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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Absturz der Überflieger

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Das internationale Postdoc-System ist die Heimat des jungen Forschungsprekariats mit seinen oft schlechten Arbeitsbedingungen, hohem Leistungsdruck und häufigen Ortswechseln. Die entscheidende Frage ist aber: was kommt nach den Wanderjahren?

Angesichts der angekündigten Reform des Wissenschaftszeitgesetzes liest man dieser Tage viel über das Prekariat deutscher Nachwuchswissenschaftler. Sofern die Bundesbildungsministerin tatsächlich an den bestehenden Problemen etwas zu ändern vermag, könnte Deutschland mit dieser Reform eine Vorreiterrolle einnehmen, denn die katastrophale Lage junger Forscher ist ein Problem, das im Postdoc-System internationale Maßstäbe besitzt.

Postdocs, kurz für Post-Doktorand, sind “Nachwuchs”-Wissenschaftler meist zwischen Mitte Zwanzig und Anfang Vierzig, die nach ihrer erfolgreichen Promotion auf befristeten Forschungsstellen darauf warten, eine feste Stelle zu bekommen. Im Prinzip gibt es auf diese Lebensphase von Wissenschaftlern zwei verschiedene Perspektiven. In der positiven Lesart besteht die internationale Postdoc-Community aus jungen Menschen, die noch einmal in die weite Welt ausschwärmen, um sich international zu vernetzen, bevor sie sich irgendwo dauerhaft niederlassen können. In dieser Phase lernen die Nachwuchswissenschaftler die Forschung in verschiedenen Ländern und auf verschiedenen Kontinenten kennen. Dadurch, dass Stellen kaum länger als drei Jahre vergeben werden, Standard sind eher ein bis zwei Jahre, treffen permanent neue Postdoc-Kollegen aus anderen Ländern ein und ziehen wieder in andere Länder fort, so dass sich innerhalb kürzester Zeit Kontakte an eine große Zahl von internationalen Instituten ergeben. Regelmäßig trifft man sich dann wieder an anderen Orten der Welt zu Konferenzen, um Ergebnisse und Erfahrungen auszutauschen und weitere Kontakte zu spinnen, die vielleicht zur nächsten befristeten Etappe in der internationalen Tour de Science führen können.

Die Welt zu füßen - der Karriereweg junger Forscher führt oft durch viele Länder der Erde.© Jonas JansenDie Welt zu füßen – der Karriereweg junger Forscher führt oft durch viele Länder der Erde.

Die negative Lesart ist in dieser Schilderung allerdings zwischen den Zeilen bereits angelegt. Dabei ist noch nicht einmal das größte Problem, dass diese Wanderjahre genau in den Lebensabschnitt fallen, in dem normalerweise eine Familiengründung ansteht und es sehr schwierig ist, einen Partner zu finden, der die eigene Karriere bzw. ein stetiges Familienleben zugunsten regelmäßiger Umzüge hinten anstellt. Die existentiellen Sorgen, mit denen sich viele Postdocs herumschlagen, sind vielmehr in zwei weiteren Punkten begründet. Erstens sind Postdoc Stellen, die durch Forschungsdrittmittel finanziert werden, nicht gut bezahlt und erfordern gleichzeitig einen überdurchschnittlich hohen Arbeitseinsatz, da der wissenschaftliche Output, der in diesen Jahren erzielt wird, über die Möglichkeit einer zukünftigen festen Stelle entscheidet. Mögliche Rücklagen werden nicht selten für die regelmäßigen Umzüge aufgebraucht. Gleichzeitig erschweren internationale Ortswechsel den Aufbau einer Altersvorsorge. Der zweite, fundamentalere Problempunkt ist aber, dass mitnichten davon ausgegangen werden kann, dass am Ende der Postdocjahre eine feste Stelle zu erwarten ist. Es ist eine traurige Tatsache, dass es im Verhältnis zu den exististierenden festen Stellen im Forschungsbetrieb viel zu viele Postdocs gibt. Die Karrieregestaltung beinhaltet daher ein permanentes Moment der Risikoabschätzung: wie lange kann man noch auf eine feste Stelle hoffen, und ab wann beginnt sich bereits das Zeitfenster für einen Wechsel in andere Beschäftigungsfelder zu schließen. Der hohe Konkurrenzdruck innerhalb der Wissenschaft führt dazu, dass diese Überlegungen in den allermeisten Fällen ein Tabuthema darstellen. Wer öffentlich über andere Berufsoptionen nachdenkt oder sich gar einen “Plan B” zurechtlegt, lässt schließlich von vornherein die fachliche Fokussierung vermissen, die notwendige Voraussetzung für einen Verbleib in der Forschung ist.

