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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Ist dunkle Materie weiblich?

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Der Tod der Astronomin Vera Rubin gibt Anlass zu Diskussionen: Brauchen wir dunkle Materie? Wer sollte einen Nobelpreis bekommen, und warum gibt es so wenige Nobelpreisträgerinnen?

Mittlerweile haben wir es auch statistisch belegt (siehe BBC Studie beruhend auf vorbereiteten Nachrufen, Statistik-Blog beruhend auf Wikipedia-Einträgen): 2016 war nicht nur in der kollektiven Wahrnehmung der sozialen Medien ein besonders tödliches Jahr für viele Prominente. Auch wenn wohl vielen in Zusammenhang mit dieser These als Erstes Größen der Popkultur wie David Bowie, Prince, George Michael oder Carry Fisher einfallen, hatte auch die Wissenschaft kurz nach Weihnachten den Verlust einer wegweisenden Persönlichkeit zu beklagen. Am 25. Dezember starb im Alter von 88 Jahren die Astronomin Vera Rubin, die von vielen etwas verkürzt als Entdeckerin der dunklen Materie bezeichnet wird.

2016 - ein besonders tödliches Jahr, wenn man sich anschaut wie viele vorbereitete Nachrufe bei der BBC zum Einsatz kamen. (Screenshot, http://www.bbc.com/news/magazine-38329740)© BBC2016 – ein besonders tödliches Jahr wenn man sich anschaut, wie viele vorbereitete Nachrufe bei der BBC zum Einsatz kamen. Grafik BBC

Tatsächlich hatte Rubin seit den späten 1960er Jahren zusammen mit ihrem Kollegen W. Kent Ford, Jr. die Bewegungen der sichtbaren Materie in unserer Nachbargalaxie Andromeda beobachtet. Die Bewegung der Materie in einer Galaxie lässt sich bei bekannter Massenverteilung relativ einfach aus dem Gravitationsgesetz herleiten. Wenn man die Massenverteilung auf der Grundlage der Materie bestimmt, die man sehen kann, kann man daher berechnen, wie Sterne, Staub und Gas sich auf ihren Bahnen um das galaktische Zentrum bewegen sollten. Bei Spiralgalaxien würde man ein Verhalten erwarten, das man auch bei unserem Sonnensystem beobachtet: wie bei den um die Sonne kreisenden Planeten sollte die Rotationsgeschwindigkeit nach außen hin abnehmen. Wäre dies nicht der Fall, würde irgendwann die Gravitation durch die Fliehkräfte dominiert werden, und das System würde auseinander fliegen. Als Rubin und Ford aber die Rotationsgeschwindigkeiten der Materie der benachbarten Andromeda-Galaxie bei verschiedenen Entfernungen vom Zentrum ermittelten, stellten sie fest, dass diese Geschwindigkeiten mit zunehmendem Abstand etwa konstant blieben: die Materie in den Außenbereichen der Galaxie bewegt sich so schnell wie im Zentrum (Paper). In den 1970er Jahren fanden Rubin und andere Beobachter dieses Verhalten noch in vielen anderen Galaxien.

Rubin hatte mit ihren Beobachtungen der Andromeda-Galaxie nicht die dunkle Materie entdeckt, sondern nur demonstriert, dass mit dem gängigen Bild etwas nicht stimmen konnte. Entweder gibt es erheblich mehr Materie, als man sehen kann, oder das Gravitationsgesetzt selbst muss geändert werden. Welche dieser beiden Möglichkeiten aber die zutreffende ist, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Da die Einstein’sche Gravitationstheorie vielfältig und mit erstaunlicher Genauigkeit in anderen Kontexten bestätigt wurde, neigen viele Wissenschaftler zu der Annahme, dass es eine Form von Materie geben muss, die nicht mit elektromagnetischer Strahlung wechselwirkt und sich nur durch ihre Gravitationswirkung verrät. Das Problem ist bekanntlich aber, dass man nach wie vor nicht weiß, was die physikalische Natur dieser hypothetischen dunklen Materie wirklich ist.

