Der Platz für Tiere

Der Platz für Tiere

Denn wir haben sie zum Fressen gern. Henrike Schirmacher schreibt über possierliche Tierchen und die Welt ringsherum.

08. Aug. 2017
von Henrike Schirmacher
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Vom „bösen“ Wolf und treuherzigen Hündchen

© DPADie Freundschaft zu einem Wolf, wie im Film „Wild“ von Nicolette Krebitz, ist einzigartig.

Ich stehe vor der schweren Holztür eines Einfamilienhauses und drücke auf den Klingelknopf, um der Freundin meiner Mutter ein geliehenes Buch zurückzugeben. Sobald die Klingel ertönt, höre ich, wie im Haus ein Hund anfängt zu bellen. Als die Freundin die Tür öffnet, schwingt sich schwanzwedelnd ein vor Freude sabbernder Berner Sennenhund auf mich zu. Anders als es bei einer ersten Begegnung etwa mit Pferden üblich ist, haben wir uns gar nicht bekannt gemacht. Im nächsten Moment hängt jedoch schon sein Speichel an meiner nun frisch duftenden schwarzen Jeans. Berührungsängste hat das Tier keine.

© DPANichts für jedermann: Verschmust, verspielt und anhänglich.

Ob unsereins diese überschwängliche Begrüßung nun befremdlich oder liebenswert findet, wird wohl kaum etwas an dieser aufdringlichen Umgangsform des Hundes ändern. Die zuweilen „hypersoziale“ Art der  meisten Rassen ist genetisch festgelegt. Amerikanische Wissenschaftler haben ihre Forschungsergebnisse kürzlich im Fachmagazin „Science Advances“ veröffentlicht. Natürlicher Drang zur Nähe unterscheidet den domestizierten Hund von seiner Wildform, dem „bösen“ Wolf. Selbst wenn ein Mensch dem Hund mit größtem Desinteresse gegenübertritt, erzwingt dieser zumindest ein Tätscheln, weil er einem nicht von der Seite weicht oder ständig mit seiner feuchten Schnauze stupst. Irgendwie ist das natürlich herzallerliebst. Schließlich sind offene Umgangsformen etwas Schönes.

In ihrer Arbeit verglichen die Forscher das Erbgut von Hund und Wolf. Im Erbgut der untersuchten Hunde ist eine Genregion verändert, die offenbar eine entscheidende Rolle für das Sozialverhalten spielt: Die gleiche Genregion löst beim Menschen eines durch übertriebene Anhänglichkeit und kindliches Verhalten gekennzeichnetes Verhalten aus. Die Störung  ist bekannt als Williams-Beuren-Syndrom (WBS).

Die Hypothese der Wissenschaftler lautet: Unsere Vorfahren suchten gezielt Hunde, die dem Menschen gegenüber besonders hörig und freundlich waren. Das Verhalten von vorpubertären Kindern stand für Hundehalter also hoch im Kurs. Bis ins Erwachsenenalter steckt demnach das kleine Kind im Hund. Für den Prozess der Domestizierung vom wilden Wolf zum zahmen Hündchen war der Grundstein gelegt. Mit der Geburt des Schoßhündchens hat diese Entwicklung wohl ihren Zenit erreicht. Möpse  passen auch ganz gut ins Raster. Unglaublich anhänglich, entfernen sie sich nie weit von ihrem Herrchen oder Frauchen. Sogar im Antlitz mit verkürzter Schnauze und großen treuherzigen Augen blitzt das Kindchenschema eines pausbäckigen Menschenbabys durch.

© PrivatMopsgesichter: Niedlich, knautschig und teigig wie Babyspeck.

Schon frühere Studien zeigen, dass die soziale Ader der Hunde sich in einer Art Abhängigkeit gegenüber ihren Herrchen und Frauchen manifestiert. Verglichen Wissenschaftler das Verhalten von Haushunden und an den Menschen gewöhnter Wölfe, offenbarte sich folgendes: Wölfe sind ausdauernde und gute Problemlöser, während Hunde schon nach kurzer Zeit die Lust verlieren und sich hilfesuchend an den Menschen wenden. Sie suchen gezielt den Blick und die Gesellschaft  von Menschen, sogar von fremden Menschen.

© dpaBloß nicht zu weit von Frauchen entfernen: Der Mops wird niemals „flügge“.

Als Gelegenheitsjoggerin kann ich ein Lied davon singen. Gedankenversunken trabe ich durch den Wald, schon kommt ein leinenloser Hund mit wehendem Fell auf mich zugerannt und hängt mir an den Fersen. „Der will nur spielen“, ertönt es mir  beschwichtigend entgegen. Mir fehlen die Worte. Eine gewisse Portion Argwohn gegenüber Hunden wie auch  Menschen darf man sich ruhig bewahren, wie ich finde. Und sei es nur, um das Tier oder den Menschen, der einem unsympathisch ist, auf Abstand zu halten.

Menschen, die mit Williams-Beuren-Syndrom auf die Welt kommen, behandeln Fremde häufig wie Freunde. Der Grund dafür ist offenbar eine Entwicklungsverzögerung, die kindliches Verhalten bis ins Erwachsenenalter aufrecht hält. Die Entwicklung von Hunden ist  verglichen mit Wölfen ebenso verzögert.

Die Dinge, die das Leben eines Erwachsenen mit WBS in unserer Gesellschaft vermutlich erschweren, scheinen Hunde im Umgang mit uns Menschen erst so erfolgreich zu machen. Hunde werden selbst im Erwachsenenalter nicht „flügge“, oftmals wird die Bindung zu ihren Herrchen sogar intensiver. Für einen Wolf gilt dieser Trend jedenfalls nicht. Unvorstellbar, dass ein Wolf einen Frisbee fängt oder gar ein Stöckchen holt.

© PrivatVon Angesicht zu Angesicht: Ein „Fabelwesen“ taucht in deutschen Wäldern auf.

Wölfe sind mystische Wesen. Niemand weiß, wo sie sich gerade aufhalten. Lediglich Pfoten im Schnee oder ein gerissenes Weidetier zeigen die Wolfsfährte. Märchen wie „Rotkäppchen und der Wolf“ oder „Der Wolf und die sieben Geißlein“ haben unser Bild vom „bösen“ Wolf geprägt. Mein Opa hat es verstanden, diesen sich um den „bösen“ Wolf rankenden Mythos während endloser Spaziergänge um einen Moorsee in der niedersächsischen Heide geschickt einzusetzen, um uns Kinder bei Laune zu halten: „Schaut, dort im dichten Gehölz verstecken sich die Wölfe.“ Fortan war uns Kleinen immer ein wenig unheimlich, wenn wir an dichtem Nadelwald vorbei spazieren gingen. Ich glaube zwar, wir wussten, dass es dort gar keine Wölfe gab. Dennoch, die Phantasie war geweckt und machte Spaziergänge mit den Großeltern unvergesslich aufregend.

Ob mein Opa damals wohl ahnte, dass heutzutage im dichten Gehölz tatsächlich wieder ein Wolf umherstreifen könnte? Ich denke, er würde sich freuen, weil es zeigt, die Wildnis lässt sich nicht besiegen. Tatsächlich ist der Streit über die Wiederansiedlung von Wölfen in Mitteleuropa aber bereits voll entbrannt.

Noch breitet sich der Wolf überwiegend dort aus, wo der Mensch das Feld geräumt hat. Ich denke aber an australische Dingos, die in Rudeln kaum Scheu gegenüber Menschen haben. Sie plündern Zeltlager, greifen einzelne Personen an und töten sogar Kleinkinder. Würde der Wolf in unseren Wäldern in wenigen Jahren eine solche Rolle einnehmen, wäre es um sein geheimnisvolles Charisma geschehen. Er würde nur noch verfolgt, seine zurzeit noch gewünschte Ausbreitung gestoppt. In Niedersachsen ist es schon so weit, dass der Landwirt und Präsident der Landesjägerschaft, Helmut Dammann-Tamke, seine Stimme gegen den Wolf erhebt. Dammann-Tamke will die tierischen Einwanderer, der Tageszeitung „Osterholzer Kreisblatt“ zufolge, konditionieren. Gegen Rudel, die sich erwiesenermaßen verstärkt Siedlungen nähern oder durch wiederholte Nutztierrisse auffallen, will er äußerst streng vorgehen: Ein Jungtier soll aus dem Rudel entfernt und getötet werden. Wölfe sollen merken, dass Menschen nichts Gutes bedeuten. Dammann-Tamke schildert den ihm vorschwebenden Idealfall: „Wenn ein Wolf auf einen Menschen trifft, muss er die Rute einklemmen und Reißaus nehmen.“

Um die Wiederansiedlung von Wölfen zu einem Erfolg werden zu lassen, ist also „Wildtiermanagment“ gefragt. Die veränderten Verhältnisse in unseren Wäldern könnten also durchaus Arbeit und neue Stellen schaffen. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, da bekamen Forststudenten schon in den ersten Vorlesungen, die sie besuchten, von ihren Professoren gesagt, sie fänden später wohl keinen Job. Forstämter könnten heutzutage sogar aufrüsten mit Anstellungen für Wildtiermanager. Warum soll es den in unsere Wälder zurückkehrenden Wölfen schlechter gehen als unseren Hunden, für die uns nichts zu teuer ist.

08. Aug. 2017
von Henrike Schirmacher
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11. Jul. 2017
von Henrike Schirmacher
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Warum wir Stadttauben nicht lieben können

Ein zartes Gurren ertönt von draußen. Ekel und Wut kochen in meiner Freundin hoch. Auf dem Sims vor dem kleinen Hinterhof-Fenster im vierten Stock ruckelt eine Stadttaube ihr Hinterteil auf einem frisch gelegten Ei zurecht. Meine Freundin verliert die Nerven.

Das noch unfertige Täubchen wird leider nie das Licht der Welt erblicken. Nächtliches Gurren plagt meine Freundin seit Kurzem bis zur Schlaflosigkeit. Die Gewissheit, dass sich vor der dünnen Glasscheibe eine kleine Taube im Ei entwickelt, treibt ihr kalten Schweiß auf die Haut. Sie schreitet zur Tat. Mit „spitzen Fingern“ greift sie sich einen Besenstiel. Energisch dreht sie den Fenstergriff nach links und öffnet behutsam das Tor zur Taubenhöhle. Geschickt bahnt sie sich mit dem Stiel den Weg in Richtung Taubenei und stupst es aus dem Nest. Mutter Taube bekommt davon nichts mit, sie verdingt sich kurzweilig andernorts. Ihr Vogelgeschrei wird später groß sein. Meine Freundin hingegen hat ihr Ziel erreicht. Das rohe Spiegelei glänzt glitschig auf dem Asphalt.