Es ist wenig verwunderlich, dass diese Situation buchstäblich Opfer fordert und das Thema der psychischen Gesundheit von Nachwuchsforschern zunehmend Aufmerksamkeit innerhalb der Forschergemeinschaft erlangt. Dabei ist es eine gefährliche Ausgangskonstellation, dass diejenigen, die sich für eine weitere wissenschaftliche Laufbahn entscheiden, oft zu den Besten ihrer Jahrgänge gehören, in Stipendienprogrammen gefördert und für ihre Leistungen ausgezeichnet wurden. Plötzlich sehen sich diese höchst ehrgeizigen “high-achievers” mit einer Situation konfrontiert, in der sogar Arbeitslosigkeit kein unwahrscheinliches Szenario mehr darstellt, in der sie sich permanent vor ihrem Umfeld für ihre prekären Lebensverhältnisse rechtfertigen müssen und nicht selten von ehemaligen Schul- und Studienkameraden dafür belächelt werden, dass sie als ehemalige intellektuelle Überflieger karrieremäßig offenbar auf der Strecke geblieben sind. Einem Übermaß an Leistungsbereitschaft, intrinsischer Motivation und arbeitsintensiver, spezialisierter Ausbildung schlägt früher oder später der Eindruck entgegen, dass der Wissenschaftsbetrieb auf jeden einzelnen seiner Forscher auch gut verzichten kann. Die Verantwortung für den eigenen Verbleib, für die Vermeidung des finalen Scheiterns, liegt letztendlich allein beim Postdoc selbst. Eigener Anspruch zusammen mit den Erwartungen des persönlichen Umfelds geraten schnell in ein gefährliches Missverhältnis zur Realität.

© dpa - Bildfunk 

Es ist schwer, belastbare Zahlen zu Depressionen und Angststörungen unter Nachwuchsforschern zu erhalten, da dieses Thema angesichts des hohen Konkurrenzdrucks weiterhin ein Tabu im Forschungsbetrieb darstellt. Die große Zahl von im Internet kursierenden Erfahrungsberichten und Diskussionsforen zu diesem Thema kann aber einen Eindruck darüber vermitteln, dass die psychische Gesundheit von Forschern ein ernstzunehmendes Problem darstellt (siehe zum Beispiel untenstehende Links). Doch selbst wenn es schwierig sein mag, eindeutig die Frage zu klären, ob die Situation von Nachwuchsforschern einen besonderen Nährboden für die Entstehung psychischer Probleme liefert, so scheint unstrittig, dass das Postdoc-Leben für Menschen mit existierenden psychischen Problemen katastrophale Konsequenzen haben kann.