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Durch Rubins Tod wurde diese Diskussion in den sozialen Medien ein weiteres Mal angeheizt, zumal Rubin wohl selbst kein großer Fan des Konzeptes dunkler Materie war. Der Wissenschaftsautor Richard Panek berichtet in einem Ende letzten Jahres im Blog des Scientific American erschienenen Artikel mit dem Titel „Vera Rubin didn’t discover dark matter“ wie frustriert Rubin davon war, dass durchgängig seit den 1980er Jahren die Entdeckung dunkler Materie als ein Ereignis prognostiziert wurde, mit dem innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre zu rechnen sei – ohne dass wir heute, 30 Jahre später, in dieser Frage entscheidend weiter wären. Rubin sah dies anscheinend als ein klares Defizit der Idee der dunklen Materie, ohne dass sie als vermeintliche Entdeckerin einen Drang gezeigt hätte, diese als ihr angebliches Vermächtnis besonders zu verteidigen. Der Artikel wurde von Astronomen in den sozialen Medien sehr kontrovers aufgenommen. Während eine Gruppe in dem Artikel primär Rubins bescheidene Art illustriert sah, bei der unvoreingenommene, wissenschaftliche Neugier etwaige persönliche Eitelkeiten oder Modeströmungen dominierte, verstanden andere den Artikel als Versuch, Rubins wissenschaftliche Errungenschaften klein zu reden.

Dass Rubins Bescheidenheit wohl fast unter das sogenannte Hochstapler-Syndrom (Planckton Artikel hierzu) zu fallen scheint, wird insbesondere in einem Interview des American Institute of Physics deutlich, in dem sie bemerkt, dass sie bei ihrer bahnbrechenden Beobachtung nicht schlau genug war, sofort eine überzeugende Interpretation zu liefern. Auch mit den intellektuellen Fähigkeiten von George Gamov habe sie nicht mithalten können, und auch wenn sie das Universum neu entwerfen könnte, sei sie dafür nicht schlau genug. Unabhängig von der Beurteilung der Intention des Artikels von Panek ist wohl schwer zu leugnen, dass ein solch unprätentiöses Auftreten nicht unbedingt dazu anhält einen besonderen Geniekult zu provozieren. Gleichzeitig erklärt diese ungewöhnliche Bescheidenheit aber die große Popularität, die Rubin insbesondere bei Nachwuchswissenschaftlern hatte. Beispielsweise erinnert sich die Teilchenphysikerin und Kosmologin Chanda Prescod-Weinstein am 4. Januar in einem Blog Beitrag daran, dass Rubin die erste Wissenschaftlerin war, von der sie als junge Doktorandin nach ihrer Meinung gefragt und ernst genommen wurde.

Positionen der entscheidenden Beobachtungen in Andromeda aus Rubins und Fords Artikel von 1970© Rubin & Ford 1970, ApJ 159, 379, Positionen der entscheidenden Beobachtungen innerhalb der Andromeda-Galaxie aus Rubins und Fords Artikel von 1970

Die Unterstützung junger Wissenschaftlerinnen war dabei zeitlebens ein besonderes Anliegen Rubins, die ihre eigene Karriere nur mit großen Hindernissen beginnen konnte. Bereits bei der Wahl ihres Colleges gab es nur wenige Orte, an denen das Studium der Astronomie für eine Frau möglich war. Sie begann ihre Ausbildung am Vassar College, von dem sie wusste, dass hier Maria Mitchell, die erste Astronomieprofessorin Amerikas, gelehrt hatte. Für ihren Master Abschluss folgte sie ihrem Mann nach Cornell, obwohl es an dieser Universität praktisch keine astronomische Forschung gab. Rubin arbeitete entsprechend in dieser Zeit notgedrungen eigenständig zu der Frage, ob es systematische, groß-skalige Bewegungen von Galaxien gibt, wenn man die durch die Expansion des Universums bedingten Bewegungen abzieht. Bis zum Abschluss ihrer Masterarbeit hatte sie nach eigenen Angaben keinen einzigen wirklichen Astronomen getroffen. Entsprechend fehlte ihr all das Wissen über relevante Fragen, akzeptierte Methoden und entscheidende Forschungsarbeiten, das ein Wissenschaftler automatisch erwirbt sofern er Mitglied eines aktiven Forschungsinstitutes ist.