Die gemeine Stadttaube hat es richtig schwer, von uns Menschen geliebt zu werden. Während ich das Netz durchschweife, finde ich allerhand Gehässigkeiten:

„So’n Leben als Stadttaube vermittelt einem irgendwie den falschen Eindruck, dass man ohne Job und Geld immer etwas zu essen finden könnte.“

„Eine einsame Stadttaube hat versehentlich einen Schwarm eiliger Brieftauben gekreuzt. Nun fühlt sie sich nutzlos und unorganisiert.“

„Wenn man die jetzt füttert, nerven sie nicht, weil sie dann nicht zwischen den Menschen rumrennen müssen.“

Nicht einmal das Füttern scheint ein Akt der Nächstenliebe zu sein. Sonderlich aufregend ist es sicherlich nicht. Als ausgewildertes Haustier sind  Tauben, ohne dass wir einen Finger krumm machen müssten, sogleich zur Stelle. Gierig und bedürftig lassen sie, anders als im Tierpark oder gar in der freien Wildbahn, keinen Spannungsbogen zu. Dass wir unsere Essensreste loswerden würden, war absehbar. Füttern macht also keinen Spaß.

© H. SchirmacherÄtzend läuft der Kot nach unten. Hoch oben thronen die Täter.

Erst recht nicht, wenn wir die Folgen sehen. Kürzlich ist ein Review Artikel australischer Wissenschaftler in der Fachzeitschrift „European Journal of Ecology“ erschienen, der jegliche Forschung zu Taubenkot zusammenfasst. Dies ist tatsächlich nicht nebensächlich, schließlich schädigt der Taubenkot Fassaden und Denkmäler. Außerdem tummeln sich in der feuchten Masse haufenweise Bakterien und Pilze. Es lauern verschiedene Erreger wie Chlamydien, darunter Chlamydia psittaci, auch Ornithose genannt. Sie verursacht eine grippeartige Erkrankung bei Menschen. Außerdem das Bakterium Chlamydia abortus. Es löst einen Abort des Fötus bei Säugetieren, inklusive des Menschen, aus. Auch der Fungus Cryptococcus neoformans, der die Lungen von Menschen befällt und bei immunschwachen Patienten sogar eine Meningitis oder Encephalitis auslösen kann, steckt im Kot. Und obendrein gibt es natürlich noch Salmonellen.

Die Zusammenfassung der Wissenschaftler zeigt folgendes: Es verhält sich leider so, dass die Größe der Vogelscheiße und deren chemische Zusammensetzung stark von der Vogeldiät abhängt. Ernährt sich die Taube schlecht, ist ihr Kot besonders ätzend. Je saurer der Kot, sprich je niedriger der pH-Wert, desto stärker der Schaden. Der pH-Wert kann um zwei Einheiten fallen, wenn die Stadttaube nur noch Brot und Kuchen futtert. Hinzu kommt, dass sich Cryptococcus neoformans, der leidliche Lungenpilz, im sauren Milieu wohler fühlt.

Während die wilde Felsentaube ein reiner Samenfresser ist, ist die domestizierte und anschließend ausgewilderte Stadttaube ein Allesfresser. Im Klartext heißt das: Je mehr labbriges Burgerbrot der Mensch konsumiert, desto miserabler ernährt sich die Taube. Somit sind wir Menschen mit unserer allzu bequemen Sorglosigkeit selbst daran schuld, dass der Kot immer saurer und damit schädigender wird.

© H. SchirmacherRiskanter Aufenthaltsort: Irgendwann trifft es jeden.
© H. SchirmacherFrisch geklekst: Der nächste feuchte Haufen lässt sicherlich nicht lange auf sich warten.

Laut dem Schweizer Biologen Daniel Haag-Wackernagel, der an der Universität Basel lehrt, geben Tauben alle halbe Stunde einen Kothaufen ab, unabhängig davon, wo sie sind. Wie wunderlich, dass es mich noch nie getroffen hat. Trotz der bisherigen Glückssträhne halte ich die Luft an, wenn die Ampel unter der Bahnbrücke der S-Bahnstation Galluswarte in Frankfurt rot aufleuchtet. Ein paar Meter über meinem Kopf hocken Tauben.

© H. SchirmacherAugen zu und durch!

Der Asphalt unter meinen Schuhen ist deswegen der verschissenste Untergrund, den ich je gesehen hab. Erst auf der anderen Straßenseite angekommen, fühle ich mich sicher.

Obwohl der Vogel mittlerweile derartig selbstsicher im Umgang mit Menschen, Autos und Fahrrädern ist – den meisten Exemplaren ist die Furcht komplett abhanden gekommen -, passt die Taube nicht ins Stadtbild. Liegt es daran, dass ihr Dasein für die Stadt nicht ästhetisch genug ist? Der New Yorker Forscher Colin Jerolmack beschreibt im Artikel „How pigeons became rats: The cultural-spatial logic of problem animals “, wie der Mensch Räume und deren Lebewesen wahrnimmt. Losgelöst von seiner Umgebung, ist der Vogel mit blaugrauem Federkleid und grünlich-lilafarben schimmerndem grazilem Hals nämlich ein hübsches Tier. Die rötlichen Augen blicken exotisch drein.

Tiere nimmt der Mensch solange als etwas Wunderbares wahr, wenn diese harmonisch im Einklang mit der Natur leben. Sobald das Tier allerdings Räume erobert, die für den Menschen gebaut wurden, erscheint das Tier „out of place“. Jerolmack geht gar so weit zu sagen, dass die Taube die Antithese zur idealen Metropole verkörpert. Das eigentliche Vergehen des Vogels sei nicht die Gesundheitsproblematik, die es auslöst, sondern dass er die Umgebung verschmutzt, die für den Menschen vorgesehen ist.

Im Umkehrschluss bedeutet dies: Wenn wir die Taube wieder lieben wollen, müssen wir ihr einen eigenen Raum schenken. Wie könnte dieser aussehen? Ich habe mich in die tropische Gartenstadt „Gardens by the Bay“ in Singapur verliebt. Landschaftsarchitekten haben an den Ufern einer künstlichen Bucht, mitten im Zentrum der Stadt, unter Bankentürmen und Hotels, eine Parklandschaft geschaffen, die wie die Welt der Avatar anmutet. Leuchtende Supertrees erinnern an die biolumineszierende Weide im bildgewaltigen Kinofilm von James Cameron. Warum gönnen wir der Stadttaube nicht einige künstliche Felsformationen an stadtnahen Baggerseen mit Johannisbeerbüschen? Im Baggersee könnte auch ein neuer Fressfeind der Taube lauern. In der BBC-Dokumentation „Planet Earth II“ zeigt David Attenborough nämlich, wie Welse in der südfranzösischen Stadt Albi badende Stadttauben verschlingen. Hoffentlich brauchen die Tiere sehr lange, bis sie gelernt haben, den Fisch auszutricksen.

11. Jul. 2017
von Henrike Schirmacher
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27. Apr. 2017
von Henrike Schirmacher
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Hund und Herrchen sind wie Mutter und Kind

„Wir alle müssen mit schrecklichen Geschichten fertig werden“, sagt Carol Connelly alias Helen Hunt in der Filmkömodie „Besser geht’s nicht“. „Das stimmt nicht, manche haben hübsche Geschichten, tolle Geschichten. Sie handeln von Seen, Booten und Freunden und Nudelsalat. Nur leider keiner von uns“, erwidert Melvin Udall und holt Carol unliebsam auf den Boden der Tatsachen zurück.  Der Zwangsneurotiker, grandios gespielt von Jack Nicholson, ist eine sehr unverträgliche Person, wohlwollende Worte findet er selten. Doch besonders in unangenehmen Situationen hilft es umso mehr, wenn einem ein Freund gut zuspricht. Ein wohlwollender Freund kann das Blatt in Konfliktphasen wenden, während ein garstiger Gesprächspartner alles noch verschlimmert. Anschließend ist man entweder enger vertraut oder distanzierter denn je.

© picture-allianceZugegeben, diesen kleinen Kerlen traut niemand etwas Schlimmes zu.

Aber was ist, wenn ein solch wohlwollender Freund grundsätzlich fehlt? Manchmal ist dann der beste Freund ein Hund. Wie die WDR-Dokumentation „Wenn der Hund stirbt – Wie Menschen um Tiere trauern“ zeigt: Als der treue Dackel Muck stirbt, bricht für sein Herrchen eine Welt zusammen. Der Wohnraum ist voller Erinnerungsstücke an den Dackel. Muck nimmt im Wohnzimmer mehr Raum ein, als die Enkel des Großvaters. „Die Hunde sind die besseren Menschen. Weil sie offen sind, weil sie ehrlich sind. Weil sie Freud und Leid mit den Menschen teilen, das tut nicht jeder Mensch so.“

Die starke Bande zwischen manchem Hund und seinem Herrchen ist durchaus berechtigt: Denn Hunde imitieren unsere Persönlichkeit, so lautet das Ergebnis einer Forschungsarbeit, die österreichische Wissenschaftler kürzlich veröffentlichten. Bedenkt man, dass Hunde seit mehr als 30.000 Jahren mit uns Menschen leben, ist es verständlich, dass sie auf kleinste Verhaltensänderungen ihrer Bezugsperson reagieren. Dies zeigte sich in ähnlichem Verhalten, während bedrohlicher Situationen, ähnlichem Puls sowie Cortisollevel als Indikator für Stress. Ein ängstliches und niedergeschlagenes Herrchen überträgt seine negativen Gefühle demnach auf den Hund. Auf einmal macht es Sinn, dass ein vom Leben enttäuschter, emotional labiler Hundehalter sein Hündchen zum treusten Freund aus erkürt. Es leidet vermutlich als einziger ununterbrochen mit ihm. Wenn ein depressives Herrchen spricht: „Wir waren gestern so traurig.“ So hat das Herrchen nun wissenschaftlichen Rückhalt, um im Plural zu sprechen. Obwohl ich nicht dazu raten würde, es wirkt wirklich eigentümlich. Nur weil sich der Hund mit seinem Herrchen identifiziert, muss dies nicht automatisch vice versa geschehen. Dieses „wir“ ist bereits komisch, wenn es Pärchen, Mütter oder Väter anwenden. „Wir haben gestern unsere Hausaufgaben gemacht.“ Wenn die Worte fallen, bröckelt ein Stückchen der eigenen Identität. So etwas sollte niemand leichtfertig aufs Spiel setzen. Da ist mir der Hundehalter „Typus Jäger“ am liebsten. Er sieht sich eher als Erzieher und feste Bezugsperson, setzt Grenzen, innerhalb derer, der Hund Hund sein darf, inklusive hündischem Verhalten.