Im November des letzten Jahres wurde dieses Thema beispielsweise ein weiteres Mal in die Diskussionsforen der sozialen Medien getragen als in der Veröffentlichungs-Datenbank arxiv.org ein Paper veröffentlicht wurde, das einem Postdoc gewidmet war, der sich 2011 das Leben genommen hatte. Die Danksagung endet mit den Worten: “Ich bin der festen Überzeugung, dass die psychologische Brutalität des Postdoc-Systems eine starke zugrundeliegende Rolle für Francis Tod gespielt hat. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, sollte irgendjemand zuhören, an diejenigen in leitenden Positionen innerhalb des akademischen Systems zu appellieren, sehr viel mehr zu unternehmen um die Mitglieder der Community zu schützen, die an psychischen Problemen leiden, insbesondere während der verletzbarsten Phasen ihrer Karrieren.” Der Autor des Papers, der Brite Oliver Rosten, hatte seinen irischen Kollegen Francis in Dublin kennen gelernt: “Er war ein brillianter Geist, insbesondere wenn es um abstrakte mathematische Probleme ging. Er litt an manischer Depression und in seinen manischen Phasen arbeitete er ohne zu schlafen und war sehr produktiv. Die Kehrseite war, dass er zutiefst depressiv sein konnte, es erschien mir als ein grundlegender Teil seines Charakters.” 2008 trennten sich die Wege beider. Rosten ging nach Sussex während Francis nach Amsterdam wechselte, wo er große Probleme hatte, sich beruflich und privat einzuleben. Seine medizinische Betreuung konnte nicht kontinuierlich fortgesetzt werden, die psychischen Probleme verstärkten sich daraufhin, bis er schließlich in das UK zurückkehrte und Selbstmord beging.

Acknowledgements des Ende letzten Jahres erschienenen Artikels "On Functional Representations of the Conformal Algebra” © arxiv.orgAcknowledgements des Ende letzten Jahres erschienenen Artikels „On Functional Representations of the Conformal Algebra”

Die fehlende Kontinuität in Bezug auf soziale Kontakte und medizinische Betreuung sind Punkte, die Rosten am bestehenden Postdoc System kritisiert und insbesondere für Forscher mit psychischen Problemen für gefährlich hält. Vor allem die medizinische Betreuung könnte aber verbessert werden, wenn die Universitäten und Forschungseinrichtungen sich stärker für ihre befristeten Arbeitnehmer verantwortlich fühlen würden und die Verantwortung nicht auf die Postdocs selbst abwälzen würden. “Mein Eindruck ist, dass das Postdoc System die Beteiligten oftmals als billige und ausnutzbare Ressource ansieht”, resümiert Rosten. Er selbst verließ kurz nach dem Tod seines Kollegens und Freundes die Forschung und arbeitet nun als Software Entwickler. Weiterhin forscht er aber in seiner Freizeit an Problemen der theoretischen Physik. Dabei beschreibt er, dass die Qualität seiner wissenschaftlichen Arbeit eher gestiegen sei, seit er die Forschung ohne Veröffentlichungs- und Finanzierungsdruck als Hobby verfolgen kann. “Ich durchlebe Phasen in denen ich die akademische Welt sehr vermisse und manchmal wünsche ich mir, für ein paar Monate zu verschwinden und nichts anderes zu tun als zu forschen. Allerdings habe ich den starken Eindruck, dass einige meiner Freunde auf festen Forschungsstellen auch sehr viel Zeit mit anderen Dingen als Forschung verbringen. Ich versuche einen pragmatischen Ansatz in Bezug auf meine Situation zu verfolgen und meine Forschung zu genießen wann immer ich die Gelegenheit dazu habe. Ein Vorteil den ich dabei habe ist, dass ich mich einfach nur darauf konzentrieren kann, bestmögliche Arbeit zu liefern, ohne dass ich mir Sorgen machen muss über Finanzierungs-Deadlines, Impakt-Faktoren etc.”

Die negativen Auswirkungen der Existenzängste und des Publikationsdrucks auf die Qualität von Wissenschaft wurde auch jüngst in einer Umfrage im Kontext der Petition “Perspektive statt Befristung” hervorgehoben, die im vergangenen Jahr mehr als 25.000 Unterschriften für eine Verbesserung der Lage der Nachwuchsforscher sammeln konnte. Nur 19 Prozent der 1700 Teilnehmer der Umfrage stimmte nicht der These zu, dass unsichere Beschäftigungsverhältnisse wissenschaftliches Fehlverhalten fördern. Von den restlichen 81 Prozent gaben wiederum 41 Prozent an, diesen Zusammenhang von Befristung und Fehlverhalten schon einmal selbst erlebt zu haben.

