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Der Platz für Tiere

Der Platz für Tiere

Denn wir haben sie zum Fressen gern. Henrike Schirmacher schreibt über possierliche Tierchen und die Welt ringsherum.

Das Pferd als Spiegel der Seele

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Ein Blick ins Klassenzimmer kann Bände über die Beziehungsqualität zwischen Schüler und Lehrer sprechen. Wenn die Jungen dem Lehrpersonal auf der Nase herumtanzen, läuft‘s gehörig schief. So erinnere ich jedenfalls die Schulzeit. Hierzu eine kleine Rückblende: Eine Vertretungseinheit mit einer älteren, weißhaarigen Lehrerin war angekündigt. Ihr eilte ein gewisser Ruf voraus, weswegen wir sie bereits vor ihrer Ankunft nicht sonderlich ernst nahmen. Als sie schließlich die Klasse betrat, und mit kleinen, festen Schritten und gesenktem Kopf zügig an die Tafel trat, um diese von links nach rechts und oben nach unten aufzufüllen, ohne überhaupt mit uns in Kontakt zu treten, wurde ihre Autorität schnell auf die Probe gestellt. Ihren Rücken trafen nunmehr viele, kleine Papierkügelchen, die wir durch leere Stifthülsen pusteten. Im Nu gehörte uns, wie dem 60er Jahre Filmliebling „Pepe, der Paukerschreck“, die Herrschaft über das Klassenzimmer. Im Augenblick des Reflektierens tut mir die alte Dame ganz schön Leid. Damals stoppten wir erst, als diese sich endlich beschwerte. Sie wetterte: „Ihr glaubt doch nicht etwa, dass ich das nicht merke?“, und drohte mit Strafarbeiten. Gut, wir waren in diesem Moment freche Schlingel. Aber zu unserer Verteidigung lässt sich anbringen, sie hatte sich anscheinend nie Gedanken darüber gemacht, wie sie auf uns Schüler wirkte. Denn ihre Körperhaltung und ihr ganzes Auftreten signalisierten „Wer ihr seid ist mir egal. Sprecht mich bloß nicht an.“ Insgeheim wollte sie bestimmt, dass wir brav mitschreiben. Doch wir waren ungnädig. Der Anreiz fehlte. Wie schaffen es respektable Persönlichkeiten zu ihrem Ansehen? Meist hilft es schon, wenn jemand seinen Willen glaubwürdig und respektvoll mit entschlossener Körper- und Geisteshaltung vermittelt. Dann wird stille Hoffnung für das Gegenüber Realität. Auf Anhieb gar nicht so leicht.

Aber keine Bange. Dies lässt sich trainieren. Wer in eine Führungsrolle hineinwachsen will, lernt am besten zu reiten. Denn Pferde spiegeln das menschliche Verhalten und eignen sich daher wunderbar, um sich einmal von außen zu betrachten. Quasi als Ersatz für einen Persönlichkeitstest.

Während eines Besuchs im Reitstall bei der Reittherapeutin Nadja Odendahl aus Wiesbaden lernte ich kürzlich den schwarzen Wallach Gustav und seinen braunen Stallkollegen Carlos kennen. Die Pferde bekommen regelmäßig Besuch von Patienten, darunter kleine, zappelige Kinder oder Erwachsene, die Beratung suchen. „Meine Pferde merken sofort, wenn jemand keinen klaren Willen hat“, erklärt Nadja Odendahl. Die Pferde sind  wie Schüler, sie lassen sich nur führen, wenn sie den Reiter als ranghöher akzeptieren. Geklärt wird der Rang durch die Grundregel „Wer bewegt Wen“. Dafür muss man gar nicht das Alphatier raushängen lassen. Weder Pferd noch Mensch wollen dominiert werden. Ein guter Reiter vermittelt seinem Pferd vielmehr das Gefühl von Sicherheit und kümmert sich darum, dass dieses nicht in Schwierigkeiten gerät. Wie in der Schule. Dort war ich immer besonders motiviert, wenn der Lehrer wusste, was er tut und ich mit einer gerechten Behandlung rechnen konnte.

 

© H. SchirmacherNadja Odendahl hat es geschafft. Gustav ist ihr Freund.