Diesen fehlenden Hintergrund bekam Rubin zu spüren, als sie 1950 auf einem Meeting der American Astronomical Society erstmalig die Ergebnisse ihrer Masterarbeit vorstellte und von den anwesenden Wissenschaftlern nachhaltig entmutigt wurde. Nach dem Master-Abschluss folgte sie ihrem Mann nach Washington, wo sie von George Gamov kontaktiert wurde und mit ihm eine Doktorarbeit zur Verteilung von Galaxien begann. Der wissenschaftliche Themenwechsel war laut Rubin dadurch begründet, dass es für sie damals als Mutter zweier Kinder keine Möglichkeit gegeben hätte, an bessere, für die Erforschung der Galaxienbewegung notwendige Daten zu kommen. Daneben hatten die Anfeindungen, die sie angesichts ihrer Masterresultate erfahren hatte, offenbar Wirkung gezeigt. Erst während ihrer Doktorarbeit gelang es ihr, sich in der astronomischen Community zu vernetzen, aber auch in ihrer weiteren Arbeit versuchte sie, kontroverse Mainstream-Themen möglichst zu vermeiden. In den 1970er Jahren kam sie auf diese Weise zur Erforschung der inneren Dynamik von Galaxien, die sie später als indirekte Evidenz für die Existenz dunkler Materie berühmt machen sollte.

Maria Mitchell, die erste Astronomieprofessorin Amerikas.© Julia Ward Howe - Reminiscences, 1819 – 1899, Public DomainMaria Mitchell, die erste Astronomieprofessorin Amerikas.

Rubin war nicht die erste, die auf die scheinbare Notwendigkeit von dunkler Materie stieß. Der Begriff selbst geht auf den Schweizer Astronomen Fritz Zwicky zurück, der 1933 die Existenz von dunkler Materie aus energetischen Überlegungen, konkret der Anwendung des Virialsatzes auf den Coma-Galaxienhaufen, folgerte. Der Amerikaner Horace W. Babcock beobachtete bereits 1939, das heißt etwa 30 Jahre vor Rubin, die Rotationsbewegung der Materie in Andromeda. Erst Rubins Resultate führten aber dazu, dass sich das Konzept der dunklen Materie in der Astronomie durchsetzte. Ihre Arbeit setzte einen fundamentalen Fortschritt für die weitere Entwicklung der Astrophysik in Gang. Andere Arbeiten, für die Gleiches gilt, wurden in Folge mit dem Nobelpreis geehrt. Darunter fallen auch Arbeiten, die einen indirekten Hinweis auf Phänomene geliefert haben, die wir, so wie die dunkle Materie, nach wie vor nicht verstehen. Ein Beispiel hierfür wäre der Nachweis der beschleunigten kosmischen Expansion, deren Ursache wir nach wie vor nicht kennen. Rubin bekam zwar von Präsident Clinton die US-amerikanische National Medal of Science verliehen, die weit öffentlichkeitswirksamere Ehrung durch das Nobelpreiskomittee wurde ihr jedoch nie zuteil. Prescod-Weinstein äußert sich in ihrem Blog-Beitrag frustriert über diese Tatsache, räumt aber gleichzeitig ein, dass Rubins wahrer Preis war, ihrer wissenschaftlichen Neugier zu folgen und anderen Menschen die Türen dafür zu öffnen, das Gleiche zu tun.

Die verpasste Chance für eine weitere Nobelpreisträgerin? (Screenshot, http://www.nytimes.com/2017/01/04/opinion/why-vera-rubin-deserved-a-nobel.html)© NYTDie verpasste Chance für eine weitere Nobelpreisträgerin? Foto: NYT

Die bekannte theoretische Physikerin Lisa Randall verschaffte der Unzufriedenheit über die Nichtbeachtung Rubins in der Riege der Nobelpreisträger am 4. Januar in der New York Times prominent Gehör. Argumente, die die Nicht-Auszeichnung durch die besondere Struktur von Rubins Entdeckung begründen wollen, konkret dass ihre Entdeckung die Existenz dunkler Materie nicht abschließend beweisen konnte und sie ihre Entdeckung nicht selbst interpretierte, entkräftet Randall durch historische Beispiele von durch den Nobelpreis ausgezeichneter Arbeiten, die eine analoge Struktur aufweisen. Auf ein anderes Argument, dass Rubin weder die Einzige noch die Erste war, die zum Konzept der dunklen Materie beigetragen haben, reagiert Randall mit dem Einwand, dass Rubins Ergebnisse lange Zeit die stärkste vorliegende Evidenz darstellten, und sie davon unabhängig den Preis, wie ohnehin üblich, auch hätte teilen können.