© picture-allianceHappy dog! Die Rechnung geht auf, wenn man selbst nicht ganz freudlos durch’s Leben zieht.

Übrigens wer die Persönlichkeit für den „Jäger“ mitbringt, gewissenhaft, gesellig und verträglich, hat gute Chancen von seinem Hund in Stresssituationen aufgefangen zu werden. Denn der souveräne Jäger hält sich eher entspannte und freundliche Hunde, die im Gegenzug, ihrem vom Alltagsstress gepeinigtem Herrchen helfen, schnell wieder zur Ruhe zu kommen. Wie sagte einmal ein Freund und Hundebesitzer zu mir: „Wenn ich spät abends nach Hause komme, ist es das Schönste, wenn mein Hund schwanzwedelnd und freudig auf mich zuläuft. Er stellt nichts in Frage, er beschwert sich nicht, er schenkt mir bedingungslose Liebe.“ Wenn jemand den ganzen Tag auf Dich wartet ohne dabei seine gute Laune zu verlieren, ist das wahrlich die entspannteste Partnerschaft, die ich mir vorstellen kann. Diese Beziehung, in der der Hund auf das Zurückkehren des Herrchens vertraut, nennen Psychologen eine sichere und stabile Bindung. Ähnlich der Mutter-Kind-Bindung ist die Persönlichkeit des erzieherischen Parts entscheidend, damit solch eine starke, vertrauensvolle Bindung entsteht. Viele Studien zeigen, dass kindlicher Stress sowohl durch Unterstützung als auch durch Konflikte einer engen Bezugsperson reguliert wird. Unterstützung kann nicht jedes Herrchen liefern. Je nach Persönlichkeit besitzen diese gewisse oder fehlende Fähigkeiten ihrem Zögling Geborgenheit zu schenken, folglich kann das Tier mehr oder weniger gut mit Stress umgehen. Wer vom Typ her gewissenhaft, verträglich und extrovertiert ist, schafft es besser als diejenigen, die in diesen Eigenschaften weniger punkten. Wer eher neurotisch veranlagt ist, hat ohnehin wenig Vertrauen unterstützt zu werden und agiert eher ängstlich. Das überträgt sich anscheinend auf Hund, wie Kind. Hatte mein Opa recht damit zu sagen, dass immer der Halter schuld ist am hündischen Fehlverhalten?

Mir bestätigen die Ergebnisse, was ich schon immer dachte: „Traue keinem Hund über den Weg, denn du weißt nicht, wie sein Herrchen tickt.“ So sehr ich manch einsamem Zeitgenossen den treuen Begleiter gönne, so sehr geht mir diese unberechenbare Beziehungskiste gegen den Strich. Wenn der Halter gewisse Verhaltensauffälligkeiten mitbringt, nehme ich künftig erst recht Reißaus. Das dürfte dann zwanghaft aggressive, in höchstem Maße unverträgliche Zeitgenossen betreffen, die sich gerne Verstärkung holen, um ihre Labilität zu überspielen. In Freiburg dürfte ich zu meiner Studienzeit mehrfach ein wandelndes Klischee beobachten.

© picture-allianceLieb oder böse? Eine Analyse vom Herrchen oder Frauchen könnte helfen.

Während ich im Café meinen Kaffee schlürfte, bahnte sich ein kompaktes Herrchen-Hunde-Gespann seinen gewohnten Weg mitten durch die Sitzgelegenheiten, um möglichst vielen entspannten Gesichtern ein kurzes, vielleicht sogar ängstliches Zucken zu entlocken. Das unter Strom stehende, aufgepumpte, finster dreinschauende, menschliche Muskelpaket wirkte mit seiner massig gedrungenen Kampfmaschinen-Bulldogge doppelt und dreifach lächerlich furchteinflößend. Seine Unausgeglichenheit übertrug sich auf das Tier, welches im Pirschgang so stark an der Leine zog, dass diese stets unter Hochspannung stand. Nichts war locker an den beiden, die Dogge zog, der Prolet hielt gegen.

Die Beziehung des Herrchens zur Außenwelt findet sich folglich in der Beziehung zwischen Hund und Herrchen wieder. Die eigenen Gefühle lassen sich demnach sehr wohl auf das Tier projizieren. Wer Stress schlecht bewältigt aufgrund seiner Persönlichkeit, hat simpel gesagt, einen gestressten Köter. Und einem chronisch gestressten Tier möchte ich nicht über den Weg laufen. Mal abgesehen davon, dass Herrchen und Frauchen nicht einmal in jedem Bundesland einen Hundeführerschein bestehen müssen, wenn sie ein Tier halten wollen, stellt sich die Frage, ob dieser überhaupt das gewünschte Ziel verfolgt. Schließlich sollte nicht der Gehorsam des Hundes, sondern die Persönlichkeit des Halters im Vordergrund stehen, weil sie die Schwachstelle darstellt. Bis dato bestätigt der Hundeführerschein lediglich, dass der Halter grundlegendes Wissen über Hunde und ihre Haltung hat. Außerdem wird im Rahmen einer Prüfung getestet, ob das Tier gehorsam ist und sozial verträglich. Immerhin bestehen unkontrollierbar aggressive sowie wenig frustrations- und stresstolerante Hunde diesen praktischen Teil nicht. Es wäre also ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, einen Hundeführerschein bundesweit einzuführen, inklusive Persönlichkeitstest für Herrchen oder Frauchen.

Künftig, wenn ich durch den Wald jogge, achte ich vielleicht mehr auf die Körpersprache des Herrchens als auf die des Hundes und schlage, wenn nötig, eine andere Richtung ein. Denn im Gegensatz zur zwischenmenschlichen Beziehung scheint der Hund der Persönlichkeit seines Herrchens restlos ausgeliefert.

27. Apr. 2017
von Henrike Schirmacher
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17. Mrz. 2017
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Notausgang Zoo: Wohin muss die Reise gehen?

© H. SchirmacherKörperspannung bis in die Schwanzflosse: Elegant wie ein Bodenturner gleitet der Orca auf die Waage.

Die Menge kreischt. Die Orcadame Morgan peitscht mit ihrer riesigen Schwanzflosse Wassermassen ins Publikum. Im Stadion gibt es extra ausgewiesene  Sitzplätze, die während der Show von Morgan unter Wasser gesetzt werden. Dort sitzt diesmal nur ein pitschnasser, aber glücklicher Junge. Zu lauter (leider nerviger) Chartmusik springen die Orcas Keiko, Morgan und Adán abwechselnd in die Luft. Applaus! Applaus! Die Show ist dynamisch. Ein wenig albern? Eigentlich nicht. Dafür sind die Orcas viel zu imposant und klug. Trotzdem geht mir die Stimmung, die erzeugt wird, ziemlich schnell auf den Keks. Auf der großen Leinwand werden wie im Fußballstadion Nahaufnahmen vom Publikum gezeigt. Wen interessiert’s? Gebe es die schwarzweißen,  glänzenden Stars in der Manege nicht, würde das Publikum schlicht auf dem Niveau von RTL-Fernsehen unterhalten. Die Tiere wuchten sich seitlich auf den Beckenrand, was im Übrigen recht geschmeidig aussieht, und pinkeln auf Kommando in ein Plastikgefäß.  Schriftzüge wie „Vertrauen“ und „Liebe“ tauchen plötzlich auf der Leinwand auf, um Werbung für die innige Orca-Trainer-Beziehung zu machen. Das muss anscheinend extra unterstrichen werden, damit es jedem Besucher tief ins Bewusstsein dringt. Vermutlich schreibe ich jetzt deswegen diesen Satz: „Die Orcas wirken verspielt und sehr fokussiert auf ihre Trainer.“ Mein bloßes Auge sieht: Sobald die Trainer ins Publikum winken, taucht auch die Winke-Winke-Flosse aus dem Wasser auf. Könnte es gar sein, dass die großen Meeressäuger Spaß an den Stunts haben? Wie Hunde, die Herrchens Stöckchen holen? Oder andere domestizierte Tiere, die sich auf den Menschen einlassen? Selbst wenn. Der empathische Geist, welcher über die Möglichkeiten der Tiere im gigantischen Ozean weiß, wird damit wohl niemals zufrieden sein. Von diesem Fokus auf die Natur macht die Show klugerweise denn auch keinen Gebrauch, obwohl die Tiere im Becken, der Berechtigung halber, als Botschafter ihrer Art tituliert werden. In dieser „Orca Ocean“-Parallelwelt spielt sich das Leben völlig losgelöst von den frei lebenden Artgenossen ab. In „Orca Ocean“ im Loro Parque auf Teneriffa ist es normal Pinkelproben für Laboruntersuchungen abzuliefern und sich mit Schwung auf eine Bühne, die eigentlich eine riesige Waage ist, für die regelmäßige Gewichtskontrolle zu schmeißen. Mensch und Tier scheinen perfekt aufeinander eingespielt. Die Show transportiert dieses Gefühl gut. Die Trainer gehen zärtlich mit den Tieren um. Im Grunde ist es eine große Werbeveranstaltung für die Tierhaltung. Seht her, Orcas im Swimming-Pool sind das Normalste auf der Welt.

© H. SchirmacherBereitwillig wird gepinkelt.
© H. SchirmacherDas Ergebnis kann sich sehen lassen.