Deckblatt der Studie zur Befristung im Wissenschaftsbereich, Raupach et al. 2014© http://www.perspektive-statt-befristung.de/Exzellenz_braucht_Existenz__online.pdfDeckblatt der Studie zur Befristung im Wissenschaftsbereich, Raupach et al. 2014

Die charakteristischen Probleme des Postdoc-Systems sind tatsächlich keine spezifisch deutschen. Die Ergebnisse der Umfrage der auf Deutschland ausgerichteten Petition stimmen beispielsweise wesentlich mit einem Report der U.S. National Academies überein, der Ende letzten Jahres veröffentlicht wurde. Auch dort wird eine grundlegende Reform des Postdoc Systems gefordert. Die Gesamtdauer befristeter Postdocbeschäftigungen solle auf fünf Jahre beschränkt sein. Es solle sichergestellt werden, dass Postdocs während dieser Zeit tatsächlich weiterführend ausgebildet werden, stärkere Unterstützung in ihrer Karriereplanung bekämen und angemessen ihrer Qualifikation und ähnlich wie andere Vollzeit-Angestellte bezahlt würden, inklusive Krankenversicherung, möglicher Elternzeit und Altersvorsorge. Diese Forderungen wurden offenbar in dieser Form bereits in früheren Reports aufgestellt, ohne dass sich an den bestehenden Problemen seitdem grundlegend etwas geändert hätte.

Dass sich das internationale “Postdoc-Problem” schnell auflösen wird, scheint demnach wenig wahrscheinlich zu sein. Zumindest für die deutschen Nachwuchsforscher wäre es allerdings bereits ein großer Fortschritt, wenn die numerische Diskrepanz zwischen befristeten und unbefristeten Stellen in Deutschland reduziert würde und entsprechend der Traum, nach den internationalen Wanderjahren als Wissenschaftler wieder in die Heimat zurückkehren zu können, etwas weniger illusorisch erschiene. Mit der Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetz hat die Bundesregierung nun die Gelegenheit, ihren Beitrag hierfür zu leisten und damit nicht nur die Lebensqualität der Nachwuchsforscher, sondern wohl gleichzeitig auch die Qualität deutscher Forschung zu verbessern.

 


 

Ergänzende Links (englisch):

Science Training and Mental Health (Artikel)

Depressed Academics (Blog)

Academia and Mentall Illness (Linksammlung)

 

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13 Lesermeinungen

  1. Abenteuer Wissenschaft
    Ich habe mich gerade noch rechtzeitig und mit sehr viel Glueck im Ausland auf eine feste Stelle retten koennen, aber die Ochestour als Post-Doc steckt mir noch in den Knochen. Daher zunaechts meinen Dank fuer die sehr praezise Darstellung des Post-Doc-Problems.

    Bei dieser Danksagung wuerde ich es belassen, haette ich nicht auch die Beitraege einiger Foristen gelesen, die das Post-Doc-Problem in die Verantwortung der Post-Docs legen wollen: wuerden sich nicht mehr Post-Docs an den Traum einer Karriere in der Wissenschaft klammern, als es Bedarf an Wissenschaftlern gibt, gaebe es auch das Post-Doc-Problem nicht. Das ist zwar richtig, aber nur so wie es auch richtig waere, festzustellen, dass, wenn sich nicht mehr Menschen an den Traum eines Arbeitsplatzes klammern wuerden, als es Arbeitsplaetze gibt, es auch keine Arbeitslosigkeit gaebe. Wir haben es hier mit einer Falschverortung der Ursache des Problems zu tun. Die liegt nicht auf Seiten derer, die erfolglos Arbeit suchen, sondern auf Seiten einer gesellschaftlichen Verkehrsform, in der jeder einen Arbeitsplatz braucht, von denen es aber nicht genug gibt. Auf das Teilsystem der Wissenschaft uebertragen: deren Institutionen bringen eine Reservearmee von Leuten in praekaeren Lebenssituationen hervor (Post-Docs, Privatdozenten, Lehrbeauftragte, etc), auf die diese Institutionen allerdings essentiell angewiesen sind, weil sie ohne diese zusammenbrechen wuerden. Die Analyse des Problems muss daher am System ansetzen, und nicht an der moralischen Konstitution derer, die bereit und faehig sind, sich auf das Abenteuer einer wissenschaftlichen Karriere einzulassen. Die Alternative, auf dem regulaeren Arbeitsmarkt um einen Arbeitsplatz zu konkurrieren, fuer den man schon seit Erhalt des Doktortitels uberqualifiziert ist, ist selbst im Erfolgsfall nur eine Scheinalternative. Am Ende naemlich ist doch irgendjemand arbeitslos.