Plot der beobachteten Rotationsgeschwindigkeiten als Funktion des Abstands vom galaktischen Zentrum aus Rubins und Fords Artikel von 1970. Warum bleibt Andromeda stabil?© Rubin & Ford 1970, ApJ 159, 379, Plot der beobachteten Rotationsgeschwindigkeiten als Funktion des Abstands vom galaktischen Zentrum aus Rubins und Fords Artikel von 1970. Warum bleibt Andromeda stabil?

Vor diesem Hintergrund mutmaßt Randall, dass die Tatsache eine Rolle gespielt haben muss, dass Rubin eine Frau ist. Mit diesem Schicksal wäre Rubin wohl nicht die Einzige. Eine analoge Situation gibt es laut Randall in der Teilchenphysik, wo jede größere Entdeckung im Rahmen des Standardmodells mit einem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, bis auf die von der Physikerin Chien-Shiung Wu gemachte Entdeckung der Paritätsverletzung bei schwachen Wechselwirkungen. Von 204 Nobelpreisträgern in der Physik waren nur zwei weiblich. Ein Verhältnis, das in keiner Weise die Geschlechterverteilung der Forschercommunity widerspiegelt und nach alternativen Erklärungsansätzen verlangt. In den sozialen Medien wird die Frage erwartungsgemäß kontrovers diskutiert, inwiefern es in der Verteilung der Nobelpreise wirklich einen „Gender-Bias“ gibt und welche Kriterien für die Zuteilung eines Nobelpreises maßgeblich sein sollten. Im Interview sagte Rubin: „Ich habe mich selbst in relativ kontroversen Positionen wieder gefunden, und ich mag das wirklich gar nicht.“ Es ist tragisch, dass sie diese kontroverse Position selbst nach ihrem Tod nicht hinter sich lassen konnte, auch wenn die Diskussion selbst vielleicht dazu beitragen kann, eine Herzensangelegenheit Rubins weiter voran zu treiben: Jungen Forscherinnen ein weibliches Vorbild zu präsentieren, das ihnen genügend Selbstbewusstsein geben kann, um ihren Weg in der wissenschaftlichen Forschung zu verfolgen.

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18 Lesermeinungen

  1. Korrektur:
    Sorry, Brian Greene durchgehend natürlich mit „e“ am Ende. Sonst Verwechselung mit dem Schauspieler Brian Green. Passiert mir immer wieder.

  2. Preise...ihre Gravitationswirkung...in Abhängigkeit von Vernunft...Geistreife...
    Zitat:
    „Es fällt uns schwer denjenigen der uns bewundert für
    einen Dummkopf zu halten.“ Zitatende.
    Gilt auch für „Selbstbewunderungskreise“…Preise…Mr./Mrs.Olympia…
    Mr./Mrs.Nobel…Film…Funk…Musik…Oscar…der preisgravitationsbeeinflußte Mensch an sich?
    Ver(nunft)stand-Reifestand-abhängig?
    Gibt es Leben“weise(n)“ ohne Preisgravitation?

    Wir leben über unsere Verhältnisse (Relativierungsleben?)
    weil wir unter unseren Möglichkeiten leben?
    Bewußte Gleichgewichtbildung…humane Vernunftbildung?
    Das humane Augenmaß…
    „H““U“MAN…“H“=AGE…A“U“GE…?

    • Der Vollständigkeithalber...zu "H"...
      „Age“ 21…21.Jahrhundert…
      H“ = 21…Hexadezimal weitergezählt…
      …10-A-B-C-D-E-F..16-17-18-19-„G“-„H“-I-J-K-L-26…
      Evolutionszeitgeist…n. (C)“H“(R)…die Auferstehung…
      des „Augenmaßes“…nicht nur zwischen Mr. und Mrs.?:=)