Selbst in der Rhetorik blitzt unbeirrtes Selbstbewusstsein auf. Oder ist es doch nur gelernte Selbstverteidigung? Auf die zweifelnde Frage, wie solch ein Tier im 12 Meter tiefen Becken ausgelastet sein könne, wo es im großen Ozean weitaus tiefer taucht, folgt die Antwort, dass die Tiere in der Natur gezwungen werden, weil sie Futter suchen oder Gefahr droht. Für einen kurzen Augenblick klingt das logisch. Denn eine ähnliche Logik erwidert in meinem Kopf: Ich laufe morgens schließlich auch zum nächstgelegenen Bäcker. Der Mensch ist bequem, warum nicht auch das Tier? Kurz darauf verpufft das Argument trotzdem. Denn der Orca ist ein Jäger par excellence. Bilder aus Dokumentarfilmen sind bereits fest verankert.

© H. SchirmacherSchaut her, wir mögen uns.

Wir wissen es alle längst. Die Zootierhaltung ist ein Kompromiss. Und trotzdem mehr denn je ein moralisches Dilemma. Auf der einen Seite will ich Tiere beobachten, aber um Himmels Willen doch keine unglücklichen, auf der anderen Seite ist die Abschaffung der Institution ein Wagnis für das bedrohte Tierreich. Gebe es bis dato keine Zootierhaltung, vermutlich würden wir intensiv darüber nachdenken, einigen Tieren Zufluchtsorte in menschlicher Obhut zu bauen. Deswegen ist der Zoo längst keine überholte Einrichtung, er muss sich nur neu erfinden. Selbst die große Primatenforscherin Jane Godall, die zeitlebens gegen die Haltung von Menschenaffen in Zoologischen Gärten protestierte, gibt mittlerweile klein bei: „Könnte ich wählen, würde ich als Schimpanse lieber in einem modernen Zoo als in der Wildbahn leben. Damit spielt sie auf die widrigen Umstände in freier Wildbahn an: Verlust des Lebensraums durch Abholzung der Regenwälder, Wilderei und illegaler Handel mit Jungtieren erschossener Muttertiere. Der Mensch breitet sich eben aus. Ein weiteres Beispiel zeigt, dass dort draußen nicht Friede, Freude, Eierkuchen herrscht und unser Verhältnis zur Tierhaltung neu überdacht werden muss. Jüngst wurde der in England sehr populäre David Attenborough für seine Naturdokumentation „Planet Earth“ kritisiert. Die Dokumentarreihe auf BBC zeigt gewaltige Naturschauplätze, intakt, wild und paradiesisch. Eine Wohltat für das Zuschauerauge. Die Kritik von Zoologe und BBC-Filmproduzent Martin Hughes-Games lautete, die Wahrheit werde ausgeblendet, weil der Mensch, der längst große Teile dieser Lebenswelten durch Ökotourismus, Menschen gemachten Klimawandel und Siedlungsbau bedrohe, gar keine Rolle spiele. Tierliebhaber, die Tiere pflegen und schützen, sind wichtiger denn je. Zufluchtsorte in denen der Mensch ausnahmsweise in der zweiten Reihe steht, müssen her. Die Galapagos Inseln sind ein perfektes Beispiel. Wer dorthin fährt, tut es wegen der Tiere. Der Zugang kostet viel Geld. Stets begleitet ein erfahrener Führer die Expedition ins Tierreich. Die Artenvielfalt ist grandios.

Aber weil das Verständnis für Tierethik hierzulande wächst, ließe sich ebenso die Frage stellen: „Muss ich mich in meiner Lebenszeit noch dafür verurteilen Fleisch gegessen oder in den Zoo gegangen zu sein?“ Rauchen ist auch nicht mehr „en vogue“. Der gesellschaftliche Wandel kommt schneller als gedacht. Vor rund zehn Jahren wurde noch im Foyer der Universität Freiburg geraucht. Heute ist das undenkbar.

Welchen Zufluchtsort können wir dem Tierreich bieten, mit dem wir langfristig zufrieden sind? Irgendwie müssen wir uns arrangieren. Der Philosoph Richard David Precht schreibt in seinem Buch „Tiere denken“: „Wir brauchen Orte der Versenkung statt des Krachs, eine digitalfreie Zone ohne Bildschirm und Wischbewegung.“ Das erinnert an den Tierfilmer und Frankfurter Zoodirektor Bernhard Grzimek, der den Menschen inmitten der Betonschluchten der Städte als naturverarmt beschrieb.

© H. SchirmacherWer will, wird komplett nass. Wie im Erlebnispark in der Wasserachterbahn.

Solch ein Zufluchtsort fordert die Besucher auch ganz anders heraus. Hier muss jeder still und geduldig sein, um ein  Tier zu Gesicht zu bekommen, weil es sich überall verstecken kann. Riesige Freiflughallen für Vögel, große Terrarien Landschaften und geräumige Aquarien, ein Naturpark in Norddeutschland, in dem der Wolf seinen Platz in einem riesigen, jedoch umzäunten Waldabschnitt findet. Das Tamtam-Showspektakel in Orca Ocean widerspricht solch einer Zukunftsvision. Doch ein Orca, der unbeteiligt seine Bahnen im leeren Becken zieht, ist wie der Gepard, der einem Wachposten gleich auf- und ab patrouilliert, ein allzu trauriger Anblick. Im Science-Fiction Thriller „Der Schwarm“ von Frank Schätzing löst die Rache der Killerwale gegenüber den Menschen bloße Genugtuung aus.

17. Mrz. 2017
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21. Feb. 2017
von Henrike Schirmacher
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Das Pferd als Spiegel der Seele

Ein Blick ins Klassenzimmer kann Bände über die Beziehungsqualität zwischen Schüler und Lehrer sprechen. Wenn die Jungen dem Lehrpersonal auf der Nase herumtanzen, läuft‘s gehörig schief. So erinnere ich jedenfalls die Schulzeit. Hierzu eine kleine Rückblende: Eine Vertretungseinheit mit einer älteren, weißhaarigen Lehrerin war angekündigt. Ihr eilte ein gewisser Ruf voraus, weswegen wir sie bereits vor ihrer Ankunft nicht sonderlich ernst nahmen. Als sie schließlich die Klasse betrat, und mit kleinen, festen Schritten und gesenktem Kopf zügig an die Tafel trat, um diese von links nach rechts und oben nach unten aufzufüllen, ohne überhaupt mit uns in Kontakt zu treten, wurde ihre Autorität schnell auf die Probe gestellt. Ihren Rücken trafen nunmehr viele, kleine Papierkügelchen, die wir durch leere Stifthülsen pusteten. Im Nu gehörte uns, wie dem 60er Jahre Filmliebling „Pepe, der Paukerschreck“, die Herrschaft über das Klassenzimmer. Im Augenblick des Reflektierens tut mir die alte Dame ganz schön Leid. Damals stoppten wir erst, als diese sich endlich beschwerte. Sie wetterte: „Ihr glaubt doch nicht etwa, dass ich das nicht merke?“, und drohte mit Strafarbeiten. Gut, wir waren in diesem Moment freche Schlingel. Aber zu unserer Verteidigung lässt sich anbringen, sie hatte sich anscheinend nie Gedanken darüber gemacht, wie sie auf uns Schüler wirkte. Denn ihre Körperhaltung und ihr ganzes Auftreten signalisierten „Wer ihr seid ist mir egal. Sprecht mich bloß nicht an.“ Insgeheim wollte sie bestimmt, dass wir brav mitschreiben. Doch wir waren ungnädig. Der Anreiz fehlte. Wie schaffen es respektable Persönlichkeiten zu ihrem Ansehen? Meist hilft es schon, wenn jemand seinen Willen glaubwürdig und respektvoll mit entschlossener Körper- und Geisteshaltung vermittelt. Dann wird stille Hoffnung für das Gegenüber Realität. Auf Anhieb gar nicht so leicht.

Aber keine Bange. Dies lässt sich trainieren. Wer in eine Führungsrolle hineinwachsen will, lernt am besten zu reiten. Denn Pferde spiegeln das menschliche Verhalten und eignen sich daher wunderbar, um sich einmal von außen zu betrachten. Quasi als Ersatz für einen Persönlichkeitstest.

Während eines Besuchs im Reitstall bei der Reittherapeutin Nadja Odendahl aus Wiesbaden lernte ich kürzlich den schwarzen Wallach Gustav und seinen braunen Stallkollegen Carlos kennen. Die Pferde bekommen regelmäßig Besuch von Patienten, darunter kleine, zappelige Kinder oder Erwachsene, die Beratung suchen. „Meine Pferde merken sofort, wenn jemand keinen klaren Willen hat“, erklärt Nadja Odendahl. Die Pferde sind  wie Schüler, sie lassen sich nur führen, wenn sie den Reiter als ranghöher akzeptieren. Geklärt wird der Rang durch die Grundregel „Wer bewegt Wen“. Dafür muss man gar nicht das Alphatier raushängen lassen. Weder Pferd noch Mensch wollen dominiert werden. Ein guter Reiter vermittelt seinem Pferd vielmehr das Gefühl von Sicherheit und kümmert sich darum, dass dieses nicht in Schwierigkeiten gerät. Wie in der Schule. Dort war ich immer besonders motiviert, wenn der Lehrer wusste, was er tut und ich mit einer gerechten Behandlung rechnen konnte.

 

© H. SchirmacherNadja Odendahl hat es geschafft. Gustav ist ihr Freund.

