Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Die neue Art, sich am Leben zu verkünsteln (1)

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Künstler als Speerspitze der Gentechnik? Mit „Bioart“ versuchen Harvard-Forscher, den Diskurs um das Biodesign von Lebewesen voranzutreiben – und stellen die Kunst damit auf eine harte Probe.

Die Wissenschaft soll also für die Wahrheit, die Kunst für das Vergnügen zuständig sein, ganz so wie es sich Gotthold Ephraim Lessing ausmalte? Die Deutsche Forschungsgemeinschaft nutzt das Bonmot des Dichters und Aufklärers, um auf eine Ausstellungsreihe aufmerksam zu machen, die sie seit sage und schreibe 23 Jahren in ihrer Geschäftsstelle veranstaltet. Ihr Titel: „Wissenschaftskunst“ [Corrigendum: WissenSchafftKunst). Tatsächlich vermittelt dieser Titel viel mehr Nähe, als es das Gegenmodell der Arbeitsteilung vorgibt. Dass das Verhältnis von Wissenschaft und Kunst in der Tat eine ganze Menge – vielleicht könnte man sogar sagen: mehr denn je – Berührungsflächen bietet, hat unsere Planckton-Autorin Sibylle Anderl in ihrer multimedialen Doppelportrait-Reihe „WissensARTen“ bereits eindrucksvoll gezeigt. Kreativität und Neugier sind demnach der perfekte Treibstoff für beides, für Wissenschaft wie für die Kunst. Aber es ist eben nicht nur das, was sie verbindet.

"Biokunst" auf dem Klimagipfel in Paris.© Fotos Joachim Müller-Jung„Biokunst“ auf dem Klimagipfel in Paris.

Die Perspektiven der Akteure auf ihr jeweiliges Sujet sind auf faszinierende Weise komplementär, keineswegs nur von Ästhetik und Subjektivität auf der einen beziehungsweise von zwanghafter Suche nach Regelhaftigkeit und Objektivität auf der anderen Seite bestimmt. Mithin gibt es auch Schnittflächen, die offenkundig von einer ganz besonderen Anziehungskraft auf beide geprägt sind. Schnittflächen, in denen Kunst und Wissenschaft es darauf anlegen, regelrecht miteinander verwoben zu werden.

Die Lebenswissenschaften bieten so eine Fläche. Das Stichwort dazu lautet „Bioart“. Darunter ist nicht etwa die Kunst gemeint, ein gesundes Leben führen zu können, wie man das nach einer Google-Suche des Begriffs erwarten darf, vielmehr handelt es sich um eine ganz besonders wissenschaftsaffine Kunstform. Man könnte auch umgekehrt sagen: Es geht um ausgesprochen künstlerische Forschungsarbeiten, um Biodesign. Eine spannende Mischung, so oder so. In der Zeitschrift „Trends in Biotechnology“ haben kürzlich Ali Yetisen und Seok Hyun yun, beide aus dem Labor des Harvard-Genforschers George Church, einem der weltweit einflussreichsten und unternehmerisch aktivsten Protagonisten der sogenannten synthetischen Biologie, zusammen mit dem Künstler Joe Davis eine Art Programmatik einer modernen „Bioart“ präsentiert. Der Anlass dafür ist erstaunlich genug: „Bioart“ wird an immer mehr (mehrheitlich amerikanischen) Instituten und Universitäten als eigenständige akademische Fachrichtung beforscht und gelehrt. Die Federation of American Societies for Experimental Biology (FASEB) richtet jährlich einen Bioart-Wettbewerb aus.

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Im Kern geht es bei Bioart darum, lebende Geschöpfe mit wissenschaftlichen Methoden zu bearbeiten und als Kunstobjekte zu instrumentalisieren. Also: Mit gentechnisch veränderten Mikroorganismen mehr oder weniger neutrale Bilder zu kreieren oder mutierte Amphibien als ästhetisch anstößiger Ausdruck einer genveränderte Zukunft zu stilisieren, sind beides mögliche Zugänge der Bioartisten. „Irdisches Leben selbst wird zu einer Art schwarzes Brett“, schreiben Yetisen und Seok, für all die ethischen, philosophischen, sozialen oder ästhetischen Implikationen, welche die moderne Biotechnologie mit sich bringt.