  3. Pingback: Müssen wir einfach nur unsere Perspektiven verschieben?

  4. Müssen wir einfach nur unsere Perspektiven verschieben?
    „Ein Verhältnis, das in keiner Weise die Geschlechterverteilung der Forschercommunity wieder spiegelt…“ Ich denke, da haben Sie sich verschrieben: widerspiegelt sollte es wohl heißen!? Aber das nur nebenbei. Ihre Beiträge sind für mich jedes Mal ein außerordentliches Erlebnis. Ich möchte an dieser Stelle jetzt weniger auf die Nobelpreis-/Geschlechtergerechtigkeit eingehen, obwohl ich glaube, dass es zwischen dieser „Ungerechtigkeit“ und den Schwächen in dieser Wissenschaft einen Zusammenhang gibt. Die Perspektiven scheinen geschlechtsspezifisch. Und sie gehören daher dringend verschoben! Vielleicht nur auf der semantischen, pardon: anekdotischen Ebene einen kleinen Beweis. Wer Lisa Randall und Brian Green vergleichend liest, dem fällt vielleicht auf, dass da wo Brian Greene von den „vibrierenden Strings“ redet, Lisa Randall diese „oszillieren“ sieht. Wie gesagt, nur eine Anekdote. Und es fällt mir auf, dass der gegenwärtig (für mich; ich bin eben ein Mann!) interessanteste Wissenschaftler auf diesen Gebiet, nämlich Stephan Hawking, das alles aus einem Loch heraus (schwarz oder weiß, groß oder klein) entwickelt haben sehen will. Und war da nicht eines Tucholskys „soziologische Psychologie der Löcher“? Und auch Slavoj Zizek scheint fasziniert von den Löchern, pardon: Lücken. Ja, die Fixierung auf die Löcher (und ihre Synonyme), das dürfte männlich sein. Was spräche dagegen, dass eine Frau diese Dinge aus der genau entgegengesetzten Perspektive sieht, der Welt der Dinge, der handfesten Materie (spräche so nebenbei auch für einen weniger idealistisch geprägten weiblichen Verstand)? Ich würde daher ihre Frage vielleicht auch umformulieren in: Ist die (dunkle) Materie weiblich vs. einer vielleicht „männlich“ konnotierten (dunklen) Energie (auch in den „Löchern“)? Oder liegt die Antwort nach Zizek, etwas weniger anzüglich formuliert, in der „Lücke“, entstehend aus der männlich-weiblichen Parallaxenverschiebung? Oder anders formuliert: Müssen wir einfach nur unsere Perspektiven verschieben?

  5. (Wissenschaftlicher) Wert und Preise
    Nicht vergessen sollte man, daß gerade die Nobelpreise einige Besonderheiten haben, die zu gewissen Diskrepanzen zwischen wissenschaftlichem Wert (wie auch immer man den definiert) und tatsächlicher Preisverleihung führen können.

    Einmal ist bereits die Nominierung von früheren Preisträgern dominiert, so daß „selbsterhaltende Systeme“ begünstigt werden. Dann gibt es eine Tendenz des Komitees, für die Preisvergabe abzuwarten, bis eine Entdeckung ihre Bedeutung tatsächlich gezeigt hat (im Widerspruch zum Testament Nobels), die dazu führt, daß kontroverse Themen seltener bedacht und sogar für unstrittige Fälle die Preise oft erst sehr lange nachher vergeben werden (z.B. über 30 Jahre für die „Paul-Falle“).

    Eine Rolle kann auch das Umfeld der Kandidatinnen und Kandidaten spielen: Jocelyn Bell Burnell wurde nicht am Nobelpreis für ihre Entdeckung der Pulsare beteiligt (den teilten sich ihr Betreuer Hewish und ihr Professor Ryle). Andererseits wollte Heinz Maier-Leibnitz, der Professor von Rudolf Mößbauer, nicht am Nobelpreis (für dessen Entdeckung im Rahmen seiner Dissertation) beteiligt werden.

    In einigen Fällen kann man sogar vermuten, daß nicht die wissenschaftliche Leistung alleine bewertet wird, sondern eine wie auch immer geartete Gesamtbeurteilung der Person (ebenfalls im Widerspruch zum Testament Nobels). Prominentes Beispiel hier ist Sir Fred Hoyle, dessen Bedeutung für die Erklärung der Entstehung der chemischen Elemente niemand bezweifelt. Den Nobelpreis dafür erhielt aber einer seiner Mitautoren auf der entsprechenden Veröffentlichung alleine (Fowler). Abgesehen von der „Mainstream“-Theorie der Elemententstehung sah Hoyle etliche Themen deutlich anders als die meisten Physiker-Kollegen (insbesondere seine „Steady-State-Kosmologie“, aber auch eine andere Gravitationstheorie), darüberhinaus hatte er das Nobel-Komitee öffentlich dafür kritisiert, daß es Bell nicht beim Preis für die Entdeckung der Pulsare berücksichtigt hatte.