Als ich und die Reittherapeutin Nadja neben Gustav und Carlos in den Reitstall laufen, werden die beiden Tiere von einer jungen Reiterin geführt. Während ich sie beobachte, wird mir wieder bewusst, dass Reiter niemals einen Buckel haben. Sie stolzieren. Ruhig und ausgeglichen mit aufrechter Haltung und durchgängiger Körperspannung. Die Pferde folgen mit klappernden Hufen. Alles wirkt unkompliziert. Kurz vor der Stalltür übertritt die Reiterin wie selbstverständlich die Türschwelle. Eine kritische Situation für nervöse oder unsichere Patienten, die zögerlich handeln. Weil Pferd und Mensch nicht gemeinsam durch die Tür passen, würde das sensible Pferd den als rangniedriger eingestuften, ängstlichen Menschen zur Seite stupsen und vorbeitraben. In diesem Moment weist das Pferd zurecht: „Dir fehlt Willensstärke. Ich gehe lieber vor.“ Und genau in dieser Zurechtweisung liegt unsere Chance, sich weiter zu entwickeln. Die Therapeutin Nadja erklärt: „Alles, was ich reflektieren kann, kann ich ändern.“ Das Pferd leistet erste Hilfe. Ein Pferd als Lehrmeister ist perfekt, denn anders als beim Menschen läuft man nicht Gefahr, sich belehrt zu fühlen. Es gibt schließlich Charaktereigenschaften, die wir lieber verbergen wollen. Das Pferd erkennt Stärken und Schwächen, trotzdem verurteilt es nicht, sondern lässt uns in Ruhe wachsen und gedeihen. Wie ein perfekter bester Freund. Die Arbeit mit dem Pferd eignet sich für  viele Persönlichkeiten, um die eigene Mitte zu finden. Denn ein Choleriker oder Zappelphilipp hat anfangs schlechte Chancen bei Pferden. Als Fluchttier nehmen diese Reißaus, wenn sie sich bedroht fühlen. Auch auf den ungeduldigen Manager, der am Zügel zieht, reagiert das sensible Pferd störrisch, oder tänzelt nervös auf der Stelle. Keine gute Basis für eine vertrauensvolle Partnerschaft.

Der Pferdeflüstere Bernd Hackl, der regelmäßig auf Vox zu sehen ist, erklärte einmal, warum ein Neuankömmling vom Pferd zunächst auf seine Tauglichkeit geprüft werden muss. Die Herdentiere treiben sich von Natur aus gegenseitig und geben dem jeweils anderen Tier den Weg vor. Um dieses feine Zusammenspiel zu sichern, vertreiben die etablierten Tiere das fremde Pferd zunächst von jedem Platz, den es sich aussucht, bis es lernt auf feine Signale der anderen zu reagieren. Wie ein Fischschwarm im Meer. Eine galoppierende Pferdeherde bewegt sich ähnlich geschmeidig. Der Reiter muss also die Richtung vorgeben, um gegenüber dem Pferd territoriale Ansprüche zu erheben.

Wie wäre es mit einer Veränderung im Lehrplan? Wenn ich bedenke, wie häufig Beschwerden aufkommen, dass Lehrer zu wenig auf das, was ihnen im Klassenraum vor lauter Kindern bevorsteht, vorbereitet sind, macht dies Sinn. Eine praktische Prüfung auf dem Reiterhof würde nach meinen neu gewonnen Erkenntnisse, jegliche Qualität der Schüler-Lehrer-Kommunikation verbessern. Nicht nur angehenden Lehrer, auch Kindern täte das gut. Wir brauchen Reitlehrer an unseren Schulen und Universitäten. Schließlich steckt hinter guter Bildung neben interessantem Lehrinhalt, gefühlt zu 50 Prozent menschliche Fähigkeit.

Vor Gustav und Carlos stehend, spüre ich am eigenen Leib, warum ausgerechnet die Arbeit mit einem Pferd, Lehrer gegen respektlose Schüler wappnet. Durch beeindruckende Körpermasse und zugleich faszinierende Statur, fordert das Tier auf natürliche Art und Weise ein würdevolles, achtsames Gegenüber. Automatisch strecke ich mich und achte auf die pferdeeigene Ohrensprache. „Wenn das Pferd seine Ohren nach hinten legt, dann ist es ganz schön böse“, sagt Nadja. Nach vorne heißt: „Ich freu mich.“ Nach oben: „Ich bin aufmerksam.“ Ich hoffe, darauf ist Verlass. Zur Sicherheit strecke ich Gustav als freundschaftliche Geste einen Apfel hin.

21. Feb. 2017
von Henrike Schirmacher
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24. Jan. 2017
von Henrike Schirmacher
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Der Kampf der Gemüter: Globuli gegen Glaubuli

DSC_0002© PrivatWieder gesund und munter!

Als meine geliebte Wasserschildkröte Momo eines Tages aus dem Winterschlaf erwachte, bildete sich unentwegt Schaum vor ihrem Mund. Weil mir das nicht geheuer war, packte ich Momo in einen Schuhkarton und fuhr sofort zum Tierarzt. Dieser diagnostizierte eine Lungenentzündung. Während der Doktor mit der einen Hand ihr Beinchen festhielt, zückte er mit der anderen eine Spritze und versenkte die Nadel in Momos Fleisch. Glücklicherweise gesundete Momo bald darauf.

Anstatt der heilsamen antibiotischen Injektion, hätte mir der Veterinär auch etwas Homöopathisches nahe legen können. „Probier’s doch  erst einmal auf die sanfte Weise, ich habe damit gute Erfahrungen gemacht“, hätte er dann vermutlich gesagt. „Wenn das nicht wirkt, sehen wir weiter.“ Momos Gemütsart wäre für die Wahl des Mittels ebenso wichtig gewesen wie die Krankheit selbst. Der gewissenhafte Alternativmediziner wählt aus einer Vielzahl an Arzneien eine Einzige, die spezielle Bedürfnisse des Kranken berücksichtigt. „Ganzheitlich“  ist das Zauberwort der homöopathischen Heilkunst. Der Patient ist König.

Das klingt verlockend! Nicht verwunderlich, dass sich die magische Kraft dieses Lehrgebäudes seit mehr als 200 Jahren hält. Sogar die Europäische Kommission ist überwältigt. Sie will, dass Öko-Landwirte ihre kranken Stallinsassen, wo es nur geht, mit Homöopathie behandeln (siehe EU-Bio-Verordnung von 2008). Unter uns tummeln sich allerdings haufenweise Skeptiker und vehemente Gegner aus der Wissenschaft. Das liegt an zwei sonderbaren Glaubenssätzen, die der Urvater der Homöopathie, Samuel Hahnemann, entwickelte. Erstens, das Simile-Prinzip: Gleiches müsse und könne mit Gleichem behandelt werden. Der fiebrige Kranke gesunde demnach durch eine Substanz, die den Gesunden fiebrig mache. Moderne Homöopathen erklären dies anhand der Küchenzwiebel. Wir heulen und die Nase läuft, wenn wir sie zerhacken. Bei echtem Schnupfen heilt die Zwiebel uns. Zweitens, das Potenzierungs-Prinzip: Die verwendete Ursubstanz gewänne durch immer höhere Verdünnung an Heilkraft. Denn durch kräftiges Schütteln übertrage sich das urstoffliche Wesen der heilenden Substanz auf das umgebende Medium. Das käufliche Endprodukt enthält demnach ein Gedächtnis der Ursubstanz, nicht aber ihren Wirkstoff. Es lohnt sich demnach einen Tropfen Zwiebelsaft in einen Swimmingpool zu träufeln und anschließend daraus zu trinken.

Ein tiefer Graben zur evidenzbasierten Wissenschaft tut sich auf, denn ohne Wirkstoff, sagt sie, keine Wirkung – rein chemisch gesehen. Trotzdem, da draußen im veterinären Alltag, ticken nicht alle auf einer Wellenlänge. Wer will, findet zahlreiche Tierheilpraktiker im Dienst. Und Studien, die eine Wirksamkeit der Homöopathie gegenüber einem Placebo-Effekt belegen. Da gerät wohl jeder mal ins Zweifeln. Aufklärende Worte findet Edzard Ernst, emeritierter Professor für Alternativmedizin: „Natürlich gibt es immer auch positive Ergebnisse. Bei einer in der Wissenschaft akzeptierten Irrtumswahrscheinlichkeit von fünf Prozent sind diese statistisch auch zu erwarten. Tatsächlich werden solche Studien noch viel öfter publiziert. Für eine objektive Einschätzung darf man sich die Studien nicht nach Gusto angucken, sondern man muss alle Studien, die gewissen Qualitätskriterien entsprechen, in sogenannten Metaanalysen auswerten.“ (F.A.S.- Interview)

Auch die Europäische Kommission holte sich Verstärkung aus der Forschung. Wohlgemerkt, um den Antibiotikagaben im Bio-Stall auf den Leib zu rücken. Die Veterinärmediziner Caroline Doehring und Professor Albert Sundrum der Universität Kassel machten genau das, was Ernst erklärt. Sie werteten bereits veröffentlichte Arbeiten aus den Jahren 1981 bis 2014, die sich mit der Wirksamkeit von Homöopathie gegenüber Antibiotika bei Huhn, Milchkuh und Schwein beschäftigten, aus. Die Übersichtsarbeit der Kasseler Forscher wurde kürzlich in der Zeitschrift „Veterinary Record“ veröffentlicht…

…mit spektakulär unspektakulärem Ergebnis: Zwar zeige ein erheblicher Teil der Studien eine höhere Wirkung der Homöopathie gegenüber einer Kontrollgruppe. Nichtsdestotrotz wurde bisher keiner der Versuche unter vergleichbaren Bedingungen reproduziert. Bevor nicht weiter geforscht werde, empfehle sich Homöopathie gegenüber Antibiotika keinesfalls.

Viel aufschlussreicher ist allerdings ein Blick in das Versuchsdesign. Unterm Strich bescheinigten Studien, die  mutmaßlich verfälscht waren, der Homöopathie eher eine Wirksamkeit als solche, die ein geringes Risiko hatten, verfälscht zu sein. Beispielsweise wussten Personen, die Ergebnisse auswerteten oder die Tiere versorgten, um welche Versuchsgruppe es sich handelte. Außerdem fehlte es manchmal an einer Kontrollgruppe oder es nahmen zu wenig Versuchstiere teil. Als mutmaßlich verfälscht erwies sich eine Studie, weil alle Forscher für den Anbieter des homöopathischen Präparats arbeiteten. In einer weiteren Studie beschreiben die Forscher, dass sie einige Testergebnisse außen vor ließen, weil sie nicht positiv ausfielen. Und überhaupt hatten nur 13 Versuche aus insgesamt 52 das Potential, unverfälscht zu sein.

Aber auch die Internationale Vereinigung für Veterinärhomöopathie krittelt in eigener Sache an den Ergebnissen: Selten habe ein Tierarzt mit homöopathischer Ausbildung die Therapie im Stall durchgeführt. Das sei schließlich essentiell für die richtige Wahl des Mittels.

IMG-20121225-WA0004© PrivatWer braucht hier was? Ein geschulter Homöopath kennt sich aus.

