist wenig – wenn überhaupt – von den MRI-Studienergebnissen beeinflusst worden“, schreiben drei amerikanische Kognitionsforscher in einem Review in „Neuron“, einem der Spitzenblätter der Branche.

John Gabrieli, der am MIT tätig ist, führt in dem nahezu zeitgleich mit dem Spektrum-Artikel erschienenen Aufsatz mustergültig vor, wo sich die Hirnforschung selbst sieht: Nämlich vollkommen unterschätzt. Sie sieht sich auf geradezu groteske Weise von der Gesellschaft missachtet. Die drei Wissenschaftler machen das an den Bemühungen der Hirnforschung fest, das Verhalten von Menschen mit Hilfe der Bilder aus Hirnscannern vorherzusagen. Das Verhalten der Menschen Tage oder Wochen im Voraus zu antizipieren sei „ein humanitärer und pragmatischer Beitrag der Kognitionswissenschaften“.

In ihrem Papier wimmelt es von linguistischen „Neuro“-Innovationen: Die „neuronale Diversität“ in der menschlichen Population beispielsweise sei überhaupt nur mit der modernen Bildgebung und dem Blick direkt ins Gehirn der Menschen zu erfassen, mit „Neuroprognosen“ könnten die künftigen Lernschwierigkeiten von Kindern quasi schon im Babyalter erfasst, aggressive Teenager in den ersten Jahrgängen weiterführender Schulen mit großer Wahrscheinlichkeit identifiziert und suchtanfällige Menschen oder solche mit Essproblemen vorab erkannt werden. All das soll jetzt möglich sein, weil die Forschung bereits über alltagstaugliche „Neuromarker“ verfüge – über Warnsignale, die sich durch Messverfahren in den jeweiligen Hirnarealen ermitteln lassen. Mit anderen Worten: Ein tiefer Blick in spezielle Areale des Gehirns von Menschen mit entsprechenden Dispositionen genügt den Wissenschaftlern angeblich schon, das individuelle Risiko von Fehlverhalten vorherzusagen. Das ist nun weiß Gott ein hoher Anspruch.

Tatsächlich führen die drei Forscher zwar allerhand Studien an – Dutzende -, die offenkundig statistisch haltbare Aussagen über künftiges Verhalten zulassen. So zum Beispiel über Lernwilligkeit und -schwächen, Alkoholmissbrauch und Tabakabstinenz. Aber sie müssen auch einräumen, dass bisher in keinem Fall ein wirklich ausgereiftes oder gar validiertes „Vorhersage-Modell“ tatsächlich existiert. Anhand der Hirnscans stellen sie sich etwa vor, einigermaßen sicher zu prognostizieren, bei welchen psychiatrischen Patienten eine Verhaltenstherapie wirkt und bei welchen eben nicht. Oder bei welchen Kindern frühzeitig eingegriffen werden sollte, um entwicklungsbedingte Rechtschreibschwächen entgegenzuwirken. Wird vor den üblichen Therapien ein Hirnscan durchgeführt, das leitet man aus mehr als zwanzig Depressionsstudien ab, könnte man beispielsweise anhand der Ruhemuster in einem speziellen Teil des Gefühlszentrums – dem „anterioren cingualten Kortex“ im limbischen System – die Chance auf einen Therapieerfolg ziemlich zuverlässig ermitteln. Höhere Hirnaktivität bedeutet bessere Therapiechancen. Gleiches gilt, nur mit umgekehrten Vorzeichen, für die Inselrinde oder das Striatum. Wer hier weniger Hirnaktivität aufweist, soll bessere Behandlungschancen haben. Nach dem gleichen Muster und mit einer ähnlichen Treffsicherheit wollen die Wissenschaftler lernschwache Schüler selektieren. Solche Prognosen sind verständlicherweise nie hundertprozentig, aber in vielen Fällen immerhin aussagekräftiger als die konventionellen Pseudo-„Neuromarker“. Damit sind Selbstauskünfte auf Fragebögen etwa gemeint, schwach validierte Psychotests oder oberflächliche Einschätzungen von Psychiatern nach der Klinikeinweisung.

EEG© dpaEEG

„ So lange die Entscheidung von Richtern über eine Haftentlassung von Straftätern nachweislich stärker durch die zeitliche Nähe zur nächsten Mahlzeit beeinflusst wird als durch valide psychiatrische Erkenntnisse, und solange Medizinfakultäten weiterhin ihre Studenten durch Interviews auswählen lassen, deren Ergebnisse nachweislich nicht mit der späteren Leistung der Medizin-Studenten korreliert“, dürfe man nicht leichtfertig den potentiellen Nutzen der Hirnscans in Abrede stellen. Den Forschern geht es um die Ermittlung der wahren Absichten, Fehler und Schwächen. Die Bereitschaft, an der Herstellung solcher Transparenz mitzuwirken, sehen sie als ethisch geradezu geboten – zumindest als eine sinnvolle Ergänzung zu den schwachen, aber immerhin akzeptierten Einstufungsverfahren bislang.

Selbstverständlich wissen die drei Kognitionsforscher auch, dass die wissenschaftliche Basis für so weitgehende Forderungen brüchig ist. Die Probandenzahl der meisten Studien ist klein, die statistische Aussagekraft oft schwach, Verallgemeinerungen aus Studien mit streng selektierten Probandengruppen sinnlos. Und aus alledem müsste man demgemäß ableiten, dass Prognose-Algorithmen für menschliches Verhalten an Kaffeesatzlesen grenzen. Eine Einschätzung, mit der die Hirnforscher allerdings ganz schlecht leben können. „So viele Entscheidungen im Bildungsbereich und in der Medizin werden heute ohne jede wissenschaftliche Grundlage getroffen“, bedauern sie, und deshalb stehe die Hirnforschung bereit, das empirische Vakuum endlich mit Inhalten zu füllen.

