Der Platz für Tiere

Der Platz für Tiere

Denn wir haben sie zum Fressen gern. Henrike Schirmacher schreibt über possierliche Tierchen und die Welt ringsherum.

Notausgang Zoo: Wohin muss die Reise gehen?

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© H. SchirmacherKörperspannung bis in die Schwanzflosse: Elegant wie ein Bodenturner gleitet der Orca auf die Waage.

Die Menge kreischt. Die Orcadame Morgan peitscht mit ihrer riesigen Schwanzflosse Wassermassen ins Publikum. Im Stadion gibt es extra ausgewiesene  Sitzplätze, die während der Show von Morgan unter Wasser gesetzt werden. Dort sitzt diesmal nur ein pitschnasser, aber glücklicher Junge. Zu lauter (leider nerviger) Chartmusik springen die Orcas Keiko, Morgan und Adán abwechselnd in die Luft. Applaus! Applaus! Die Show ist dynamisch. Ein wenig albern? Eigentlich nicht. Dafür sind die Orcas viel zu imposant und klug. Trotzdem geht mir die Stimmung, die erzeugt wird, ziemlich schnell auf den Keks. Auf der großen Leinwand werden wie im Fußballstadion Nahaufnahmen vom Publikum gezeigt. Wen interessiert’s? Gebe es die schwarzweißen,  glänzenden Stars in der Manege nicht, würde das Publikum schlicht auf dem Niveau von RTL-Fernsehen unterhalten. Die Tiere wuchten sich seitlich auf den Beckenrand, was im Übrigen recht geschmeidig aussieht, und pinkeln auf Kommando in ein Plastikgefäß.  Schriftzüge wie „Vertrauen“ und „Liebe“ tauchen plötzlich auf der Leinwand auf, um Werbung für die innige Orca-Trainer-Beziehung zu machen. Das muss anscheinend extra unterstrichen werden, damit es jedem Besucher tief ins Bewusstsein dringt. Vermutlich schreibe ich jetzt deswegen diesen Satz: „Die Orcas wirken verspielt und sehr fokussiert auf ihre Trainer.“ Mein bloßes Auge sieht: Sobald die Trainer ins Publikum winken, taucht auch die Winke-Winke-Flosse aus dem Wasser auf. Könnte es gar sein, dass die großen Meeressäuger Spaß an den Stunts haben? Wie Hunde, die Herrchens Stöckchen holen? Oder andere domestizierte Tiere, die sich auf den Menschen einlassen? Selbst wenn. Der empathische Geist, welcher über die Möglichkeiten der Tiere im gigantischen Ozean weiß, wird damit wohl niemals zufrieden sein. Von diesem Fokus auf die Natur macht die Show klugerweise denn auch keinen Gebrauch, obwohl die Tiere im Becken, der Berechtigung halber, als Botschafter ihrer Art tituliert werden. In dieser „Orca Ocean“-Parallelwelt spielt sich das Leben völlig losgelöst von den frei lebenden Artgenossen ab. In „Orca Ocean“ im Loro Parque auf Teneriffa ist es normal Pinkelproben für Laboruntersuchungen abzuliefern und sich mit Schwung auf eine Bühne, die eigentlich eine riesige Waage ist, für die regelmäßige Gewichtskontrolle zu schmeißen. Mensch und Tier scheinen perfekt aufeinander eingespielt. Die Show transportiert dieses Gefühl gut. Die Trainer gehen zärtlich mit den Tieren um. Im Grunde ist es eine große Werbeveranstaltung für die Tierhaltung. Seht her, Orcas im Swimming-Pool sind das Normalste auf der Welt.

© H. SchirmacherBereitwillig wird gepinkelt.
© H. SchirmacherDas Ergebnis kann sich sehen lassen.

Selbst in der Rhetorik blitzt unbeirrtes Selbstbewusstsein auf. Oder ist es doch nur gelernte Selbstverteidigung? Auf die zweifelnde Frage, wie solch ein Tier im 12 Meter tiefen Becken ausgelastet sein könne, wo es im großen Ozean weitaus tiefer taucht, folgt die Antwort, dass die Tiere in der Natur gezwungen werden, weil sie Futter suchen oder Gefahr droht. Für einen kurzen Augenblick klingt das logisch. Denn eine ähnliche Logik erwidert in meinem Kopf: Ich laufe morgens schließlich auch zum nächstgelegenen Bäcker. Der Mensch ist bequem, warum nicht auch das Tier? Kurz darauf verpufft das Argument trotzdem. Denn der Orca ist ein Jäger par excellence. Bilder aus Dokumentarfilmen sind bereits fest verankert.