Ach ja, mir dämmert es. Der Kranke ist König. Im Netz stöbernd, finde ich folgende Anleitung für eine angemessene Anwendung: Die hochverdünnte Urtinktur Bryonia (Zaunrübe) passt gut zu Hunden, die ihre Ruhe haben möchten. Lässt man ihnen ihre Ruhe nicht, können sie recht böse werden. Auch auf Berührungen sind sie im Krankheitsfall nicht gut zu sprechen, was es dem Tierarzt manchmal schwer macht, den Hund zu untersuchen.

Wie man es dreht und wendet, ein Schlupfloch findet sich immer. Und ziemlich viel Rückenwind haben die Homöopathen sowieso: „Die Zeit ist reif, die Homöopathie als Innovation und Wertschöpfung für die europäische Bevölkerung und die Tiere ernst zu nehmen“ sagt der Europaparlamentarier Dr. Alojz Peterle in einer Videobotschaft für den ersten europäischen Homöopathie Kongress in Wien Mitte November vergangenen Jahres.

Zu Hahnemanns Zeiten hatte die unbedenkliche Behandlung mit Globuli ja noch eine gewisse Berechtigung. Denn die therapeutischen Standards der Medizin bestanden zu einem beträchtlichen Teil aus gefährlichen Mitteln. Wann immer Hahnemann Substanzen wie Tollkirsche und Arsen im Selbstversuch oder an seinen Patienten anwendete, sorgte er durch eine schier endlose Verdünnung dafür, dass niemand zu Schaden kam. Schließlich wollte er keine Todesfälle melden.

Und was ist heute die Moral von der Geschicht? Emotion und Verstand sind seit jeher gleich wichtig, aber liegen nicht immer richtig.

24. Jan. 2017
von Henrike Schirmacher
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06. Jan. 2017
von Henrike Schirmacher
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Ethik im Zoo: Gibt es Vorteile hinter Gittern?

In der Wildnis lebt es sich gefährlich. Im Zoo hingegen leben Tiere sicher, satt und medizinisch versorgt. Da erstaunt es nicht allzu sehr, dass Zootiere länger leben als ihre frei umherlaufenden Artgenossen. Den wissenschaftlichen Nachweis haben Forscher der Universität Lyon und der Universität Zürich kürzlich in der Zeitschrift „Scientific Reports“ (doi: 10.1038/srep36361) veröffentlicht. Für mehr als 80 Prozent der 50 untersuchten Säugetierarten, darunter der Afrikanische Büffel, Rentier, Zebra, Bieber oder Löwe trifft die Beobachtung der Biologen zu. Vom Schutz vor Fressfeinden, innerartlicher Konkurrenz und Krankheiten profitieren allerdings Tiere mit einem schnellen Lebensrhythmus deutlich mehr als solche mit einem langsamen.

Wildkaninchen erreichen hinter Gittern ein höheres Alter als ihre frei herum hoppelnden Artgenossen, während der Altersunterschied bei Primaten geringer ausfällt. Die Wissenschaftler ziehen folgende Schlüsse aus ihren Ergebnissen: Lebewesen, die früh geschlechtsreif sind, sich stark vermehren und von Natur aus vielen Gefahren ausgesetzt sind, profitieren enorm von einer geschützten Umgebung. Das zeigte sich in der Studie deutlich bei Spitzhörnchen, Wieseln, Weißwedelhirschen oder Afrikanischen Wildhunden.

Wer sich hingegen mit der Reproduktion mehr Zeit lässt, weil er selbst am Ende der Nahrungskette steht, ist kaum Nutznießer eines Lebens im Gehege. Vor allem Primaten leben kaum länger in Gefangenschaft, manchmal sterben sie sogar früher. Trotzdem scheint das Leben in freier Wildbahn selbst für einen Löwen Gefahren bereit zu halten, die sich auf die Lebenserwartung auswirken.

Das ist allerdings noch lange keine Rechtfertigung für ein Leben hinter Gittern, denn ein langes Leben muss kein Gutes sein. Vielmehr beweist die Studie, dass Zoologische Gärten einigen Säugern wenig bieten können. Im Fall von weiblichen Elefanten vermutlich sogar gar nichts. Denn obwohl medizinisch versorgt und gut gefüttert, sterben sowohl Asiatische als auch Afrikanische Elefantendamen früher in Gefangenschaft. Legt man das Argument des Artenschutzes einmal beiseite und widmet sich dem jeweiligen Tier, schwinden die Argumente für den Zoo-Elefanten.

imag1747© Henrike SchirmacherModerne Gehege sind oftmals großzügiger gestaltet. Im „Smithsonian’s National Zoo“ in Washington D.C. findet der Große Panda viele Versteckmöglichkeiten.

Ein wenig Hoffnung vermitteln die Forscher mit ihrer Studie dennoch. Denn ihre Ergebnisse beziehen sich auf bereits vergangene Haltungsbedingungen in Zoologischen Gärten. Das liegt daran, dass für die Auswertung der Befunde Geburts- sowie Todeszeitpunkt der Tiere bekannt sein musste. Alle Daten zu den verschiedenen Populationen stammen daher aus vergangenen Jahrzehnten. Erst in rund 30 Jahren lassen sich die Effekte der heutigen Haltungsbedingungen auf die Lebensdauer messen. Inzwischen sind die Gehege häufig großzügiger gestaltet als früher. Aber selbst davon scheint ein Elefant nicht allzu sehr zu profitieren.

Es mag überraschen, aber wie wohl sich ein Elefant im Gehege fühlt, hängt weniger von der Größe des Geheges als von seinen sozialen Kontakten ab. Dies zeigen amerikanische Wissenschaftler in einer Studie, die in der Zeitschrift „Plos One“ (doi: 10.1371/journal.pone.0158124) erschien. Leben Zoo-Elefanten wie in der Wildnis üblich in einer großen Herde mit Jungtieren, neigen sie seltener zu zwanghaftem Verhalten. Aus Tierfilmen ist jedem bekannt, dass Elefanten in großen Gruppen meilenweit wandern. So ist es nicht verwunderlich, dass die Dickhäuter neurotisch werden, wenn man sie von ihren Freunden trennt.

Die Studien zeigen einerseits, dass ein Leben in freier Wildbahn kein Leben im Paradies ist. Sie legen andererseits offen, dass Zoologische Gärten den Säugern mit einem langsamen Lebensrhythmus, die vom Aussterben bedroht sind, unbedingt bessere Haltungsbedingungen bieten müssen. Die Forschung weist immer häufiger Faktoren aus, die auf das Wohlbefinden von Zootieren wirken. Sind die Ergebnisse wie hier Schwarz auf Weiß zu lesen, müssen sie auch umgesetzt werden.

06. Jan. 2017
von Henrike Schirmacher
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16. Dez. 2016
von Henrike Schirmacher
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Das schönste Pferd in Mittelerde

Für Pferdeliebhaber muss es eine der schönsten Szenen des dreiteiligen Kino-Epos „Der Herr der Ringe“ sein: Während der Magier Gandalf auf einer Anhöhe steht und pfeift, galoppiert von weiter Ferne sein Schimmel „Shadofax“ („Schattenfell“) heran. Wunderschön und anmutig. Allein durch seine Fellfarbe symbolisiert der Hengst filmreife Eleganz.

Hätte der Mensch sich die Vierbeiner nicht Untertan gemacht, würde es den hübschen Schimmel vermutlich nicht geben. Denn im Laufe der Domestikation von Wildpferden, die vor rund 5.000 Jahren, in der Eurasischen Steppe (im heutigen Kasachstan und der Ukraine) begann, entstand zunächst durch zufällige Kreuzungen und später im Römischen Reich durch gezielten Austausch bestimmter Phänotypen eine unglaubliche Farbvielfalt. Während das falbfarbene Wildpferd noch bestens mit der Steppenlandschaft verschmolz, dafür aber eine eher fade Ausstrahlung besaß, stechen die heutigen Grundfärbungen besonders hervor: Vom tiefschwarz bis bläulich schimmernden Rappen, über den schlichten Braunen und rostroten Fuchs, bis hin zum gräulich bis schneeweiß glänzenden Schimmel oder der goldgelb gefärbten Isabelle mit silberner Mähne (Fotos: links nach rechts und oben nach unten). Der grobflächig weiß gezeichnete Schecke kann allerdings zuweilen irritieren, denn manchmal erinnert sein Fell an den verwaschenen Pelz des Straßenköters oder an das schwarz-weiße Muster einer Milchkuh.

Friese (Equus przewalskii f. caballus), tobt ueber Weide | Friesian horse (Equus przewalskii f. caballus), raging on pasture [ Rechtehinweis: picture alliance / blickwinkel ]Fotos: Picture-Alliance
 Lusitano Horse, Stallion [ Rechtehinweis: picture alliance/Anka Agency International ]

Bayerisches Warmblut, Deutsches Warmblut (Equus przewalskii f. caballus), Fuchsstute galoppiert ueber Weide, Deutschland, Allgaeu | Bavarian warmblood, German warmblood (Equus przewalskii f. caballus), chestnut mare pacing on pasture, Germany, Allgaeu [ Rechtehinweis: picture alliance / blickwinkel ]  Pferd (Equus przewalskii f. caballus), steht auf Wiese | domestic horse (Equus przewalskii f. caballus), standing on meadow [ Rechtehinweis: picture alliance / blickwinkel ]

     Alle Fotos: Picture Alliance

Vor langer Zeit galt der Schecke dennoch als Augenweide. Gefleckte und helle Pferde waren zu Beginn der Domestikation, während der Bronze- (2.700 – 900 v. Chr.) und der Eisenzeit (900 v. Chr. – 400 n. Chr.) vielfach als Reittier anzutreffen.

Um die Geschichte der Pferdezüchtung zu untersuchen, analysierten Wissenschaftler vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung mehr als 200 Proben historischen Pferde-Erbguts. Sie entdeckten dabei insgesamt 14 verschiedene Fellfarbtypen, wie sie in einer Veröffentlichung in der Fachzeitschrift Scientific Reports zeigen. Frühe Züchtungen zeigten sechs Farbvarianten, von denen drei bereits in der Zeit vor der Domestikation vorkamen. Während der Bronze- und der Eisenzeit stieg die Zahl der Farbvarianten von sechs auf neun an, was den Wunsch der Menschen nach neuen Farbmustern zu verdeutlichen scheint.