    Was läßt sich daraus ableiten? Wenn man wirklich etwas Neues zur Wissenschaft beitragen möchte, muß man unerwartete Ergebnisse nicht nur bemerken, und auch sorgfältig analysieren und von Meßfehlern trennen – aber dann muß man je nach Art der Entdeckung auch bereit sein, dies eventuell auch gegen Angriffe aller Art zu verteidigen.
    (Da ich einige Beobachtungen von schlecht sichtbarer Materie gemacht hatte, wurde ich auf eine Konferenz zu Dunkler Materie eingeladen. Der Diskussionsstil einiger Teilnehmer war ausgesprochen „robust“, es kamen Fragen wie: „Hattet ihr für die hier gezeigten Ergebnisse die Meßapparatur überhaupt schon angeschlossen?“)
    In dieser Hinsicht sind Frauen tendenziell vielleicht selbstkritischer und weniger bereit, ihre Ergebnisse „aggressiv“ zu vertreten (habe ich nicht doch etwas übersehen?), was für die Wissenschaft natürlich gut ist, für die öffentliche Anerkennung aber eher schlecht.

    Gerade in den USA ist es üblich (und wohl auch notwendig) bei der Eigenwerbung möglichst dick aufzutragen; neutrales Beispiel: man vergleiche einmal die Pressemeldungen der NASA und der ESA. Die einen bezeichnen selbst ein Teleskop mit Brille als wesentliche Errungenschaft, während die anderen auch bei einer absoluten Premiere wie der Landung auf einem wenige Kilometer großen Felsbrocken nach einem Flug von zehn Jahren und vielen hundert Millionen Kilometern langwierig erklären, warum nicht alles ganz genauso funktioniert hat wie vorgesehen.

  6. Irgendwie gleich?
    Gravitation…Rotation…Fliehkraft…
    Die unterschiedlich „funktionierenden“ Systeme erinnern
    an „Rutschkupplung“…von ausgekuppelt bis eingekuppelt
    alles möglich…und dann noch der Gedanke:
    Die Gegen-EMK wirkt der Ursache ihrer Entstehung entgegen.
    Gegengravitation(en)…Gravitationsarten…Netze…
    Homogenität…Stoff(e)…ein „Kupplungsgrad“…ein
    Reifestand des Systems…in der E-Technik wird die
    Gegen-EMK überwunden…muß aber transportiert nicht
    immer überall so sein…sie bewirkt aber auf jeden Fall
    die Erkenntnis das die Natur keine Sprünge macht?
    Gleichgewicht erwirken…bewirken…erhalten…und
    Dynamik…viele EMK’s viele Gegen-EMK’S…Vernetzung…
    was ist was und wer wirkt wem entgegen…wird zu komplex für mich.
    Ersetzen wir obige mit Liebe…Gegenliebe…Hass…
    finden wir uns wieder?
    Reifestand 2017…Ver(nunft)stand…Frau…Mann…
    Gleichgewichtstand…EMK…Gegen-EMK…
    irgendwie gleich…wird zu komplex für mich.
    Die Natur macht keine Sprünge, aber aus Gründen
    des Gleichgewichtstrebens der Energie kann von
    einem befriedigenden „Kupplungsstand“ im Verlauf
    der Zeitgeistreifung ausgegangen werden?

    Gut, ist auch nur alles Geschreibsel und keine
    echte Antwort…aber …
    was sagt die Philosophin in Ihnen denn selbst zu den
    Fragen? Kann mir nur schwer bis gar nicht voerstellen
    das Sie … … nicht in Richtung Lösung denken.
    Nur andere ausfragen gilt nicht…oder doch!?

    Der andere Unterschied:
    Die Auferstehung des Geistes…
    den TO“D“ = „D“OT = Singularität überwunden…
    von innen „dunkel war’s“…nach außen…“Hell/hell ward’s“?
    Danach „Dialog“ zwischen dem von innen nach außen
    Gekehrten/Bekehrten? und der „Stammzelle(nenergie)“ möglich?
    Dialog im Gleichgewicht…innen…außen…und zwischen…?