Das heißt so viel wie: Es ist nicht viel, was wir haben, aber wir haben bisher nichts Besseres – ein bekanntes Motiv des Medizinfortschritts. Wehrlosen zu helfen, gilt als ehrenhaft. Und mit solchen moralischen Argumenten im Rücken, mit „humanitären“ Ansprüchen, wie es explizit im Titel des Aufsatzes der drei Kognitionsforscher heißt, fühlt man sich stark genug um gegenzuhalten, wenn die Hirnforschung von ihren Kritikern gebremst werden soll. Eine Qualitätsoffensive für die Hirnforschung, große Reformen? Meine Prognose: eher unwahrscheinlich. Höhere Moral schweißt zusammen und verschafft den Handelnden eher Freiräume als Restriktionen. Kaum vorzustellen, dass die Hirnforscher diese Freiräume freiwillig aufgeben. Zumal nicht zugunsten einer Vision von wissenschaftlicher Qualität, die auch von den anderen Forschungsdisziplinen selten erreicht wird.

 

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4 Lesermeinungen

  1. Brave New World
    Beim Lesen musste ich an die -immer noch sehenswerte- Serie „Geist & Gehirn“ von Manfred Spitzer denken. Ein Problem ist zum Beispiel: Ab wann sprechen wir eigentlich von „defizitärem Verhalten“? Wenn ein Mensch böse, gemeingefährlich oder ein Betrüger ist kann das -unter bestimmten Umständen- auch Vorteile haben. Machen wir uns nichts vor: Wir stammen nicht (nur) von den „netten“ Neandertaler ab…

  2. Mich gruselt es.
    Es soll also künftig möglich sein, mittels Scan zu sagen,wer von den Bewerbern geeignet sei, Medizin zu studieren. Es soll also künftig möglich sein, zu sagen,wer für die höhere Bildung geeignet sei und wer nicht. Wer von einer Psychotherapie partizipiert und wer nicht. Sogar, wer eine Rechtschreibschwäche hat und wer nicht.
    Wenn das tatsächlich des Menschen Zukunft sein soll,gruselt es mich.
    Vor bei ist es dann mit Quereinsteigenden Studenten die später gute Lehre als Dozent weitergeben, oder Kinder die erst mit Eintritt in die Pubertät den richtigen Start zum Lernen bekommen, also Spätzünder sind.
    Und am Schlimmsten:Vorbei mit der unbeschwerten Kindheit, denn einmal taxiert, ist dann der Rest des Lebens schon verplant.

  3. Illusionäre Objektivität
    Die Absicht mag ehrenwert sein und zusätzliche Hirnanalysen mögen den Befund abrunden, doch sehr viel aussagekräftiger oder gar objektiver als andere Analysemethoden (Fragebogen, Symptombeschreibung etc.) können sie deshalb nicht sein, weil sie immer nur eine kurze Momentaufnahme sein können, weil die Einflüsse und Wirkfaktoren zu diesem Zeitpunkt vielfältig sind und weil die Interpretation der Ergebnisse ebenfalls eine subjektive Konstruktion darstellen.

  4. Begriffliche Klarheit ist die Schwäche von Neuro*** Wissenschaft
    Erstens sollten wir nicht vergessen, dass es die beschriebenen Versuche des Reduktionismus von Verhalten auf physiologische Prozesse schon seit 60 Jahren gibt. EEG (erstmals 1924 in Jena) kann zuverlässig anzeigen, dass grob umrissene Hirnteile funktionsunfähig sind. Grob ist auch bekannt, welche Hirnareale mit bestimmten Verhaltensfunktionen verbunden sind, aber daraus zu schliessen, dass so die Mechanismen für Entscheidungen und komplexe kognitive Leistungen analysiert werden können, ist bisher ein Wunsch geblieben. Ein Grund mag die im Verhältnis zur Komplexität (viele Elemente, sehr viele Verbindungen) des Gehirns sehr grobe Auflösung des EEG – wie auch neuer bildgebender Verfahren – sein. Ein noch grösseres Hindernis ist jedoch, dass die Korrelation – und mehr ist es nicht – zwischen Hirnaktivitäten und kognitiven Leistungen auch deshalb sehr grobschlächtig ist, weil die beobachteten kognitiven Leistungen nur sehr zusammengefasst und vage beschrieben werden können. (Rechenaufgaben, Erkennen von Mustern, einfache finanzielle Entscheidungen)

    Tatsächlich werden nur eher grobe Zusammenhänge zwischen Aktivitäten in Hirnregionen und ebenso groben Verhaltenskategorien festgestellt. Das Problem mit diesen Ergebnissen ist die Überinterpretation der Befunde. Weil eine Rechenaufgabe eine bestimmte Hirnregion aktiviert erlaubt aufgrund bisherigen Wissens nicht, zu schliessen, dass die weitere Analyse dieser Aktivität zeigen wird, wie Rechenaufgaben gelöst werden. Bei aller Faszination von mit super-teuren Maschinen erhobenen Daten und natürlich berechtigten Erkenntnisdrang müssen doch die recht vagen Beschreibung der Verhaltensleistungen einerseits, und die ziemlich groben Messergebnissen andererseits, kritischer reflektiert werden.

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