    PS: Wir haben gerdae wieder lernen koennen (Oxfam-Studie, FAZ von vorgestern), dass die 80 vermoegedsten Leute ueber mehr Vermoegen verfuegen, als der gesamte Rest der Menschheit. Wir haben es hier insgesamt mit einem massiven Allokationsproblem zu tun.

  2. Trifft es genau
    Die Autorin beschreibt die Situation sehr treffend und deckt sich mit meiner persönlichen Erfahrung.

    Ich habe über die Jahre in den USA (6 Jahre = 2×3 Jahre, 1. Stelle ca. 150 Mitbewerber, 2. Stelle ca 500 Mitbewerber) und der Schweiz (2 Jahre, ca 150 Mitbewerber) gearbeitet, bis ich dann tatsächlich eine der wenigen guten permanenten Stellen (125 Mitbewerber) erhalten habe. Man kann sich die Wahrscheinlichkeit für diesen Weg relativ einfach ausrechnen. Viele Freunde, die exzellente Arbeit geleistet haben, sind auf der Strecke geblieben, und rechnen sich diesen Misserfolg als eigenes Versagen an.
    Einige Jahre später sind dann Leute, die deutlich geringere Leistung erbracht haben, auf gute Dauerstellen geraten. Diese „Konjunktur“-Zyklen spülen dann auch Leute auf Stellen, auf denen sie mit Ihrer Leistung nichts zu suchen hätten und die Qualität in den Keller ziehen.

    Eine Lösung wäre gering aber ausreichend bezahlte Dauerstellen, die unbequem genug sind, mit der Möglichkeit zum Aufstieg. Aber es muss dann am Ende auch die Möglichkeit geben, ein mit der Industrie vergleichbares Einkommen zu erzielen. Es kann nicht sein, dass ein Kollege nach Promotion an der ETH Zürich mit Auszeichnung , 3 Jahre MIT und 2 Jahren Tokyo University mit wirklich ausgezeichneter Leistung nach Deutschland zurückkehrt um dann auf einer Professur weniger zu verdienen als ein Grundschullehrer. Die Belohnung für diesen Einsatz ist selbst für die bestbezahlten Kollegen zu gering.

    Natürlich gehören Leitungswillen, Talent und Glück dazu, um seinen Weg zu machen, und nicht jeder wird in der Lage sein die Geige so zu spielen, dass andere ihm zuhören mögen. Die Leistungsbereitschaft und Einsatz sollte aber nicht so bestraft werden, wie dies im Augenblick der Fall ist. Die Gesellschaft hat in unerhörter Weise von dem Fortschritt der Wissenschaft profitiert. Es wäre an der Zeit, dass die Gesellschaft sich wieder dieser Tatsache bewusst wird und die Leistung dieser jungen Leute honoriert.