Bioart als ein Protest, „als kulturellen Kommentar politischer Aktivisten“ gegen den Technisierungswahn war dabei stets ebenso denkbar wie das Umgekehrte: die pure Ästhetisierung und neutrale Illustrierung des Fortschritts. Und ausnahmslos sind es Lebewesen, die instrumentalisiert werden – ein Faktum, das für sich schon immer wieder Grund für viele war, die populärer werdende Bioart scharf zu attackieren. Angesichts der modernen gentechnischen Verfahren wie Cripr-Cas, die ganz neue Möglichkeiten bieten, einfach und zielgenau wie niemals zuvor, Lebewesen zu schöpfen, lässt sich leicht ausmalen, dass diese Proteste nicht geringer werden. Und auch dies dürfte für Church, der als Mitautor der Bioart-Veröffentlichung zeichnet, eine zusätzliche Motivation gewesen sein, die Lebenswissenschaftskunst als „produktive Arbeit“ zu propagieren, „in der die konventionellen Begriffe über Wissenschaft und Kunst neu transzendiert und evaluiert werden“. Dabei sieht man sich in einer langen Tradition: Denn schon ebenjener Alexander Fleming, der das Penicillin entdeckt hat, nutzte schon 1928 Mikroben, um in Laborgefäßen oder auf saugfähigem Papier die Macht der Pilzkulturen zu demonstrieren: Der Untergrund wurde mit dem Antibiotikum so präpariert, dass die Bakterien in vorgegebenen Strukturen gediehen: später sichtbar als Strichmännchen oder Häuserillustrationen auf dem Nährmedium.

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Noch manipulativer war offenkundig Edward Steichens „genetische Kunst“. Der Fotograf, der 1936 seine erste Bioart-Ausstellung im Museum of Modern Art in New York hatte, zeigte Zuchtvarietäten des Rittersporns als die ästhetische Zurichtung des Lebens durch den Menschen. Auch „Umweltartisten“ werden bemerkenswerterweise als Kronzeugen des Bioart-Konzeptes angeführt: von Hans Haacke über Christo, der Inseln mit Plastik zupflasterte, bis James Turrell mit seinen manipulierten Vulkankratern, die es demzufolge allesamt verstanden, die Umgestaltung natürlicher Landschaften zu einem Motiv für das erwachende Umweltbewusstsein zu machen.

So richtig ins Rollen kam die in den Labors entstandene Bioartisten-Bewegung nach dem Dafürhalten der Harvardforscher schließlich erst, als sich die Wege von Wissenschaftlern und Künstlern tatsächlich kreuzten und das Ganze eine bis dahin ungekannte Popularität erhielt. Bei Eduardo Kac ging das Ende der neunziger Jahre und zu Beginn dieses Jahrhunderts fast sogar schief. Seine „transgene Kunst“, die er zusammen mit Genforschern ins Werk setzte und mit der er in „Genesis“ etwa Darmbakterien mit dem genetisch codierten Text eines Bibelzitats ausrüstete sowie grün floreszierende Kaninchen hervorbrachte, war bald unter Beschuss geraten. Der Vorwurf: Illegale Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen. Ähnlich ging es anderen schon vorher. Joe Davis und die Harvard-Genetikerin Dana Boyd hatten schon in den achtziger Jahren gentechnisch manipulierte Kolibakterien als „Informationsüberträger“ für mögliche extraterrestrische Intelligenzen konzipiert. „Microvenus“ nannten sie ihre transgenen Mikroben. In die Bakterien waren Plasmide eingefügt worden, die ähnlich wie in den Voyager-Sonden der Nasa binäre Kodierungen enthielten, mit denen Symbole für Leben und Weiblichkeit dargestellt wurden.

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Microvenus war überhaupt der erste Laborbeweis, dass Informationen in Bakterien eingefügt und wieder extrahiert werden konnten. Allerdings verließen die genetischen Kunstwerke der beiden wegen der Sicherheitsbedenken (und weil sie Gegenstand eines seriösen wissenschaftlichen Projektes bleiben sollten) nie das Raumschiff Erde. Davis hat seine DNA-Projekte später unter anderem mit dem deutschen Biologen Stefan Wölfl im Wittig-Labor an der Freien Universität forgesetzt. Zusammen haben sie die dereinst von Max Delbrück und anderen ersonnenen „Gedankenexperimente“ umgesetzt, das Genmaterial als materielles Vehikel von Sprachinformationen zu nutzen. Für die Harvard-Ausstellung „The Riddle of Life“ (Das Rätsel des Lebens) haben Wölfl und Davis schließlich 1994 zwei Sätze im Bakterienplasmid kodiert: „I am the Riddle of Life. Know me and you will know yourself.“ Im Genom kodiert – und wieder ausgelesen mit den seinerzeit modernsten Genentschlüsselungsverfahren.