© H. SchirmacherSchaut her, wir mögen uns.

Wir wissen es alle längst. Die Zootierhaltung ist ein Kompromiss. Und trotzdem mehr denn je ein moralisches Dilemma. Auf der einen Seite will ich Tiere beobachten, aber um Himmels Willen doch keine unglücklichen, auf der anderen Seite ist die Abschaffung der Institution ein Wagnis für das bedrohte Tierreich. Gebe es bis dato keine Zootierhaltung, vermutlich würden wir intensiv darüber nachdenken, einigen Tieren Zufluchtsorte in menschlicher Obhut zu bauen. Deswegen ist der Zoo längst keine überholte Einrichtung, er muss sich nur neu erfinden. Selbst die große Primatenforscherin Jane Godall, die zeitlebens gegen die Haltung von Menschenaffen in Zoologischen Gärten protestierte, gibt mittlerweile klein bei: „Könnte ich wählen, würde ich als Schimpanse lieber in einem modernen Zoo als in der Wildbahn leben. Damit spielt sie auf die widrigen Umstände in freier Wildbahn an: Verlust des Lebensraums durch Abholzung der Regenwälder, Wilderei und illegaler Handel mit Jungtieren erschossener Muttertiere. Der Mensch breitet sich eben aus. Ein weiteres Beispiel zeigt, dass dort draußen nicht Friede, Freude, Eierkuchen herrscht und unser Verhältnis zur Tierhaltung neu überdacht werden muss. Jüngst wurde der in England sehr populäre David Attenborough für seine Naturdokumentation „Planet Earth“ kritisiert. Die Dokumentarreihe auf BBC zeigt gewaltige Naturschauplätze, intakt, wild und paradiesisch. Eine Wohltat für das Zuschauerauge. Die Kritik von Zoologe und BBC-Filmproduzent Martin Hughes-Games lautete, die Wahrheit werde ausgeblendet, weil der Mensch, der längst große Teile dieser Lebenswelten durch Ökotourismus, Menschen gemachten Klimawandel und Siedlungsbau bedrohe, gar keine Rolle spiele. Tierliebhaber, die Tiere pflegen und schützen, sind wichtiger denn je. Zufluchtsorte in denen der Mensch ausnahmsweise in der zweiten Reihe steht, müssen her. Die Galapagos Inseln sind ein perfektes Beispiel. Wer dorthin fährt, tut es wegen der Tiere. Der Zugang kostet viel Geld. Stets begleitet ein erfahrener Führer die Expedition ins Tierreich. Die Artenvielfalt ist grandios.

Aber weil das Verständnis für Tierethik hierzulande wächst, ließe sich ebenso die Frage stellen: „Muss ich mich in meiner Lebenszeit noch dafür verurteilen Fleisch gegessen oder in den Zoo gegangen zu sein?“ Rauchen ist auch nicht mehr „en vogue“. Der gesellschaftliche Wandel kommt schneller als gedacht. Vor rund zehn Jahren wurde noch im Foyer der Universität Freiburg geraucht. Heute ist das undenkbar.

Welchen Zufluchtsort können wir dem Tierreich bieten, mit dem wir langfristig zufrieden sind? Irgendwie müssen wir uns arrangieren. Der Philosoph Richard David Precht schreibt in seinem Buch „Tiere denken“: „Wir brauchen Orte der Versenkung statt des Krachs, eine digitalfreie Zone ohne Bildschirm und Wischbewegung.“ Das erinnert an den Tierfilmer und Frankfurter Zoodirektor Bernhard Grzimek, der den Menschen inmitten der Betonschluchten der Städte als naturverarmt beschrieb.

© H. SchirmacherWer will, wird komplett nass. Wie im Erlebnispark in der Wasserachterbahn.

Solch ein Zufluchtsort fordert die Besucher auch ganz anders heraus. Hier muss jeder still und geduldig sein, um ein  Tier zu Gesicht zu bekommen, weil es sich überall verstecken kann. Riesige Freiflughallen für Vögel, große Terrarien Landschaften und geräumige Aquarien, ein Naturpark in Norddeutschland, in dem der Wolf seinen Platz in einem riesigen, jedoch umzäunten Waldabschnitt findet. Das Tamtam-Showspektakel in Orca Ocean widerspricht solch einer Zukunftsvision. Doch ein Orca, der unbeteiligt seine Bahnen im leeren Becken zieht, ist wie der Gepard, der einem Wachposten gleich auf- und ab patrouilliert, ein allzu trauriger Anblick. Im Science-Fiction Thriller „Der Schwarm“ von Frank Schätzing löst die Rache der Killerwale gegenüber den Menschen bloße Genugtuung aus.

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