  3. Gut für die Stelleninhaber (?)
    Natürlich sehen viele Stelleninhaber in den PostDocs hautpsächlich günstige Arbeitskräfte!
    Wenn sie selbst mit administrativen Aufgaben, Anträgen und Gutachten komplett beschäftigt sind und somit kaum Zeit für die Forschung haben, muß die halt jemand Anderes machen. Aber so wenig wie sich Qualität der Forschung mit ein paar Kennzahlen messen läßt, so wenig kann man auch gesetzliche Richtlinien aufstellen, wie denn eine angemessene Förderung des Nachwuchses aussehen müßte.
    Bei dem deutschen Ordinarienprinzip kann es jedenfalls vorkommen, daß ein PostDoc, der auf seiner bisherigen Stelle ein richtig großes und vielversprechendes Projekt erfolgreich gestartet hat, beim Antritt der nächsten zu hören bekommt, er solle doch bitte erst einmal seine „Altlasten“ loswerden und sich brav in die laufende Arbeit eingliedern. Oder daß ein ausgeiesener Experte in einem neuen Sonderforschungsbereich die Leitung der Gruppe seines Spezialthemas öffentlich verweigert bekommt mit der Begründung, er sei ja nur PostDoc und habe keine feste Stelle. Beide Fälle habe ich persönlich gesehen – und auch, daß es gut gelingen kann, sich mit Mittelmaß, einem offenen Ohr für die Wünsche der jeweiligen Institutsleitung und „gutem Sitzfleisch“ schließlich eine feste Stelle zu sichern. Dagegen können Kreativität (vor allem dann, wenn sie unkonventionell ist), eine eigene Meinung und die Orientierung vorrangig am Ziel der Forschung (was die Wahl der Mittel und der Orte angeht) deutlich kontraproduktiv wirken. Es ist also noch nicht einmal so, daß man durch das aktuelle System besonders gute Forschung erhält (wenn auch „leider, leider“ unter gewissen Verlusten – bei anderen).
    In Deutschland könnte dies zu einem Teil entschärft werden, wenn eingeworbenes Geld in die Verantwortung des Antragstellers käme (und nicht in die des Institutsleiters), allgemein vielleicht dadurch, daß die pseudoobjektiven „Meß“kriterien für wissenschaftliche Leistung mit ihrem Wildwuchs an überflüssigen Publikationen, Evaluationen, Gutachten zurückgedrängt würden. Die dafür derzeit vergeudete Zeit könnte wieder der Forschung und der Zusammenarbeit dienen. Vor allem aber gehörte zum zweiten Punkt, daß einfach eine breitere Basis an Finanzierung und Stellen bereitgestellt wird (insbesondere im schon angesprochenen Mittelbau). Wer aus egal welchen Gründen aus dem System fällt, ist in den meisten Fällen von einem auf den anderen Tag völlig auf sich gestellt und muß in einer neuen Welt überleben, von der er bis dahin nichts kennt.

  4. Hinzu kommt ein Wettbewerbssystem, das bloßen Erfolg, jedoch nicht wirkliche Leistung prämiert
    Neben den im Artikel sehr treffend geschilderten Problemen, gibt es ein generelles Anerkennungsproblem in dem Wissenschaftsbetrieb, der Leistung nur (noch) pseudoobjektiv misst, tatsächlich jedoch Erfolg mit weiterem Erfolg prämiert.

    Am Ende der eigenen Laufbahn wird nicht die persönliche wissenschaftliche Exzellenz (mit einer Dauerstelle) prämiert, sondern in dem inzwischen restlos vermarklichten Wissenschaftsbetrieb sondern ein Erfolg, der sich überwiegend in Kategorien der bloßen sozialen Durchsetzung bemisst, wie etwa Anzahl der Publikationen, Menge an eingeworbenem Geld und Akkumulation von Aufmerksamkeit. Hinzu kommt in Deutschland eine sog. Frauenförderung, die in vielen Fällen auf eine aktive Männerdiskriminierung hinausläuft, zumindest ein weiterer Aspekt ist, der das Leistungswettbewerbsprinzip unterminiert.

    So begründet sich die Depression, oder zumindest der Frust vieler hochengagierter Forscher, nicht zuletzt in der Erfahrung, dass es für den eigenen Erfolg in dem System auf die eigene Leistung und Exzellenz gar nicht so sehr ankommt oder ankam.