Das Auf und Ab des Schimmelreiter

Noch zu Beginn des Mittelalters hielt die Vorliebe für Schimmel und Schecke an. Denn die Präferenz für eine gewisse Fellfärbung war damals eng an religiöse Symbolik geknüpft, argumentieren die Wissenschaftler. Die Forscher erklären dies mit der überlieferten Darstellung der „Offenbarung des Johannes“ aus dem Neuen Testament (81 bis 96 n. Chr.).

The Beatus of León is an 11th century illuminated manuscript of the Commentary on the Apocalypse by Beatus of Liébana. The manuscript was made for King Ferdinand 1 (c.1015-1065) and Queen Sancha of León. It contains 98 miniatures painted by Facundus. The Apocalypse of John is the Book of Revelation, the last book of the New Testament. [ Rechtehinweis: picture alliance/CPA Media ]© Picture-AllianceDie apokalyptischen Reiter: Siegessicher wähnte sich, wer auf Schimmel oder Schecke saß.

Das Kunstwerk zeigt vier unterschiedlich gefärbte Pferde für die vier apokalyptischen Reiter. Der Reiter des Sieges sitzt entweder auf einem weißen oder scheckigen Pferd, einen Rappen reitet hingegen der Reiter der Hungersnot, der Tod kam auf einem Braunen daher, während der Kriegsritter auf einem Fuchs thronte. In altertümlichen Gemälden sitzt das Adelsgeschlecht daher siegesgewiss auf weißen oder scheckigen Pferden.

Doch die Vorliebe für Schimmel und Schecke nahm bald darauf ab. Die Schmähung dieser Fellfarbe begann mit den Seuchenzügen. Als die Pest ihr Unwesen trieb, änderten die Menschen den Symbolismus in der Johannes-Offenbarung: Der Schimmelreiter war nun nicht mehr siegesgewiss, sondern er war Überbringer von Krankheiten und schlimmen Seuchen. Niemand wollte damit in Verbindung gebracht werden. Die Wissenschaftler suchten im Pferde-Erbgut, das aus dieser Epoche zur Verfügung steht, vergeblich nach Schimmeln oder Schecken. Im Spätmittelalter dominierte der einfarbige Fuchs.

The Emperor Napoleon I of France on horseback 1814 - engraving after Meissonier. ©Bianchetti/Leemage [ Rechtehinweis: picture alliance/Leemage ]© Picture-AllianceAuch Napoleon ritt gerne auf einem Schimmel.

Hinzukam, dass die hellen Tiere verglichen mit dunkler gefärbten Artgenossen vermutlich eine bessere Zielscheibe darstellten. Mit dem Aufkommen des Langbogen, der als Kriegswaffe in spätmittelalterlichen Schlachten eingesetzt wurde, wäre dies ein sicheres Todesurteil gewesen.

Demnach wählte der Reiter schon damals ein Roß, das ihn optisch ansprach. Sei es religiöse Symbolik, die ihn anspornte oder der pure Überlebenswille, Wissenschaftler schließen daraus, dass die Verbreitung einer beliebten Fellfarbe aktiv vorangetrieben wurde. Somit entwickelte sich der Farbcode unabhängig von der Pferderasse. Ein Schimmel kann heute in jeder Rasse zur Welt kommen.

In die Neuzeit konnte das Schimmel-Gen übrigens nur gerettet werden, weil es genügend Wildpferde als Träger gab. Durch Einkreuzung bereichert das Gen nun wieder den Genpool der domestizierten Tiere.

Obwohl Schattenfell mittlerweile verstorben ist, sind seine spanischen Artgenossen als beliebte Showpferde mit wallender Mähne stets gefragt.

Dies zeigt wie sich wandelnde Vorlieben im Zeitverlauf auf die genetische Diversität auswirken können. Spezielle Vorlieben bergen auch die Gefahr der Verarmung anderer Merkmale, besonders dann wenn auf keine entsprechende Widltierart mehr zurückgegriffen werden kann. Heute gibt es nur noch eine geschützte Unterart der Wildpferde: Die Population des Przewalski-Pferdes muss heute in Zoologischen Gärten am Leben erhalten werden. Als Retter in der Not kommt das Wildpferd also nicht mehr in Frage.

Für den Genpool der heutigen Haustierrassen ist das langfristig schlecht, sagen Wissenschaftler am Leibniz-Institut. Denn Modehengste, deren tiefgefrorener Samen sich größter Nachfrage erfreut, engen die Blutlinie ein. Zwar kann das Fohlen mit solch einem berühmten Vater teuer verkauft werden, aber die genetische Vielfalt versiegt nach und nach.

16. Dez. 2016
von Henrike Schirmacher
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22. Nov. 2016
von Henrike Schirmacher
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Über ein einst garstiges Wesen…

An einem verregneten Samstag finden sich rund 30 Amphibienfreunde aus dem hessischen Umland im Frankfurter Stadtwald ein. Gemeinsam mit den Exkursionsleitern Michael Morsch und Michael Homeier von der Arbeitsgemeinschaft Amphibien- und Reptilienschutz in Hessen (Agar) gehen wir auf die Suche nach dem wohl bekanntesten aller Schwanzlurche, dem Feuersalamander. Morsch, stellvertretender Vorsitzender des Vereins und erfahrener Terrarienkundler, erklärt: „Das gelbe Farbmuster ist einzigartig wie der menschliche Fingerabdruck.“ Erfahrene Halter erkennen ihre Tiere. Anhand dieses Erkennungsmerkmals lässt sich beobachten, dass Salamander besonders standorttreu sind – über Jahre hinweg halten sie sich an Ort und Stelle auf. In Deutschland sind lediglich zwei Unterarten heimisch, die gelb gefleckten Salamandra salamandra und die gelb gebänderten Salamandra terrestris. Es dauert gar nicht lange, da entdecken wir ein prächtiges Exemplar unter vermoostem Totholz. Die nackte Amphibienhaut glänzt lackschwarz und gelborange. Das robust wirkende Geschöpf ruht auf feuchtem erdigen Grund, alle Blicke sind auf den 15 Zentimeter langen adulten Schwanzlurch gerichtet. Fotoapparate werden ausgepackt, ein Makro-Objektiv scharf gestellt. Philipp Gerhardt, ein ambitionierter Kenner und langjähriger Halter von Salamandra sucht stets Motive für seine bereits vielfältige Fotosammlung.

Der König des Waldes sitzt reglos Modell.© Philip GerhardtDer König des Waldes sitzt reglos Modell.

In der Antike hatte der Feuersalamander noch einen miesen Ruf. Damals schrieb Plinius der Ältere (23-79 n. Chr.) in seiner umfangreichen 37-bändigen Naturalis Historia: „Das gräßlichste von allen Thieren ist der Salamander.“ Vernichtend seine Begründung: „…der Salamander aber kann ganze Völker morden, ohne dass man merkt, woher das Unheil kommt.“ Lange Zeit glaubten die Menschen, das Tier könne im Feuer leben und dies sogar löschen. Plinius allerdings zweifelte zumindest an der Gabe der Tiere, Feuersbrünste stoppen zu können. Denn sonst müsste man’s im brennenden Rom unter Nero auch bemerkt haben, schlussfolgerte er. In einer von Plinius‘ Beschreibungen ist „milchartiger Schleim, der aus dem Munde fließt“ die Wurzel allen Übels: „Bei Berührung jeglichen Theiles des menschlichen Körpers gehen alle Haare aus, die berührte Stelle selbst verändert die Farbe und hinterlässt ein Maal.“ Selbst der berühmte schwedische Naturforscher Carl von Linné schrieb noch im Jahre 1758 in seiner Systema Naturae von „ganz üblen und garstigen Tieren“ mit „hässlichem Aussehen“, „schmutzigem Aufenthaltsort“ und „fürchterlichem Gift“.

Auf unserer Exkursion im Stadtwald erzählt uns Michael Morsch, dass der auffällig gefärbte Schwanzlurch in der Tat ein milchig giftiges Sekret aus Körperdrüsen absondert, sobald er in Gefahr gerät. Ein arg gestresstes Tier schießt kleine weiße Gifttropfen gegen seinen Angreifer. Ob ich wohl so ein Stressor bin? Michael Morsch sagt „nein“, eher seien es suhlende Wildschweine, die den Lurch rabiat hin- und herschubsen und sogar auf ihm herumkauen. Mit diesem Wissen hebe ich das Tier behutsam empor. Gelangt trotz aller Vorsicht Gift auf Schleimhäute oder in kleine Wunden, fängt die Haut schmerzhaft an zu brennen, ähnlich der Wirkung einer Brennnessel.

"Gerne anfassen, aber danach die Hände waschen", empfiehlt Exkursionsleiter Michael Morsch. © Philip Gerhardt„Gerne anfassen, aber danach die Hände waschen“, empfiehlt Exkursionsleiter Michael Morsch.

Mit dem Aufschwung der Terrarienkunde gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Salamander eingehender studiert. So kam es zu folgender Beobachtung: Ein Salamanderweibchen lebte in trauter Zweisamkeit mit einer Kröte im Terrarium. Obwohl es weit und breit kein Männchen gab, setzte das Weibchen nach zwei Jahren viele Larven in die Welt. Salamander sind lebendgebärend, sie setzen kiementragende Larven in Gewässern ab. Spätestens nach 4 Monaten ist die Metamorphose zum landlebenden Salamander abgeschlossen. Die Zoologen beobachteten damals eine eindrucksvolle Fähigkeit der Salamander. Die Weibchen sind in der Lage, befruchtungsfähige Spermien bis zu zwei Jahre lang in einer Samentasche zu speichern. Bevor es zu einer Befruchtung kommt, paaren sich die Weibchen meist mit verschiedenen Männchen. Je mehr kleine Spermien miteinander wetteifern, desto wahrscheinlicher ist eine Befruchtung und desto höher die genetische Diversität der Nachkommen. In einer Veröffentlichung im Fachmagazin Nature argumentieren die Autoren, dass diese Fortpflanzungsstrategie die Wahrscheinlichkeit einer Inzucht senkt.

seidel-deutsch_small_rgbIn zahlreichen Bildern zeigen die Autoren die Farbenpracht der Tiere.