    Universum-Milchstr….Sonne…Erde-Flora-Fauna-Mensch…
    Eben(en)bild(er)…EMG’s…Gegen-EMG’s…
    „G“ravitation(en)-Gegen-…“G“eschöpf(e)…ungen?
    Die Stoffe aus denen die „T-Räume“ sind?

    Da können wir noch lernen…die meisten lassen sich
    von außen nach …Sie wissen was ich denke?…wir „ÜBERzeugen“
    uns mehr schlecht als recht im Außen-dialog/-wirrwar?
    Das humane Gleichgewicht ist wohl die schwierigste
    Reifeoptimierung von uns…die letzten 10% dauern
    genau so lange wie die ersten 90%…heißt es bei
    Anlagen-System(e)-Inbetriebnahmen…besonders bei
    komplexen…oder gar hoch- und tiefkomplexen
    Systemkomplexen:=)

  7. Vielleicht bekomme ich ja hier eine Antwort
    Auf die mich Nachts nicht schlafen lassende Frage: Wobei helfen uns diese Vermutungen, Spekulationen um kaum beweisbaren schwarzen Löcher, dunkle Materien, Posomen und so weiter? Anders herum gefragt: was wird an unserem Leben schlechter, wenn wir nichts um diese Dinge wissen? Für mich sind sie allesamt nicht plausibler als die Schöpfungsgeschichte. Man überzeuge mich vom Gegenteil.

    • @ Herrn Keul
      Hallo, ich kann Ihnen im Moment nicht sagen, was in Ihrem Leben schlechter oder besser wird, wenn wir nichts um diese Dinge wissen. Wenn ich ein Leben mit Interesse an Religion, Königshäuser, Talkshows oder Briefmarkensammeln habe, dann wird sich wohl kurzfristig nichts ändern. Wenn ich aber wirkliches Interesse habe, diese wissenschaftlich interessante Nuss zu knacken, so kann es erst einmal für die betreffenden Leute eine Befriedigung hervorrufen und vielleicht in 100 Jahren zu einer Anwendung führen. Ich bin froh, dass es Menschen gibt, die sich diesen intellektuellen Herausforderungen stellen. Man könnte es sich ja auch einfach und bequem machen und wie in den theologischen Gottesbeweisen sagen, man kann weder belegen noch widerlegen, ob es einen Gott gibt.

    • Eine Antwort für Sie.
      Die Frage kommt oft. Was bringt uns das? Warum Wissenschaft? Warum theoretische Physik. Warum Astrophysik? Bedenken Sie, wir Menschen als Spezies sind fast schon „hochoptimiert“ bezüglich unserer Fähigkeiten folgendes zu tun: Beobachten, Lernen, Dokumentieren bzw. Weitergeben an die nächste Generation. Aus Spekulation wird oft überraschend schnell Erkenntnis! Da wäre es doch eine Schande, in der Höhle ums Lagerfeuer zu sitzen, wohlig zu grunzen wenn frisches Fleisch am Spieß brutzelt und es dabei sein zu lassen. Also, meine Antwort auf Ihre Frage: Wir sind keine Viecher. Es ist Sünde, wissentlich und selbstverschuldet in Unwissenheit zu verharren. Dafür sind wir nicht gemacht.

  8. Dunkle Energie
    Auf jeden Fall wurde die „Entdeckung“ derselbigen relativ zügig mit dem Nobelpreis versehen (auch wenn dort unter der Männerriege einer der wichtigsten Personen ausgelassen wurde).
    Vielleicht liegt es auch daran, dass die „Entdeckung“ von 1997 viel schneller und öffentlichkeitswirksamer präsentiert wurde, als die von Rubin aus dem Jahr 1970, so dass dadurch in Stockholm und der Wissenschaftsgemeinde ein gewisser Druck entsteht?!

  9. Ein kleines Loch müsste der Eintrag noch schließen
    Da Ford Jr. — obschon ein Mann — offenbar noch gleichermaßen nobelpreisfrei ist wie Frau Rubin, muss seine (bisherige) Übergehung in etwas anderem als seinem Geschlecht Begründung finden. Naheliegend ist, dass er nur Zuarbeiter für Rubin war. Doch ebendas wird bisher nicht aus dem Eintrag erkennbar.