    Einfach gesagt, viele Forscher haben sich über lange Jahre maximal angestrengt und auf vieles andere dafür im Leben verzichtet und müssen am Ende doch erkennen, dass es vergeblich war. Denn auch im Wissenschaftsbetrieb gilt inzwischen das einfache Mantra des Handelsvertreters: „Nicht derjenige verkauft die meisten Burger, der die besten Burger macht, sondern derjenige, der die meisten Burger verkauft.“

  5. Wenn es zu viele Postdocs gibt ..
    „Es ist eine traurige Tatsache, dass es im Verhältnis zu den exististierenden festen Stellen im Forschungsbetrieb viel zu viele Postdocs gibt.“

    .. ist dann nicht der richtige Ansatz, weniger Postdocs an den Start gehen zu lassen. Ich will keinen beleidigen, es klingt nur so ähnlich wie bei Sängern und Schauspieler_innen, die ‚wissen‘, dass sie der nächste Superstar werden um dann bis ans Lebensende zu kellnern.

    Es gibt mittlerweise so viele aussergewöhnlich brilliante Menschen, dass da ein ‚Durchschnittsgenie‘ kaum Chancen hat. Ausserdem ist das wichtigste: Durchhaltevermögen, Durchhaltevermögen, Durchhaltevermögen. Die Welt wartet nicht auf den nächsten Einstein, und neue Erkenntnisse werden früher oder später von diesem oder jenem Wissenschaftler entdeckt.

  6. Sei schlau, Finger weg von Wissenschaft und Kunst.
    Vielleicht muss man das Problem der Postdocs auch als soziale Minderbegabung verstehen, nämlich die beharrliche Weigerung, auf („niedere“) Werturteile außerhalb der Wissenschaft zu hören. Wer – wie ein ehemaliger Kollege – drei Sprachen fließend spricht, ein brillanter Naturwissenschaftler ist und zudem leistungsbereit, der sollte dahin gehen, wo man ihn mit offenen Armen und vollen Lohntüten empfängt: in die Wirtschaft.

    Ich bin nur in einem Punkten „besser“ als mein ehemaliger Kollege: ich bin weniger idealistisch und damit weniger ausbeutbar. Jetzt habe ich einen interessanten, lukrativen und dauerhaften Arbeitsplatz, keine Zukunftssorgen und zwei Kinder. Früher war ich auf ihn neidisch, heute dürfe es umgekehrt sein.

    • Titel eingeben
      Ich glaube die meisten Menschen, die freiwillig in der Wissenschaft bleiben, tun dies aus Interesse – spätestens Doktoranden sollte es eigentlich klar sein, auf was sie sich einlassen, wenn Sie weiter an der Hochschule oder einem Forschungsinstitut bleiben. Und für manche Fachbereiche hat die Wirtschaft keinen Verwendungszweck (bzw. wären die Einschränkungen in den meisten Fällen nicht akzeptabel).

      Zumindest für mich ist ein Reiz der Hochschulforschung (und das schließt auch Forschungsinstitute zumindest zum Teil ein) ist die Freiheit, seinen eigenen Ideen nachzugehen. Natürlich gibt es Einschränkungen (insbesondere finanzielle durch Fördermittel, Publikationsdruck etc), aber letztendlich hat man doch sehr viele Möglichkeiten.

      Die „niederen Werturteile“ (die nicht nur Postdocs sondern auch Dozenten und Professoren zu hören bekommen – letztere vielleicht nicht in Deutschland, aber anderen Ländern) sind deswegen verletzend, weil sie zeigen, welchen Stellenwert Wissenschaft und Forschung in der Gesellschaft haben. Für manche Menschen ist wissenschaftlicher Erfolg wichtiger als finanzieller Erfolg; wer viel Geld verdienen will, der ist in der Wissenschaft ganz sicher falsch und sollte etwas anderes machen – auf gar keinen Fall promovieren oder postdocken.