Als ich und die Reittherapeutin Nadja neben Gustav und Carlos in den Reitstall laufen, werden die beiden Tiere von einer jungen Reiterin geführt. Während ich sie beobachte, wird mir wieder bewusst, dass Reiter niemals einen Buckel haben. Sie stolzieren. Ruhig und ausgeglichen mit aufrechter Haltung und durchgängiger Körperspannung. Die Pferde folgen mit klappernden Hufen. Alles wirkt unkompliziert. Kurz vor der Stalltür übertritt die Reiterin wie selbstverständlich die Türschwelle. Eine kritische Situation für nervöse oder unsichere Patienten, die zögerlich handeln. Weil Pferd und Mensch nicht gemeinsam durch die Tür passen, würde das sensible Pferd den als rangniedriger eingestuften, ängstlichen Menschen zur Seite stupsen und vorbeitraben. In diesem Moment weist das Pferd zurecht: „Dir fehlt Willensstärke. Ich gehe lieber vor.“ Und genau in dieser Zurechtweisung liegt unsere Chance, sich weiter zu entwickeln. Die Therapeutin Nadja erklärt: „Alles, was ich reflektieren kann, kann ich ändern.“ Das Pferd leistet erste Hilfe. Ein Pferd als Lehrmeister ist perfekt, denn anders als beim Menschen läuft man nicht Gefahr, sich belehrt zu fühlen. Es gibt schließlich Charaktereigenschaften, die wir lieber verbergen wollen. Das Pferd erkennt Stärken und Schwächen, trotzdem verurteilt es nicht, sondern lässt uns in Ruhe wachsen und gedeihen. Wie ein perfekter bester Freund. Die Arbeit mit dem Pferd eignet sich für  viele Persönlichkeiten, um die eigene Mitte zu finden. Denn ein Choleriker oder Zappelphilipp hat anfangs schlechte Chancen bei Pferden. Als Fluchttier nehmen diese Reißaus, wenn sie sich bedroht fühlen. Auch auf den ungeduldigen Manager, der am Zügel zieht, reagiert das sensible Pferd störrisch, oder tänzelt nervös auf der Stelle. Keine gute Basis für eine vertrauensvolle Partnerschaft.

Der Pferdeflüstere Bernd Hackl, der regelmäßig auf Vox zu sehen ist, erklärte einmal, warum ein Neuankömmling vom Pferd zunächst auf seine Tauglichkeit geprüft werden muss. Die Herdentiere treiben sich von Natur aus gegenseitig und geben dem jeweils anderen Tier den Weg vor. Um dieses feine Zusammenspiel zu sichern, vertreiben die etablierten Tiere das fremde Pferd zunächst von jedem Platz, den es sich aussucht, bis es lernt auf feine Signale der anderen zu reagieren. Wie ein Fischschwarm im Meer. Eine galoppierende Pferdeherde bewegt sich ähnlich geschmeidig. Der Reiter muss also die Richtung vorgeben, um gegenüber dem Pferd territoriale Ansprüche zu erheben.

Wie wäre es mit einer Veränderung im Lehrplan? Wenn ich bedenke, wie häufig Beschwerden aufkommen, dass Lehrer zu wenig auf das, was ihnen im Klassenraum vor lauter Kindern bevorsteht, vorbereitet sind, macht dies Sinn. Eine praktische Prüfung auf dem Reiterhof würde nach meinen neu gewonnen Erkenntnisse, jegliche Qualität der Schüler-Lehrer-Kommunikation verbessern. Nicht nur angehenden Lehrer, auch Kindern täte das gut. Wir brauchen Reitlehrer an unseren Schulen und Universitäten. Schließlich steckt hinter guter Bildung neben interessantem Lehrinhalt, gefühlt zu 50 Prozent menschliche Fähigkeit.

Vor Gustav und Carlos stehend, spüre ich am eigenen Leib, warum ausgerechnet die Arbeit mit einem Pferd, Lehrer gegen respektlose Schüler wappnet. Durch beeindruckende Körpermasse und zugleich faszinierende Statur, fordert das Tier auf natürliche Art und Weise ein würdevolles, achtsames Gegenüber. Automatisch strecke ich mich und achte auf die pferdeeigene Ohrensprache. „Wenn das Pferd seine Ohren nach hinten legt, dann ist es ganz schön böse“, sagt Nadja. Nach vorne heißt: „Ich freu mich.“ Nach oben: „Ich bin aufmerksam.“ Ich hoffe, darauf ist Verlass. Zur Sicherheit strecke ich Gustav als freundschaftliche Geste einen Apfel hin.

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