    Noch etwas zur Auflockerung: Wenn die Frage aus der Überschrift mit „ja“ zu bescheiden ist, dann erklärt sich endlich auch, warum Stephen Hawking vergleichsweise wenig über dunkle Materie publiziert hat: Nach seinem eigenen Bekunden blieb ihm dieses Geschlecht immer rätselhaft.

    Sehr erfreulich übrigens, dass es endlich wieder einen neuen Blogeintrag mit echtem Wissenschaftsbezug im Planckton gibt. Ich hoffe, die nächste Pause wird nicht so lang.

    • Ford Jr.
      Tatsächlich war Kent Ford wohl primär für die Entwicklung der genutzten Instrumentierung zuständig. Wie Rubin selbst beschrieben hat, war der von Ford entwickelte Bildröhren Spektrograph (image tube spectrograph) der beste zu dieser Zeit verfügbare. Zur Arbeitsteilung äußerte sich Rubin im oben zitierten Interview folgendermaßen: „Yes, Kent Ford and I. I would develop the plates. He built the instruments, and I sort of did the science, but we always observed together because we both liked to.“ Danke für die Nachfrage, das ist in der Tat eine wichtige Information, die oben fehlt. Dass astronomische Instrumentierung in Bezug auf wissenschaftliche Ehrungen ein eher undankbares Feld ist, ist natürlich noch einmal ein anderes Thema.

      Die nächste Pause wird mit Sicherheit nicht so lang wie die letzte, ab jetzt gibt es wieder regelmäßig Wissenschaftsartikel auf Planckton!

  10. Was Statistiken "beweisen" - und was nicht
    aus dem – behaupteten – Mißverhältnis von 204 zu 2 eine wie auch immer geartete Diskriminierung abzuleiten bzw. zumindest anzudeuten erstaunt. Von Naturwissenschaftlern/-innen erwartet man da schon mehr Präzision. Dieses Verhältnis ist vieles, aber bestimmt kein Nachweis für eine Benachteiligung. Vor allem wenn man sich die Mühe macht und die „Geschlechterverteilung in der Forschercommunity“ (damit scheint, so hübsch modern wie das klingt, die aktuelle gemeint zu sein) mal so in all den Jahrzehnten im letzten Jahrhundert, also seit Beginn der Verleihung des Preises, anschaut.

    • Vorsicht, Herr Hayen.
      Der Artikel nennt das – offensichtliche – Mißverhältnis eher ergänzend und leitet keineswegs eine Diskriminierung daraus ab sondern stellt die Frage nach weiteren Erklärungsansätzen (ein beliebter Erklärungsansatz ist übrigens, dass Männer in vieler Hinsicht in den Extremen stärker vertreten sind). Wenn Sie der Autorin nicht glauben, dass die Geschlechterverteilung über den betrachteten Zeitraum hinweg nicht zur Nobelpreisverteilung passt, könnten Sie übrigens auch z.B. den Zeitraum seit 1990 betrachten. Da steht das Verhältnis bei den Nobelpreisen in der Physik 67:0.

    • Ich weiss, Herr Freitag - genau deshalb hatte ich auch "anzudeuten"
      geschrieben. Und es bleibt dabei: nicht erklärbar/nachweisbar ist eben nicht gleichzusetzen mit diskriminierend. Und ohne Nachweis sollte man, hier den Verleihern der Preise, auch nicht mehr oder weniger subtil was unterstellen. Das erwarte ich zumindest von einer Naturwissenschaftlerin. Danke aber für die Info für die Zeit nach 1990: ja, das erstaunt auf den ersten Blick, aber nimmt man z.B. das Alter/Generation der Preisträger hinzu (maßgeblicher als Zeitpunkt der Verleihung) und all die Männer die auch keinen Preis bekamen (obwohl vielleicht ähnlich gelagert wie der Fall „Rubin“ – da wird es viele „Gekränkte“ geben), dann relativiert sich auch das. Fazit: Vorsicht mit Spekulationen und Unterstellungen, solange nichts beweisbar ist bzw. nicht alle relevanten Bezugsgrößen überhaupt berücksichtigt werden. Das wollte ich zum Ausdruck bringen.

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