      Wenn ich mir meinen Abiturjahrgang anschaue, haben sicher sehr viele deutlich mehr Karriere gemacht (wenn man dies rein finanziell sieht), aber ich wollte dennoch mit keinem tauschen.

  7. Hochschulen/Professoren könnten schon jetzt eine Menge tun
    Selbstverständlich ist eine Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes wichtig, genauso wie die Finanzierung der Universitäten (Stärkung der Grundfinanzierung); aber schon jetzt könnten die ProfessorInnen sowie die Universitätsleitungen eine Menge tun, um dieses Problem zu entschärfen: Der Wissenschaftsrat hat schon vor einigen Jahren empfohlen, PostDocs, die regelmäßig Drittmittel einwerben, eine unbefristete Stelle zu geben; genauso bei Instituten, die sich erheblich durch Drittmittel finanzieren, sollte dies möglich sein.
    Nur man muss ganz klar sagen, dass die Universitätsleitungen und die ProfessorInnen dies nicht wollen – aus diffusen Ängsten, aber auch aus der Meinung heraus: Wer entfristet wird, ist satt.
    Da muss ein Paradigmenwechsel stattfinden.

  8. Danke
    Wer nicht von psychischen Krankheiten gefährdet wird, findet in diesem Beitrag in den ersten drei Paragraphen eine präzise Zusammenfassung des Post-Doc-Problems.

    Danke für den Beitrag.

    Post-Doc ist eine wunderbare Station in der wissenschaftlichen Karriere. Die psychischen Konditionen könnten verglichen werden mit der körperlichen Situation in Sweat Shops.

    Ein Umdenken ist notwendig, denn wie soll Europa sonst ihre Ressource Forschung weiter ausbauen, wenn Kandidatinnen und Kandidaten sich umentscheiden, krank werden, oder auswandern?

  9. Titel eingeben
    Vielen Dank dafür, die Öffentlichkeit ein wenig für das Problem derjenigen, die eine Karriere in der Wissenschaft anstreben, zu sensibilisieren. Ich kenne die Probleme, die Sie hier beschreiben, aus eigener Erfahrung kenne – auch wenn ich sehr viel Glück hatte und den Aufstieg in eine faculty position geschafft habe (das Belächeln geht aber weiter – die meisten Nicht-Wissenschaftler halten eine Karriere in academia nicht für eine Karriere und man wird weiterhin gefragt, wann man denn mal “etwas richtiges” macht).

    Meiner Meinung nach ist eines der größten Probleme die Pyramidenstruktur der Wissenschaft, insbesondere in Deutschland (im UK und den USA gibt es wenigstens lectureships/assistant professors, und generell deutlich mehr richtige Stellen). Aber dieses System wird kritisiert seit ich mich daran erinnern kann – und trotzdem passiert eigentlich nichts. Im UK gibt es das “Concordat”, mit dem sichergestellt werden soll, dass Postdocs besser ausgebildet und gefördert werden sollen (https://www.vitae.ac.uk/policy/concordat-to-support-the-career-development-of-researchers) – aber ich weiß nicht, ob das wirklich hilft.

    Ein Problem ist die Finanzierungsstruktur: Drittmittel (was für uns praktisch die einzige Finanzierung sind) sind Projektbezogen und dadurch ist es schwierig, Postdocs richtig zu fördern – sie müssen an dem entsprechenden Projekt arbeiten, und das hat letztendlich Priorität vor allem anderen. Ich glaube daher kaum, daß gesetzliche Regelungen zur Arbeitszeit oder befristeten Verträgen hier zu einer Verbesserung führt, sondern eher eine bessere finanzielle Ausstattung und eine Reform der Struktur der Hochschulen, bei der wieder ein größerer (und fest angestellter) Mittelbau eingeführt wird. Idealerweise sollte es auch Karrieren an Hochschulen geben, die nicht zwingend zur Professur führen. Aber wenn ich mich richtig erinnere gab es diese Forderungen auch schon vor 20 Jahren ….

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