Natürlich setzte sich diese Art der Ästhetisierung von Gentechnik schon damals dem Vorwurf der Heorisierung und Parteinahme aus. Der Vorwurf wog umso schwerer, als die Kunst damit in den Verdacht geraten war, als gesellschaftliches Vehikel für Technologien dienen zu müssen, die mehr als nur sicherheitsrelevant waren. Dass sie in den Sog der Biowaffendiskussion geriet, konnte kaum ausbleiben. Bioart wurde so zunehmend politisch – und politisiert. Und hier nun darf man getrost auch jene Arten von Biotechniken ansiedeln, um die es den Harvard-Autoren in ihrer Publikation nun  geht. Um biologische Hochtechnologie in toto, vom Tissue Engineering bis zu den Präzisionsinstrumenten der Genchirurgie und den Do-it-Yourself-Gentechnik-Kits, die es längst im Versandhandel zu kaufen gibt. All diese biotechnischen Innovationen haben bereits begonnen, die Möglichkeiten der Bioartisten sukzessive zu erweitern. Die Harvard-Autoren schreiben dazu: „Im Jahr 2003 hat Davis vorhergesagt, dass die Biokünstler irgendwann anfangen werden, funktionale Genome zu schaffen sowie Organsimen, die aus dem Nichts erzeugt werden oder gar Lebewesen, die nach völlig neuen Lebensprinzipien organisiert sind. Noch gibt es zwar viele offene Fragen in der Beziehung von Biologie und Kunst, aber diese Vorhersage ist der Realität näher als jemals zuvor.“

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Die Idealvorstellung der Harvard-Autoren ist es, die Rolle der Wissenschaftskunst über die reine Fortschrittskritik oder die biotechnische Anwendung von Erkenntnissen hinaus zu erweitern. Biokunst möge „der Wissenschaft am Ende helfen, sich selbst besser zu verstehen“. So lautet der Schlusssatz in der Publikation. Wer den Bioingenieur George Church kennt, kann dies nur als Aufforderung an die eigene Zunft verstehen, möglichst kreativ weiter zu experimentieren an der molekularen Grundsubstanz des Lebens. Die Kunst also als Spielwiese für das genetische Design neuer, synthetischer Organismen? Wie stark ausgeprägt ist wohl ihr Helfersyndrom angesichts solcher Visionen? Die Kunst dürfte auf eine harte Probe gestellt werden.

Bioart, das könnte allerdings auch etwas ganz anderes sein. Ganz ohne Labor. Im zweiten Teil über Bioart wird es um die Kunst gehen, die Ergebnisse der Gen- und Genomforschung mit Hilfe eines eigenständigen künstlerischen Konzeptes völlig neu zu interpretieren. „Crossing over – ein Metasystem von Genen und Kunst“ des deutschen Künstlers PerZan alias Knut Panzer ist so ein Konzept.

 

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Und zum Schluß noch ein großes Dankeschön an unsere Leser und Fans: „Planckton“ hat bei der Wahl zum „Wissenschaftsblog des Jahres 2015“ den zweiten Platz belegt. Mit mehr als fünfhundert Stimmen haben Sie uns auf der Seite von Wissenschaft kommuniziert den „Wissenschafts-Block in Silber“ beschert.

Vielen Dank für Ihre Unterstützung, sagen Ihre Autoren Sibylle Anderl, Jochen Reinecke und Joachim Müller-Jung!

 

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1 Lesermeinung

  1. Die Kunst das humane Maß zu finden ist wohl die schwierigste Kunst für uns Human...
    unserer Namenberufung gerecht zu werden und dementsprechend
    zu handeln.
    Atomkraft, Wasserstoffbomben, Energiekriege, Biodesign…
    Es gibt für alles Gründe und Gegengründe.
    Ich persönlich denke, Geist-Eliten-Parallelgesellschaften leben
    erhaben über unser aller Verhältnisse, weil sie unter ihren
    Möglichkeiten selbstzufrieden und gut „sicherheitabstandgeschützt“
    leben können dürfen.
    Die Geistkapazität(en) wird/werden z.Zt. nicht im Bereich Biodesign gebraucht.
    Human-Neugier-Human-Kreativität-Human-Mit-Verantwortung…
    Human-Welt-(Vernunft-)Geist-Gleichgewicht ohne Geistelite(n)?

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