Den Paarungsakt in freier Wildbahn beschreibt der Terrarianer Philip Gerhardt gemeinsam mit Mitautor Uwe Seidel eindrucksvoll in seinem kürzlich erschienenen Buch „Die Gattung Salamandra“. Die Amphibienliebhaber bringen viel Geduld auf, um die faszinierenden Tierchen besser kennenzulernen. Nächtelang legte sich Philip Gerhardt mit seiner Kamera auf die Lauer. Dann kommt es zu folgender Szene: Mit nach oben gerecktem Kopf erspäht ein Männchen ein paarungswilliges Weibchen. Minutenlang reibt es mit der eigenen Kehle ihre Kopfoberseite. Anschließend schiebt es sich unter das Weibchen, ihre Kehle wird gerieben. Es folgen ausholdende Pendelbewegungen mit dem Schwanz, die ihre Kloake stimulieren. Das Weibchen erwidert diese Bewegung. Für das Männchen wird es Zeit, sein Samenpaket am Boden abzusetzen. Über diesen etwa 5mm hohen Gallertkegel stülpt das Weibchen nun sein Hinterteil.

Je weiter wir in den Stadtwald vordringen, desto zahlreicher die Fundorte. Ich bin überrascht, wie viele Salamander hier leben. Ohne den einen oder anderen Baumstumpf umzudrehen, würden wir sie kaum entdecken, denn die Tiere sind nachtaktiv und harren tagsüber im Versteck aus. In der Nähe eines Tümpels sitzen besonders viele Jungtiere. Neugierige Kinderhände lesen die kleinen Salamander auf. Für einen kurzen Augenblick bange ich, dass der Menschenpulk den plötzlich munteren kleinen Lurchen, die unruhig auf den Händen umherklettern, zum Verhängnis wird. Ein fester Wanderschuh könnte ein herunterpurzelndes Tier plattwalzen. Endlich dürfen die kleinen Feuersalamader wieder wohlbehalten in ihr Tagesversteck zurück. Zu häufig aufgestöbert, würden sie sich schon bald ein neues Versteck suchen, berichten die beiden Exkursionsleiter.

Trotzdem ermuntern die Naturschützer, selbständig auf Entdeckungstour zu gehen. Im Meldenetz des hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie kann jeder Fundorte dokumentieren. Denn das Wissen um die Verbreitung der Tiere weist immer noch Lücken auf. Die Aussage Carl von Linnés, „Amphibiologen gibt’s nur wenige und die taugen nicht viel“, kann mit den Worten des Amphibienforschers Sebastian Steinfartz im Vorwort zu „Die Gattung Salamander“ aktualisiert werden: „Die komplexen Beschreibungen der Halter von Feuersalamandern könnten für den Artenschutz sehr wichtig werden. Nämlich dann, wenn ein Aussterben durch Gefangenschaftshaltungen verhindert werden kann.“ Damit war mein Ausflug in den Stadtwald weit mehr als nur ein Abstecher ins Grüne.

 

 

 

22. Nov. 2016
von Henrike Schirmacher
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31. Okt. 2016
von Henrike Schirmacher
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Tiere erleben, dann funktioniert auch der Tierschutz

Tante Friedel besaß einen wunderhübschen ausgestopften Papagei. Eines Abends sprach der kleine Bernhard ein Vaterunser für die Tante. Auf ihre Frage,  warum er denn so besonders an sie denke, kam  die bedächtige Antwort: „Damit du bald sterbst und ich den Papagei bekomme…“

Auf diese ungenierte Direktheit des kleinen Jungen folgte später eine Weltkarriere als Freund und Beschützer der Tierwelt. Bernhard Grzimek wurde Direktor des Frankfurter Zoos, Tierfilmer und Naturschützer.

Wer die Dreißig schon großzügig überrundet hat, wird Grzimek jetzt vor seinem geistigen Auge sehen. Oder sich an den großartigen Geschichtenerzähler im Oscar prämierten Dokumentarfilm „Serengeti darf nicht sterben“ erinnern. Mir selbst fällt sofort die 13-bändige Enzyklopädie „Grzimeks Tierleben“ ein. Ein Schatz im Hause meiner Eltern, in dem ich als kleines Kind versank, um die eigenartige Dauerlarve Axolotl und bunte Frösche zu bestaunen.

xxx© dpaDer Professor ist ganz in seinem Element. Wer kann diesem kleinen Orang-Utan schon widerstehen?

Mit einer eigenen TV-Sendung „Ein Platz für Tiere“ brachte Professor Grzimek die Wildnis für die ganze Familie ins Wohnzimmer. Selbst kleine Kinder wie damals meine Mutter durften länger wach bleiben, um Löwen, Geparden und Nashörner zu bestaunen und erinnern sich an Grzimeks freundliches „guten N’Abend, meine lieben Freunde“, ein Begrüßungsritual, das sich tief in die Herzen seiner Anhängerschaft eingebrannt hat. Die Nähe zum Tier erzeugte Grzimek, indem er sich stets von damals noch exotisch erscheinenden Tieren ins Studio begleiten ließ, die auf seinem Schoss, seiner Schulter oder auf seinem Schreibtisch lagen. „Heute habe ich Ihnen den Gepardenmann Cheetah mitgebracht, er ist ungemein umgänglich“, sprach er und betonte, der  wilde Kater könne Schnurren wie ein Hauskätzchen. De facto vertilgte Cheetah, den keinerlei Maulkorb bremste, aber vor laufender Kamera einen rohen Fleischbrocken. Grzimek blieb völlig unbekümmert. Hinter der Kamera rann der Schweiß umso mehr.

Wer den Tierliebhaber einmal so sah, konnte nicht mehr von ihm lassen. Erfolgreich war Grzimek vor allem, weil er glaubwürdig mit Tieren umging. „Gräueligkeiten“ zeigte er seinen Zuschauern nur wohl dosiert. Bevor diese Zeuge von abgeschlachteten Robbenbabys wurden, entschuldigte er sich: „Seien Sie bitte nicht böse, wenn ich Ihnen hier diesen Film zeige…“. Emotionen waren geweckt und Spendengelder für seine Herzensprojekte gesichert.

Zeitlebens blieb Grzimek ein beharrlicher Mahner und Vordenker für den Natur- und Tierschutz. Seinetwegen laben wir uns nicht mehr an zarten Froschschenkelchen und schmackhafter Schildkrötensuppe. Ganz Visionär, erkannte er schon damals, dass Menschen „die ohne Fühlung mit Tieren und Pflanzen in den Betonschluchten der Städte leben“ für Artenschutz begeistert werden müssen. Recht abenteuerlich ging der Tierliebhaber dabei zuweilen vor. Für seine Verhaltensstudien in der Savanne schnallte er sich ein Plastiknashorn vor den Bauch, um damit einen Nashornbullen zu provozieren. Der Mann liebte Tiere. Ein Leben der Tiere in menschlicher Gefangenschaft stellte Grzimek dabei nie in Frage. Eine Seele gab er ihnen trotzdem.

Abgesehen davon, dass wir Tiere gegenwärtig gerne verspeisen oder das Gehirn von Laborratten für medizinische Studien in Scheiben schneiden, kommt es nicht von ungefähr, dass wir Tiere zuweilen als empfindsame Wesen beobachten. Dies wissenschaftlich zu beweisen, ist keine leichte Aufgabe, denn Empfindungen sind bekanntlich subjektiv. Tierschutzforscher an der Universität Bern suchen deshalb nach Indikatoren, mit denen das Leid und Wohlempfinden von Tieren gemessen werden kann. Kürzlich versuchte das Schweizer Forscherteam sogar, die „Sorgenfalte“ von Pferden als solche zu belegen. Diese Hautfalte oberhalb des Augapfels ist bei Pferden wie bei uns Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt, oft auch kaum sichtbar. Vorübergehend entsteht sie bei uns Menschen, wenn wir ängstlich oder traurig sind, denn dann zieht sich der Stirnmuskel für einen kurzen Augenblick zusammen. Ähnlich geschieht es beim Pferd wie die Forscher in einer Veröffentlichung im Fachmagazin „Plos One“ berichten: Wenn diese vor den Augen ihrer Versuchspferde das Pferd in der Nachbarbox fütterten, zuckte der Muskel zusammen und die Falte prägte sich stärker aus. Umgekehrt wurde sie schwächer, wenn es Streicheleinheiten gab. Diese Pferdegrimasse hielten die Forscher sogar in einer objektiven Messung fest.

xxx© dpaDie stark ausgeprägte „Sorgenfalte“ (links) wirkt im Auge des Betrachters. Deswegen ist sie aber noch lange kein Indikator für kontinuierliches Leid.

Pferdeliebhaber sollten sich allerdings nicht vorschnell ins Bockshorn jagen lassen. Wenn ihr Ein und Alles mal sorgenvoller dreinschaut als das Pferd des Nachbarn, heißt das nicht per se, dass es mehr gelitten hat. Es kann auch von Natur aus eine tiefere Augenfalte besitzen. Die von den Forschern gemessene Reaktion zeigt lediglich, dass der Pferdemuskel auf einen positiven oder negativen Stimulus ähnlich wie beim Menschen reagiert.

Menschen ähnliches Minenspiel ist im Übrigen sogar bei niederen Säugern bekannt. Vor einigen Jahren beobachteten kanadische Wissenschaftler der McGill Universität vor Schmerz verzerrte Gesichtsausdrücke bei Labormäusen. Je mehr die Mäuse ihre Augen zusammenkniffen, desto wütender tobte eine schmerzhafte Entzündungsreaktion im Mäusekörper. Daraus leiteten die Forscher eine Skala zur Erkennung von Schmerzen bei Mäusen allein anhand ihrer Mimik ab. Die Studie wurde im Fachmagazin „Nature Methods“ veröffentlicht. Selbstverständlich hatten die Forscher diese Schmerzen zu verschulden, langfristig soll es den Mäusen aber das Laborleben erleichtern, indem man ihnen künftig unnötige Schmerzen ersparen will.

Dies wäre sicherlich in Grzimeks Sinne. Bleiben wir wachsam wie Grzimek und offen für das Wohl der vielfältigen Tierwelt.

31. Okt. 2016
von Henrike Schirmacher
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